Die Philosophischen Untersuchungen sind neben dem Frühwerk Tractatus Logico-Philosophicus Ludwig Wittgensteins zweites, spätes Hauptwerk. Das Buch formuliert die Grundgedanken der Philosophie der normalen Sprache und übte als solches einen außerordentlichen Einfluss auf die Philosophie der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts aus. Unter anderem die Sprechakttheorie bei Austin und Searle sowie der Erlanger Konstruktivismus (Paul Lorenzen, Kuno Lorenz) bauen auf den hier entwickelten Ideen auf. Das Buch richtet sich gegen die Philosophie der idealen Sprache, die neben Bertrand Russell und Rudolf Carnap vor allem Wittgenstein selbst noch im Tractatus vertreten hatte.
Das Buch ist in den Jahren 1936-1946 entstanden und wurde aber erst 1953, nach dem Tod des Autors, veröffentlicht. Im Gegensatz zu dem streng systematischen Aufbau des Tractatus sind die Philosophischen Untersuchungen eine mehr oder minder lose Sammlung von Aphorismen und Notizen. Nach Wittgensteins Aussage hat er mehrmals versucht, seine Ergebnisse "zu einem Ganzen zusammenzuschmieden" bis er einsehen musste, dass ihm "dies nie gelingen würde" (Vorwort). Nichtsdestoweniger lassen sich doch eine ganze Reihe von Thesen zu unterschiedlichen Themenkomplexen identifizieren, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen.
Der Gebrauch eines Wortes wird durch Regeln bestimmt, ähnlich wie die korrekte Verwendung einer Schachfigur: "Die Frage "Was ist eigentlich ein Wort?" ist analog der "Was ist eine Schachfigur"" (PU 108) Die Bedeutung des Wortes "rot" zu kennen, bedeutet eine Regel zu haben, mit der man rote von nicht-roten Dingen unterscheiden kann. Ein Kaufmann, von dem man rote Äpfel verlangt, könnte beispielsweise die Äpfel neben ein Farbmuster halten, um festzustellen, ob sie rot sind. (PU 1) Der enge Zusammenhang, den Wittgenstein zwischen der Bedeutung eines Wortes und den Regeln für seinen Gebrauch sieht, kommt auch in folgendem Zitat zum Ausdruck: "Wie erkenne ich, dass diese Farbe Rot ist. Eine Antwort wäre "Ich habe Deutsch gelernt."" (PU 381)
Für die Gesamtheit der Handlungsmuster in einer Kultur verwendet Wittgenstein das Wort "Lebensform". Die einzelnen Sprachspiele sind letztlich immer in eine Lebensform eingebettet: "Das Wort "Sprachspiel" soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform" (PU 23) In diesem Sinne kann Wittgenstein sagen: "Und eine Sprache vorstellen, heißt eine Lebensform vorstellen" (PU 19)
Wittgensteins Lösung für dieses Problem ist folgende: Die Tatsache, dass es eine Menge von Möglichkeiten gibt, die Regel fortzusetzen, heißt nicht, dass wir uns bewusst für eine dieser Möglichkeiten entscheiden. Sie drängt sich uns vielmehr unmittelbar auf: "Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht. Ich folge der Regel blind." (PU 219). Ein theoretisch möglicher Zweifel hat praktisch in dieser Situation keinen Platz. "Es war, unter Umständen ein Zweifel möglich. Aber das sagt nicht, dass ich gezweifelt habe oder auch nur zweifeln konnte" (PU 213)
Beispielsweise ist der Zweifel ein Sprachspiel, der seinen eigenen Bedingungen und Regeln folgt, und nicht in jeder Situation Platz hat. Durch diese Überlegung wird ein philosophischer Zweifel wie der Skeptizismus, der an allem zweifelt, als unsinnig entlarvt. "Aber das sagt nicht, dass wir zweifeln, weil wir uns einen Zweifel denken können." (PU 84)
Mit einem vergleichbaren Argument kritisiert Wittgenstein die Grundfrage des logischer Atomismus nach den Grundbestandteilen der Welt: "Auf die philosophische Frage: "Ist das Gesichtsbild dieses Baumes zusammengesetzt und welches sind seine Bestandteile ist die richtige Antwort "Das kommt drauf an, was Du unter "zusammengesetzt" verstehst" (Und das ist natürlich keine Beantwortung, sondern einen Zurückweisung der Frage.)" (PU 47) Die Frage nach einer Zusammensetzung ist ein Sprachspiel, das sich nicht auf einen derart abstrakten Kontext übertragen lässt.
In ähnlicher Weise löst Wittgenstein das Induktionsproblem auf, bei dem die Praxis des Lernens aus Erfahrung in Frage gestellt wird: "Die Gewissheit, dass Feuer mich brennen wird, gründet sich auf Induktion. * Ist die Zuversicht gerechtfertigt? Was die Menschen als Rechtfertigung gelten lassen, zeigt, wie sie denken und leben." (PU 325) Letztlich gründet die Überzeugung, dass wir aus Erfahrung lernen können, in unserer Lebenswelt. Eine stärkere Rechtfertigung kann die Philosophie nicht liefern und auch nicht verlangen. In diesem Sinne sagt Wittgenstein: "Unser Fehler ist dort nach einer Erklärung zu suchen, wo wir die Tatsachen als "Urphänomene" sehen sollten. D.h. wo wir sagen sollten: dieses Sprachspiel wird gespielt." (PU 645)
Wittgensteins eigene Theorie steht dem Behaviorismus nahe. Sprechen über psychische Vorgänge ist als Sprechen über äußeres Verhalten zu analysieren: "Ein innerer Vorgang bedarf äußerer Kriterien." (PU 580) Wittgenstein geht jedoch nicht so weit wie die Behaviouristen, zu sagen, dass es nichts Inneres gibt; sein Ansatz legt vielmehr nahe, dass es sich dabei um etwas anderes dreht als das, was der Behaviourismus bestreitet.
Diese Ungenauigkeit macht aber unsere Begriff keineswegs unbrauchbar "Aber ist es überflüssig zu sagen: "Halte Dich ungefähr hier auf"" (PU 71). Im Gegenteil wäre gerade eine übertriebene Präzision unzweckmäßig: "Wenn ich nun jemandem sage: "Du solltest pünktlicher zum Essen kommen ist hier von Genauigkeit eigentlich nicht die Rede, weil man sagen kann "Denk an die Zeitbestimmung im Laboratorium [..., da siehst Du, was "Genauigkeit" bedeutet." (PU 88) Genau dies verkennt jedoch die Philosophie der idealen Sprache: "Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr und unserer Forderung." (PU 107) Aus diesen Beobachtungen zieht Wittgenstein das Fazit: "Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben" (PU 124)
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"Philosophische Untersuchungen".
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