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Die Physik ist neben der Metaphysik und der Nikomachischen Ethik eines der Hauptwerke des Aristoteles. Sie befasst sich mit der Erklärung und Erläuterung (Definition) einiger grundlegender Begriffe, die bei der Beschreibung von Naturvorgängen im täglichen Leben gebraucht werden. Die wichtigsten davon sind: Raum, Zeit, Bewegung und Ursache. Es handelt sich nicht um eine mathematischen Darlegung der Grundzüge der Natur in heutigem Sinne.

Aristoteles Methode


Aristoteles zufolge bezeichnen viele Worte zunächst "unbestimmt ein Ganzes" (184 b). Die Zerlegung des Begriffs in seine Bestandteile, bedeutet eine Erkenntnis, da es den Begriff auf seine Grundbausteine zurückführt (vgl. Physik I,1). Bei der Definition der fraglichen Begriffe geht Aristoteles immer wieder gleich vor: Er betrachtet als erstes eine Reihe von Definitionsvorschlägen seiner Vorgänger (Platon und die Vorsokratiker). Er zeigt, dass diese nicht zufrieden stellen können, da sie eine Reihe von Schwierigkeiten und Problemen (Aporien) mit sich bringen. Dann schlägt er seine eigene Definition vor. Er weist nach, dass diese die Schwierigkeiten vermeidet, und dass sie doch die wertvollen Intuitionen, die in den Definitionsversuchen der Vorgänger steckte, bewahrt. In Aristoteles eigenen Worten:
Man muss dabei versuchen, die Untersuchung so durchzuführen, dass das Wesentliche an dem Begriff wiedergegeben wird, so dass infolge davon einerseits die (oben angeführten) Schwierigkeiten sich lösen, andererseits sich erweist, dass die ihm anscheinend zukommenden Bestimmungen ihm auch wirklich zukommen, und außerdem, dass die Ursache der Schwierigkeit und der hier zu stellenden anspruchsvollen Fragen deutlich wird. (211 a).

Einige von Aristoteles behandelte Begriffe


Bewegung

Aristoteles versteht unter Bewegung jegliche Art von Veränderung. Er fasst den Begriff also in einem weiteren Sinne auf als heute üblich. Der Begriff kann als der fundamentale Begriff der Physik angesehen werden. Mit ihm beschäftigen sich die Kapitel I, 7, III, 1 - 3, V, 1 - 2 und Buch VII. Aristoteles definiert Bewegung wie folgt: "Das endliche Zur-Wirklichkeit-Kommen eines bloß der Möglichkeit nach Vorhandenen, insofern es eben ein solches ist - das ist Bewegung" (201 a). Nach Aristoteles Auffassung muss jede Veränderung bereits in den Möglichkeiten des sich verändernden Dings angelegt sein. Wird diese Anlage realisiert, dann ist dies eine Veränderung. Aristoteles selbst gibt folgendes Beispiel: "Wenn etwas, das gebaut werden kann, insofern wir eben diese Eigenschaft von ihm aussagen, zu seiner endlichen Verwirklichung kommt, dann wird es eben gebaut und dies ist dann "Bauen"" (ebd.).

Natur

Aristoteles zufolge ist alles das "naturbeschaffen", das "in sich selbst einen Anfang von Veränderung und Bestand hat" (192 b). Demgegenüber stehen die hergestellten Dinge (Artefakte), die vom Menschen erschaffen und erhalten werden, damit also keinen "Anfang in sich selbst" haben.

Ursache

In Kapitel II, 3 entwickelt Aristoteles das berühmte Vier-Ursachen-Schema:
  • Materialursache: "woraus als etwas schon Vorhandenem etwas entsteht" (194 b). Gemeint ist der Stoff, aus dem ein Gegenstand besteht, z. B. im Fall einer silbernen Statue das Metall.
  • Formursache: Die "Form und das Modell" (ebd.) des Gegenstandes, im Fall der Statue vielleicht die Form eines Pferdes.
  • Wirkursache: "woher der anfängliche Anstoß zu Wandel oder Beharrung kommt" (ebd.). Dies wäre beim Beispiel der Statue der Bildhauer.
  • Zweckursache: "das Ziel, d. i. das Weswegen" (ebd.). Der Zweck der Statue ist, dass sie das Zimmer schmückt.
Nach heutigem Sprachgebrauch würden wir eigentlich nur die Wirkursache als "Ursache" bezeichnen. Die vier Ursachen des Aristoteles kann man als vier verschiedene Erklärungsmuster auffassen, die zeigen, warum ein bestimmtes Ding existiert.

Zufall

Mit der Definition von Zufall und Fügung befasst sich Physik II, 4-9. Aristoteles Definition von Zufall lautet: "Wenn im Bereich der Geschehnisse, die im strengen Sinn wegen etwas eintreten und deren Ursache außer ihnen liegt, etwas geschieht, das mit dem Ergebnis nicht in eine Deswegen-Beziehung zu bringen ist, dann nennen wir das "zufällig"." (197 b). Sein Beispiel ist folgendes: Ein Pferd entgeht dadurch, dass es aus dem Stall herauskommt, einem Unglück, es ist aber nicht herausgekommen, weil es dem Unglück entgehen wollte (es wusste nichts von dem drohenden Unglück). In diesem Fall würde man sagen: "Das Pferd ist zufällig herausgekommen". Die "Ursache" ist hier das Herauskommen, das "Ergebnis" ist das dem-Unglück-Entgehen und zwischen beiden gibt es keine "Deswegen-Beziehung", das Pferd ist nicht herausgekommen, um dem Unglück zu entgehen, daher ist das ganze zufällig.

Eine interessante Stelle findet sich in 198 b: Aristoteles scheint hier Empedokles viele Jahrhunderte vor Charles Darwin die erste Evolutionstheorie zuzuschreiben, welche die Elemente der Mutation und der Selektion enthält ("da erhielten sich diese Gebilde, die rein zufällig in geeigneter Weise zusammengetreten seien. Wo es sich nicht so ergab, da gingen sie unter [..."). Diese Theorie wird aber von Aristoteles abgelehnt.

Unendlichkeit

Mit diesem Begriff befassen sich die Kapitel III, 4 - 9. Aristoteles unterscheidet zwischen einer Unendlichkeit in Bezug auf Teilung und auf "Hinzusetzung" (Addition), worin sich die moderne Differenzierung zwischen überabzählbarer und abzählbarer Unendlichkeit andeutet. Er erläutert den Begriff wie folgt: "Es ergibt sich so, dass "unbegrenzt" das Gegenteil von dem bedeutet, was man dafür erklärt: Nicht "was nichts außerhalb seiner hat", sondern "wozu es immer ein Äußeres gibt ", das ist unbegrenzt." (207 a). So ist beispielsweise die Reihe der natürlichen Zahlen unbegrenzt, da sich zu jeder Zahl eine größere findet. Mit seiner Definition wendet Aristoteles sich gegen die Vorstellung einer "aktualen" Unendlichkeit, d. h. gegen die Vorstellung einer unendlich großen Menge, die als ganzes vorliegt. Ihm zufolge gibt es nur "potentielle" Unendlichkeiten, d. h. Mengen, zu denen immer wieder ein weiteres Element hinzugefügt werden kann. Diese sind jedoch niemals vollständig vorhanden.

Raum

Aristoteles handelt diese Thematik in IV, 1-5 ab. Seine Definition des Ortsbegriffs lautet: "Die unmittelbare, unbewegliche Grenze des Umfassenden - das ist Ort" (212 a). Die Idee dabei ist, dass der Ort einen Körper, z. B. einen Tisch, "unmittelbar umfasst", so wie ein sehr passgenauer Handschuh die Hand. Im Gegensatz zum Handschuh ist der Ort aber "unbeweglich", d. h. wird der Tisch fort getragen, so wird sein Ort nicht mitbewegt, sondern der Tisch kommt an einen anderen Ort.

Leere

Mit dem Begriff der Leere befasst sich IV 6-9. Aristoteles argumentiert hier dafür, dass es keine Leere geben kann, wobei er als ""leer" einen Ort" bezeichnet, "an dem nichts ist" (213 b).

Zeit

Aristoteles Ausführungen zur Zeit finden sich in IV 10 - 14. Er definiert Zeit als "die Meßzahl von Bewegung hinsichtlich des "davor und "danach"" (219 b). Dahinter steht die Überlegung, dass wir Veränderungen (z. B. das Wachstum einer Pflanze) anhand von anderen Veränderungen messen. Bei diesen zweiten Veränderungen handelt es sich um gleichförmige Ortsveränderungen (heute die Bewegung von Uhrzeigern, früher die "Bewegung" der Sonne). Insofern können wir dort ein "davor" und ein "danach" ausmachen, dies wird dann auf zeitliche Abläufe übertragen.

Zu beachten ist hier, dass Aristoteles den Begriff der Veränderung als grundlegend ansieht und den Begriff der Zeit anhand von bestimmten Veränderungen, nämlich gleichförmigen Ortsveränderungen, konstruiert. Nach moderner Auffassung ist der Begriff der Zeit fundamental und der Begriff der Bewegung davon abgeleitet.

Kontinuität

In V, 3 und in VI erläutert Aristoteles Begriffe wie "zusammenhängend" (Dinge, "deren Ränder eine Einheit bilden" (231 b)), "in Berührung" ("deren Ränder beisammen sind" (ebd.)), "in Reihenfolge" ("bei denen nichts Gleichartiges zwischen ihnen sich findet" (ebd.)) und weitere in diesen Zusammenhang gehörigen Ausdrücke. Diese Begriffsbestimmungen dienen ihm zur Auseinandersetzung mit dem Atomismus (Demokrit) und atomistischer Vorstellungen der Zeit. Beide Theorien lehnt Aristoteles ab. Er befasst sich in diesem Zusammenhang auch mit einer Widerlegung der Paradoxien des Zenon von Elea.

Der unbewegte Beweger

Im letzten Buch der Physik (Buch VIII) argumentiert Aristoteles für die Notwendigkeit eines "unbewegten Bewegers", d. h. einer Kraft, die alle Bewegung auf der Welt einmal ursprünglich angestoßen hat. Diese Theorie inspiriert Thomas von Aquin später zu seinem so genannten "kosmologischen Gottesbeweis".

Literatur


  • Horn, Christoph / Rapp, Christof (Hgg.), Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002 (Erläuterungen zahlreicher Termini der antiken und auch der aristotelischen Philosophie) (ISBN 3406476236)
  • Rapp, Christof: Aristoteles zur Einführung, Hamburg 2004 (ISBN 3885063980). (die beste deutschsprachige Einführung zu Aristoteles mit sehr guter thematisch gegliederter Bibliografie für Einsteiger)
  • Höffe, Otfried (Hg.): Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005

Philosophisches Werk | Griechische Philosophie | Physik (Geschichte) | 4. Jahrhundert v. Chr.

 

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