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Als Pazifismus bezeichnet man eine ethische Grundhaltung, die Krieg prinzipiell ablehnt und politisch danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen für einen dauerhaften Weltfrieden zu schaffen. Pazifisten sehen Krieg im Gegensatz zum Bellizismus und zur Realpolitik nicht als legitimes Mittel politischer Konfliktaustragung und Interessendurchsetzung. Im engeren Sinn bezeichnet Pazifismus die Ablehnung jeglicher Form von Gewalt (fundamentaler Pazifismus), auch wenn diese von außen aufgezwungen wird, also auch zum Zweck der Abwehr von Gewalt (Selbstverteidigung).
Der Begriff
Der Ausdruck
Pazifismus ist abgeleitet vom lateinischen Wort
pax für „Frieden", „Vertrag" (Genitiv
pacis), und dem Verbum
facere für „tun, machen, herstellen". Seine Prägung wird dem Franzosen
Émile Arnaud (1901) zugeschrieben. Dieser bezog ihn auf damalige Gruppen zur Schaffung eines
Völkerrechts, die sich seit etwa 1815 in vielen europäischen Staaten gebildet hatten.
Die Wortverbindung „Frieden machen" bzw. "schaffen, stiften" ist jedoch weit älter. Sie erscheint seit Beginn der schriftlichen Überlieferungen in verschiedenen antiken religiösen und weisheitlichen Traditionen. Eine Wurzel des europäischen Pazifismus wird oft in der Bergpredigt gesehen, wo es heißt (Mt 5,9):
- Selig sind die, die Frieden machen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Die Absage an jede kriegerische Gewalt unterscheidet Pazifisten von anderen politischen Kräften, die sich ebenfalls auf Kriegsverhinderung orientieren, dazu aber Waffengewalt und Rüstung nicht ausschließen, sondern sich ausdrücklich darauf stützen. Dieser Orientierung folgen heute nahezu alle Staaten, seien sie demokratisch oder nicht. Pazifismus bildet also faktisch meist eine Minderheitsposition, die sich gegen die herrschende staatliche Gewaltpolitik richtet.
Meist wird Pazifismus heute unter folgenden Aspekten aufgefasst:
- als Weltanschauung, die davon ausgeht, dass die Verhinderung von Kriegen von der Haltung jedes Einzelnen, von gesellschaftlichen Gruppen und Staaten abhängt.
- als Versuch, einen drohenden Krieg aktiv zu verhindern, also als Bemühung zum Aufbau einer breiten Antikriegsbewegung,
- als Versuch, einen laufenden Krieg vorzeitig zu beenden, also Verhandlungsbereitschaft zu stärken und bei den kriegführenden Parteien zu erreichen,
- als Absage an jede Teilnahme an kriegerischer Gewalt, also aktive Kriegsdienstverweigerung,
- als Versöhnungsarbeit vor und nach einem Krieg, die sich Kriegsopfern zuwendet und gesellschaftliches Bewusstsein zu verändern sucht, um weitere Kriege nachhaltig zu verhindern.
Verhältnis zu Friedensbewegungen
Die weitergehende Perspektive, alle Kriege abzuschaffen, verbindet Pazifisten mit politischen Gruppen, die ebenfalls Bedingungen für eine dauerhafte weltweite Friedensordnung schaffen wollen. Unter ihnen ist jedoch nicht nur umstritten, was als Hauptursache der Kriege zu gelten hat und daher primär zu bekämpfen ist, sondern auch, welche Mittel dazu legitim sind und welche Strategie langfristig dazu erfolgversprechend ist.
Pazifisten halten Krieg für schlechthin illegitim und inhuman. Sie glauben, dass dieser niemals Gutes bewirken könne und durch keinerlei höhere Ziele zu rechtfertigen sei. Das unterscheidet sie von anderen Kriegsgegnern, die sich oft im Vorfeld heraufziehender Kriege oder nach Kriegsniederlagen zu einer Friedensbewegung zusammenfinden. Diese besteht nie nur aus prinzipiellen Gegnern kriegerischer Gewalt; viele Friedensbewegte lehnen z.B. einen Verteidigungskrieg nicht generell ab. Situationsbedingt vermischen sich in breiten Antikriegsbewegungen, die von Bevölkerungsmehrheiten getragen werden, oft eigennützige nationale Motive mit subjektiv pazifistischer Überzeugung:
- Ablehnung von Fremdbestimmung durch kriegführende Hegemonialmächte,
- Protest gegen die wirtschaftlichen Kriegskosten,
- Angst vor negativen sicherheitspolitischen Folgen einer Kriegsbeteiligung für das eigene Land.
Verhältnis zu Antimilitarismus und Sozialismus
Auch
Antimilitaristen wollen Kriege verhindern und Krieg abschaffen, bekämpfen aber nicht nur ideologische Kriegsorientierungen, sondern auch das
Militär und die
Rüstungsindustrie als wesentliche Kriegsursachen.
Sozialisten verschiedener Strömungen siedeln die Ursache der meisten Kriege in ökonomischen Macht- und Profitinteressen an und wollen die Wirtschafts-und Gesellschaftsstrukturen, die solche Interessen hervorbringen und verstetigen, ändern.
Dabei schließen am Marxismus orientierte Strömungen Waffengewalt als zwar inhumanes, dennoch unter Umständen notwendiges und unvermeidbares Mittel zur Überwindung von Ausbeutung und Unterdrückung meist nicht prinzipiell aus. Sie sehen diese jedoch nicht unter dem Aspekt von Krieg, sondern als revolutionäre und darum legitime nichtstaatliche Gegengewalt der Bevölkerung zur Kriegsverhinderung und Kriegsabschaffung.
Zwischen diesen Richtungen und der kriegsbejahenden SPD-Mehrheit gab es innerhalb der Sozialdemokratie vor 1918 auch pazifistische Minderheiten. In Frankreich vertrat diese vor allem Jean Jaures, in Deutschland seit 1917 einige Mitbegründer der USPD wie Kurt Eisner und Eduard Bernstein.
Auch Teile der heutigen Linkspartei verstehen sich als Pazifisten und lehnen vor allem die Ausdehnung des Einsatzgebiets der Bundeswehr und ihre Teilnahme an NATO-Einsätzen wie im Kosovo als völkerrechts- und grundgesetzwidrig ab. Manche Gruppen aus der Friedensbewegung der 1980er Jahre weisen demgegenüber jedoch auf die frühere Unterdrückung von Pazifisten in der DDR und den hohen Anteil ehemaliger Angehöriger der Nationalen Volksarmee in der heute pazifistisch gewendeten PDS hin.
Verhältnis zur Realpolitik
Pazifisten verkennen nicht die Existenz von gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen, ungerechten Wirtschaftsstrukturen und Machtgefälle zwischen verschieden "entwickelten" und gerüsteten Staaten. Sie halten aber Krieg für
ethisch unter keinen Umständen zu rechtfertigen und prinzipiell ungeeignet, Konflikte zu lösen. Daher lehnen sie auch
Verteidigungskriege, die heute meist als
gerechter Krieg gelten, ab. Sie sind nicht zuletzt deshalb in
Europa seit Entstehung der internationalen Friedensbewegung eine Minderheit geblieben.
Jedoch hat der Pazifismus durch die Erfahrungen der beiden Weltkriege in weiten Teilen der Bevölkerungen europäischer Staaten einen gewissen Rückhalt, so dass deren Regierungen ihre militärischen Maßnahmen heute verstärkt öffentlich begründen müssen. Eine Folge der Weltkriege war der theoretische Ausschluss des Angriffskrieges in der Charta der Vereinten Nationen von 1945. Dies zwingt die UN-Mitgliedsstaaten stärker als früher, eigene Kriegsziele als legitime Verteidigung darzustellen und demokratischer Überprüfung und Kritik zu unterwerfen.
Geschichte
Die Sehnsucht nach Frieden durch die Beendigung von Krieg überhaupt ist schon in sehr frühen Texten der Menschheit zu finden. Sie wurde zum einen von Betroffenen selbst formuliert, die in
antiken Despotien unter den Kriegen ihrer Herrscher litten und weitgehend ohne politische Einflussmöglichkeiten waren. Sie wurde zum anderen auch von einer frühen Bildungsschicht, die auf die Herrscher mäßigend, beratend und kritisierend einzuwirken versuchte, übernommen,
philosophisch begründet und als literarische Friedensidee überliefert. Sie ist als ethische Handlungsanweisung, jenseitige Zukunftsverheißung oder
konkrete Utopie auch in den Überlieferungen einiger
Religionen verankert.
Fernöstliche Religionen
Ein Volkslied der Kaisergarde aus dem
chinesischen Buch der Lieder (
Shījīng), entstanden zwischen 1000 und 700 v. Chr., lautet in einer deutschen Nachdichtung (aus
Gedichte gegen den Krieg S. 11):
- General!
- Wir sind des Kaisers Leitern und Sprossen!
- Wir sind wie Wasser im Fluss verflossen -
- Nutzlos hast du unser rotes Blut vergossen -
- General! *
- Unsre Kinder hungern, unsre Weiber heulen -
- Unsere Knochen in fremder Erde verfaulen - *
- Welche Mutter hat noch einen Sohn?
An diese Volkstradition anknüpfend, versuchten die chinesischen Weisen
Laotse und
Konfuzius Frieden durch innerseelische wie politische Balance der Kräfte zu erreichen. Diese Infragestellung des Krieges war aber nicht unbedingt mit der Absage an jede Militärgewalt verbunden.
Im
Hinduismus ist Frieden auf Erden nur denkbar als Wirkung der
spirituellen Einung der Menschenseele (
Atman) mit der Weltseele, dem
Brahman. Allein dadurch kann für die
Veden der unheilvolle Zusammenhang von
Karma und ewiger
Reinkarnation, also die Vergeltungskausalität, überwunden werden. Die
Bhagavadgita lehrt daher, dass Krieg und Kampf nie aufhören werden. Jedoch berühren sie den, der mit dem Göttlichen eins wird, nicht mehr. Das
Kastenwesen blieb daher unangetastet.
Der Jainismus lehrt das asketische Ideal des Nichtverletzens (Ahimsa) und verbietet deshalb das Töten jedes Lebens. Damit versucht der Weise Abstand zu der in schicksalhafte Gewalt verstrickten Welt zu gewinnen, ohne davon ihre Veränderung zu erwarten. Nur die Erlösten erreichen den ewigen Frieden. Dennoch folgerte Gandhi daraus im 20. Jahrhundert politisch wirksame strikte Gewaltlosigkeit.
Der Buddhismus übernahm das Gebot des Nichtverletzens für die Mönche, abgemildert auch für die Laien. Die Verpflichtung zu Mitgefühl und Barmherzigkeit mit allen Lebewesen ist sowohl Weg zur Erleuchtung als auch deren Folge. Daraus ergab sich eine gewaltlose Konfliktbewältigung, die seit dem Großreich Ashokas (3. Jahrhundert v. Chr.) auch auf die Politik ausstrahlte. Dabei blieb die Friedenserwartung an die Figur des „guten Herrschers" gebunden und setzte dessen unbeschränkte Machtfülle voraus. So kam es auch im buddhistischen Einflussbereich zu Ausbrüchen von intoleranter Gewalt gegen Andersgläubige, zum Beispiel in Japan.
Griechisch-römische Antike
Eines der ersten Zeugnisse von der kritischen Betrachtung des Krieges findet sich bei
Pindar (Fragmentum 110):
- Süß ist der Krieg nur dem Unerfahrenen, der Erfahrene aber fürchtet im Herzen sehr sein Nahen.
Der
Peloponnesische Krieg veranlasste
Aristophanes um
421 v. Chr. zur Dichtung seiner Komödie
Eirene, in der er ein Gebet um panhellenischen Frieden einflocht.
411 v. Chr. verfasste er zudem die
Komödie Lysistrata, in der die Frauen ihre kriegführenden Männer durch Liebesentzug zum Frieden zwingen.
Der Hellenismus erweiterte die Friedensidee auf die umgebenden Völker, verstand sie aber parallel zu den Eroberungsfeldzügen Alexanders des Großen als gewaltsame Befriedung der Barbaren, also als Ergebnis militärischer Siege. Er bezeugt auch den Bau eines Eirene-Altars nach dem Friedensschluss zwischen Sparta und Athen (um 375 v. Chr.). Der dortige Opferkult sollte den brüchigen politischen Frieden sichern.
Die klassische griechische Philosophie entfaltet erstmals den Gedanken, dass Krieg nur durch das übergeordnete Ziel des Friedens zu rechtfertigen sei (z.B. Aristoteles, Nikomachische Ethik 1177b). Dies wird eingeschränkt durch die Bestätigung der in Freie und Sklaven getrennten Gesellschaftsordnung, die es zu bewahren gelte. Zwar galt Eintracht (lat. concordia) unter Menschen als hohe Tugend, wirkt aber kaum verändernd auf gewaltverursachende Verhältnisse ein.
Diese Tradition übernahmen die gebildeten Römer zum Teil; so befasste sich eine verlorene Schrift des Varro (Logistoricus Pius de Pace) mit diesem Thema. Von Cicero (106 - 43 v. Chr.) ist das Zitat überliefert: Der ungerechteste Friede ist immer noch besser als der gerechteste Krieg. Auch in den Dichtungen von Vergil (70-19 v. Chr.) und Horaz lässt sich grundsätzliche Kritik am Krieg finden.
In der römischen Rechtstradition gewann Frieden dann Bedeutung als höchstes politisches Ziel der Staatskunst. Die Idee der Pax Romana war seit der toleranten Religionspolitik Caesars Gemeingut; sie blieb freilich von Expansion und Unterwerfung abhängig. Friedensstiftung war seit der römischen Kaiserzeit gleichbedeutend mit totaler Militärherrschaft. Er wurde ganz auf die Person des Herrschers konzentriert, der sein Alleinrecht zum Setzen der allgemeinen Rechtsordnung im Kaiserkult absicherte.
Judentum
In der
Bibel formulierte der
Prophet Jesaja
nach dem Ende des
judäischen Königtums im
Babylonischen Exil (586-539 v. Chr.) eine
Vision des Endes aller Kriegsgewalt beim Beginn des
Gottesreichs (Jes 2,2-5):
- * Von Zion wird Weisung ausgehen und JHWHs Wort von Jerusalem:
- Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker.
- Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.
- Denn es wird kein Volk gegen ein anderes das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Christentum
Jesus von Nazaret bekräftigte diese Hoffnung der jüdischen Prophetie mit seiner Verkündigung des
Reiches Gottes für die
Armen. Gemäß seiner
Tora-Auslegung sollten seine
Nachfolger
Nächstenliebe durch den Verzicht auf
Rache, Gegengewalt und
Feindesliebe verwirklichen (Mt 5,38-48). Dies verstanden die
Urchristen als verbindliches
Gebot Gottes. Denn sie deuteten Jesu gewaltsamen Tod als Vorwegnahme des
Endgerichts und Gewaltverzicht des
Sohnes Gottes (Phil 2,5-11), so dass
Paulus von Tarsus im
Epheserbrief des
Neuen Testaments seiner Gemeinde einschärfte (Eph 2,14-16):
- ER ist unser Frieden, der aus beiden verfeindeten Juden und Fremdvölkern ''eins gemacht hat und den Zaun, der dazwischen war, abgebrochen hat, nämlich die Feindschaft:
- indem er * aus beiden einen neuen Menschen schuf und Frieden machte und beide versöhnte mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, an dem er die Feindschaft getötet hat.
Darum galt Mitgliedschaft in der christlichen Gemeinde in den ersten drei Jahrhunderten des
Christentums meist als unvereinbar mit dem
Kriegsdienst. In der Geschichte des späteren Christentums stellten pazifistische Positionen allerdings jeweils nur Minderheitsmeinungen dar.
Europäisches Mittelalter
Nach der
Konstantinischen Wende wurden jedoch immer mehr Soldaten und römische Staatsbeamte Christen. Nachdem Kaiser
Theodosius das Christentum
380 zur Staatsreligion erhob, trat der christliche Pazifismus schlagartig in den Hintergrund. Nun wurde es notwendig, die urchristliche Ethik an die neue Situation anzupassen und Christen im Staatsdienst die Teilnahme an Polizei- und Kriegsdiensten zu ermöglichen. So entwickelte
Augustinus von Hippo in seiner
Civitas Dei jene Lehre vom
Gerechten Krieg, die für die Haltung der Großkirchen bis heute im Kern maßgebend blieb.
Neuzeit
Deutlicher sichtbar wird der Pazifismus wieder in der frühen
Neuzeit in Einzelpersonen wie
Erasmus von Rotterdam und christlichen Gemeinschaften wie den
Mennoniten und den
Quäkern. So äußerte sich Erasmus, wer es süß und ehrenvoll finde, für das Vaterland zu sterben (
dulce et decorum est pro patria mori), der wisse nicht, was Krieg sei.
1795 verfasste Immanuel Kant seine Schrift Zum ewigen Frieden. Darin macht er Vorschläge für die Entwicklung eines vertraglich abgesicherten universellen Völkerrechts, das den Frieden gewährleisten sollte.
Der nicht religiöse Pazifismus entwickelte sich insbesondere im 19. Jahrhundert durch Gründung von Friedensgesellschaften in zahlreichen europäischen Ländern und den USA, z. B. der 1892 von Alfred Hermann Fried (Friedensnobelpreisträger 1911) und Bertha von Suttner initiierten Deutschen Friedensgesellschaft.
Als Reaktion auf den preußisch - wilhelminischen Militarismus und im Zuge der Internationalisierung der Arbeiterbewegung erstarkte in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland der bürgerliche und sozialistische Pazifismus. Exponenten des so genannten bürgerlichen Pazifismus waren Bertha von Suttner, die 1905, und Ludwig Quidde, der 1927 den Friedensnobelpreis erhielt.
Im Zeitalter der Weltkriege
Einen Rückschlag erlitt der Pazifismus mit der Kriegseuphorie, die zu Beginn des
Ersten Weltkriegs verbreitet war. Mit zunehmender Dauer und Grausamkeit des Krieges fanden Pazifisten wie beispielsweise
Erich Maria Remarque,
Erich Kästner und
Kurt Tucholsky sowie
Antimilitaristen wie
Karl Liebknecht und
Rosa Luxemburg jedoch wieder zunehmend Gehör. Luxemburg und Liebknecht wandten sich ausdrücklich gegen den von ihnen so genannten bürgerlichen Pazifismus, wie ihn beispielsweise
Karl Kautsky und Erich Maria Remarque vertraten. Nach ihrer Anschauung war der Pazifismus nur nach einer sozialistischen Revolution zu verwirklichen.
Trotz der militärischen Niederlage 1918 war die Führungsschicht der Weimarer Republik immer noch so stark militaristisch geprägt, dass sich Pazifisten weiterhin Repressalien ausgesetzt sahen. So wurde der unabhängige sozialistische Pazifist Emil Gumbel, nach anfänglichem Widerstand der badischen Regierung, 1932 als Professor an der Universität Heidelberg entlassen. Carl von Ossietzky wurde 1931 im so genannten Weltbühne-Prozess wegen angeblicher Spionage verurteilt. In Großbritannien trat Bertrand Russell als Pazifist auf und musste deswegen 1918 eine Gefängnisstrafe verbüßen.
Nach 1945
Die bedeutendsten Vertreter des gewaltlosen Widerstands im 20. Jahrhundert waren
Mahatma Gandhi in Indien und
Martin Luther King in den USA.
Alternativen zu bewaffneter Konfliktaustragung
Als Alternativen zu militärischen Maßnahmen haben Pazifisten im 19. und 20. Jahrhundert eine Reihe von theoretischen Gegenmodellen und alternativen Handlungsansätzen entworfen und mit praktischen Schritten teilweise auch durchgesetzt:
- Weltorganisationen wie den Völkerbund und die UNO, die bewaffnete Konflikte regulieren und vermeiden helfen sollen,
- die Rüstungskonversion als Abbau von Kriegsindustrie und Umstellung auf zivile Produktion, auch um den Sorgen der dort Beschäftigten vor Verlust ihrer Arbeitsplätze zu begegnen und nachhaltige Absatzchancen zu schaffen.
- die Kriegsdienstverweigerung schon in Friedenszeiten. Diese wurde seit 1945 als Grundrecht in den meisten europäischen Verfassungen verankert, ist aber in sehr vielen Staaten, z.B. in der Türkei, legal nicht möglich. Häufig werden in Diktaturen Pazifisten, die den Kriegsdienst ablehnen, streng bestraft. In Deutschland wird eine radikale Wehrdienstverweigerung, die den gesetzlich vorgeschriebenen so genannten Ersatzdienst ablehnt, gerichtlich verfolgt.
- Desertion im Kriegsfall. In jedem Krieg versuchen einige Wehrpflichtige oder Berufssoldaten den Kriegsdienst als Soldaten zu verweigern oder die kämpfenden Truppen zu verlassen. Während dies in der militärischen Wertorientierung als „Fahnenflucht" und/oder „Landesverrat" bewertet wird, sehen Pazifisten darin eine notwendige Reaktion und Wahrnehmung eines grundlegenden Menschenrechts.
- gewaltfreie Protestformen wie den zivilen Ungehorsam, den gewaltfreien Widerstand, den Generalstreik oder eine soziale Verteidigung. Diese aktiven Gegenmaßnahmen wären nach Meinung von Friedens- und Konfliktforschern auch im Falle einer militärischen Besetzung Erfolg versprechend und würden das Risiko der Selbstvernichtung im Zeitalter der Massenvernichtungsmittel verringern.
Dafür gibt es historische Beispiele: In der Situation der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Armeen des Warschauer Vertrages am 21. August 1968 verzichteten die damaligen Protagonisten des Prager Frühlings unter Alexander Dubcek bewusst auf bewaffnete Gegengewalt. Der außerordentliche Parteitag der reformkommunistischen KPC beschloss am 23. August stattdessen, die Bevölkerung zur gewaltfreien Verweigerung jeder Kollaboration mit den Besatzern aufzurufen. Dies trugen die Tschechoslowaken in den Folgemonaten geschlossen mit, vermieden so einen militärischen Zusammenprall mit zu erwartenden vielen Toten, verhinderten zunächst die Einsetzung einer moskautreuen Regierung und stellten die "Befreier" als Besatzer bloß. Hier wurde gewaltfreie "soziale Verteidigung" als spontanes, aktives und massengestütztes Konzept in seinen Chancen, aber auch Grenzen sichtbar.
Kritik
Kritiker werfen Pazifisten oft Mangel an Realitätssinn vor: Sie würden verkennen, dass Konflikte im Zweifelsfall auch mit Waffengewalt ausgetragen werden müssen, um unschuldige Menschenleben zu retten. Diese Kritiker verweisen z.B. darauf, dass die
Konzentrationslager nicht von einer
Friedensbewegung, sondern von der
Roten Armee unter massiven Einsatz von Kriegsmitteln befreit worden seien.
Bekannt ist hierzu das Zitat Heiner Geißlers, Pazifismus habe Auschwitz erst möglich gemacht. Er dachte dabei jedoch weniger an eine tatsächliche pazifistische Antikriegsbewegung, sondern an die britische Appeasement-Politik, die Hitler im Münchner Abkommen 1938 zur Besetzung der Tschechei geradezu einlud und den drohenden Weltkrieg nicht nur nicht verhinderte, sondern eher noch begünstigte.
Pazifisten weisen diese Kritik jedoch meist mit dem Hinweis darauf zurück, dass Hitler durch eine politisch bewusste und zur Kriegsdienstverweigerung bereite Mehrheit der Deutschen erstens niemals zur Macht hätte gelangen können, zweitens niemals einen Krieg mit Erfolgsaussicht hätte anfangen können. Es könne also nur darum gehen, in Zukunft Bedingungen zu schaffen, die ein Emporkommen eines neuen Faschismus und totalitäre Systeme von vornherein unmöglich machen. Um diese Perspektive als übergreifendes Ziel offen zu halten, sei Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen in jedem denkbaren Fall eine notwendige Lehre aus dem Nationalsozialismus. Nicht der Pazifismus habe diesen verschuldet, sondern weitaus mehr der deutsche Militarismus und Imperialismus.
Literatur
- Barbara Bleisch, Jean-Daniel Strub (Hg.): Pazifismus. Ideengeschichte, Theorie und Praxis.Bern 2005.
- Karlheinz Lipp (Hg):Pazifismus im Ersten Weltkrieg. Ein Lesebuch. Centauraus, Pfaffenweiler, 2004,ISBN: 3825504921
- KDV. Kriegsdienstverweigerung im Krieg. Rundbrief. Redaktion: Franz Nadler, Rudi Friedrich. Offenbach, erscheint sechsmal pro Jahr.
- Theodor Ebert: Soziale Verteidigung. Historische Erfahrungen und Grundzüge der Strategie. Waldkircher Verlag 1981, ISBN 3878850530
Weblinks
Siehe auch
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