Die Pflegewissenschaft ist der theoretische Rahmen für die Praxisdisziplinen der Pflege-Fachrichtungen (eine deutsche Aufteilung der an anderen Menschen praktizierten Pflege). Zentrale Themen dieser noch jungen, aber aufstrebenden Wissenschafts
disziplin sind:In Abgrenzung oder Ergänzung zur Medizin wird ein ganzheitliches Menschenbild zugrundegelegt, in dem die Sichtweise und das Erleben der zu Pflegenden eine wichtige Rolle spielen. Die defizitorientierte und naturwissenschaftliche Sichtweise der Medizin wird durch die ressourcenorientierte und sozialwissenschaftliche Perspektive der Pflegewissenschaft ergänzt.
Neben theoretischen Reflexionen der Pflege steht die Überprüfung der Wirksamkeit von Pflegemaßnahmen im Mittelpunkt. Ausgehend von theoretischen Modellen (Pflegemodellen) werden in der Pflegeforschung sozialwissenschaftliche Methoden angewandt. Die Ergebnisse dienen unmittelbar der Qualitätsverbesserung. Forschungsleitend sind Fragestellung der Pflegepraxis, Forschungsergebnisse sollten auf diese zurückwirken. Pflegepraxis und Pflegewissenschaft sind damit sich wechselseitig beeinflussende Handlungsfelder der Pflege. Pflegewissenschaft.jpg
Im deutschsprachigen Raum ist die Pflegewissenschaft gegenüber dem angelsächsischen Raum noch immer unterentwickelt. Die Zahl der forschenden Personen ist nach wie vor gering. Es dominieren theoretische und metatheoretische Auseinandersetzungen zur Profession Pflege. Pflegewissenschaft wird an mehreren Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland gelehrt. Pflegeforschung ist allerdings noch sehr selten (Das Fach ist nur an zwei Universitäten vertreten). Daneben gibt es einige wenige, zum Teil privatwirtschaftliche, Forschungsinstitute und Forschungsverbünde.
Als Voraussetzung für erfolgreiche Pflegewissenschaft müssen natürlich auch die sonst geltenden Prinzipien eingehalten sein: Wissenschaftsfreiheit, Zensurfreiheit, Offenlegung von Interessensgegensätzen bei Fördermitteln, ethische Verantwortlichkeit bei Experimenten.
Von den USA ausgehend gelangte die Akademisierungs-Bewegung schließlich nach England und in die skandinavischen Länder. Erst in der Mitte der achtziger Jahre zeigten sich auch in Deutschland erste Bemühungen, Pflegewissenschaft an den Universitäten und Fachhochschulen zu etablieren. In der DDR war mit den Studiengängen in Halle/Wittenberg und an der Humboldt-Universität in Berlin schon seit den 60er Jahren ein pflegebezogenes Studium möglich. Die Pflegewissenschaft wurde einerseits durch Personen etabliert, die entweder nach einem pflegerischen Beruf in den USA oder in England Pflegewissenschaften studierten oder, die aus anderen Disziplinen (Sozialwissenschaften, Soziologie, Psychologie, Pädagogik) Themen der Pflege wissenschaftlich fundiert aufgriffen.
Erste Festigungen im akademischen Bereich gab es 1987 mit der Besetzung des Lehrstuhls „Pflege- und Sozialwissenschaften“ an der Fachhochschule Osnabrück durch Ruth Schröck. 1988 erschien die wissenschaftliche Zeitschrift „Pflege“ (Huber Verlag, Bern) erstmalig im deutschsprachigen Raum. Außerhalb der Fachhochschulen und Universitäten, waren die Absichten Pflegeforschung zu betreiben immer durch finanzielle Zwänge beschränkt. Das Bekanntwerden der Pflegeforschung in Deutschland begann im Wesentlichen mit der Aufnahme pflegewissenschaftlicher Themen in die Bildungsarbeit des DBfK: 1984 wurden im Bildungszentrum Essen erste Seminare angeboten. 1983 wurde durch Renate Reimann die Agnes-Karll-Stiftung gegründet, die erstmals die Finanzierung kleiner und praxisbezogener Pflegestudien ermöglichte. Aus dieser Gruppe entstand dann die „Zentrale Arbeitsgruppe Pflegeforschung – ZAG“ des DBfK. Auch an anderen Orten taten sich hochmotivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen, um Forschung in der Pflege zu betreiben.
Trotz vielfältiger Studienabschlüsse und Promotionsmöglichkeiten sind im Bereich der Pflegewissenschaft auch noch heute im deutschsprachigen akademischen Betrieb viele Lehrstühle mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus anderen Wissenschaftsdisziplinen (Psychologie, Soziologie etc.) besetzt. Dies begründet sich zum einen aus der Tatsache, dass die Pflegewissenschaft noch eine sehr junge Disziplin ist, durch die im Vergleich zu anderen Disziplinen fehlende Nachwuchsförderung, durch die begrenzten Karrieremöglichkeiten innerhalb der „Pflegewissenschaft“ und der im Vergleich zu anderen Disziplinen fehlenden Forschungsintensität. Begrenzte strukturelle und finanzielle Möglichkeiten schränken die Handlungsmöglichkeiten in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten (Niederlande, England, Schottland) stark ein. Stets stellte die unzureichende finanzielle Förderung eine Begrenzung des Forschungswillens rund um die Pflege dar.
Pflegeforschung ist die Nutzung wissenschaftlicher Methoden im Bereich der Pflege, mit dem Ziel Erkenntnisse zu finden oder Hypothesen auf der Grundlage pflegetheoretischer Überlegung zu überprüfen. Als Forschungsmethoden kommen dabei sowohl qualitative wie auch quantitative Methode zum Einsatz. Es domiert jedoch derzeit noch der qualitative Zugang, was mit der Komplexität des Handlungsfeldes, mit der Neuheit der Forschungsrichtung und der Methodenkompetenz der Forschenden zu tun hat. Die Abbildung von Reuschenbach & Lau (2005) (siehe oben) verdeutlicht, dass Pflegeforschung die Schnittstelle zwischen Pflegepraxis und (meta)theoretischen Rahmenbedingungen sein sollte. Pflegeforschung dient so letztlich dazu, Fragen der Praxis (z.B. Was bring Methode X gegenüber Methode Y) zu beantworten.
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