Pierre-Felix Bourdieu * (* 1. August 1930 in Denguin, Pyrénées-Atlantiques; † 23. Januar 2002 in Paris) war einer der renommiertesten französischen Soziologen des 20. Jahrhunderts.
Nach dem akademischen Abschluss nahm er zunächst eine Stelle als Lehrer an. 1958-1960 unternahm er, während seines Einsatzes als Soldat im Algerienkrieg, in der Kabylei im nördlichen Algerien Feldforschungen zur Kultur der Berber und begründete mit deren Resultaten seine Reputation als Soziologe. Bis Anfang der 60er Jahre lehrte er an der Universität von Algier. In dieser Zeit entstanden ca. 3000 Fotos über den Krieg und das Alltagsleben in Algerien, insbesondere in Algier, von denen nur noch ein Teil vorhanden ist. Erst kurz vor seinem Tod wurden die Fotodokumente veröffentlicht, einzelne Fotos dienten vorher als Buchtitel. In Hamburg wird 2006 eine Ausstellung von Fotoarbeiten Bourdieus gezeigt.
Seit 1982 hatte Bourdieu einen Lehrstuhl am Collège de France inne. Seit 1985 war er Director des Centre de Sociologie Européenne (CSE) am Collège de France und der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Bourdieu war auch, vor allem in späteren Jahren, ein politischer Intellektueller: bekannt geworden ist seine Solidarisierung mit streikenden Bahnarbeitern auf einer Betriebsversammlung im Gare de Lyon am 13. Dezember 1995. Im Jahre 1998 unterstützte er die Arbeitslosenbewegung in Frankreich. Bourdieu starb im Jahre 2002 an einer Krebserkrankung.
Von 1962 bis 1983 war er mit Marie-Claire Brizard verheiratet. Bourdieu hatte drei Kinder: Jérôme Bourdieu, Emmanuel Bourdieu, Laurent Bourdieu.
Bourdieu entwickelte seine theoretischen Begriffe unter Einbeziehung der Erfahrungen von Individuen. Er verwendete Leitbegriffe wie Habitus, sozialer Raum, soziales Feld und Kapital. Alle diese in der Soziologie und Ökonomie verwendeten Begriffe entwickelte er weiter, so dass sie in der Zusammenschau eine neue empirisch begründete soziologische Theorie ergeben, die in den heutigen soziologischen Diskursen von großer Bedeutung ist und häufig als „Theorie der Praxis“ bezeichnet wird.
Die Kulturtheorie Bourdieus vergleicht Interaktionen des Alltagslebens mit einem Spiel. Die Individuen besitzen unterschiedlich viele Potentiale verschiedener Art, die sie einsetzen und teilweise transformieren können: ökonomisches Kapital, soziales Kapital, symbolisches Kapital und kulturelles Kapital bzw. Bildungskapital. Dabei gilt: „Und jeder spielt entsprechend der Höhe seiner Chips.“ So kann der Erwerb kulturellen Kapitals beispielsweise zur Erhöhung des ökonomischen Kapitals eingesetzt werden. Bedeutsam ist hier für die Strukturierung eines sozialen Feldes das Verhältnis von ökonomischen Kapital zu kulturellem Kapital. Im Feld der Macht (bei Bourdieu die herrschende Klasse) stehen sich hier beispielsweise auf der einen Seite die Intellektuellen (hohes kulturelles Kapital im Verhältnis zum ökonomischen Kapital) und die Industriellen und Unternehmer (hohes ökonomisches Kapital im Verhältnis zum kulturellen Kapital) gegenüber. Bestimmte Positionen im Feld sind mit bestimmten "Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata" also einem Habitus verknüpft, über den Individuen wiederum auf soziale Felder zurückwirken. Bourdieu vertrat somit weder einen Strukturdeterminismus noch einen individualistischen Ansatz.
In seinem Hauptwerk „Die feinen Unterschiede“ prägt Bourdieu den Begriff Distinktionsgewinn für die erfolgreiche Durchsetzung eines neuen vorherrschenden Geschmacks bzw. Lebensstils als Mittel im Kampf um gesellschaftliche Positionen. Diese Kulturkämpfe zwischen den gesellschaftlichen Klassen finden in einem sogenannten Raum der Lebensstile statt.
Nach Bourdieu gibt es für die menschliche Freiheit vielfältige Begrenzungen, unter anderem durch unbewusste verinnerlichte Faktoren, Illusionen, durch sozioökonomische Strukturen, historische Gegebenheiten, Geschlecht, Nationalität und Weltanschauung. Jedoch hat jeder Mensch innerhalb seiner Grenzen einen individuellen Handlungsspielraum, der umso größer ist, desto komplexer die Gesellschaft organisiert ist. Nur auf diesem beschränkten Hintergrund gibt es sozialen Wandel und Innovation.
Wissenschaftliche Vorläufer Bourdieus waren insbesondere Émile Durkheim, Max Weber und Karl Marx. Seine Sozial-Epistemologie ist von Émile Durkheim beeinflusst. Er verwendet wie dieser den Begriff der „sozialen Tatsache“ und teilt die Grundeinsicht in die Bedeutung der Kultur- und Sozialanthropologie für die Soziologie. Mit Weber verband ihn der Ungleichheitsdiskurs, der sich an der subjektiv ausgerichteten Begriffstrias Klasse (Soziologie)/Stand/Partei orientiert. Von Marx übernahm er Teile der objektiv ausgerichteten Konzepte Klasse, Klassenkampf und Kapital, die er über die ökonomischen Aspekte hinaus sehr stark erweiterte. Friedrich Nietzsches „Genealogie der Moral“ stand bei seiner Diskussion des Verhältnisses zwischen dem Adel und den „einfachen Leuten“ Pate.
Bourdieus wissenschaftliches Gesamtwerk zeichnet sich durch hohe Komplexität aus, da er nicht nur verschiedene Wissenschaftssysteme, sondern gleichzeitig eine Vielzahl von neu konnotierten Begrifflichkeiten miteinander verbindet.
Bekannt war Bourdieu zudem als politisch engagierter Intellektueller, der sich gegen die herrschende Elite und den Neoliberalismus wandte. Die Aufgabe der neuen sozialen Bewegungen umschrieb er mit dem Begriff der „ökonomischen Alphabetisierung“. In seinen letzten Lebensjahren stand Bourdieu der globalisierungskritischen Bewegung nahe. Er war Mitbegründer der heute weltweit agierenden Organisation Attac.
Trotz seiner ausgefeilten Sozialtheorie war Bourdieu ein empirisch arbeitender Soziologe. Dabei setzte er qualitative und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung ein. In dem Werk Das Elend der Welt arbeitete er vor allem mit qualitativen Interviews. Um eine Feldanalyse durchzuführen, verwendete er oft das mathematische Verfahren der sog. Korrespondenzanalyse , bei der kategoriale Variablen in einem zweidimensionalen Raum verortet werden. Mittels des von Jean-Paul Benzécri entwickelten und in der französischen Statistik verbreiteten Verfahren, rekonstruierte er „soziale Felder“ und die ihnen zugrundeliegenden Dimensionen. In seinem späteren Werk homo academicus , aber auch in die feinen Unterschiede ist dies ein von ihm häufig verwendetes Verfahren. Er setzt als Bezugspunkte auch die Ergebnisse seiner Feldforschung bei den Berbern ein, beispielsweise in seinem Spätwerk Die männliche Herrschaft.
Hier einige Beispiele von Ergebnissen seiner empirischen Arbeiten:
Mit Hilfe der Methoden und Begriffe Bourdieus, die er in seinem Hauptwerk Die feinen Unterschiede verwandt hat, haben der Politologe Michael Vester (Universität Hannover) et al. 1992 eine sowohl qualitative wie auch quantitative Untersuchung in westlichen Bundesländern durchgeführt, die die Klassen weiter in soziale Milieus gliedert und diese charakterisiert. Es handelt sich somit um die Erforschung von sozialen Gruppen. 1995 erschien das von Michael Vester u.a. herausgegebene Werk: Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung. Eine Fortschreibung dieser Studien stellt das Buch Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung dar.
Einen anderen komplementären Ansatz verfolgte eine Gruppe von dreißig Forschern und Forscherinnen, die von 2002 bis 2004, koordiniert von der Universität Genf, fünfzig qualitative Interviews mit Menschen verschiedener Tätigkeitsfelder und Arbeitslosen auf der Grundlage der Theorie der Praxis von Pierre Bourdieu durchgeführt hat. Die Ergebnisse der Studie, die sich an Bourdieus Forschungsergebnisse publiziert in Das Elend der Welt anschließen, zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Entwicklung in Frankreich und Deutschland. Die Veröffentlichung Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag zeigt, dass die meisten Probleme in den ostdeutschen Bundesländern bestehen, aber auch im Westen die relative Sicherheit der Sozialen Marktwirtschaft immer mehr zugunsten ungleicher Verteilung von Arbeit und Gütern sowie Anerkennung und Respekt erschüttert wird. Ergebnis sind prekäre Arbeitsverhältnisse und eine verstärkte Verwundbarkeit der Menschen, die durch Individualisierung im Sinne von so genannter Selbstverantwortung an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, durch weniger Einkommen und schlechtere Arbeitsbedingungen sowie physischen und psychischen Stress ihre Beheimatung nach und nach verlieren.
Mann Franzose | Soziologe (20. Jh.) | Autor | Philosoph (20. Jh.) | Globalisierungskritik | Literatur (Französisch) | Sachliteratur | Geboren 1930 | Gestorben 2002
Mitglied im CNRS | Theorie der Praxis
Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | פייר בורדייה | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | ピエール・ブルデュー | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Бурдье, Пьер | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | Pierre Bourdieu | 皮耶·布赫迪厄
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Pierre Bourdieu".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world