Die Pharisäer (hebräisch für der Abgesonderte) waren eine theologische Ausrichtung im antiken Judentum. Sie bestanden während der Zeit des zweiten jüdischen Tempels (ca. 530 v.Chr. - 70 n.Chr.) und wurden danach als rabbinisches Judentum die einzige bedeutende überlebende jüdische Strömung.
Im Neuen Testament werden Vertreter der Pharisäer als Heuchler kritisiert; dieses Prädikat ist in vielen Ländern mit christlicher Tradition umgangssprachlich übernommen worden. Die Hintergründe dieser Kritik sind im Abschnitt "Pharisäer und Christentum" weiter unten ausgeführt.
In Anlehnung daran gilt in der - vor allem schleswig-holsteinischen und österreichischen - Gastronomie ein mit hochprozentigem Rum flambierter Kaffee mit Sahnehäubchen als Pharisäer. Siehe dazu Pharisäer (Getränk).
Während ihres Bestehens definierten sich die Pharisäer in erster Linie als Opposition zu den Sadduzäern. Die Sadduzäer repräsentierten die konservative, priesterlich-aristokratische Oberschicht, die Pharisäer fanden ihre Anhänger in der breiten Masse des Volkes. Konflikte bestanden in der Auffassung vom Verhältnis zwischen Arm und Reich sowie der Akzeptanz oder der Ablehnung einer Hellenisierung der jüdischen Gesellschaft. Religiöse Unterschiede betrafen die Beurteilung des Tempels, der nach pharisäischer Ansicht den mosaischen Gesetzen und Propheten nachgeordnet war.
Die Position und Glaubenssätze der Pharisäer entwickelten sich im Laufe ihres Bestehens, und lassen sich daher am besten anhand ihrer geschichtlichen Entwicklung nachvollziehen. Schriftliche Überlieferungen existieren nur aus der späteren Zeit; insbesondere die Rabbi Hillels und Rabbi Schammais aus dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung sind durch ihre Schriften und Kommentare bekannt.
Der Opferdienst war zentraler Gottesdienst, er war geregelt nach den Vorschriften der heiligen Schriften (die spätere Thora, die 5 Bücher Mose), die einen historischen Bezug gaben, ethische und kultische Vorschriften kodifzierten.
Das alte "Judentum" um den ersten Tempel endete mit Eroberung durch die Babylonier und die Zerstörung des Tempels im Jahre 586 v. Chr. Viele Juden, insbesondere aus der Oberschicht, wurden ins Exil nach Babylon verbannt.
Eine dieser Gruppen waren die Vorgänger der Pharisäer, die ihre frühen Mitglieder in Schriftgelehrten und Weisen hatte. Diese entwickelten sich zu den allgemein anerkannten Fachleuten in Fragen der Auslegung der Thora. Diese Weisen, später als Rabbi tituliert, entwickelten die "mündliche Tradition", die später als Kommentar neben die Thora gestellt wurde.
Alexander des Großen Feldzüge beendeten 332 v. Chr. die persische Herrschaft und leiteten die hellenistische Zeit Israels ein. Nach dem Zerfall des Reichs Alexanders befand sich Judäa seit dem Ende des 2. vorchristlichen Jahrhunderts unter dem Einfluss der Seleukiden in Babylon. Unter deren Herrscher Antiochos IV. Epiphanes wurde eine Hellenisierung Judäas mit Unterstützung der Sadduzäer eingeleitet. Die Plünderung des Tempels mit der Anweisung, dort griechischen Göttern Opfer darzubringen, führte zum jüdischen Makkabäeraufstand unter Mattathias und seinem Sohn Judas Makkabäus. Der Aufstand war erfolgreich, und Judas Makkabäus' Neffe Johannes Hyrcanus begründete 152 v. Chr. das priesterliche Herrscherhaus der Hasmonäer. Die Pharisäer organisierten sich nun in Opposition zu den Hasmonäern.
Der Konflikt entzündete sich an der Forderung der Pharisäer, der Hasmonäer Alexander Jannai (102-76 v. Chr.) müsse sich zwischen dem Amt des Hohepriesters und dem des Königs entscheiden. Der folgende Bürgerkrieg wurde schnell und blutig niedergeschlagen; der König rief allerdings auf seinem Totenbett zum Ausgleich zwischen beiden Parteien auf. Auf Alexander folgte seine Frau, Salome Alexandra (75-67 v. Chr), deren Bruder, Simeon ben Shetah ein führender Pharisäer war. Nach ihrem Tod wandte sich ihr älterer Sohn, Hyrcanus, an die Pharisäer, der jüngere, Aristobulus, an die Sadduzäer um Unterstützung.
Dieser Konflikt führte wieder zum Bürgerkrieg, der erst mit der Eroberung Jerusalems durch den römischen General Pompejus endete. Hiermit begann die römische Zeit Israels. Pompejus schaffte die Monarchie ab, setzte Hyrcanus als Hohepriester ein und verlieh ihm den Titel "Ethnarch"; 57 v. Chr. verlor er jedoch alle politische Macht an den römischen Prokonsul in Syrien. Dieser setzte zwei Brüder, Phasael über Judäa und Herodes über Galiläa, als Militärverwalter ein.
Im Jahre 40 v. Chr. gelang es Antigonos, dem Sohn Aristobulus', Hyrcanus abzusetzen und sich selbst zum Hohepriester und König zu erklären. Herodes floh nach Rom, wo er seine Anerkennung als König erreichte. Dies beendete die Dynastie der Hasmonäer. Nach Herodes Tod regierten seine Söhne als Tetrarch über Galiläa und als Ethnarch über Judäa (inklusive Samaria und Idumäa). Nach dem Jahre 6 regierte indirekt ein römischer Prefekt oder Procurator; ein von Rom eingesetzter Hohepriester versah die Regierungsgeschäfte.
Zu dieser Zeit wurde auch der Sanhedrin eingerichtet. Seine Mitglieder hatten die höchste jüdische Rechtsprechung, insbesondere in Bezug auf religiöse Fragestellungen, inne. Die Zusammensetzung und der Aufgabenbereich des Sanhedrin variierte je nach römischer Politik. Während dieser Zeit waren Judäa und Galiläa tributpflichtige, halb-autonome Staaten. Ananaus ist der einzig bekannte Hohepriester aus der Partei der Sadduzäer jener Zeit; man geht aber davon aus, dass der Sanhedrin von Sadduzäern dominiert war; die Pharisäer waren zwar populärer, hielten aber keine politische Macht in Händen.
Im Jahre 66 n. Chr. eskalierte der Konflikt der Juden mit den römischen Besatzern. In Caesarea kamen nach Angaben von Josephus bei religionsbedingten Spannungen 20.000 Juden ums Leben. Die folgende Entweihung des Jerusalemer Tempels durch die Römer sowie die Forderung nach einem Schutzgeld erbitterte alle jüdischen Fraktionen, und führte zum landesweiten Aufstand. Dieser wurde von den Römern zerschlagen, und endete nach einer 6-monatigen Belagerung im September des Jahres 70 mit der Zerstörung Jerusalems mitsamt des Tempels. Alle in Jerusalem gefundenen Menschen wurden von den Siegern getötet; Josephus schätzte die Zahl der Opfer auf über eine Million Menschen. Der letzte Widerstand der Zeloten wurde im Jahre 73 bei der Festung Masada gebrochen.
Dieses Ereignis beendete die Periode des zweiten jüdischen Tempels.
Sie mussten folgende Fragen im Rahmen des jüdischen Glaubens beantworten:
Judäa wurde in der Folgezeit durch einen römischen Prokurator in Caesarea und einen jüdischen Patriarchen regiert. Zum ersten Patriarchen wurde der führende Pharisäer Yohanan ben Zakkai ernannt. Er stellte den Sanhedrin unter pharisäischer Kontrolle wieder her, und bereitete damit den Weg für eine pharisäische Dominanz, die den Übergang zum rabbinischen Judentum einleitete. Die wichtigsten Folgeperioden waren die der Tannaim und der Amoraim, während derer Mischna und Talmud verfasst wurden. Das jüdische Leben ohne den Tempel verlagerte sich zum Studium in der Synagoge; Almosen an Bedürftige lösten die Tempelopfer ab.
Als der römische Kaiser Hadrian im Jahre 132 Jerusalem als eine dem Jupiter geweihte Stadt wiederaufbauen wollte, kam es erneut zum Aufstand. Simon Bar Kochba konnte für kurze Zeit mit Unterstützung des Sanhedrin einen jüdischen Staat errichten. Von einigen Juden wurde er daraufhin als Messias angesehen. Nach seiner Niederlage im Jahr 135 wurden nach Aufzeichnungen in der Mischna die zehn führenden Mitglieder des Sanhedrin auf grausame Weise hingerichtet.
Im Unterschied zu den anderen Ausrichtungen im antiken Judentum verpflichteten sie sich nicht nur dem im Tanach niedergeschriebenen Gesetz Mose, sondern befolgten auch die mündlich überlieferten "Vorschriften der Vorfahren" der älteren Gesetzeslehrer. Zur Begründung führten sie an, dass die in der Thora gegebenen Vorschriften ohne Erklärung unklar blieben; die parallel überlieferten, und etwa seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert gesammelten und später in der Mischna zusammengestellten Kommentare seien zum Verständnis und zur korrekten Ausführung der Vorschriften notwendig.
Nach Josephus glaubten die Sadduzäer, der Mensch habe einen freien Willen, die Essener an eine Prädestination des Menschen, während die Pharisäer einen freien Willen mit einem Vorherwissen Gottes lehrten. Die Pharisäer unterschieden sich weiter von den Sadduzäern darin, dass sie an eine Auferstehung der Toten glaubten. Josephus' Darstellung, an eine griechisch-römische Leserschaft gerichtet, ist wahrscheinlich unvollständig und diskutiert vorwiegend Fragestellungen, die auch der hellenistischen Philosophie relevant erschienen. Es gibt keine pharisäischen Dokumente aus der Zeit des zweiten Tempels; in späterer Zeit waren Fragen des jüdischen Gesetzes (Eheschließung, Shabbat, Reinheitsgebote) bedeutender als die von Josephus genannten Punkte. Auseinandersetzungen dieser Art prägen die innerjüdische Diskussion bis heute. Jüdische Schriften (Talmud, Mischna) behandeln so gut wie gar nicht theologische Fragestellungen, sondern befassen sich mit der Auslegung von Gesetzen.
Das ewige Leben verliert nach der Mischna nur, wer die Auferstehung der Toten, den göttlichen Ursprung der Thora oder die göttliche Fügung des menschlichen Schicksals leugnet (letzteres am Beispiel der Epikuräer). Um ein Leben zu retten, darf ebenfalls jedes Gesetz verletzt werden; eine Ausnahme findet sich im Traktat bSanhedrin 74a, der Götzendienst, Mord und Ehebruch absolut verbietet. Dagegen verlangt Judah haNasi, sowohl kleine als auch große religiöse Pflichten gleichermaßen einzuhalten; implizit werden alle Gesetze als gleichwichtig angesehen. Die Frage des Messias ist, in Abgrenzung zum Christentum, von untergeordneter Bedeutung.
Die Leistung der Pharisäer bestand darin, die Ausrichtung des Judentums auf den Tempel zu überwinden, indem sie den Alltag durch Einhaltung jüdischer Vorschriften heiligten. Die Loslösung von Tempeldienst und Priesterschaft bedeutete gleichzeitig eine Betonung des Einzelnen. Soziale Gerechtigkeit, eine Einheit aller Menschen sowie die Erwartung der Erlösung des Volkes Israel und aller Menschen wurden weitere Kernpunkte rabbinischer Lehre. Grundlage eines auf diese Ziele ausgerichteten Lebens stellte das "Halakha" (deutsch: Der Weg), eine aus den heiligen Schriften abgeleitete Gesetzessammlung, dar. Daraus folgte eine Hingabe zu Studium und Debatte sowie die Anwendung im Leben.
Diese Orientierung der Pharisäer zum täglichen Leben wird teilweise als extremer Legalismus ausgelegt; allerdings verlangten auch Sadduzäer und Essener eine rigorose Einhaltung der Gesetze, und reglementierten den Alltag. Pharisäische Besonderheiten waren etwa das rituelle Waschen vor jeder Mahlzeit. Dies stammt von der Vorschrift an die Priester, sich vor dem Tempeldienst zu reinigen. Die weitergehende Vorschrift beruht auf einer Ausweitung des Heiligen (hier das Essen). In anderen Situationen waren die Pharisäer dagegen weniger streng (etwa indem sie das Transportverbot des Shabbats beschränkten, wenn es um das Mitbringen von Speisen ging).
Während der Zeit des zweiten Tempels bestanden die Pharisäer nicht darauf, dass alle Juden ihrer Auslegung der Gesetze folgen sollten. Allerdings beanspruchte jede jüdische Richtung, die Wahrheit zu vertreten, und sprach sich gegen "Mischehen" aus. Zwischen den einzelnen Richtungen fanden Diskussionen um die korrekte Auslegung des Gesetzes statt. Nach der Zerstörung des Tempels endete die Unterteilung in verschiedene Richtungen; die Rabbiner vermieden den Ausdruck Pharisäer, der vielleicht auch keine Selbstbezeichnung gewesen war, und vermieden damit den Eindruck, dass sie selbst das Judentum nun dominierten. Die gelehrte Diskussion von Auslegungsfragen wurde wesentlicher Teil des rabbinischen Judentums; es erreichte seine Blütezeit im 4. und 5. Jahrhundert, als in Palästina und Babylon die zwei Hauptversionen des Talmuds entstanden.
Der Talmud bezeugt die inneren Auseinandersetzungen der späten Pharisäer exemplarisch an den Schulen um Hillel und Schammai. Die Meinungen dieser beiden Rabbis prägten die Debatten der folgenden Jahrhunderte. Der Talmud zeichnet die Sichtweise Schammais auf; allerdings setzte sich letztendlich die Hillels durch.
Die pharisäische Weisheitslehre findet sich in der Mischna (Pirke Avot) wieder. Ein bekanntes Beispiel ist eine Geschichte, die von Hillel dem Älteren überliefert ist. Herausgefordert, die Gesamtheit des jüdischen Gesetzes auf einem Bein stehend zu erklären, antwortete er: "Das, was Dir missfällt, tue auch deinem Nächsten nicht an. Das ist das ganze Gesetz; der Rest ist Kommentar. Geh und studiere es."
Die Pharisäer betonen im neuen Testament die Einhaltung von Reinheitsgeboten, während Jesus in seiner Nähe zur (pharisäischen!) Schule Hillels Gottes- und Nächstenliebe Vorrang gibt. Einhaltung des Buchstabens des Gesetzes wird der Einhaltung seines Sinns entgegengestellt.
Aufgrund der Entstehung des Neuen Testaments nach dem Bruch zwischen Judentum und Christentum vermuten nichtjüdische Kritiker eine verzerrte Darstellung der Pharisäer, die zur Zeit der Entstehung jener Schriften zur dominanten jüdischen Richtung geworden waren. Sie weisen darauf hin, dass Jesus pharisäische Positionen der Schule des Hillel (Nächstenliebe) oder der des Shammai (zur Ehescheidung) vertrat. Seine Auffassung von einem Leben nach dem Tod ist ebenfalls bei den Pharisäern zu finden. Auch die Anrede Rabbuni weist Jesus als in der pharisäischen Tradition stehend aus. Die überlieferten Auseinandersetzungen wären danach eher als talmud-typische Diskussionen zu sehen, die spätere Schreiber als tiefere Konflikte verstanden hätten. Andere Kritiker der neutestamentlichen Darstellung sehen die Darstellung der Pharisäer als Karikatur. Jesu Erklärung, dass einem geheilten Mann nun die Sünden vergeben seien, folgt der pharisäischen Auffassung jener Zeit; eine Verurteilung Jesu als Gotteslästerer aufgrund seiner Erklärung widerspricht dem historischen Bild der Pharisäer. Auch Jesu Heilung am Sabbath, im neuen Testament von Pharisäern verurteilt, verletzt keine der bekannten rabbinischen Vorschriften (siehe dazu auch "Mishneh Torah des RaMBaM" (Schabath 2-3). Ebenso erscheint die Ablehnung der Pharisäer gegenüber Jesu Botschaft an die gesellschaftlichen Randgruppen (Bettler, Steuereintreiber) im Widerspruch zur rabbinischen Tradition, die ebenfalls eine Vergebung für alle lehrt. Ein genauerer Vergleich zeigt, dass viele der Lehren Jesu im Einklang mit denen der Pharisäer stehen.
Grund für eine negative Darstellung der Pharisäer mag die Wendung der christlichen Mission von den Juden zu Nichtjuden gewesen sein. Hier war eine negative Darstellung der Juden, seit etwa dem Jahre 70 durch die Pharisäer repräsentiert, vorteilhaft. Das Christentum verstand sich in der legitimen Fortsetzung des Judentums, und wertete die nichtkonvertierten Anhänger ( also Juden, die Juden blieben ) deswegen ab.
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