Die Malerin Paula Modersohn-Becker (* 8. Februar 1876 in Dresden; † 21. November 1907 in Worpswede) war eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. In den knapp vierzehn Jahren, in denen sie künstlerisch tätig war, schuf sie 750 Gemälde, etwa 1.000 Zeichnungen und 13 Radierungen, die die bedeutendsten Aspekte der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in sich vereinen.
Paula Becker war das dritte von insgesamt sieben Geschwistern. Ihr Vater Carl Woldemar Becker war Ingenieur von Beruf, ihre Mutter Mathilde entstammte der thüringischen Adelsfamilie von Bültzingslöwen. Aus den Briefen, die Carl Woldemar Becker an seine Tochter richtete, ist bekannt, dass Paula Beckers Vater sowohl Paris und Sankt Petersburg als auch London kannte und neben Russisch auch Französisch und Englisch sprach. Die mütterliche Familie war ähnlich weltoffen. Mathilde von Bültzingslöwens Vater war im Ausland Kommandeur eines Truppenkontingents, einige ihrer Brüder waren nach Indonesien, Neuseeland und Australien ausgewandert.
Bei der Erziehung der Kinder der Familie Becker spielten Kunst, Literatur und Musik eine große Rolle. Paula erhielt ebenso wie ihre Schwestern Klavierunterricht. Paulas älteste Schwester, die über eine schöne Singstimme verfügte, durfte Gesangsunterricht nehmen. Bis auf Paula schätzte ihre Familie Richard Wagner - Paula Becker empfand ihn als „undeutsch“; Goethe galt in der Familie als der alles überragende Dichter. Paula Beckers Elternhaus wird von ihren Biographen als liberal-bürgerlich eingestuft, wohlhabend war es dagegen nicht.
Vor allem auf Grund des Einwirkens ihres pflichtbewussten Vaters besuchte Paula Becker ab 1893 in Bremen ein Lehrerinnenseminar. Sie folgte damit ihrer ältesten Schwester, die ebenfalls dieses Lehrerinnenseminar besucht hatte. Während dieser Zeit erhielt Paula Becker privaten Malunterricht - ein Entgegenkommen des Vaters, denn Paula Becker hatte die Ausbildung zur Lehrerin nur ungern begonnen. Der Malunterricht fand bei dem Maler Bernhard Wiegandt statt und war für Paula Becker die erste Gelegenheit, nach einem lebenden Modell zu arbeiten. Aus dieser Zeit stammen eine Reihe von Porträts ihrer Geschwister sowie das erste Selbstporträt, das auf das Jahr 1893 datiert wird. Im September 1895 bestand Paula Becker das Lehrerinnenexamen mit einem guten Abschluss.
Im Frühjahr 1893 sah Paula Becker das erste Mal Bilder des Worpsweder Künstlerkreises. Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Fritz Overbeck, Hans am Ende und Heinrich Vogeler stellten in der Kunsthalle Bremen ihre Gemälde aus. Paula Becker war zwar angetan, aber eine besondere Begeisterung ist ihren Tagebucheinträgen nicht zu entnehmen. Besonders gut gefiel ihr allerdings ein Bild ihres späteren Mannes Otto Modersohn - sie beeindruckten die eigenartigen Farben und die Art und Weise, mit der er die Stimmung in der Heide einfing.
Der Familie ihrer Mutter verdankte Paula Becker es, dass sie im Frühjahr 1896 nach Berlin fahren konnte, um dort an einem sechswöchigen Kurs an der Zeichen- und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen teilzunehmen. Diese Malschule war sehr angesehen; elf Jahre zuvor hatte Käthe Kollwitz an dieser Schule ihre Ausbildung begonnen. Der Zutritt zu einer Kunstakademie war Paula Becker als Frau dagegen verwehrt.
Nach dem Abschluss des sechswöchigen Kurses konnte Paula Becker ihren Unterricht an der Schule fortsetzen. Offenbar war es ihrer Mutter gelungen, eine Schulgeldermäßigung zu erreichen. Um die Kosten für den Malunterricht zu decken, nahm Mathilde Becker eine Pensionärin in ihr Haus auf. Mathilde Beckers Bruder, Wulf von Bültzingslöwen und seine Frau Cora hatten sich außerdem bereit erklärt, Paula bei sich wohnen zu lassen und für ihren täglichen Unterhalt aufzukommen.
In der Ausbildung dominierte der Zeichenunterricht, bei dem nach lebenden Modellen gearbeitet wurde. Erst wer das Zeichnen sicher beherrschte, wurde zu den Malklassen zugelassen. Aus dieser Zeit existieren noch eine Reihe von Aktzeichnungen von Paula Becker, bei denen das Lineare stark betont wurde und die deutliche Hell-Dunkel-Kontraste aufweisen. 1897 wurde sie zu der ersten Malklasse bei Jeanne Bauck, einer heute unbekannten Künstlerin, zugelassen. Auf Jeanne Bauck, von der Paula Becker begeistert war, ist der Wunsch Paula Beckers zurückzuführen, eine Zeit lang in Paris zu leben.
Während ihrer Berliner Zeit verbrachte Paula Becker viel Zeit in Museen. Ähnlich wie die Nazarener fast siebzig Jahre zuvor schätzte sie vor allem die Künstler der deutschen und italienischen Renaissance. Zu den Malern, die sie besonders schätzte, zählten Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Hans Holbein der Ältere, Tizian, Botticelli und Leonardo da Vinci. Sie bevorzugte damit Maler, die eine Tendenz zur großen, klaren Form haben und die das Linear-konstruktive besonders betonen.
Den Kunstunterricht bei Fritz Mackensen empfand Paula Becker anfangs sehr hilfreich, aber schon Ende 1898 stellte sich bei ihr das Gefühl ein, dass er nicht der rechte Lehrer für sie sei. Mit ihrer zur Vereinfachung von Form und Farbe tendierenden Kunst fand sie nicht nur in Worpswede keine künstlerischen Anregungen. Die vernichtende Kritik, die sie gegen Ende 1899 über ihre erste Ausstellungsbeteiligung erhielt, hatte ihr auch deutlich gemacht, dass sie mit ihrer Malerei außerhalb der allgemeinen deutschen Kunstszene stand. In der Weser-Zeitung stand am 20. Dezember 1899 über ihre zwei ausgestellten Bilder:
In der Silvesternacht 1900 brach Paula Becker nach Paris auf. So wie Rom um die Wende ins 19. Jahrhunderts Anziehungspunkt für deutsche Künstler war, war Paris gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum führenden europäischen Kunstzentrum geworden und zahlreiche deutsche Künstler, darunter Emil Nolde, Carl Hofer, Bernhard Hoetger oder Käthe Kollwitz, verbrachten im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts einige Zeit in Paris. Clara Westhoff, die Freundin aus Worpswede, war bereits seit Ende 1899 in Paris, weil sie hoffte, Schülerin von Auguste Rodin zu werden. Finanziell konnte sich Paula Becker diesen Aufenthalt leisten, weil sie nach wie vor die Rente ihrer Verwandten erhielt. Sie bezog ein kleines Zimmer in dem Ateliergebäude Nr. 9 in der Rue Campagne Première, das sie mit Möbeln vom Trödel und Kisten einrichtete. Im Quartier Latin wurde sie Schülerin der privaten Akademie Colarossi, und so wie in Berlin besuchte sie erneut Museen. Allein und gemeinsam mit Clara Westhoff besuchte sie außerdem Ausstellungen und Galerien, um die modernen französischen Maler kennenzulernen. Clara Westhoff berichtete später, wie sie gemeinsam den Kunsthändler Ambroise Vollard aufsuchten und Paula Becker zutiefst beeindruckt von den Gemälden Paul Cézannes war, der zu dieser Zeit noch ein völlig unbekannter Künstler war. Nach Sicht der Kunsthistorikerin Christa Murken Altrogge kann Paula Becker als erste deutsche Künstlerin gewertet werden, die die Größe und das Richtungsweisende dieses Malers erkannte. In einem mit 21. Oktober 1907 datierten Brief an Clara Westhoff schrieb sie Jahre später, dass Cézanne
Sicher ist auch, dass Paula Becker während dieses Aufenthaltes in Paris die große Ausstellung der Nabis-Künstler besucht hat. Diese vom Japanischem Farbholzschnitt beeinflussten Künstler legten Wert auf eine flächenbetonte Malerei, deren Farbe Bedeutungsträger und nicht Mittel zur Wiedergabe von Augenschein ist.
Seit April 1900 fand in Paris die große Jahrhundertausstellung statt. Anlässlich dieser Ausstellung kam das Ehepaar Overbeck und mit ihm Otto Modersohn im Juni nach Paris. Paula Becker kannte den elf Jahre älteren Landschaftsmaler Modersohn aus ihrem ersten Aufenthalt in Worpswede und schätzte ihn sehr. Modersohns gesundheitlich angeschlagene Ehefrau Helene war in Worpswede zurückgeblieben und starb während der kurzen Zeit, die er in Paris verbrachte. Modersohn und mit ihm das Ehepaar Overbeck kehrte überstürzt nach Deutschland zurück.
Vierzehn Tage nach der überstürzten Abreise von Modersohn und den Overbecks kehrte auch Paula Becker gemeinsam mit Clara Westhoff nach Worpswede zurück. Da die geerbten 600 Mark aufgebraucht und die ihr ausgesetzte Rente abgelaufen war, legte ihr Vater ihr nahe, sie möge sich eine Stelle als Gouvernante suchen. Ihr angegriffener Gesundheitszustand erlaubte das jedoch noch nicht sofort. Sie hatte sich in Paris überarbeitet und gleichzeitig aus Sparsamkeit so spartanisch gelebt, dass ihr der Arzt Ruhe verordnete. In dieser Zeit schrieb Paula Becker jenen Tagebucheintrag, der in ihren Biographien häufig zitiert wird, da er eine Vorahnung ihres frühen Todes anzudeuten scheint:
Paula Becker korrigierte diese Andeutung Wochen später durch einen anderen Tagebucheintrag mit den Worten Und es dauert doch noch lange. Ich bin gesund und stark und lebe. (Tagebuch, 3. September 1900)
Während sie sich physisch von ihrem anstrengenden Parisaufenthalt erholte, leistete ihr Otto Modersohn gelegentlich Gesellschaft. Die Beziehung zu ihm intensivierte sich und am 12. September 1900, knapp drei Monate nach dem Tod von Helene Modersohn, verlobten sich die beiden. In die Verlobungszeit fällt auch die Bekanntschaft mit Rainer Maria Rilke. Er hatte sich 1898 mit Heinrich Vogeler während dessen Florenz-Aufenthaltes angefreundet und kam nun als Gast Vogelers zu Besuch nach Worpswede. Bei Modersohn kehrte in derselben Zeit Carl Hauptmann, der Bruder von Gerhart Hauptmann ein. Abends traf man sich regelmäßig auf dem Barkenhoff, den das Ehepaar Vogeler bewohnte. Clara Westhoff und Paula Becker erschienen Rilke wie Schwestern. In seinen Tagebüchern nannte er die beiden Freundinnen die blonde Malerin und die Dunkle, um die immer Handlung, Bewegung und Erzählung war. Beiden Frauen war er eng verbunden. Während er in Clara Westhoff - die er wenig später heiratete - jedoch sehr stark auch die Künstlerin sah, erlebte er Paula Becker vor allem als ernste Freundin und widmete ihr ein Gedicht, das später in seinem Buch der Bilder erscheinen sollte:
In seiner Monographie über die Worpsweder Maler erwähnt Rilke Paula Modersohn-Becker jedoch nicht und bei Rodin führte er sie kurz darauf als Ehefrau eines berühmten Malers ein. Die Malerin Paula Modersohn-Becker, die im Urteil heutiger Kunsthistoriker das Werk ihres Mannes heute weit überstrahlt, nahm Rilke erst kurz vor ihrem Tod als Künstlerin wahr.
Am 25. Mai 1901 heirateten Otto Modersohn und Paula Becker. Paula Modersohn-Becker hatte auf Druck ihrer Eltern zuvor sogar noch einen Kochkurs in Berlin begonnen, den sie jedoch frühzeitig wieder abbrach. Ihre in einem Brief vom 8. März 1901 angegebene Begründung charakterisiert nicht nur Paula Modersohn-Beckers Person, sondern auch ihre kommenden Ehejahre.
Nach einer kurzen Hochzeitsreise, bei der das Ehepaar unter anderem bei Gerhart Hauptmann in Agnetendorf zu Gast war, begann für Paula Modersohn-Becker eine Zeit, in der sie versuchte, ihre Pflichten als Ehe- und Hausfrau und Stiefmutter der jungen Elsbeth mit ihren künstlerischen Ambitionen zu vereinen. Ihr Atelier war eine kleine Klause auf dem Hof des Bauern Brünjes. Modersohn ließ in das Dach Oberlichter einbauen, damit sie das Gebäude nutzen konnte. Ihren Tagesablauf organisierte sie mit Hilfe eines Dienstmädchens; von neun Uhr bis mittags um eins malte sie in ihrem Atelier, kam dann zum Essen heim und kehrte um drei Uhr wieder in ihr Atelier zurück, wo sie oft bis abends um sieben blieb. Ihrer Stieftochter Elsbeth versuchte sie, eine gute und fürsorgende Mutter zu sein. Sie war das Modell einer Reihe ihrer Kinderbilder. Mädchen im Garten neben Glaskugel, das um 1901/1902 entstand und Kopf eines kleinen Mädchens zeigen ihre Stieftochter.
Ihr Mann empfand die ersten drei Jahre ihrer Ehe als sehr glücklich. Aus seinen Tagebucheinträgen weiß man, dass er zutiefst davon überzeugt war, mit einer richtungsweisenden Künstlerin verheiratet zu sein - auch wenn das zu dieser Zeit außer ihm keiner zu bemerken schien. Paula Becker hatte in Modersohn einen sie liebenden Mann gefunden, der ihrer künstlerischen Weiterentwicklung nicht im Wege stand und sie auf ihrem Weg kritisch begleitete. Ein tiefergehendes Verständnis für ihr Werk entwickelte jedoch auch ihr Mann nicht. Befremdlich blieb ihm während ihrer gesamten Ehe, wie sehr sie auf die Anregungen der Künstler in Paris angewiesen war.
Die Heirat hatte Paula Modersohn-Becker von dem Zwang befreit, einem ungeliebten Beruf nachgehen zu müssen, um für ihren Unterhalt zu sorgen. Während ihres Lebens hat sie lediglich an die mit ihr freundschaftlich verbundenen Rilke und Vogeler jeweils ein Bild verkauft - ohne die Heirat mit Modersohn hätte sie dem Rat ihres Vaters folgen und sich eine Stelle als Gouvernante suchen müssen. Während Modersohn in seinen Tagebüchern festhielt, dass die Ehe schöner verlaufe als er je geglaubt hätte, finden sich in den Tagebucheinträgen von Ostern 1902 bei Paula Modersohn-Becker Anzeichen einer kritischeren Haltung - wenn sie diese auch mit einer Selbstironie kontrastiert:
Anders als ihr Mann, der die Stille und Zurückgezogenheit von Worpswede brauchte, um sich künstlerisch zu entfalten, brauchte Paula Modersohn-Becker den Kontakt und die Abwechslung.
Im Frühjahr 1903 erbat sich Paula Modersohn-Becker von ihrem Mann, für einen Zeitraum von zwei Monate nach Paris zurückkehren zu können. In Paris verkehrte sie sehr viel mit dem Ehepaar Rilke, auch wenn sie die wachsenden Spannungen zwischen Rainer Maria Rilke und Clara Westhoff als belastend empfand.
Den überwiegenden Teil ihrer Zeit verbrachte sie im Louvre, um dort nach antiken und ägyptischen Vorbildern zu zeichnen. In ihren Selbstporträts, die danach entstanden, lässt sich nachvollziehen, dass sie sich stark mit den Totenbildern aus dem oberägyptischen Fayum beschäftigte. Gemeinsam mit dem Ehepaar Rilke besuchte sie außerdem erneut Ausstellungen. Belegt ist aus dieser Zeit, dass sie sich intensiver mit Japanischen Farbholzschnitten auseinandersetzte. Rilke ermöglichte ihr außerdem einen Besuch bei dem berühmten französischen Bildhauer Auguste Rodin.
Kunsthistoriker vermuten gelegentlich, dass Paula während dieser Zeit auch Gemälde von Paul Gauguin gesehen hat, obwohl in ihren Tagebüchern nichts dazu vermerkt ist. Die Stillleben, die nach ihrer Rückkehr nach Worpswede entstanden und bei denen Gegenstände als farbige Teilflächen dargestellt sind, die dem Bildganzen untergeordnet sind, zeigen Ähnlichkeiten zu Gaugins Gemälden.
Kinderbilder, wie das 1904 entstandene Kind auf rotgewürfeltem Kissen zeigen, wie sie die Anregungen der Nabis-Künstler verarbeitete. Diese verbanden Farbflächen mit weißen Stegen, um darüber teppichähnliche Wirkungen zu erzielen. Modersohn-Becker setzt ihr Modell dagegen in einem rotgestreiften Kleidchen auf ein rot-weiß-gewürfeltes Kissen, das eine quadratische Fläche um das Kind bildet und damit ihrem Gemälde Geschlossenheit verleiht. Ungewöhnlich ist der Detailgrad, mit der Modersohn-Becker hier das Gesicht malt. Auf anderen Kinderbildern aus der selben Zeit setzt sie eine Vereinfachung von Form und Farbe erheblich radikaler um und reduziert das Gesicht auf das Notwendige.
Als ihr Mann nach Paris kam, kam er in Begleitung des Ehepaars Vogeler, obwohl ihm seine Frau angedeutet hatte, dass sie gerne mit ihm allein Paris erleben wollte. Gemeinsam besuchte man erneut Kunstausstellungen, innerhalb der kleinen Gruppe kam es jedoch zu Spannungen. Otto Modersohn reagierte mit Eifersucht auf die Art und Weise, mit der seine Frau das Leben in Paris genoss und die französische Kunst bewunderte.
Daneben entstanden zahlreiche weitere Kinderporträts, darunter Bilder wie Bauernmädchen auf einem Stuhl sitzend, auf dem auf alle differenzierenden Linien und Formen verzichtet ist oder Blasendes Mädchen im Birkenwald das ihre Biographin Lieselotte von Renken für die schönste Fassung ihrer immer neuen Versuche hält, die Einheit von Kind und Natur in einfacher Zeichensprache auszudrücken. Ein in strenger Profilsicht dargestelltes Mädchen, das auf einem Tuterohr bläst, schreitet weitausschreitend vor einem engen Gitter herbstlich gefärbter Bäume.
Ihr Mann sah den künstlerischen Weg, den sie ging, dagegen immer kritischer. Im Tagebuch-Eintrag vom 11. Dezember 1905 schrieb er:
In Paula Modersohn-Becker reifte dagegen der Wunsch, wieder nach Paris zu gehen. Clara Westhoff, die seit Sommer 1905 von Rilke getrennt wieder in Worpswede lebte, vertraute sie diesen Wunsch ebenso an wie ihrer Mutter, der sie in Briefen gestand, dafür bereits Geld zu sparen. Als Rilke im Dezember 1905 nach Worpswede kam, um dort mit Frau und Kind Weihnachten zu feiern, weihte auch sie ihn in ihre Pläne ein. Rilke befasste sich nun erstmals ausführlicher mit der Kunst von Modersohn-Becker und schrieb an seinen Gönner August von der Heydt im Januar 1906:
Rilke ermutigte sie in ihrem Wunsch, Worpswede und damit ihren Mann zu verlassen. Um sie zu unterstützen, erwarb er von ihr das Gemälde Säugling mit der Hand der Mutter. Er riet ihr wenig später auch, mit ihren Gemälden doch auf verschiedenen Pariser Ausstellungen zu zeigen. Paula Modersohn-Becker aber, die nur sehr ungern anderen ihre Gemälde zeigte, wollte dieser Empfehlung nicht folgen, weil sie meinte, künstlerisch noch nicht so weit zu sein.
In Paris richtete sie sich in der Avenue du Maine ein spartanisches Atelier ein. Sie nahm auch erneut Zeichenkurse und besuchte einen Anatomiekurs an der École des Beaux Arts, weil sie mit ihrer Malerei unzufrieden war. Erneut besuchte sie zahlreiche Ausstellungen. Angeregt durch eine im „Salon des Indépendants“ gezeigten Plastik besuchte sie den Bildhauer Bernhard Hoetger in seinem Atelier. Als dieser durch eine zufällige Bemerkung von ihr entdeckte, dass sie Malerin war, bestand Hoetger darauf, sich ihre Gemälde anzusehen. Hoetger war von diesen begeistert. Für Paula Modersohn-Becker, die bislang lediglich von ihrem Mann und kurz vor ihrem Weggang aus Worpswede durch Rilke Unterstützung in ihrem künstlerischen Weg gefunden hatte, hatte dieses Urteil sehr großes Gewicht:
Sie arbeitete vor allem an Aktbildern. Außerdem entstanden neben Stillleben in dieser Zeit zahlreiche Selbstbildnisse wie Selbstbildnis mit Zitrone. Viele davon waren Halbakte. Sie wagte sich auch an einen in der Kunstgeschichte bis dahin nicht nachweisbaren Bildtypus, ein Selbstbildnis in ganzem Akt.
Otto Modersohn war bereits im Oktober nach Paris gekommen, um den Winter über gemeinsam mit ihr dort zu bleiben. Er bezog im selben Haus wie sie ein Atelier. Im März 1907 kehrte Paula Modersohn-Becker gemeinsam mit ihrem Mann nach Worpswede zurück. In Worpswede entstanden in diesem Jahr nicht viele Bilder. Paula war jetzt endlich schwanger, litt jedoch darunter, dass die Schwangerschaft es ihr unmöglich machte, wie früher viele Stunden am Tag zu malen. Zu den letzten Bildern, die sie vollendete, zählt Alte Armenhäuslerin im Garten. Es ist die Darstellung einer alten Frau, die umgeben von einem Feld mit wildem Mohn in den im Schoß zusammengelegten Händen einen Fingerhutstengel hält. In diesem Bild verarbeitete sie Anregungen aus der naiven Kunst. Dem Bild folgte ein letztes Selbstbildnis, das Selbstbildnis mit Kamelienblüte.
Am 2. November brachte Paula Modersohn-Becker in einer schwierigen Geburt ihre Tochter Mathilde zur Welt. Der Arzt verordnete ihr Bettruhe. Am 20. November durfte sie erstmals aufstehen, worauf eine Embolie einsetzte, an der sie im Alter von 31 Jahren verstarb.
Es ist vor allem dem Engagement von Heinrich Vogeler zu verdanken, dass in den Jahren nach Paula Modersohn-Beckers Tod ihre Gemälde in mehreren Ausstellungen gezeigt wurden. Die Bedeutung der Malerin Paula Modersohn-Becker und ihres Werkes hat Vogeler erst nach ihrem frühen Tod erkannt - manche Autobiographen Modersohn-Beckers sehen in seinem engagierten Einsatz für ihr Werk eine Wiedergutmachung dafür, dass er sie lange nur als Ehefrau seines Künstlerkollegen Otto Modersohns wahrnahm. Paula Modersohn-Becker hat während ihres Lebens nur etwa fünf Bilder verkauft - den frühen Ausstellungen in den ersten Jahren nach ihrem Tod ist es erst zu verdanken, dass einige Sammler auf sie aufmerksam wurden und begannen, ihre Gemälde zu erwerben. Zu diesen Sammlern gehört Herbert von Garvens, August von der Heydt, der, angeregt durch Rilke, 28 ihrer Gemälde erwarb sowie Ludwig Roselius, auf dessen Initiative das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen zurückzuführen ist. 1913 wurden in der Kunsthalle Bremen 129 ihrer Gemälde gezeigt, und eine immer größer werdende Anhängerschaft begann, ihre Bilder aufgrund ihrer formalen Dichte und ihrer gleichnishaften Ausdrucksstärke zu schätzen.
Zu ihrem zehnten Todestag im Jahre 1917 veranstaltete die Kestner-Gesellschaft eine große Ausstellung mit ihren Werken und veröffentlichte eine Auswahl ihrer Briefe und Tagebucheinträge. Diese Sammlung, veröffentlicht unter dem Titel Eine Künstlerin: Paula Becker-Modersohn - Briefe und Tagebuchblätter, wurde ein Erfolg und machte ihren Namen bekannt. Sie sind mehrfach neu aufgelegt worden und nach dem zweiten Weltkrieg auch als Taschenbuch erschienen. Sie haben aber auch zu einer lang anhaltenden sentimentalen Deutung ihrer Person geführt: Ein Mädchen, das davon träumt, Künstlerin zu werden; diesen Weg gegen Widerstände und auf Grund glücklicher Umstände umzusetzen vermag; von einem möglichen Lebensweg als Gouvernante durch die Ehe mit einem bekannten und anerkannten Künstler bewahrt wird; nach einer anfänglich glücklichen Ehezeit sich zunehmend in dieser Ehe gefangen fühlt, auszubrechen versucht und kurz darauf im Kindbett verstirbt. Wenn auch die Entschlossenheit ihrer künstlerischen Selbstfindung Bewunderung erregte, hat sie mitunter den Blick auf die Künstlerin Paula Modersohn-Becker verstellt. Die sehr persönlichen, nie zur Veröffentlichung bestimmten Tagebücher und Briefe sind von einer schwärmerisch-romantischen Geisteshaltung getragen, die im Widerspruch zu der Bildsprache Modersohn-Beckers steht. Als eine „verklärte Phantasie-Figur“ werde Paula Modersohn-Becker aufgrund dieser Aufzeichnungen wahrgenommen, schrieb Günter Busch in seinem einleitenden Essay zur bisher vollständigsten Ausgabe ihrer Briefe und Tagebücher, die im Jahre 1979 erschien. Dazu hat beigetragen, dass die 1917 veröffentlichte Auswahl manchen Tagebuchpassagen nicht das entsprechende Korrektiv entgegensetzte. So ist zwar in dieser Ausgabe ihre scheinbare Todesahnung enthalten, die sie während ihrer Krankheit nach dem ersten Parisaufenthalt niederschrieb. Das jubelnde Und es wird doch noch lange dauern, das sie festhielt, als es ihr kurz darauf gesundheitlich wieder besser ging, fehlt dagegen.
1919 erschien der erste Werkkatalog, der von dem Kunsthistoriker und Leiter der Bremer Kunsthalle, Gustav Pauli, herausgegeben wurde. Der Werkkatalog führte zu diesem Zeitpunkt nur 259 Werke auf, er wurde in den nachfolgenden Jahren jedoch allmählich erweitert. Zugeordnet wurde Modersohn-Becker meist dem Kreis der Worpsweder Künstler, obwohl sie mit ihrer Kunst deutlich außerhalb dieser Gruppe stand. So zeigen ihre Landschaftsbilder beispielsweise eine größere stilistische Verwandtschaft zu den Gemälden eines Max Pechsteins oder einer Gabriele Münter.
Am 2. Juni 1927 wurde das Paula-Becker-Modersohn-Haus in Bremen eingeweiht. Bis 1933 folgten zahlreiche weitere Ausstellungen. Während der Zeit des Nationalsozialismus zählte das Werk Modersohn-Beckers zur entarteten Kunst. Es wurde aus den Museen entfernt, einzelne Bilder wurden ins Ausland verkauft. Im Ausland war Paula Modersohn-Becker eine bis dahin weitgehend unbekannte Künstlerin; die Verkäufe bewirkten, dass man nun auch im Ausland auf sie aufmerksam wurde. Trotzdem zählt sie auch heute im Ausland eher zu den unbekannten Künstlern - ihre Rolle als Kunstschaffende, die das künstlerische Weltbild des 20. Jahrhunderts vorausahnte, wird überwiegend in den deutschsprachigen Ländern wahrgenommen. Zu dieser begrenzten Wahrnehmung der Künstlerin Modersohn-Becker hat beigetragen, dass sich, anders als bei Gauguin, van Gogh oder Cézanne, kein Künstler nachweisbar kreativ mit ihrer Kunstauffassung auseinandersetzte und ihre Bildideen weiterentwickelte; ihr Werk ist nicht „schulbildend“ geworden und steht weitgehend isoliert.
Die systematische Aufarbeitung ihres Gesamtwerkes setzte erst nach dem zweiten Weltkrieg ein und fand meist in Zusammenhang mit großen Retrospektiven anlässlich verschiedener Gedenktage statt. Das Urteil, das Rilke kurz vor ihrem Tode über ihr Werk fällte, hat auch nach dieser systematischen Aufarbeitung noch Bestand. Modersohn-Becker zeigt eine enge Verwandtschaft zu den neuen malerischen Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Angeregt von den Arbeiten der avantgardistischen französischen Künstler, mit denen sie sich während ihrer Aufenthalte in Paris auseinandersetzte, hat sie eine eigenständige Bildsprache entwickelt, in der sich Elemente des Expressionismus, Fauvismus und Kubismus ebenso zeigen wie Bezüge zu der Kunst vergangener Epochen.
Die bäuerlichen Szenen sind bewusst unromantisch, nicht anklagend und stellen anders als bei Käthe Kollwitz nicht den sozialen Aspekt in den Vordergrund. Sie sind dominiert von einer Sympathie für den Menschen und einem Interesse an Form und Konstruktion. Der Bildraum ist häufig entgegen akademischen Regeln flächig reduziert und beginnt bereits an der unteren Bildgrenze. Die Rahmenkante überschneidet häufig Teile der Darstellung. Diese „unschöne“ Darstellung bäuerlichen Lebens unterschied sie deutlich von der damals gängigen Malerei, in der das Landleben heroisiert wurde. Ihre Darstellungen haben auch wenig gemeinsam mit den mehr genrehaften Darstellungen bäuerlicher Milieuschilderungen des Worpsweder Künstlerkreises.
Ungewöhnlich sind auch ihre Kinderbildnisse. Sie sind frei von allem Sentimentalem, allem Verspielten oder Anekdotischen und zeigen eine ernsthafte und ungeschönte Wahrnehmung von Kindern. Sie hebt sich damit deutlich ab von den Kinderbildnissen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wie sie beispielsweise Hans Thoma, Hermann Kaulmann oder Ferdinand Waldmüller malten. Sie hat mit dieser Darstellungsweise jedoch auch das meiste Unverständnis erregt. Die Kunsthistorikerin Christa Murken-Altrogge hat auf die stilistische Nähe zwischen ihren Kinderbildnissen und den Gemälden des jungen Picassos aufmerksam gemacht, die der Blauen und Rosa Periode zugerechnet werden und die zur selben Zeit entstanden. In den Porträts, die 1906 und 1907 entstanden, zeigen sich jedoch auch Elemente des geometrisch-konstruktiven Stils des Kubismus.
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