Phrenologie.jpg Die Phrenologie (gr. phrenos = Geist, Gemüt) ist eine zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem Arzt Franz Josef Gall (1758 - 1828) begründete pseudowissenschaftliche Lehre, die versucht, geistige Eigenschaften und Zustände bestimmten, klar abgegrenzten Hirnarealen zuzuordnen. Dabei wurde ein Zusammenhang zwischen Schädel- und Gehirnform einerseits und Charakter und Geistesgaben andererseits unterstellt. Trotz ihrer unwissenschaftlichen Herangehensweise stellt sie einen wichtigen Vorläufer und Bezugspunkt der modernen Neuro- und Kognitionswissenschaften dar.
Die Phrenologie ist dabei zu unterscheiden von der daraus hervorgegangenen Kraniometrie („Lehre von der Schädelvermessung“) als Werkzeug der Rassenkunde. Diese Lehre wurde vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts, besonders im Zusammenhang mit rassistischen Theorien, populär. Kraniometrische Vermessungen waren in der Anthropologie und Ethnologie noch weit verbreitet, heutzutage finden sie außer bei der Vermessung von tierischen Schädelknochen noch Anwendung in der Archäologie, um Erkenntnisse über die Evolution der menschlichen Spezies zu gewinnen.
1820 wurde in Schottland die "Edinburgher Phrenologische Gesellschaft" gegründet, die ab 1823 eine eigene Zeitschrift veröffentlichte. Zu den Gründern gehörten George Combe und sein jüngerer Bruder Andrew Combe, die zahlreiche Schriften zum Thema veröffentlichten. Zu den Vertretern der Theorie in den USA zählten Lorenzo Niles Fowler und Orson Squire Fowler, ersterer ging später nach England und gründete dort 1887 die "Britische Phrenologische Gesellschaft", die bis 1967 bestand.
Phrenologie3.jpg Ein praktizierender Phrenologe konnte damals die Talente und Fähigkeiten eines Kindes bereits ab dem sechsten Lebensjahr bestimmen. Oft wurde die erstellte Diagnose für die Berufswahl verwendet. Die Fähigkeit des Phrenologen, aufgrund von "wissenschaftlich" begründbaren Theorien das spätere Verhalten und damit quasi die Zukunft vorherzusagen, muss auf die Zeitgenossen eine nicht geringe Faszination ausgeübt haben. Natürlich stellte es ein geringes Problem für diese dar, eine ganze Summe von Beobachtungen zum Umfeld des Probanden in ihre Bewertungen einfließen zu lassen, ohne dass dadurch die Theorie in Frage gestellt wurde.
Schon der ältere der Combe-Brüder wandte die Theorie auch auf die Beurteilung von Straftätern und Insassen psychiatrischer Anstalten an und entwickelte Ideen zur Besserung des Loses der benachteiligten Schichten durch Erziehung und charakterliche Bildung.
Der Hauptverbreitungszeitraum der Lehre liegt in den Jahren bis 1860; danach wurde sie zwar noch praktiziert, hatte sich aber als Forschungsobjekt überholt. Der wissenschaftliche Wert von Galls Theorie war aufgrund ihrer praktisch nicht vorhandenen empirischen Begründung von jeher umstritten. Ihrer Popularität tat dies jedoch keinen Abbruch, anthropologische und naturphilosophische Werke, in denen auf sie Bezug genommen wurde, zählten zu den meistgelesenen Schriften der damaligen Zeit.
Die Phrenologie fand zudem Niederschlag in den Werken des italienischen Kriminologen Cesare Lombroso, in denen er kriminelle Neigungen auf erbliche Veranlagung zurückführte und Methoden zu ihrer Erkennung anhand von körperlichen "Defekten" beschrieb. Der belgische Pädagoge Paul Bouts sah in der Phrenologie ein Mittel zur Verbesserung des Lernerfolgs, da sie ein Eingehen auf die besonderen charakterlichen Eigenschaften der Schüler ermöglichen sollte.
Phrenologie2.jpg Die Gehirne bekannter Größen der Geschichte wie z. B. das von Einstein oder Lenin werden, u. a. als Ergebnis dieser Lehre, in konservierter Form noch heute aufbewahrt.
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