Philipp Franz von Siebold (* 17. Februar 1796 in Würzburg; † 18. Oktober 1866 in München) war ein deutscher Arzt, Japan- und Naturforscher, Ethnologe und „Pflanzenjäger“. Erster Japanaufenthalt: 11. August 1823 bis 2. Januar 1830. Zweiter Japanaufenthalt: 4. August 1859 bis Ende April 1862. Siebold ist einer der letzten und wichtigsten Zeugen des „Alten Japan“ (späte Tokugawa-Zeit vor der Meiji-Restauration). In Japan ist er unter dem Namen Shīboruto-san bis heute hochverehrt.
In Batavia bot ihm der Generalgouverneur an, die neue nach Japan abgehende holländische Mission zu begleiten und dort in der Eigenschaft als Arzt bei der Faktorei auf Deshima zu bleiben und sich im Auftrag der Regierung mit wissenschaftlichen, namentlich aber mit naturwissenschaftlichen Studien zu beschäftigen. Er steht damit in der Tradition von Caspar Schamberger, Christoph Frick, Engelbert Kaempfer (1651-1716), Carl Peter Thunberg (1743-1828) und anderen Ärzten und Wissenschaftlern in Diensten der Niederländischen Ostindischen Kompanie auf Deshima. Medizin, Naturgeschichte und Mathematik waren bei den Japanern beliebt, und so waren gebildete Personen bei der niederländischen Faktorei stets willkommen gewesen, und Ärzte wurden besonders gut aufgenommen. Man glaubte daher, durch die Sendung eines Arztes und Naturforschers auch die handelspolitischen Absichten zu unterstützen.
Siebolds Beziehungen zu den japanischen Gelehrten und Ärzten waren bestens. Die Regierungsbeamten drückten ein Auge zu und gestatteten ihm nach und nach täglich den Ausgang von Deshima, wo die übrigen Mitglieder der Faktorei inklusive ihres Vorstandes wie Staatsgefangene streng bewacht, nur ein- oder zweimal im Jahr die Insel verlassen durften und zwar nur unter amtlicher japanischer Aufsicht. Siebold erwarb später unter einem japanischen Namen ein Landhaus in Narutaki. Dort versammelten sich seine Schüler sowie Wiss- und Lernbegierige, um den fremden „Meester“ (Meister) zu sehen und zu hören. Er hielt wöchentlich Vorlesungen in holländischer Sprache über westliche Natur- und Heilkunde.
Die japanischen Dolmetscher, denen die holländische Sprache geläufiger war als Siebold, hatten bald Verdacht geschöpft, dass er kein Nationalholländer sei. Bei ihrer etwas mangelhaften Kenntnis der europäischen Geographie jedoch wurde den Beamten erklärt, dass der Unterschied einfach darin bestände, dass Siebold kein Niederdeutscher (oder Niederländer) sei, sondern ein Hochdeutscher – man bediente sich des wohl eigentümlichen Ausdrucks Jama Hollanda, „Bergholländer“ oder „wilder Holländer“ – und deshalb einen merkwürdigen Dialekt (hochdeutsch sei bergholländisch) spräche.
Siebold behandelte Kranke, die schließlich aus allen Landesteilen zu ihm kamen, und führte erstmals Vakzine in Japan ein.
Von Anfang an hatte Siebold sich zum Prinzip gemacht, keinerlei Entgelt für seine Krankenbehandlung anzunehmen, während er selbst mit Geschenken aller Art freigiebig vorging. Die generös angelegten Japaner konnten und wollten hierin nicht zurückbleiben und überhäuften ihn mit Geschenken, die aber immer einen ethnographischen Wert oder wissenschaftliches Interesse haben mussten, um Annahme zu finden. Die damalige japanische Regierung hatte auf das Strengste den Verkauf von allen die Verwaltung, Topographie oder Geschichte des Landes betreffenden Werken an Ausländer untersagt und auch alle auf Religion, Kriegskunst und das Hofleben bezüglichen Gegenstände als geheim erklärt. Diese Verordnung ging soweit, dass die Ausfuhr von Kultusgegenständen, Waffen, Münzen, Karten und der meisten Bücher (mit Ausnahme solcher ganz unschädlichen Inhalts) verboten wurde, und dass selbst bei kleinen Modellen und bei Spielsachen die Miniaturwaffen bei der Ausfuhr abgenommen werden mussten. Trotzdem gelang es Siebold, in dieser Hinsicht eine außerordentlich reichhaltige Sammlung zusammenzustellen. Zusätzlich durchstreiften eigens angestellte Jäger die Wälder, und von ihm instruierte Assistenten präparierten die Bälge und Skelette der zoologischen Ausbeute.
Mit Hilfe von Rangaku-Wissenschaftlern wurde ihm gestattet, an der 4-jährlichen offiziellen Hofreise der Holländer zur Audienz beim Shogun Tokugawa Ienari teilzunehmen und das Festland zu bereisen, was eigentlich für Ausländer streng verboten war. Die Reise nach Edo zum Regierungssitz des Shogun konnte Siebold für Tier- und Pflanzen-Bestimmung und – natürlich ebenfalls verbotene – Landvermessung nutzen.
In Folge der Bekanntschaft mit japanischen Gelehrten in Edo konnte Siebold seine Sammlung auch um einen ethnographischen Teil erweitern, der dann aber viele politisch riskante Objekte enthielt.
Exemplare der Sammlung
Während der Verschiffung der Sammlung im Jahre 1828 wurde entdeckt, dass Siebold im Besitz illegaler Dokumente (Landkarten und Grundrisse) war und diese ins Ausland ausführen wollte – die sog. „Siebold-Affäre“ – und ihm wurde ein Prozess gemacht. Viele seiner japanischen Schüler wurden verfolgt, inhaftiert oder sogar hingerichtet. Siebold selbst jedoch durfte ausreisen, aber eine Rückkehr nach Japan wurde ihm zunächst verboten. Seine japanische Frau Taki und seine Tochter Ine musste er in Japan zurücklassen. Erst 1858 bis 1862 durfte er noch einmal nach Japan, nachdem im Jahre 1853 durch die Mission von Commodore Matthew Perry Japan dem Ausland geöffnet und somit die alten Verträge, wie z.B. das Aufenthaltsverbot Siebolds, aufgehoben wurden.
Die niederländische Regierung gab Siebold nach seiner Rückkehr nicht nur unbegrenzten Urlaub zur Herausgabe seiner wissenschaftlichen Werke und zur Ordnung seiner Sammlungen, sondern unterstützte ihn auch auf jede mögliche Weise und überhäufte ihn, nachdem die Resultate seiner Forschungen nach und nach in die Öffentlichkeit gedrungen waren, mit hohen Ehren. Nachdem er die Aufstellung seiner Sammlungen vollendet hatte, widmete Siebold sich ganz der literarischen Tätigkeit: der Herausgabe seiner Werke über Japan. Eine der bedeutenden Schriften ist „Nippon. Archiv zur Beschreibung Japans …“ in neun Abteilungen (1832–1858 veröffentlicht, ²1897 erweitert). Sie enthält auch die Tagebuchaufzeichnungen seiner Hofreise und der Audienz, seiner Forschung unter den Bedingungen von Japans Abschließung, seiner ärztlichen Tätigkeit. Ferner gelten als seine Hauptwerke die Fauna (Mammalia, Aves, Pisces, Reptilia) und Flora Japonica, sowie sein Atlas des Japanischen Reichs.
Über die 1939 gegründete Siebold-Gesellschaft und Siebolds Akklimatisationsgarten in Leiden führte er viele bedeutende Gartenpflanzen in Europa ein wie Hortensien, Hosta, Blauglockenbaum und Japanischen Staudenknöterich, der in Deutschland inzwischen als invasiver Neophyt verwildert.
In der deutschen Wissenschaftsgeschichte blieb Siebold lange Zeit verkannt, doch kann man seinen wissenschaftlichen Beitrag mit Forschungsreisenden wie z.B. Alexander v. Humboldt vergleichen. Siebold gilt als Wegbereiter der Japanologie. So wurde ihm in Bonn eine Professur für Japanologie angeboten, die die erste in Europa gewesen wäre, doch er lehnte etwas hochmütig ab, da er nicht „vom Ross auf einen Esel satteln“ wollte. Siebold sammelte während seiner Zeit in Ostasien unzählige Gegenstände aus Kunst und Alltag, ganz entsprechend seinem enzyklopädistischen Anspruch. Nach seiner Rückkehr nach Europa verkaufte er Teile der Sammlungen, u.a. an die Königs- bzw. Kaiserhöfe in Holland und Wien. Hiervon konnte er sich ein angenehmes „Rentenleben“ leisten, das er vor allem mit botanischen Studien ausfüllte. Siebolds Sammlungen stellen bis heute den Grundstock der Japansammlungen einiger wichtiger Museen Europas dar (z.B. die Völkerkundemuseen Leiden, München und Wien).
In Leiden befindet sich in einem zeitlebens von ihm gemieteten, als Ausstellungsraum benutztes Haus seit 2005 das Siebold-Haus, ein den Beziehungen zwischen Japan und den Niederlanden gewidmetes Museum. Mehrere wichtige von Siebold gesammelte Stücke sind dort ausgestellt. Auch Siebold selbst ist ein Teil des Museums gewidmet. Im Hortus Botanicus der Leidener Universität stehen noch ein Dutzend von Siebold selbst aus Japan eingeführter Bäume und Sträucher, sowie eine Büste des Wissenschaftlers. Der Name „Siebold“ gehört zur botanischen Nomenklatur und viele Pflanzen sind nach ihm benannt: Primula sieboldii, Hosta sieboldii, Viburnum sieboldii, Magnolia sieboldii, Malus sieboldii, Prunus sieboldii, Dryopteris sieboldii, Sedum sieboldii, Tsuga sieboldii und noch einige mehr. Sein Sohn Heinrich (Henry) v. Siebold, 1852–1908, führte Teile der Forschungen fort und gilt z.B. neben Edward S. Morse Edward S. Morse als einer der Begründer der Archäologie in Japan.
Mann | Deutscher Botaniker Corpsstudent | Japanologe | Geboren 1796 | Gestorben 1866
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