Periplus Maris Erythreai heißt "Küstenfahrt des Roten Meeres". Es ist der Titel eines Buches, das thematisch innerhalb der gesamten antiken Literatur ein Unikat ist. Beschrieben werden Häfen, Handelsbedingungen und Warenströme entlang der Handelsrouten - für die Erforschung der Wirtschaftsgeschichte des Altertums eine Quelle ersten Ranges. Eine Abschrift des 10. Jahrhunderts wird heute in Heidelberg aufbewahrt.
Zwischen 40 und 70 n. Chr. schrieb ein erfahrener Handelsreisender seine gesamten Informationen nieder, die er auf seinen offenbar zahlreichen, eigenen Reisen gesammelt hatte. Der Verfasser des in griechischer Sprache verfassten Textes gibt sich versteckt als Bewohner Alexandrias zu erkennen. Ägypten war zu dieser Zeit römische Provinz und stand im Mittelpunkt eines boomenden Fernhandels. Was hier als "Rotes Meer" bezeichnet wird, umfasst weit ausholender die wichtigsten Fernhandelslinien, mit denen Ägypten verbunden war. Zum einen jene entlang der afrikanischen Ostküste bis zum heutigen Tansania. Zum anderen aber jene Route, die entlang der arabischen Südküste nach Nordindien führte und entlang der Westküste bis nach Sri Lanka hinabreichte.
Anders als ein üblicher Periplus der Antike, eine Seerouten-Beschreibung entlang der Küstenlinie, leistet die Schrift ganz Anderes. Mit buchhalterischer Genauigkeit werden Hafen für Hafen die wichtigsten Umschlaggüter aufgelistet und Chancen und Risiken des jeweiligen lokalen Warenhandels bewertet. Dabei geht der Schreiber besonders auf Bedarf, Vorlieben und Geschmack der Abnehmer ein und gibt Ratschläge zu Menge, Qualität und Ausstattung der Güter, die sich in den verschiedenen Häfen absetzen ließen.
Begehrte Waren aus der römischen Welt waren demnach beispielsweise Lebensmittel, Wein, Pferde, Metallwaren und Textilien, aber auch Luxusgüter wie Schmuck, Glas und Kosmetika. Im Tausch luden die Frachtschiffe dann Gewürze, Seide oder Edelsteine. Anders als gewöhnliche Reise- und Erlebnisberichte konzentriert sich der Verfasser also ganz auf die aktuellen marktpolitischen Aspekte seiner Zeit, die für die heimischen Reeder von Wichtigkeit waren.
(Der Text exzerpiert im Wesentlichen einen umfassenden Beitrag der Neuen Zürcher Zeitung vom 24. Februar 2001)
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