In der Mathematik ist ein Polynom eine Summe von Vielfachen von Potenzen einer Variablen x. In der elementaren Algebra identifiziert man diese formale Summe mit einer Funktion in x (einer Polynomfunktion), in der abstrakten Algebra unterscheidet man streng zwischen diesen beiden Begriffen.
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Polynome in der elementaren Algebra
Definition
In der elementaren Algebra ist eine Polynomfunktion oder kurz Polynom eine Funktion P(x) der Form
- ,
wobei als Definitionsbereich für die Variable x jeder beliebige Ring in Frage kommt, z.B. ein Körper oder ein Restklassenring.
Meist werden aber die reellen oder die komplexen Zahlen genommen; man spricht dann auch kurz von reellen bzw. komplexen Polynomen.
Die ai stammen aus dem Definitionsbereich und werden Koeffizienten genannt. Als Grad des Polynoms wird der höchste Exponent n bezeichnet, für den der Koeffizient des Monoms nicht null ist. Dieser Koeffizient heißt Leitkoeffizient. Die übliche Schreibweise für den Grad des Polynoms ist vom englischen Begriff degree abgeleitet. Für das Nullpolynom wird der Grad als definiert. Ist der Leitkoeffizient 1, dann heißt das Polynom normiert. Der Koeffizient a0 heißt Absolutglied. Beispielsweise ist 2x³ - 7x² + x + 5 ein Polynom vom Grad 3 mit Leitkoeffizient 2 und Absolutglied 5.
Polynome des Grades
Eigenschaften
- Polynome sind von besonderer Bedeutung, weil sie eine einfache Funktionenfamilie bilden, die insbesondere leicht zu differenzieren und integrieren sind. Die Ableitung eines Polynoms
-
- ist das Polynom
-
- Reelle Polynome ungeraden Grades haben die ganze Zahlenachse als Wertebereich, d.h. sie sind surjektiv.
- Reelle Polynome geraden Grades haben einen Wertebereich von
- bzw. , je nachdem, ob der Leitkoeffizient positiv oder negativ ist.
- Für den Grad von Polynomen gelten die Gradabschätzungen
\deg(f+g) \le \max(\deg f, \deg g)
- und für reelle Polynome oder allgemein für Polynome über einem Integritätsbereich
\deg(f\cdot g) = \deg f + \deg g.
- Für allgemeinere Ringe gilt auch in der letzten Beziehung lediglich .
- Mit dem Horner-Schema kann die Auswertung eines Polynoms an einer bestimmten Stelle effizient vorgenommen werden.
Nullstellen
Allgemeine Eigenschaften
Als
Nullstellen oder
Wurzeln eines Polynoms werden jene Werte von
x bezeichnet, für die der Funktionswert
null ist. Sie sind also die
Lösungen der
Gleichung . Ein Polynom über einem Körper (oder allgemeiner einem
Integritätsbereich) hat stets höchstens so viele Nullstellen, wie sein Grad angibt.
- Die Nullstellen von Polynomen ersten, zweiten, dritten und vierten Grades lassen sich mit Formeln exakt berechnen (z. B. pq-Formel), dagegen lassen sich Polynome höheren Grades nur in Spezialfällen exakt faktorisieren.
- Polynome ungeraden Grades mit reellen Koeffizienten haben immer mindestens eine reelle Nullstelle.
Nullstellenschranken
Die Lage aller Nullstellen eines Polynoms vom Grad
n lässt sich durch
Nullstellenschranken, in deren Berechnung nur die Koeffizienten und der Grad des Polynoms eingehen, abschätzen. Wir definieren hier kurz speziell reelle Nullstellenschranken für reelle Polynome: Eine Zahl
heißt reelle Nullstellenschranke des Polynoms
liegen; sie heißt obere reelle Nullstellenschranke von
f, wenn alle reellen Nullstellen von
f kleiner oder gleich
B sind. Analog sind untere Nullstellenschranken erklärt. Für viele reelle Nullstellenschranken spielt die Teilindexmenge
N=\{k\in\{0,1,\dots,n\}\mid a_k < 0\} der echt negativen Koeffizienten von
f eine besondere Rolle. Beispiele reeller Nullstellenschranken für
normierte Polynome
f = X^n+\sum_{i=0}^{n-1}a_i X^i sind:
- \max\left\{\big(|N|\cdot |a_i|\big)^{1\over n-i}\mid i\in N\right\} ist eine obere reelle Nullstellenschranke (Cauchy-Regel),
- \min\{x\in\R: f^{(i)}(x)\geq 0\ \mathrm{f\ddot ur\ alle}\ i=0,\ldots,n\} ist eine obere reelle Nullstellenschranke (Newton-Regel);
- die beiden Lösungen der folgenden quadratischen Gleichung bilden ein Paar aus einer unteren und einer oberen reellen Nullstellenschranke:
- n \cdot x^2 + 2 \cdot a_{n-1} \cdot x + 2 \cdot (n-1) \cdot a_{n-2} - (n-2) \cdot a_{n-1}^2 = 0
- Jedes B\in\R_+, das die Ungleichung B^n\geq \sum_{i=0}^{n-1}|a_i|B^i erfüllt, ist eine reelle Nullstellenschranke (das so definierte B ist sogar eine komplexe Nullstellenschranke für komplexe Polynome). Spezialfälle hiervon sind
- 1 + \max_{i=0}^{n-1} |a_i| und
- \max\left(1, \sum_{i=0}^{n-1}|a_i|\right).
- Jedes B\in\R_+, das die Ungleichung B^n\geq \sum_{i\in N}|a_i|B^i erfüllt, ist eine obere reelle Nullstellenschranke. Spezialfälle hiervon sind
- 1 + \max_{i\in N} |a_i|,
- \max\left(1, \sum_{i\in N}|a_i|\right).
Lösungsformeln
Prinzipiell gibt es mehrere Möglichkeiten, die Nullstellen eines Polynoms zu bestimmen:
Für Polynome höheren Grades gibt es Lösungsformeln, sofern diese spezielle Formen haben:
- Reziproke Polynome haben die Form
- f(x) = c_0 \cdot x^n + c_1 \cdot x^{n-1} + ... + c_1 \cdot x + c_0
- d.h. für den i-ten Koeffizienten gilt c_i = c_{n-i} \, ; anders gesagt: die Koeffizienten sind symmetrisch. Für diese Polynome und solche, die eine leichte Modifikation dieser Symmetriebedingung erfüllen, kann die Nullstellenbestimmung mithilfe der Substitution z = x+1/x (bzw. z=x-1/x) auf eine Polynomgleichung reduziert werden, deren Grad halb so groß ist. Für Details siehe reziprokes Polynom.
- Binome haben die Form f(x) = x^n + c\,
- Setzen wir c als reell voraus, so sind die n Lösungen Vielfache der komplexen n-ten Einheitswurzeln:
- x_k = \sqrt*{\vert c \vert } \cdot \exp\left({2k\pi\mathrm{i}\over n}\right), \quad c < 0
- x_k = \sqrt*{c} \cdot \exp\left({(2k+1)\pi\mathrm{i}\over n}\right), \quad c \geq 0 ,
wobei
k=0,\dots, n-1 durchläuft.
- Polynome, die nur gerade Potenzen von x enthalten, haben die Form:
- f(x) = c_n \cdot x^n + c_{n-2} \cdot x^{n-2} + c_{n-4} \cdot x^{n-4} + ... + c_4 \cdot x^4 + c_2 \cdot x^2 + c_0
- Die Lösung erfolgt durch die Substitution z = x^2 \, . Hat man eine Lösung für z_1 gefunden, so ist zu berücksichtigen, dass daraus zwei Lösungen für x abzuleiten sind:
- x_1 = \sqrt{z_1} und x_2 = - \sqrt{z_1}
- Polynome, die nur ungerade Potenzen von x enthalten, haben die Form:
- f(x) = c_n \cdot x^n + c_{n-2} \cdot x^{n-2} + ... + c_5 \cdot x^5 + c_3 \cdot x^3 + c_1 \cdot x
- Hier ist offensichtlich 0 eine Nullstelle des Polynoms. Man dividiert das Polynom durch x aus und behandelt es dann wie ein Polynom (n-1)-ten Grades, welches nur gerade Potenzen von x enthält
Polynome in der Linearen Algebra
In der Linearen Algebra ist die Veranschaulichung eines
Vektorraums (genauer: von dessen Vektoren) nicht immer durch geometrische Musterdarstellungen offensichtlich. Ein Beispiel dafür stellt die Menge aller reellen Polynomfunktionen beliebigen aber endlichen Grades dar, welche zusammen mit den bekannten Operationen - Addition und Multiplikation - über dem Körper der reellen Zahlen einen Vektorraum bildet. D.h. ein Polynom kann als Vektor des obigen Vektorraumes aufgefasst werden.
Polynome in der abstrakten Algebra
Definition
In der abstrakten Algebra ist ein Polynom eine formale Summe der Form
- f = a_n X^n + a_{n-1} X^{n-1} + \cdots + a_1 X + a_0,
wobei die
Koeffizienten ai aus einem
Ring R stammen und
X ein formales Symbol ist.
Zwei Polynome sind genau dann gleich, wenn sie in allen Koeffizienten übereinstimmen. Polynome werden koeffizientenweise addiert und die Multiplikation ergibt sich mit dem Distributivgesetz aus den Regeln
- X · a = a · X für a aus R
- Xm · Xn = Xm+n für natürliche Zahlen m,n.
Als Produkt ergibt sich aus der
Cauchy-Produktformel :
- \Big(\sum_{i=0}^n a_ix^i\Big)\cdot\Big(\sum_{k=0}^m b_kx^k\Big)= \sum_{i=0}^{n+m}\Big(\sum_{k=0}^i a_k b_{i-k}\Big) x^i
Stellt man Polynome durch die Folge ihrer Koeffizienten dar, dann ist das Produkt zweier Polynome die Faltung ihrer Koeffizientenfolgen.
Polynomfunktion
Indem man an Stelle von X ein Element x des Rings R einsetzt, erhält man ein Element f(x) von R als Bild. Diese Zuordnung x\mapsto f(x) ist eine Funktion von R nach R, die von f induzierte Funktion, eine Polynomfunktion.
In den Formeln wird dieser Unterschied nicht deutlich; meist schreibt man jedoch Unbestimmte als Großbuchstaben und Ringelemente als Kleinbuchstaben.
Die Unterscheidung ist jedoch wichtig, weil verschiedene Polynome dieselbe Polynomfunktion induzieren können. Ist beispielsweise R der Restklassenring \mathbb Z/3\mathbb Z, so induzieren die beiden Polynome
- f(X)=X(X-\bar1)(X-\bar2)=X^3-\bar3X^2+\bar2X=X^3-X
und
- g(X)=0
beide die Nullfunktion
- f(x)=g(x)=0 für alle x\in\mathbb Z/3\mathbb Z=\{\bar0,\bar1,\bar2\}.
Für Polynome über den reellen oder ganzen Zahlen oder allgemein jedem unendlichen Integritätsbereich ist ein Polynom jedoch durch die induzierte Polynomfunktion bestimmt.
Polynomring
Die Menge aller Polynome mit Koeffizienten in einem Ring R und der Unbestimmten X bezeichnet man als R*. Sie ist mit der oben angegebenen Addition und Multiplikation ein Ring, der so genannte Polynomring über R .
Auch die Menge der Polynomfunktionen über dem Ring R bildet einen Ring, der jedoch nur selten betrachtet wird. Es gibt einen natürlichen Ring-Homomorphismus von R* in den Ring der Polynomfunktionen, dessen Kern die Menge der Polynome ist, die die Nullfunktion induzieren.
Für weitere Informationen siehe den Artikel Polynomring.
Verallgemeinerung
Allgemein versteht man jede Summe von Monomen der Form a_{i_1,\ldots,i_n}X_1^{i_1}\cdots X_n^{i_n} als Polynom:
- P(X_1, \ldots, X_n) = \sum_{i_1,\ldots,i_n}a_{i_1,\ldots,i_n}X_1^{i_1}\cdots X_n^{i_n}
Auch die Polynome in den
n Unbestimmten
X1 bis
Xn über dem Ring
R bilden einen Polynomring, geschrieben als
R\ldots, X_n.
Die Größe i_1+\ldots+i_n heißt der Totalgrad eines Monoms X_1^{i_1}\cdots X_n^{i_n}. Haben alle (nichtverschwindenden) Monome in einem Polynom denselben Totalgrad, so heißt es homogen.
Sind alle Unbestimmten in gewisser Weise „gleichberechtigt“, so heißt das Polynom symmetrisch.
Geht man zu unendlichen Reihen der Form
- f = \sum_{i=0}^\infty a_i X^i
über, erhält man
formale Potenzreihen.
Lässt man auch negative Exponenten zu:
- f = \sum_{i=-N}^\infty a_i X^i
dann erhält man formale
Laurentreihen.
Siehe auch
Algebra | Analysis
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