Die Philosophie des 19. Jahrhunderts reicht von der Romantik und dem Idealismus als einen der Höhepunkte der deutschen Philosophie über die vor allem in Frankreich und England starke Gegenbewegung des Positivismus, den Materialismus von Marx und Feuerbach und so starke Einzeldenker wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard bis hin zum Neukantianismus, Pragmatismus und zur Lebensphilosophie. Sie zerfällt damit in so viele verschiedene Richtungen, dass sie nicht mehr mit einem zusammenfassenden Periodenbegriff bezeichnet und zusammengefasst werden kann. Nach einem allgemeinen Überblick werden daher die einzelnen Grundpositionen in etwa in ihrer historischen Reihenfolge je gesondert abgehandelt. Die Klassifizierungen und deren Abgrenzungen sind dabei teilweise willkürlich. So werden die Anfänge der Analytischen Philosophie bei Gottlob Frege dem 20. Jahrhundert zugerechnet.
Zum anderen kann man die Positivisten und Materialisten mit einer sehr starken Wissenschaftsorientierung als Nachfolger des Empirismus betrachten, indem sie gegen die Idealisten, aber auch gegen Kant den Beitrag der Vernunft zur Erkenntnis bestritten. Sie stützten sich dabei vor allem auf die Fortschritte der Naturwissenschaften, die diese ohne Bezug zur, aber auch ohne Begleitung der damaligen Philosophie erzielen konnten. Welche Aufgabe blieb da noch der Philosophie? Als eigenständige Denker gelten vor allem Arthur Schopenhauer, Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche, die sich jeweils nicht so leicht einer allgemeinen Grundposition zuordnen lassen. Ihre denkerischen Positionen ergaben sich aus der vermeintlich fehlenden Orientierung durch die Philosophie, nachdem alle Spekulation aus ihrer Sicht an den Grenzen der Vernunft scheitern musste und sich erhebliche Umbrüche in Technik und Gesellschaft abzeichneten.
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bilden sich mit dem Psychologismus, der Geisteswissenschaftlichen Philosophie und der Lebensphilosophie neue Positionen heraus, die modernere gesellschaftliche bzw. persönlichkeitsbezogene Aspekte in den Vordergrund stellen, dabei aber zumeist eine große Distanz zu Kant aufweisen. Lediglich der ebenfalls in die zweite Hälfte des Jahrhunderts fallende Neukantianismus versuchte zum einen auf die Anforderungen der (Natur-)Wissenschaften einzugehen und zum anderen Kants Werk wieder aufzunehmen und zu popularisieren, allerdings auch nur selten ohne Fortschreibungen, Umdeutungen und „Verbesserungen“. So kann man feststellen, dass die Kant-Rezeption Ende des 20. Jahrhunderts sich viel stärker auf das Original einlässt, als dies in den hundert Jahren nach Kant geschehen ist.
Thematisch bedeutsam waren im 19. Jahrhundert auch noch die Weiterentwicklung der Hermeneutik von Schleiermacher über Droysen bis hin zu Dilthey sowie die neu entstehende Philosophie der Werte, die bei Marx und Nietzsche ihre eigene Ausprägung fand und vor allem in der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus eine besondere Rolle erlangte. Die größte Bedeutung für die Folgezeit erlangten aus heutiger Sicht abgesehen von Marx sicherlich die Idealisten mit Hegel an der Spitze sowie Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Vor allem Hegel fand im Neuhegelianismus des späten 19. Jahrhundert auch Widerhall in England, den USA und Italien. Im 19. Jahrhundert entstand geprägt von Charles S. Peirce und William James mit dem Pragmatismus auch die erste eigenständige amerikanische philosophische Strömung. Gleichsam als Gegengewicht zur der positivistischen Wissenschaftsorientierung bildete sich auch angeregt von Nietzsche zum Jahrhundertwechsel die Lebensphilosophie heraus, die in Henri Bergson ihren prominentesten Vertreter hatte und sowohl im Pragmatismus von James als auch in der Existenzphilosophie ihre Anknüpfungspunkte fand. Zusammenfassend kann man die Phase der Philosophie des 19. Jahrhunderts als die Wegbereitung der Moderne bezeichnen.
In der Philosophie war Johann Georg Hamann (1730 – 1788) eigentlich ein Zeitgenosse Kants und damit der Aufklärung, als erklärter Kritiker der Vernunftphilosophie aber ein Vorläufer der Romantik. Für ihn besitzen Gefühl und Gemüt eine eigenständige Schöpferkraft, die sich in der Sprache als eigenständiger Erkenntnisquelle und hier insbesondere in der Dichtung niederschlagen. Als Anhänger Hamanns gilt Kierkegaard (s.u.). Zunächst begeisterter Schüler Kants, dann aufgrund einer negativen Kritik erbitterter Gegner und zugleich Freund Hamanns war der Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder (1744 – 1803), der seine philosophische Position sehr stark auf Spinoza und Leibniz aufbaute, dann aber auch wie Hamann die Sprache als Grundlage der Vernunft betonte. Das Fortschrittsgesetz der Geschichte ist bestimmt durch die Natur und ihre aufsteigende hierarchische Ordnung. Die Entwicklung der Dinge kommt aus Gott als der ewigen und unendlichen Wurzel allen Seins. Auch Friedrich Heinrich Jacobi (1743 – 1819) stand in ständigem Schriftverkehr mit Herder und hatte gute Kontakte zu Goethe. Bekannt wurde er u.a. dadurch, dass er von Lessing nach dessen Tod behauptete, dieser habe ihm zugegeben, ein Spinozist zu sein. Spinozismus aber war für die Öffentlichkeit zu dieser Zeit gleichzusetzen mit Atheismus, wie alle Vernunftphilosophie für die religiösen Romantiker geeignet war, vom Glauben abzubringen. Für Jacobi aber begann die wahre Philosophie erst beim Gemüt und beim Glauben. Er veröffentlichte u.a. Schriften zu Fichte und Schelling.
Friedrich Schlegel ((1772–1829) gilt als Klassiker der Romantik. Seinen philosophischen Weg unterteilt er in die Phase des Suchens, des künstlerischen und philosophischen Gestaltungsdrangs, die Unterwerfung der Vernunft unter die Wahrheiten der (katholischen) Kirche und schließlich ein mystisches Eigenleben im Glauben. Auch er veröffentlicht über die Philosophie der Geschichte und der Sprache. Friedrich Schleiermacher (1768–1834) war protestantischer Theologe und Philosoph. Für ihn war Gott die absolute Einheit des Idealen und des Realen. Gott hat die Welt geschaffen, ist aber nicht in der Welt. Deshalb sind das Ideale und das Reale in der Welt Gegensätze. Die Dinge sind zwar von Gott abhängig, aber Gott greift nicht in die Welt ein. Deshalb ist jeder individuell berufen, sein eigenes Urbild zu verwirklichen. In der Ethik verband Schleiermacher Güterlehre, Tugendlehre und Pflichtenlehre. Die oberste Pflicht lautet dabei: Handle in jedem Augenblick mit der ganzen sittlichen Kraft und die ganze sittliche Aufgabe anstrebend. Schleiermacher gilt als Urvater der Hermeneutik als der Philosophie des Verstehens, die sich als eigene Methode von der naturwissenschaftlichen Methode der Erklärung abgrenzt.
Dieser dreischrittige Prozess ist bereits die Dialektik, wie sie sich bei Hegel als Grundlage der geschichtlichen Entwicklung findet. Ich erkenne Silber, unterscheide es von Gold und finde für beides den Begriff des Metalls als gemeinsamen Wesens. Aus dem Bewusstsein des aktiven Ich resultiert auch das Wissen um meine Freiheit. Diese Position bezeichnet Fichte als Idealismus, der ein Dogmatismus, wie Fichte den Realismus bezeichnet, gegenübersteht, der nur zu einer Vorstellung des Determinismus führen könne. Dieser Konflikt könne - wie schon bei Kant - durch Vernunft nicht entschieden werden. Welche Philosophie man wählt, hängt für Fichte dann davon ab, was für ein Mensch man ist. Fichte meint damit, welche Stufe der menschlichen Entwicklung man erreicht hat, wobei die des Rationalismus die höherentwickelte ist. Aus dem Bewusstsein des Ich resultiert auch die Anerkennung des anderen Menschen, ohne die das Ich nicht denkbar wäre. „Die Einheit von Ich und Du ist das Wir der moralischen Weltordnung.“ In der Morallehre muss der Mensch sein Leben nach der Vernunft einrichten und dieses führt in eine sittlich humane Welt. Die Aufgabe der Lehre von den zwei Erkenntnisstämmen (Anschauung und Begriffe – Ding an sich) wird bereits von Kant persönlich als gänzlich unhaltbar kritisiert.
Das Werden des Absoluten erfolge dabei in notwendigen Denkschritten. „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze ist aber nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat ist, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist.“ Das Sein ist also ein Werden und der Prozess des Werdens ist die Dialektik von These und Antithese sowie deren Aufhebung in der Synthese. Bei diesem dialektischen Dreischritt gilt jedoch zu bedenken, dass es sich dabei nicht um eine äußerlich auf den Gegenstand angewandte Methode handelt, sondern die Bewegung des Begriffes an sich selbst wird dargestellt. Der Begriff selbst steht im Widerspruch mit sich selbst und schlägt dadurch in sein Gegenteil um, wo er sich wiederum widersprüchlich zeigt und auf höherer Ebene 'aufgehoben' wird. Aufheben meint dabei mehreres: Annullierung des Falschen in der These, Bewahrung des Richtigen in der Antithese und Anhebung auf ein erhöhtes Niveau der Erkenntnis in der Synthese. Sein und Nichts sind nach Hegels Auffassung aufgehoben im Werden, Geburt und Tod im Leben. Einzelne Gegenstände sind dabei nur Momente eines Ganzen, die rein für sich betrachtet keine Wahrheit vermitteln. Die Dialektik durchzieht als Prinzip alle Bereiche des Lebens in der Materie und im Organischen sowie den geistigen Schöpfungen wie Recht, Moral, Staat, Kunst. Religion und Philosophie liegen damit als Prinzip vor allem auch der Geschichte zugrunde. Geschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit.
Hegels System „gliedert sich in Logik, Naturphilosophie und Philosophie des Geistes. Die Logik behandelt die Idee in ihrem An-und-für-sich, die Naturphilosophie die Idee in ihrem Anderssein, die Philosophie des Geistes in ihrer Rückkehr zu sich selbst in ihrem Bei-sich-Sein.“ (Johannes Hirschberger) . Die Logik enthält die Logik des Seins, des Werdens und des Begriffs. Die Natur ist gegliedert in die Mechanik (Raum, Zeit, Bewegung, Gravitation), in die Physik (Körper, Elemente, Wärme, Schwere, Chemie) und in das Organische. Beim Geist ist zu unterscheiden der subjektive Geist (in der Anthropologie: natürliche Umwelt, Körperlichkeit; in der Phänomenologie: Wahrnehmung, Gefühl, Verstand, Vernunft; in der Psychologie: Intelligenz, Wille, Sittlichkeit), der objektive Geist (Recht, Moralität sowie Sittlichkeit = Familie, bürgerliche Gesellschaft und Staat) und der absolute Geist (Kunst, Religion, Philosophie).
Als Historismus bezeichnet man die von Barthold Georg Niebuhr (1776 – 1831), Leopold von Ranke (1795 – 1886) und Johann Gustav Droysen (1808 – 1884) begründete philologisch kritische Ausrichtung der Geschichtswissenschaft, die die Geschichtlichkeit aller menschlichen Wirklichkeit betonte. Die Vertreter des Historismus forderten die detaillierte methodische Untersuchung der Quellen und stellten gegenüber dem System der Idealisten – insbesondere gegen Hegel – die individualisierte Betrachtung des Einmaligen als notwendiges Merkmal der Geschichtswissenschaft heraus. Droysen nahm hierbei die Ansätze der Hermeneutik erstmals auch in den Bereich der historischen Forschung auf. Die von Leopold von Ranke postulierte Objektivität historischer Erkenntnisse lehnte Droysen ab.
Vor allem die von Droysen und Niebuhr entwickelte quellenkritische Methode der Historiografie zur wissenschaftlichen Erforschung der Geschichtsschreibung führte zur Loslösung der Geschichtswissenschaft aus der Philosophie und zur Begründung einer eigenständigen Disziplin, die im 19. Jahrhundert eine Reihe berühmter Historiker hervorbrachte. Zu nennen sind hier Heinrich von Treitschke (1834 – 1896), der Preußens Glanz und Gloria rühmte, aber auch in den Juden alles Unglück sah, und Theodor Mommsen (1817 – 1903) als dessen liberaler Gegner im Antisemitismusstreit, in Frankreich Jules Michelet (1798 – 1874), in England Thomas Babington Macaulay (1800 – 1859) sowie der von Nietzsche gerühmte Schweizer Kulturhistoriker Jakob Burckhardt (1818 – 1897). Als bedeutender Philosophiehistoriker zu nennen ist der Aristoteliker Friedrich Ueberweg (1826 - 1871). In der Nachfolge finden sich Historiker wie Friedrich Meinecke (1862 – 1952), der als Begründer der „Ideengeschichte“ gilt, oder der Philosoph und Sozialhistoriker Benedetto Croce (1866 – 1952). Bereits von Nietzsche wurde der Historismus als Relativismus kritisiert.
Als Begründer des Positivismus und auch als Schöpfer dieses Begriffs gilt Auguste Comte (1798 – 1857), der mit seinem Programm eine moderne Fassung des Wissenschaftsprogramms von Francis Bacon auf der Grundlage eines strikten Determinismus und eines mechanistischen Weltbildes vertritt. Ziel der Wissenschaften sei eine Beschreibung der erkennbaren Phänomene mit Gesetzen und eine Prognose für die Zukunft. Zur Beschreibung der gesellschaftlichen Entwicklung des Wissens formulierte er das sog. Dreistadiengesetz, nach dem die Welt zunächst theologisch, dann metaphysisch und schließlich positiv gedeutet würde. Comte gilt zugleich als der erste Vertreter der Soziologie als eigenständiger Wissenschaft. Auch hierzu hat er den Begriff geprägt. John-stuart-mill_1.jpg Eigentlich ein Nationalökonom und Schüler Jeremy Benthams (1748 - 1832) vertritt in England John Stuart Mill (1806 – 1873) das Konzept des Utilitarismus, modifiziert es aber in Hinblick auf Grundwerte, die möglicherweise durch das Prinzip des höchsten Glücks aller verletzt werden. Politisch fordert er die Ausweitung des Wahlrechts auf alle Mündigen, wenn er auch den Gebildeten ein Mehrfachstimmrecht zubilligt. Als strikter Empirist bezieht er aber in seine Überlegungen bereits auch psychologische Faktoren ein. So fasst er das Ich als Ergebnis von durch Assoziation entstandenen psychischen Zuständen auf. Mill versuchte vor allem auch Regeln für die induktive Erschließung von Kausalgesetzen aufzustellen. Beeinflusst von der materialistischen Theorie von Lamarck wandte Herbert Spencer (1820 – 1903) die Evolutionstheorie Darwins auf gesellschaftliche Verhältnisse an und gilt somit als Begründer des Evolutionismus.
Bernard Bolzano.jpg In Deutschland gilt als der prominenteste Vertreter des Positivismus der auch als Naturwissenschaftler sehr bekannte Ernst Mach (1838 – 1916). Er war strikt gegen jede Form von Metaphysik und vertrat erkenntnistheoretisch einen konsequenten Empirismus. Alles was von der Welt erfahrbar ist, ist eine Folge von Sinneseindrücken. Grundlagenwissenschaften sind die Physik und die deskriptive Psychologie. Das Ich ist die Wahrnehmung von dem eigenen Inneren und empirisch erklärbar. Über die Relevanz einer Theorie entscheidet nicht deren Wahrheit, sondern deren Nutzen. Daher unterliegen wissenschaftliche Theorien auch den Prinzipien der Evolution. Wahrheit als Begriff ist leer. Gemeinsam mit Mach war Richard Avenarius (1843 - 1896) Begründer des sog. Empiriokritizismus. Ähnlich gelagert ist die Auffassung der Immanenzschule von Wilhelm Schuppe, für den das Sein etwas innerlich Eigenes (immanentes) des Bewusstseins ist. Sprache ist nur Einkleidung für reine Gedankenelemente. Logik ist die Wissenschaft vom objektiv gültigen Denken. Sie ist als Einheit mit der Erkenntnistheorie zu sehen, weil beiden das Kriterium der Wahrheit zugrunde liegt. Bernhard Bolzano (1781 – 1848), eigentlich Priester und Professor für theologische Philosophie in Prag, vertrat eine vernunftorientierte Interpretation des Katholizismus. Aufgrund seiner Haltung wurde er seines Amtes enthoben. Bolzano war insbesondere auch ein herausragender Mathematiker und Logiker, der aber in seiner Zeit kaum Bedeutung erlangte. Erst durch Husserl wurde die Nachwelt auf seine Arbeiten, die noch heute als Grundlagen gelten, aufmerksam.
Der Zoologe Ernst Haeckel (1834 – 1919) steht für die Verbreitung der Evolutionstheorie in Deutschland. Philosophisch vertrat er einen Monismus, in dem er Gott mit dem allgemeinen Naturgesetz gleichsetzte. Rudolf Hermann Lotze (1817 – 1881) bekämpfte mit naturwissenschaftlich physiologischen Argumenten den Vitalismus, nach dem Materie erst durch eine eigenständige Seele belebt wird. Für Lotze ist die äußere Natur rein mechanisch zu erklären, wohingegen die innere Natur nur gefühlsmäßig zu fassen ist. Der letzte Weltgrund ist die Persönlichkeit, deren Zweck sich in der Liebe äußert. Für die sich entwickelnde Philosophie der Werte von Bedeutung ist die Unterscheidung Lotzes zwischen dem Sein der Dinge und der Geltung der Werte, die ein fester Bestandteil der modernen Philosophie geworden ist.
Auch Max Stirner (1806 - 1856) kritisierte den absoluten Geist Hegels als ein Gespenst, das in der Realität keinerlei Grundlage besitzt. Das Gleiche gilt für allgemeine Ideen wie Freiheit und Wahrheit, die am wirklichen Leben hindern. Auch die Lehren der Linkshegelianer waren für ihn versteckt christlich, weil sie nicht darauf verzichteten, durch Vermittlung von Werten und damit von Schuldgefühlen in der Erziehung dem Menschen vorzuschreiben, wie er sein soll und was er als gut anzusehen hat. Erst wenn man anerkennt, dass jeder nur selbst sein Eigner ist, kann man sein wirkliches Leben eigenverantwortlich führen. KarlMarx2.jpg Für Karl Marx (1818 – 1883) stand die Praxis im Vordergrund. Für ihn hatte Hegel „die Welt auf den Kopf gestellt“, d.h. die Idee zum Ausgangspunkt gemacht. Stattdessen wollte er die Dialektik auf die Wirklichkeit anwenden. Verbunden mit Feuerbachs Materialismus entwickelte er diesen Gedanken zum historischen Materialismus:
Das gesellschaftliche Sein aber hat seine Bestimmung in den jeweiligen ökonomischen Verhältnissen. Auch Hegel hatte bereits die in der Industriegesellschaft entstandenen Diskrepanzen zwischen den reichen Bürgern und der verarmten Masse herausgearbeitet. Marx zog nun – im Gegensatz zu Hegel – die Konsequenz, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert werden müssen und entwickelte seine Theorie der politischen Ökonomie, die auf eine staatlich geplante Wirtschaft und eine Aufhebung allen Privateigentums hinausläuft. Marx ist regelmäßig kritisiert worden, dass seiner Lehre die erkenntnistheoretische Grundlage fehle. Doch sein Ziel war ein anderes:
Friedrich Engels (1820 – 1895) war ein ständiger Wegbegleiter von Marx, mit dem er viele Schriften gemeinsam verfasste und zum gemeinsamen Werk vor allem den theoretisch philosophischen Hintergrund beitrug.
Mit Jakob Moleschott (1822 – 1893), der den Satz von der Erhaltung der Energie im Sinne eines Naturkreislaufes beschreibt, und Ludwig Büchner (1824 – 1899), nach dem die Welt aus Kraft und Stoff in einem ewigen Kreislauf besteht, gibt es unabhängig von den Linkshegelianern eine Reihe von Vertretern, die angesichts der naturwissenschaftlichen Entdeckungen der Zeit in Anlehnung an La Mettrie einen naturwissenschaftlichen Materialismus vertreten. Dieser auch als Sensualismus bezeichnete naive, populärwissenschaftlich aber sehr erfolgreiche Realismus kann sich jedoch nicht lange halten und hat wenig Einfluss auf die philosophische Diskussion.
In der Natur waltet der Wille als Überlebenstrieb ebenso wie in der Geschichte als Machttrieb. Die Welt hat keinen Endzweck, vor allem gibt es keinen geschichtlichen Fortschritt. Dies anzunehmen wäre eine hoffnungslose Illusion. Die Haupttriebfeder des Menschen ist der Egoismus. Er ist durch den Willen bestimmt, hat also keine Freiheit, sondern handelt stets nach einem Motiv, in dem der Wille sich ausdrückt. Das Menschenbild Schopenhauers war pessimistisch. Zur Charakterisierung benutzte Schopenhauer das Bild eines frierenden Stachelschweins. Um der Kälte zu entgehen, muss man aneinanderrücken. Doch wenn man sich zu nahe kommt, verletzt man sich. Was bleibt ist Höflichkeit. Der Wille beinhaltet ein ständiges Streben. Glückseligkeit ist die Befriedigung der erstrebten Wünsche. Doch der Mensch hat viele Wünsche, die ihm unerfüllt bleiben. Hieraus entsteht Leid und Unlust. Einen Ausweg sah Schopenhauer nur in der Askese, mit der er dem Druck des Willens begegnen kann. Ansonsten kann der Mensch nur in der Kunst und in der Musik in einen Zustand der reinen Anschauung gelangen und dann den Willen aufheben in einen Zustand des Nichtseins (Nirwana). Vernunft ist eine Eigenschaft des Menschen, die ihm im Zuge der Evolution mitgegeben ist, um sein Überleben zu sichern. Dahinter steht in den Motiven aber der alles bestimmende Wille. Mitleid ist ein Weg zur Überwindung des Willens, weil der Mensch auch beim anderen die Gebundenheit an den Willen nachvollziehen kann. Daher sind echte moralische Handlungen solche aus Mitleid. Die Gebundenheit an eine Verantwortung erklärt Schopenhauer damit, dass das Gefühl der Verantwortlichkeit eine Tatsache des Bewusstseins ist. Unter dem Aspekt der Determiniertheit ist Verantwortung damit nur ein kulturelles Phänomen. Mitleid ist auch der Ursprung der Gerechtigkeit, indem der Mensch anerkennt, dass das Leben auch der Anderen gleichwertig ist.
Auch wenn keine Einigkeit darüber besteht, so wird sein Schaffen häufig in drei Phasen gegliedert. Zunächst waren Wagner und Schopenhauer dominierende Bezugspunkte in seinem Werk. Die erste Veröffentlichung in Basel ist bereits eine Provokation für die Fachphilologen. „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ (1872) wendete sich gegen das überkommene idealisierende schöngeistige Bild, das üblicherweise vom antiken Griechenland gezeichnet wird. Nietzsche bildete das Begriffspaar apollinisch und dionysisch. Das Apollinische ist das Rationale, das Maßvolle aber Oberflächliche, der Traum des Vollkommenen und der Harmonie, der Schöne Schein. Das Dionysische hingegen ist das Intuitive, der gestaltlose Urwille, das Künstlerische, das mystisch Überindividuelle, das Rauschhafte. Zwischen beiden Seiten des Menschen, die sich ebenso auch in der Gesellschaft wieder finden besteht ein Kampf. Nur das Dionysische ist schöpferisch und bringt die Menschheit in ihrer Entwicklung voran. Das Rationale, die Weise wie z.B. Sokrates versucht die Welt mit Kausalität zu erklären, ist hingegen ein Zeichen von Dekadenz und führt in den Untergang.
Nietzsche wendete sich damit auch gegen die Aufklärung. Die neue Philosophie dient nicht der Erkenntnis, sondern dem Leben. Sie ist wie eine Dichtkunst. Die Kunst ist höchst Aufgabe und eigentliche Metaphysik dieses Lebens, denn der Mensch ist ein künstlerisch schaffendes Subjekt. Die Darstellung der Welt mit Bildern und Tönen entspricht dem Urvermögen menschlicher Phantasie, das noch vor der Sprache besteht. In der Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ (1873) bestritt er die Möglichkeit objektiver Wahrheit und wendet sich damit gegen Wissenschaftsgläubigkeit und Fortschrittsoptimismus. Wie wir die Welt wahrnehmen hängt von den Deutungen des Subjekts ab, die von seinen Trieben bestimmt sind. Wahrheit beruht auf gesellschaftlichen Mythen, die häufig zu Metaphern ohne Inhalt geworden sind. Vor allem sind unsere Sprache und Begriffe anthropomorph und damit ein Gefängnis, das einen Einblick in die wirkliche Welt nicht zulässt. Hier folgte Nietzsche Kant, ohne allerdings die Kategorien als solche zu akzeptieren.
In seiner zweiten Schaffensphase hatte Nietzsche sich von seinen Vorbildern weitgehend gelöst und zeichnete ein eigenständiges Bild. In der „Morgenröte“ (1881) sind die Moral, die Gefühle, die Erkenntnis, das Christentum, Werturteile, das Unbewusste und das Mitleid sein Thema. Diese Themen werden in den Schriften „Menschliches Allzumenschliches“ (1878 – 1880) und „Fröhliche Wissenschaften“ (1882) ausgebaut und weiter verstärkt.
Die wahrgenommene Realität hat immer eine subjektive Perspektive. Es gibt nur jeweils verschiedene Wege, die Welt zu erklären und einen Zugang zu ihr zu finden, sei es durch Wissenschaft, Moral oder Kunst.
Nietzsche bezeichnete sich selbst als Immoralisten, für ihn waren die Werte der überkommenen Moral Ausdruck von Schwäche und Dekadenz. Nicht mehr die Hierarchie zwischen aristokratischen Herrenmenschen und Sklavenmenschen ist in der aktuellen Welt maßgeblich, sondern der sich immer mehr ausbreitende Sozialismus auf Basis des christlich–jüdischen Gedankenguts, das hinter der Unterscheidung von gut und böse steht. Für Nietzsche dagegen war das Gute das Starke und das Schlechte das Schwache. Leben und der Wille zur Macht waren für ihn die höchsten Werte. Zu diesen wollte er in einer Umwertung der Werte zurück, wie es in der aristokratischen frühen Gesellschaft Griechenlands war. Vor allem die Religion war für Nietzsche ein Mechanismus, mit dem durch Normen die freie Selbstentfaltung zu verhindern gesucht wird.
NietzscheZarathustra.png Erst in seinen späten Schriften, von denen „Also sprach Zarathustra“ (1883 – 1885), „Jenseits von Gut und Böse“ (1886) und „Die Genealogie der Moral“ (1887) als Höhepunkte seines literarischen Schaffens gelten, kamen die zwar zuvor schon angedeuteten Themen des Nihilismus, des Übermenschen, des Willens zur Macht und schließlich der ewigen Wiederkehr besonders in den Vordergrund. Gleichzeitig verbunden damit war eine beginnende und sich steigernde Selbstüberhöhung, die in den letzten Werken seines letzten Schaffensjahres 1888 dann den Boden einer vernunftgeprägten Auseinandersetzung verlassen. Zwar finden sich dieselben Motive, doch Polemik und Schmähung sind außerordentlich übersteigert. Das Leben ist ein ständiges Werden. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach einem festen Halt, nach Konstanz und Dauer. Aus dem Begriff des Ich schafft er sich daher Begriffe wie das Sein, Einheit oder Wahrheit. Zur Orientierung schafft er sich ebenso Werte wie das Gute und das Schlechte (nicht das Böse), die sich zumindest in Lust oder Unlust ausdrücken.
Der Wille zur Macht ist ein Begriff für das Streben, sich zu behaupten. Aus diesem Willen zur Macht entstehen Herrschaftsgebilde wie der Staat, die Wissenschaft oder die Religion. Diese sind die Zentren des Willens zur Macht. Zur Auffassung des Nihilismus gelangt man, weil man erkennen muss, dass es weder ein höchstes Seiendes noch eine objektive Moral gibt. Nihilismus ist die radikale Ablehnung von Wert, Sinn oder Wünschbarkeit. Gott ist tot meint, dass man kein Absolutes oder einen Geist (wie bei Hegel) finden kann, woran man sich halten kann. Zur Überwindung des Nihilismus bedarf es der Umwertung der Werte. Anstatt wie Schopenhauer bei einem grundsätzlichen Pessimismus stehen zu bleiben, fand Nietzsche das Konzept des Übermenschen. Dieser bejaht das Leben, indem er sich zu seiner Existenz und Vergänglichkeit im Werden bekennt und auch dazu, dass sein Überlebenswille sich ausdrückt in einem ständig vorhandenen Willen zur Macht. Eine Perspektive für den lebensbejahenden Menschen ist die Vorstellung der ewigen Wiederkehr. Der Raum ist endlich und mit ihm das, was im Raum ist, so auch der Mensch. Die Zeit hingegen ist unendlich. Da die Welt ein unendlicher Prozess des Werdens ist, wird sich jede der endlichen Konstellationen im Raum einst wiederholen. Mit diesem von Nietzsche selbst als sehr gewagte Hypothese bezeichneten Weltmodell begibt sich der Antimetaphysiker Nietzsche am Ende doch in den Bereich der Metaphysik.
Die Bedeutung Nietzsches, die mit einem hohen Gewicht bis in die Gegenwartsphilosophie reicht, liegt in der Provokation. Der Bruch mit allen Traditionen bis hin zum Absurden zeigt deutlich die Grenzen der Vernunft. Es ist eine Abkehr von jedem System, kein rationales Räsonieren, sondern die Frage nach der existenziellen Erfahrung des Lebens, nach der subjektiven Perspektive, nach der Auslegung von Wissen und Denken. Mit seinen immer wieder gebrochenen, nicht in einen Zusammenhang gebrachten Gedankensplittern einerseits, mit der dichterischen, immer wieder vor allen Dingen im Spätwerk bis ins Extreme überzeichnenden Sprache andererseits und schließlich mit der anthropologisch fragwürdigen Herausstellung des aristokratischen Genius wurde und wird Nietzsche für faschistische Zwecke ge- und missbraucht. Bis heute teilen sich die Rezipienten seines Werkes in glühende Verehrer und abgrundtiefe Gegner bzw. Verächter.
Dennoch gilt zumeist Hermann Cohen (1842 – 1918) als der Begründer der sog. Marburger Schule, die stark mathematisch, wissenschaftsorientiert ausgerichtet war. Er kritisierte den Psychologismus vom kantischen Standpunkt. Dass es ein von der Psyche unabhängiges Wissen gibt, erklärt sich schon daran, dass Mathematik in Lehrbüchern unabhängig vom Subjekt existiert. Entsprechend kann die Erkenntnis nicht allein an ein Subjekt gebunden werden. In Bezug auf Kant entwickelte Cohen nach einer zunächst philologischen Darstellung im Laufe der Zeit eine eigenständige Position, die eher den idealistischen Standpunkt einnahm und insbesondere nicht Begriffe, sondern Urteile als Basis des menschlichen Denkens zugrunde legte. Auch Paul Natorp (1854 - 1924) befasste sich vor allem mit den logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften. Allerdings lehnte auch er die Existenz eines Dings an sich und von vom Verstand unabhängigen Anschauungen ab. Zur Marburger Schule zählten u.a. auch Karl Vorländer, mit dem Schwerpunkt der Geschichtsphilosophie in Verbindung mit dem Marxismus und Rudolf Stammler, der sich vor allem mit sozial- und rechtsphilosophischen Fragen befasste.
Demgegenüber steht die Südwestdeutsche oder Badische Schule des Neukantianismus für eine auf die Werte orientierte Philosophie. Hauptvertreter waren Wilhelm Windelband (1848 – 1915) und Heinrich Rickert (1863 - 1936). Windelband sah in der Philosophie vor allem die Lehre von den allgemeingültigen Werten, nämlich der Wahrheit im Denken, der Gutheit im Wollen und Handeln und der Schönheit im Fühlen. Er unterschied prinzipiell zwischen Geschichte und Naturwissenschaft. Für Windelband heißt Kant verstehen, über ihn hinauszugehen. Rickert betonte den Unterschied zwischen Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft und entwickelte eine eigene Wertphilosophie. Ernst Cassirer (1874 – 1945) steht einerseits der Tradition der Marburger Schule nahe, ist vom Alter her und mit der Aufnahme sprachphilosophischer Themen wie der Frage der Bedeutung sowie der Philosophie der symbolischen Formen andererseits schon voll dem 20. Jahrhundert zuzurechnen. Für ihn waren die Kategorien historisch bedingt und konnten sich nicht nur in sprachlichen, sondern auch religiösen oder ästhetischer Formen ausdrücken.
Neben den festen Schulen zählten zu den weiteren Vertretern des Kritizismus u.a. Robert Reininger (1869 – 1955), der Arbeiten zum psychophysischen Problem und zur Wertphilosophie veröffentlichte, Alois Riehl (1844 -1924), für den Philosophie nicht Weltanschauungslehre, sondern vor allem Kritik der Erkenntnis war. Dabei war für ihn Kant insoweit fortzuschreiben, als neuere Erkenntnisse der Naturwissenschaft und Mathematik (z.B. nicht – euklidische Geometrie) mit einzubeziehen sind, was er grundsätzlich für möglich hielt. Spätere Vertreter des Kritizismus sind ähnlich wie Cassirer eigentlich dem 20. Jahrhundert zuzurechnen, entstammen aber der neukantianischen Bewegung. Hans Vaihinger (1852 - 1933) ist bekannt als Kommentator der Kritik der reinen Vernunft und als Begründer der Kant-Studien. Seine Philosophie des „Als Ob“ ist dem Pragmatismus aufgrund des verwendeten Wahrheitsbegriffs zuzurechnen. Erkenntnis kommt aufgrund hypothetischer Fiktionen zustande. Ihr Wahrheitsgehalt richtet sich nach dem praktischen Lebenswert. Eine objektive Wahrheit ist hingegen nicht möglich. Im Zentrum der Philosophie von Richard Hönigswald (1875 – 1947), einem Schüler Alois Riehls, stehen die beiden Grundprobleme des ‚Gegebenen’ und einer ‚Allgemeinen Methodenlehre’ des menschlichen Erkennens. Im Gegensatz zur Marburger Schule basieren seine Untersuchungen zum Ding an sich auf denkpsychologischen Überlegungen, in denen er einen Zusammenhang Bewusstsein und Gegenstand beschreibt. Dabei ist Sprache notwendig für das Bewusstsein und erst durch Sprache wird die Objektivität eines Gegenstandes hergestellt.
In Deutschland fand der Idealismus nach dem Tode Hegels zunächst nur wenige Vertreter wie Hermann Glockner, Karl Larenz oder Karl Rosenkranz. Die gesellschafts- und religionskritischen Junghegelianer wandten sich dem Materialismus zu und bezogen sich überwiegend nur noch auf Hegels Dialektik und Geschichtsphilosophie. Im Ausland gelangte Hegel aufgrund der Übersetzungsproblematik erst allmählich in das Bewusstsein breiter Kreise. Verdienste erwarb sich hierbei der Eklektiker Victor Cousin, der die Philosophie Hegels in Frankreich publik machte und damit Ausgangspunkt einer langen Tradition wurde die über Alexandre Kojève insbesondere im Existentialismus und der politischen Philosophie bis in die Gegenwart reicht.
In England wurde der Idealismus insbesondere durch Francis Herbert Bradley zur dominierenden Strömung am Ende des 19. Jahrhunderts. er wandte sich vor allem gegen das positivistische Realitätsverständnis mit einer von vielen unabhängigen Objekten bestimmten Wirklichkeit, die allein durch Erfahrung erfassbar sei. Vielmehr sah er in der Realität eine einheitliche Idee der Erfahrung. Bradley wurde darüber hinaus bekannt durch seine Beiträge zur Moralphilosophie und Logik sowie als Lehrer von Bertrand Russell, der sich aber bald vom Idealismus abwandte und zum Mitbegründer der analytischen Philosophie wurde. Weitere Vertreter des Idealismus in England waren der politische Philosoph und Sozialreformer Bernhard Bosanquet und J.E. McTaggert, der vor allem für seinen subjektivistischen Zeitbegriff bekannt ist. Hinzu kamen in den USA Josiah Royce, der einen idealistischen Personalismus vertrat, sowie der Schriftsteller Ralph Waldo Emerson als führende Figur des vom Idealismus beeinflussten Transzendentalismus.
In Italien wurde der Idealismus und vor allem Hegel durch Bertrando Spavénta bekannt gemacht. Er hatte seine prominentesten Vertreter vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dem vom Marxismus ausgehenden Geschichtsphilosophen Benedetto Croce, der einen Stufenbau des Geistes lehrte, sowie in dem Faschisten Giovanni Gentile, für den alle Erscheinungen und Vorstellungen Elemente eines reinen Aktes waren, der Ausdruck höchsten Sittlichkeit ist.
Zu einer historischen Wiederaufnahme der Auseinandersetzung mit Hegel trugen vor allem die Arbeiten von Wilhelm Dilthey sowie der Neukantianer Kuno Fischer und Windelband kurz nach der Jahrhundertwende bei. In der Rezeption zu nennen sind Theodor Litt, die Marxisten Georg Lukács und Ernst Bloch sowie in ihrem Geschichtsverständnis die Vertreter der Frankfurter Schule und die Philosophie der Kunst bei Adorno. Vertreter des Idealismus Hegelscher Prägung in der Gegenwart sind unter anderem Vittorio Hösle und Dieter Wandschneider.
Jakob Friedrich Fries (1773 – 1843) lehnte sich bei der Entwicklung seiner Position sehr nahe an Kant an, verband sie aber mit Fragen der Psychologie und der Anthropologie. Fries unterschied den transzendentalen Wahrheitsbegriff, der korrespondenztheoretisch möglich ist, von dem empirischen, bei dem nur ein Für-Wahr-Halten möglich ist. Seine Analyse entspricht wesentlich dem von Popper später entwickelten Falsifikationsprinzip. Aus dieser Differenzierung ergibt sich der Unterschied zwischen Irrtum und Unvernunft. Andererseits wurde Fries mit dem Wahrheitsbegriff der unmittelbaren Erkenntnis zum Vorläufer der Evidenzauffassung bei Brentano und Husserl. Transzendentale Urteile weisen Erkenntnisse a priori als notwendige Bestandteile der Vernunft aus, z.B. die Vorstellung der Kausalität. In Anlehnung an Kant entwickelte Fries eine mathematische Naturphilosophie, in der er postulierte, dass alle physikalischen Phänomene sich auf mathematischen Prinzipien zurückführen lassen müssen. Die Naturphilosophie Schellings sowie den ganzen Idealismus lehnte er strikt ab. Wieder aufgegriffen hat seine Philosophie Leonard Nelson, der aufgrund der Zirkelhaftigkeit eine Erkenntnistheorie nicht für möglich hielt.
Sehr stark auf Leibniz bezog sich Johann Friedrich Herbart (1776 – 1841), der u.a. von 1809 – 1830 Philosophie in Königsberg lehrte und in der Philosophie vor allem die Bearbeitung der Begriffe sah, wodurch er alle Gegensätze und Unklarheiten ausräumen wollte. Herbart gilt als Gegenspieler Hegels und Begründer des Psychologismus. Er wollte angeregt von den grundlegenden naturwissenschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit die seelischen Vorgänge als eine Art von Mechanik auffassen, die auch quantitativ messbar sind. Gustav Theodor Fechner (1801 – 1887) konkretisierte dieses Programm, indem er nur physikalisch messbare Vorgänge in seine psychologischen Forschungen einbezog. Wilhelm Wundt (1832 – 1920), der Begründer des ersten Instituts für experimentelle Psychologie (1875 in Leipzig) vertrat einen psychophysischen Parallelismus. Philosophisch setzte er sich mit den Themen Logik und Induktion auseinander. Friedrich Eduard Beneke (1798 – 1854) musste unter dem Druck Hegels die Universität Berlin verlassen, weil er sich in Anlehnung an Fries und Herbart gegen den Idealismus wandte und stattdessen eine auf der induktiven Psychologie aufbauende antispekulative Philosophie forderte.
Theodor Lipps (1851 - 1914) sah in den logischen Gesetzen die Naturgesetze unseres Denkens. Er verband eine Ästhetik des Willens zum künstlerischen Schaffen mit einer theorie der Einfühlung. Die analysierende Psychologie sah er als Grundwissenschaft für Logik, Ethik und Ästhetik an. Eduard von Hartmann (1842 – 1906) machte das Unbewusste zu seinem Thema. Die Vernunft ist nur messend, vergleichend und kritisch. Das Schöpferische hingegen stammt aus dem Unbewussten. Seine Erkenntnistheorie wird üblicherweise als kritischer Realismus bezeichnet. In der Ethik schloss er sich dem Pessimismus Schopenhauers an.
Franz Brentano (1838 – 1917) war ursprünglich Priester, Psychologe und lehrte Philosophie in Würzburg und Wien. Gegenstand der Philosophie sind Vorstellungen, Urteile und Schlüsse. Diese Akte erforscht man in der deskriptiven Psychologie als Grundlagenwissenschaft. Er gilt als Begründer der Aktpsychologie. Alle psychischen Akte sind intentional, d.h. sie beziehen sich auf etwas. Urteile der äußeren Wahrnehmung sind niemals einsichtig. In Analogie kann auch Wahrheit nicht logisch bewiesen werden. Als letzter Grund gilt was sich nicht durch eine Definition beschreiben lässt. Hierfür prägt er den Begriff der Evidenz. Auf Werte ist das Prinzip nicht anwendbar, das diese nur subjektiv sind. Brentano lieferte wesentliche Elemente für die Philosophie Edmund Husserls. Wichtigster Schüler Brentanos war Alexius Meinong (1853 – 1920), der versuchte auch Gefühlen und Begehrungen intentional aufzufassen, d.h. ihnen Gegenständlichkeit zuzuweisen.
Charles_Sanders_Peirce_theb3558.jpg Der Naturwissenschaftler Charles Sanders Peirce (1839 – 1914) gilt als Begründer des Pragmatismus. Seine philosophischen Auffassungen hat er nicht in einem geschlossenen Werk publiziert, so dass er erst sehr spät wahrgenommen wurde. Dennoch sind seine Grundgedanken auch für die heutige Diskussion vielfach unmittelbar wirksam. Ausgehend von der Frage, wie wir unsere Begriffe klären können, deutete Peirce den Erkenntnisprozess als einen ständigen Wechsel zwischen Überzeugung und Zweifel. Dabei beinhalten Überzeugungen Handlungsanweisungen. Überzeugungen seien aber niemals stabil, sondern werden im Laufe der Zeit durch Zweifel hinterfragt. Diese haben die positive Funktion einen (häufig allerdings vorschnell als solchen bezeichneten) Dogmatismus zu verhindern. Schon Peirce vertrat einen Fallibilismus, nachdem es keine absolut richtigen Überzeugungen geben könne. Die Bedeutung eines Begriffs liege darin, welche Konsequenzen er für das Handeln hat. Peirce vertrat die Auffassung, dass es ohne Zeichen und damit ohne Sprache keine Erkenntnis gibt. Dementsprechend ist die Lehre von den Zeichen, die Semiotik, eine Grundlagenwissenschaft für die Philosophie. Hieran knüpfte die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts an.
Wiliam_James.jpg Den in Verbindung mit dem Pragmatismus diskutierten Wahrheitsbegriff prägte William James (1842 – 1910) durchaus nicht in Übereinstimmung mit Peirce. Als strikter Empirist war James eher Skeptiker, für den nicht erste Prinzipien, sondern die praktischen Folgen des Handelns im Vordergrund standen. Wahrheiten seien subjektiv und nicht endgültig (vgl. zu den Gefahren dieser einseitigen und im allgemeinen selbstwidersprüchlichen Auffassung Subjektivismus und Relativismus). Von daher gebe es kein sicheres Wissen. Durch den subjektiven Standpunkt ist das Wahre das, was auf dem Weg des Denkens förderlich ist. Theorien seien wahr, wenn sie brauchbare Instrumente der Erklärung sind. Dementsprechend seien Aussagen auch nicht als isolierte Sätze wahr, sondern nur jeweils in ihrem Kontext. Diese Sichtweise entspricht der Korrespondenztheorie der Wahrheit. John Dewey (1859 – 1952) versuchte, den pragmatischen Ansatz auch in der Pädagogik und in der Soziologie zur Geltung zu bringen. Weitere namhafte Vertreter des Pragmatismus sind George Herbert Mead (1863 - 1931) und in Europa Ferdinand Canning Scott Schiller (1864 - 1937).
Dilthey1.jpg | Wilhelm Dilthey (1833 – 1911) wendete sich vor allem gegen die deterministische naturwissenschaftliche Variante von Mill, Spencer u.a. Erleben ist ein Erleben von Zusammenhängen, die nicht einfach in Einzelelemente zergliedert werden können. Diltheys Interesse galt vor allem geschichtlichen Betrachtungen. Hierzu führte er die heute noch übliche Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften ein. Während das wissenschaftliche Prinzip der ersteren das des Erklärens ist, muss in den Geisteswissenschaften das Prinzip des Verstehens zugrunde gelegt werden. Die Naturwissenschaften versuchen aus einzelnen Phänomenen eine allgemeine Regel zu finden. In den Geisteswissenschaften befasst man sich hingegen gerade mit dem einzelnen Phänomen wie einem historischen Ereignis oder einer Biographie. Ein Eckpunkt der Philosophie Diltheys ist der Lebenszusammenhang von Erlebnis, Ausdruck und Verstehen. Das Prinzip des Verstehens (Hermeneutik) ist dabei nicht nur auf Texte anzuwenden sondern auch auf Kunstwerke, religiöse Vorstellungen oder Rechtsprinzipien. Im Verstehen wirkt nicht nur der kognitive Verstand, sondern auch das emotive Wollen und Fühlen des Betrachters. Es bedarf einer ganzheitlichen Betrachtungsweise, die z.B. durch eine analytische Psychologie, die auf Einzelaspekte geht, nicht geleistet wird. In Folge der Gedanken Diltheys entwickelte sich die Gestaltpsychologie, die vor allem deskriptiv ist.
Henri Bergson (1859 – 1941) sieht einen Unterschied zwischen der erlebten Zeit als Seelenzustand und der analytischen Zergliederung der Naturwissenschaft, der eine am Raum orientierte Vorstellung zu Grunde liegt. Der Mensch nimmt direkt Strukturzusammenhänge wahr, die man nicht teilen kann. Dementsprechend ist die naturwissenschaftlich analytische Psychologie, die einzelne psychische Elemente zu erfassen sucht, nicht geeignet, ein Gesamtbild eines Seelenzustandes zu erfassen. Bewusstsein kann man nur qualitativ erfassen. Physikalisch erfasste Zeit ist determiniert und kausal. Erlebte Zeit als Dauer ist die Voraussetzung für Freiheit. Wahrnehmung erfolgt ursprünglich in Bildern und beinhaltet auch immer zugleich Erinnerung und Bedürfnis, also Vergangenheit und Zukunft. Zur Erkenntnis des ganzheitlichen Wesens von Dingen bedarf es der ergänzenden Intuition.
Hans Driesch (1867 – 1941) stellte aufgrund seiner biologischen Forschungen fest, dass Keime, die gespalten werden, sich wieder zu vollwertigen neuen Keimen ausbilden. Hieraus schloss er, dass in der Natur eine nicht kausal bestimmte Naturkraft gäbe, die er in Anlehnung an Aristoteles Entelechie nannte. Aufgrund seiner Auffassungen gilt Driesch als Vertreter des Neovitalismus. Ludwig Klages (1872 – 1956) betonte den Gegensatz von Leib und Seele einerseits sowie des Geistes andererseits. „Der Takt wiederholt, der Rhythmus erneuert.“ Im Denken des Geistes lösen wir für einen endlichen Moment den Gegenstand aus seiner phänomenalen Wirklichkeit, aus einem stetigen raumzeitlichen Kontinuum. Von Hause aus Chemiker stand Klages als Philosoph und Dichter den Naturwissenschaften kritisch gegenüber. Erkenntnistheorie war für ihn Bewusstseinswissenschaft. An Nietzsche schätzte er die Aufdeckung von Selbsttäuschungen, Wertfälschungen und kompensatorischen Idealen, lehnte aber seine Erkenntnistheorie grundlegend ab. Durch sein ganzheitliches Leben mit ständigem Einsatz für den Naturschutz gilt er als einer der Urväter der modernen Ökologiebewegung.
Für Georg Simmel (1858 – 1918) enthält das Erkennen Kategorien a priori, die jedoch im Zuge der Evolution und der Person eine Entwicklung durchmachen. Im Erkennen wird das Chaos der Erlebnisse geordnet. Unser individuelles Denken kann aber nicht die Einheitlichkeit der Totalität voll erfassen. Ideelle Inhalte wie Wahrheit bilden ein von der Psyche unabhängig geltendes Reich. Die Vorstellung der Wahrheit veranlasst den Menschen zu nützlichem Verhalten entsprechend den Lebensanforderungen. Wahr ist, was sich in der Selektion bewährt hat und zweckmäßig war. Das Sollen ist eine ursprüngliche Kategorie, wenn auch in der Praxis die Inhalte wechseln. In ihm kommt der Wille der Gattung zum Ausdruck. Altruismus ist Egoismus der Gattung. Simmel war neben seiner philosophischen Tätigkeit auch ein bedeutender Vertreter der Soziologie.
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"Philosophie des 19. Jahrhunderts".
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