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Politikwissenschaft (oft auch als Politologie oder Politische Wissenschaft bezeichnet) ist eine Disziplin der Sozialwissenschaften, die sich mit dem wissenschaftlichen Studium der Politik beschäftigt.

Gegenstand der Forschung


Die Politikwissenschaft befasst sich mit dem Zusammenleben der Menschen. Sie untersucht, wie dieses Zusammenleben geregelt ist. Dies beinhaltet die Analyse von grundlegenden Prinzipien, Zusammenhängen und von Ursache- und Wirkungsmechanismen. Dabei berücksichtigt sie institutionelle, prozedurale und sachlich-materielle Gesichtspunkte.

Ursprünglich hatte die Politikwissenschaft eine stark normative Prägung. Sie beschäftigte sich lange Zeit damit, wie das Zusammenleben der Menschen am Besten gestaltet werden soll. Diese Wurzel lässt sich bis zu den altgriechischen Philosophen - u.a. auf Platon - zurückführen und ist auch heute noch bedeutsam. Als solche wurde die Politikwissenschaft auch nach ihrer Gründung als akademische Disziplin in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 verstanden und konzipiert ("Demokratiewissenschaft"). Ausgehend von den USA wurde die Politikwissenschaft seit den 1960er Jahren ("behavioristische Revolution" in den Sozialwissenschaften) stärker empirisch ausgerichtet. Damit einher ging eine Umorientierung von normativen zu positivistischen Fragestellungen.

Ziel der modernen Politikwissenschaft ist es Kausalzusammenhänge zu identifizieren, die das politische Zusammenleben von Menschen erklären. Eine Wertung entfällt. Damit orientiert sie sich analytisch und methodisch an den Naturwissenschaften. Diese Entwicklung wird als "Verwissenschaftlichung" bezeichnet.

Die moderne Politikwissenschaft wird weiterhin wesentlich durch US-amerikanische Entwicklungen und Innovationen geprägt. Dies betrifft vor allem die analytische Stringenz (Einsatz mathematischer Modelle, der sogenannte "Rational Choice"-Ansatz) sowie methodische Rigorosität (Einsatz statistischer Verfahren).

Name


Der Streit um den Namen für diese Disziplin ist in Deutschland so alt wie die Disziplin selbst. Während im Englischen die Bezeichnung political science um 1880 begründet wurde und seit langem etabliert ist, tat man sich im Nachkriegsdeutschland nach den Erfahrungen der Nazizeit schwer mit dem Begriff einer politischen Wissenschaft, weil dieser bei einigen Leuten Assoziationen mit einer politisierten Wissenschaft hervorrief. Heute sind die Bezeichnungen Politikwissenschaft und Politologie im deutschsprachigen Raum geläufig, wobei die meisten Institute erstere offiziell verwenden.

Auch wenn umgangssprachlich oft von einem Politikstudium oder ähnlichem die Rede ist, ist deutlich zu unterscheiden zwischen den Begriffen Politikwissenschaft und Politik. Ein Politiker macht Politik, ein Politikwissenschaftler (oder Politologe) setzt sich wissenschaftlich mit politischen Fragen auseinander.

Die Berufsbezeichnung ist im deutschsprachigen Raum vergleichsweise jung, da sich der Fachbereich in Deutschland und Österreich erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablieren konnte. Gleichwohl gab es bereits vorher Versuche, eine solche Disziplin im Deutschen Reich zu etablieren: So wurde 1920 die Deutsche Hochschule für Politik in Berlin gegründet. An dieser lehrten hauptsächlich Wissenschaftler aus anderen Disziplinen, da es zu diesem Zeitpunkt eine Politikwissenschaft in Deutschland noch nicht gab — anders als in den USA. Die Politikwissenschaft wurde in der Zwischenkriegszeit und zunächst auch nach dem Zweiten Weltkrieg als Integrationswissenschaft aufgefasst, die Methoden und Inhalte anderer Wissenschaften vereint.

Integrationswissenschaft


Teilweise begreift sich die Politikwissenschaft als Integrationswissenschaft der Staatswissenschaften. Das Ziel war hier die Heranbildung von Generalisten, die in Organisationen und Verwaltung das nötige Sachverständnis hatten, um ihre Funktionen und Ämter führen zu können.

Dabei führt sie Ansätze fort, die schon seit der frühen Neuzeit von Juristen, Theologen und Philosophen sowie später von Historikern begründet worden sind.

Bereits im 18. Jahrhundert lehrte Joseph von Sonnenfels an der Universität Wien Politische Wissenschaften Es etablierten sich im 19. Jahrhundert Fächer wie die Kameralwissenschaft und die Policywissenschaft.

Eine eigene Disziplin entwickelte sich in Deutschland unter US-amerikanischem Einfluss aber erst nach dem II. Weltkrieg. Anknüpfungspunkte waren allerdings gegeben zu den Aktivitäten der Deutschen Hochschule für Politik, die in der Frühphase der Weimarer Republik 1920 in Berlin gegründet wurde und bis zur Integration in die Berliner Universität 1940 bestand. Politikwissenschaft wurde in der Weimarer Republik im Wesentlichen als Demokratiewissenschaft verstanden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ihr Selbstverständnis als Demokratiewissenschaft erneut populär, also als Wissenschaft von der Funktionsweise der Demokratie, die insbesondere Mittler wie Lehrer und Journalisten befähigen sollte, den demokratischen Gedanken zu vermitteln und das demokratische Denken in der Bevölkerung zu verankern. Daher beschäftigte sich die frühe nachkriegsdeutsche Politikwissenschaft hauptsächlich mit Institutionen wie beispielsweise Parteien, Gewerkschaften, dem Parlament oder der Bundesregierung. Heute bezeichnet man diesen Gegenstandsbereich als Polity.

Mit dem politischen und wissenschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik Deutschland rückte die Erforschung der eigentlichen politischen Prozesse in den Vordergrund: Man versuchte zu verstehen, was innerhalb der Institutionen passiert und welche Funktionen sie jeweils erfüllten, anstatt zu beschreiben, welche Aufgaben sie offiziell hatten. Dabei spielten insbesondere Verbände eine wichtige Rolle, da sie - obwohl nicht gesetzlich verankert - einen wichtigen Anteil am politischen Prozess haben. Man versuchte also, die tatsächlichen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse (Politics) zu analysieren und zu verstehen.

Die Politologen beanspruchen deshalb auch öfters Bereiche der politischen Philosophie, Geschichte, Nationalökonomie und Soziologie für sich.

Teildisziplinen


Ebenso wie ihr Forschungsfeld, die Politik, ist auch die Politikwissenschaft stetig dabei, ihre Betrachtungen zu spezialisieren, etwa auf einzelne Politiksektoren wie z. B. die Gesundheitspolitik. Hierbei ist Fachkompetenz zur Analyse der tatsächlichen Probleme erforderlich. Diese neuere Teildisziplin der Politikwissenschaft, die sich mit Sachproblemen einzelner Politikbereiche auseinandersetzt, wird Policy-Forschung oder auch Politikfeldforschung genannt.

Diese spielt für die Politikberatung eine immer größer werdende Rolle, mit Hilfe derer sich Entscheidungsträger auf wissenschaftlich fundierte Beratung verlassen oder eine politische Entscheidung treffen und absichern wollen. Die Grenzen der Wissenschaftlichkeit solcher Beratungen sind jedoch oft unklar - vielfach sind es "Gefälligkeitsgutachten", also interessengeleitete Gutachten, die zu einem vom Auftraggeber gewünschten Ergebnis kommen.

Die Paradigmen der Integrationswissenschaft und der Demokratiewissenschaft werden daher heute zunehmend durch die Teilung der Disziplin Politikwissenschaft in die Teildisziplinen Polity, Politics und Policy ersetzt.

Eine weitere auch für die Lehrstuhlbezeichnungen gebräuchliche Unterteilung der Politikwissenschaft in Teildisziplinen ist die Unterteilung in Politisches System (bezogen auf einzelne Staaten, beispielsweise Deutschland; früher: Regierungslehre), Politische Theorie und Ideengeschichte, Politikgeschichte, Vergleichende Politikwissenschaft (früher: Vergleichende Regierungslehre, auch Vergleichende Analyse politischer Systeme) und Internationale Beziehungen.

Zu den wichtigsten Gegenständen der Politikwissenschaft gehören die Strukturprobleme der Demokratie, politische Parteien und soziale Bewegungen, internationale Beziehungen, Staatsinterventionen und Wirtschaft, politische Haltungen und Bewusstseinsformen, öffentliche Meinung, Massenmedien und Wahlverhalten.

Berufssituation in Deutschland


An den Universitäten, Hochschulen und später Fachhochschulen entstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein großer Bedarf an Lehrpersonal, weswegen die Politikwissenschaft eine attraktive Karrierechance für viele politikwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aus den Nachbardisziplinen darstellte.

Heute wird eine wissenschaftliche Karriere an der Universität oder bei Forschungseinrichtungen jedoch nur etwa von jedem fünfte Politologe eingeschlagen.Bernd Butz u.a. (1997): Absolventenbefragung der Hamburger Universität. Volker Jahr, David Frechenhäuser, Thorsten Büchner, Thomas Galgon (2003): Marburger PolitologInnen auf dem Arbeitsmarkt revisited: Die Jahrgänge 1993-2000, in: Politik und Wissenschaft - 50 Jahre Politikwissenschaft in Marburg. Bd. 2: Perspektiven. Hrsg. W. Hecker, J. Klein, H. K. Rupp. Münster: Lit-Verlag, S. 401-443. ISBN: 3-8258-5441-8, und siehe online. Die Zahl der bei Parteien, Parlamenten oder Verbänden tatsächlich im politischen Sektor beschäftigten Politologen liegt mit 15% nur unwesentlich unter der Zahl für die Wissenschaft.

Die größte Gruppe der Politologen arbeitet tatsächlich im Bereich der Medien , sei es direkt als Journalist oder mittelbar im Bereich der Public Relations. Rund ein Fünftel ist in der freien Wirtschaft tätig, lediglich ein Zehntel in der öffentlichen Verwaltung. In diesem Bereich sehen sich Politologen in Deutschland ebenso wie Vertreter anderer staatswissenschaftlicher Disziplinen wie Verwaltungswissenschaftlern, Soziologen und Volkswirten durch das "Juristenmonopol" im höheren Dienst der öffentlichen Verwaltung in ihren Karrierechance beschränkt.

Im Jahr 2002 waren in ganz Deutschland 1.708 Politologen arbeitslos gemeldet.

Wichtigster Berufsverband ist die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW).

Studium


Anders als oft vermutet ist die Politikwissenschaft keine Ausbildung zum Politiker, sondern eine zum Wissenschaftler. Politologen werden als Generalisten charakterisiert, die besonders Kommunikationsfähigkeit und Organisationstalent auszeichnet.Arbeitsmarkt: Politologen. Flexibilität zählt, in: UNI Magazin. Perspektiven für Beruf und Arbeitsmarkt 3/2003, S. 48-52. Dies führt dazu, dass jenseits der wissenschaftlichen Tätigkeit Politologen in vielen Berufsfeldern zu finden sind. Klassisch sind dabei die Bereiche Politische Bildung, Publizistik und Medien, die Arbeit in Parteien und Parlamenten, für Verbände, in der öffentlichen Verwaltung und in der Wirtschaft. Die individuellen Berufslaufbahnen orientieren sich dabei weniger an der Absolvierung des politikwissenschaftlichen Studiums, sondern mehr an Zusatzqualifikationen wie Sprachkenntnissen oder anschließenden weiteren Ausbildungen.

Deutschland

An fast jeder größeren deutschen Universität kann man Politikwissenschaft studieren. Kleinere Universitäten bieten aber mitunter nur das Magisterstudium an, weil ihnen für einen Diplomstudiengang die personellen und fachlichen Ressourcen fehlen. Daneben lehnen andere Universitäten wie das Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München die Einrichtung eines Diplomstudiengangs ab, weil sich das Fach nach Meinung des Instituts nicht dafür eigne.

In der Nachkriegszeit wurden in Deutschland zahlreiche Institute für Politikwissenschaft gegründet, so z. B. an den Universitäten Köln, Mainz, Tübingen und Bonn. Daneben existieren auch einzelne Lehrstühle und Professuren an manchen Universitäten. Somit bieten viele Universitäten ein Studium der Politikwissenschaft an, in dem man zum Politikwissenschaftler ausgebildet wird. Ein Studium der Politikwissenschaft lässt sich in Deutschland mit verschiedenen Abschlüssen beenden. Sowohl das Diplom als auch ein Abschluss als Magister Artium sind möglich. Zahlreiche Hochschulen bieten bereits Bachelor- und Masterabschlüsse an. Das Staatsexamen für Lehramt befähigt zur Ausübung des Lehramtes (Lehrerberuf): das korrespondierende Fach heißt von Bundesland zu Bundesland verschieden; beispielsweise Sozialkunde, Gemeinschaftskunde, Wirtschaft und Politik etc. Hier müssen dann noch zusätzlich soziologische und ökonomische Lehrveranstaltungen besucht werden und die Inhalte sind Bestandteil der Staatsexamensprüfung.

Das älteste und größte Institut für Politikwissenschaft in Deutschland ist das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, das 1959 aus der Deutschen Hochschule für Politik hervorging.

Österreich

Ein Studium der Politikwissenschaft wird in Österreich mit der Verleihung des Diploms zum Magister (meistens Magister Philosophiae, abgekürzt Mag. Phil.) abgeschlossen. Danach ist die Promotion möglich. Neben dem wissenschaftlichen Abschluss eines Diplomstudiums ist auch ein Lehramtsabschluss möglich, bei dem Politikwissenschaft innerhalb des Lehrfachs Geschichte-Sozialkunde-Politische Bildung studiert wird. Politikwissenschaft wird in Österreich an den Universitäten Innsbruck, Salzburg und Wien angeboten. In Innsbruck wurde mit 1. Januar 2005 sogar eine eigene Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie eingerichtet.

Schweiz

Auch in der Schweiz lässt sich Politikwissenschaft an allen grossen Universitäten studieren. So z. B. in Zürich, Bern, Genf und St. Gallen, wobei in St. Gallen ein interdisziplinärer Studiengang angeboten wird, der Politikwissenschaft mit Volkswirtschaftslehre, öffentlicher Betriebswirtschaft und Recht kombiniert.

Besondere Studienformen

Es ist auch möglich, an der Universität der Bundeswehr Hamburg im Diplomstudiengang Politikwissenschaft zu studieren. Voraussetzung hierfür ist eine Verpflichtung in der Offizierslaufbahn zum Soldaten auf Zeit für mindestens 12 Jahre. Eine Besonderheit ist die Organisation des Studienablaufs in Trimestern statt in Semestern. Man studiert somit im Jahr drei Trimester anstatt zweier Semester. Der Arbeits- und Lernaufwand für ein Trimester entspricht dabei dem eines Semesters. Somit sind weniger Studienjahre bis zum Abschluss erforderlich, wodurch der Diplomstudiengang bereits nach 3 Jahren abgeschlossen werden kann. Neben- und Ferienjobs sind bedingt durch die starke Inanspruchnahme durch das Studium nicht möglich; dies ist aber auch nicht erforderlich, da die Studenten während ihres Studiums Soldaten sind und somit Sold erhalten.

Ein Fernstudium der Politikwissenschaft ist an der FernUniversität in Hagen möglich. Hier wird der Bachelorstudiengang Politik und Organisation angeboten.

Quellen


Siehe auch


Literatur


  • Dirk Berg-Schlosser und Ferdinand Müller-Rommel: Vergleichende Politikwissenschaften, 4. Auflage 2003 ISBN 3-8252-1391-9
  • Dirk Berg-Schlosser und Theo Stammen: Einführung in die Politikwissenschaft, 7. Auflage, München 2003 ISBN 3-406-50495-7.
  • Klaus von Beyme: Das politische System der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung, 10. Auflage, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2004 ISBN 3-531-33426-3.
  • Wilhelm Bleek: Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland. Beck, München 2001 ISBN 3-4064-9602-4
  • Matthias Catón, Julia Leininger, Philip Stöver u. Claudia Zilla (Hrsg.): Politikwissenschaft im Beruf. Perspektiven für Politologinnen und Politologen. Lit, Münster 2005 ISBN 3-8258-8360-4
  • Jürgen W. Falter und Felix W. Wurm (Hrsg.): Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003 ISBN 3-531-13815-4
  • Gerhard Göhler und Bodo Zeuner (Hrsg.): Kontinuitäten und Brüche in der deutschen Politikwissenschaft. Nomos, Baden-Baden 1991
  • Hans Maier und Horst Denzer (Hrsg.): Klassiker des politischen Denkens, 2 Bde. 2. Tb-Aufl. (insg. 8 Aufl.) Beck, München 2004 ISBN 3-406-42161-X und ISBN 3-406-42162-8
  • Thomas Meyer: Was ist Politik?, Stuttgart 2002 ISBN 3-8252-2135-0
  • Dieter Nohlen und Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe. 2 Bände, 3. Auflage., Beck, München 2005 ISBN 340654116X und ISBN 3406541178
  • Werner J. Patzelt: Einführung in die Politikwissenschaft. Grundriss des Faches und studiumbegleitende Orientierung., 5. Auflage. Rothe, Passau 2003 ISBN 3-927575-95-X
  • Wolfgang Rudzio: Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, 6. Auflage, Leske und Budrich, Opladen 2003 ISBN 3-8252-1280-7

Weblinks


Politikwissenschaft

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