Patricia Highsmith (eigentlich Mary Patricia Plangman) (* 19. Januar 1921 in Fort Worth, Texas; † 4. Februar 1995 in Locarno, Schweiz) war eine US-amerikanische Schriftstellerin. Highsmith schrieb auch unter dem Pseudonym Claire Morgan.
Patricia Highsmith schrieb vor allem anspruchsvolle, psychologisch tiefgründige Kriminalromane sowie Kurzgeschichten. Im Vordergrund ihrer Werke steht nicht die Aufklärung von Verbrechen („Whodunnit“), sondern die Umstände („Whydunnit“), die einen unauffälligen Durchschnittsmenschen ins Verbrechen treiben. Sie interessierte sich weniger für die moralischen Aspekte ihrer Geschichten als für das Innenleben ihrer Protagonisten.
Wesentliche Anregung bekam sie durch das Buch The Human Mind (nicht auf Deutsch erschienen) des deutsch-amerikanischen Psychiaters Karl A. Menninger, das sie im elterlichen Bücherschrank fand. In diesem Buch werden im populären Stil Personen mit den unterschiedlichsten psychischen Defekten geschildert. Ihre literarischen Vorbilder sind u. a. Dostojewski, Nietzsche, Poe, Conrad, Kafka, Julien Green, Sartre und Camus.
Neben ihrem erzählerischen Werk hat Highsmith 1966 den Essay Plotting and writing suspense fiction (eine Art Werkstattbericht) veröffentlicht. 1958 illustrierte sie das Kinderbuch Miranda the Panda is on the Veranda, den Text schrieb ihre Freundin Doris Sanders. 1995 veröffentlichte der Diogenes Verlag einen Band mit Zeichnungen von Patricia Highsmith. Sporadisch versuchte sich Highsmith auch an Drehbüchern, Theater- und Radiobearbeitungen, jedoch nur mit geringem Erfolg.
Zahlreiche Romane und Storys von Highsmith wurden für Kino oder Fernsehen adaptiert *. Außerdem gibt es einige Bearbeitungen ihrer Werke für Rundfunk und Theater.
1991 tauchte ihr Name auf der Vorschlagsliste für den Literatur-Nobelpreis auf, die Wahl fiel aber auf die Südafrikanerin Nadine Gordimer.
Nach der Scheidung ihrer Eltern wurde Highsmith von ihrer Großmutter Willie Mae Coates in Fort Worth aufgezogen. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater zog sie 1934 nach New York, wo sie bis 1938 die Julia Richmond High School besuchte. Von 1938 bis 1942 studierte sie Englische Literaturwissenschaft mit Nebenfach Latein an der renommierten Barnard College, die nur Frauen offensteht. Außerdem belegte sie zeitweise Kurse in Zoologie und Griechisch. Nach dem College-Abschluss arbeitete Highsmith in diversen Jobs, u. a. als Verkäuferin in der Spielzeugabteilung eines New Yorker Kaufhauses. Schon in der Schulzeit hatte sie erste Geschichten und Gedichte geschrieben und ihre Ideen in Notizheften festgehalten. Sie beschäftigte sich ebenfalls intensiv mit Zeichnen und Malen und schwankte lange Zeit, welcher Beschäftigung sie sich in Zukunft mit ganzer Kraft widmen sollte. In der Collegezeit wurden einige ihrer Erzählungen in der Studentenzeitschrift Barnard Quarterly veröffentlicht. 1943 bekam sie eine Stelle als Comic-Texterin und Geschichtenentwicklerin beim Verlag Fawcett in New York. Ein erster Romanversuch namens The Click of the Shutting blieb Anfang der vierziger Jahre unvollendet.
Ihre im September 1941 geschriebene Kurzgeschichte The Heroine konnte sie 1944 an die Modezeitschrift Harper's Bazaar verkaufen, die sie im August 1945 veröffentlichte. Im Sommer 1948 bekam sie ein Stipendium für die Künstlerkolonie Yaddo in Saratoga Springs im Bundesstaat New York, einer Stiftung, die es Künstlern ermöglichen soll, eine Zeit lang in Ruhe zu arbeiten und gleichzeitig durch den Kontakt mit anderen Künstlern neue Anregungen zu bekommen. Hier schrieb sie große Teile ihres ersten Romans Strangers on a Train, der 1950 erschien und großen Erfolg hatte. Alfred Hitchcock kaufte für 6800 $ die Rechte und verfilmte den Roman 1951. Am Drehbuch arbeitete unter anderem Raymond Chandler mit.
1953 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Claire Morgan den Roman The Price of Salt, die Geschichte einer lesbischen Liebe mit glücklichem Ende. Eine Begegnung mit einer Kundin aus ihrer Zeit als Verkäuferin in der Spielwarenabteilung inspirierte sie zu dem Roman. Diese Frau übte einen merkwürdigen Zauber auf Highsmith aus. Zu einer persönlichen Begegnung kam es jedoch nie – genau wie später mit dem „Vorbild“ von Ripley. Das Pseudonym wählte Highsmith, um nicht als Autorin von lesbischen Geschichten abgestempelt zu werden; erst 1984 bekannte sie sich öffentlich zur Autorschaft. Der Roman hatte ebenfalls großen Erfolg. Von der Taschenbuchausgabe wurde fast eine Million Exemplare verkauft.
Diese beiden frühen Erfolge verschafften ihr eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit, die ihr ausgedehnte Reisen ermöglichte. Diese Reisen führten sie vor allem nach Europa und dienten auch der Recherche für neue Romane. Oft suchte sie gezielt Orte auf, die in ihrem neuesten Projekt ein Rolle spielen sollten. Manchmal wurde sie aber auch erst während der Reise zu einem neuen Werk inspiriert, sei es durch den Schauplatz, sei es durch Begegnungen mit Menschen.
Highsmith wird häufig mit ihrer populärsten Romanfigur Tom Ripley identifiziert. Der Ursprung zur Schaffung dieser Figur muss eine Begegnung während ihrer ersten Europareise im Spätsommer 1951 gewesen sein. In Positano sah sie einmal in aller Frühe einen einsamen jungen Mann, vermutlich Amerikaner, den Strand entlang laufen. Dieses Bild kam Highsmith in der Folge immer wieder ins Bewusstsein und wurde schließlich zum Kristallisationspunkt für die Romanfigur Tom Ripley. Ripley ist ein amoralischer hedonistischer Krimineller, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Im Gegensatz zu anderen ihrer Romanfiguren wird Ripley nicht von einem permanenten schlechten Gewissen gequält, sondern handelt nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“. Gleich im ersten Roman, Der talentierte Mr. Ripley (The Talented Mr. Ripley, 1955), ermordet Ripley einen reichen Amerikaner und nimmt dessen Identität an, um mit dessen Geld von nun an ein sorgenfreies Bohème-Leben ohne geregelte Arbeit führen zu können. Das Buch war ein großer Erfolg bei Lesern und Kritikern. Highsmith erhielt mehrere Preise für dieses Buch, u. a. den Preis der Mystery Writers of America, den Edgar Allan Poe Award.
Zusätzliche Popularität gewann das Buch 1960 durch die Verfilmung von René Clément mit Alain Delon als Ripley (dt. Filmtitel: Nur die Sonne war Zeuge). Das moralisierende Ende des Films stellte jedoch den Geist der Vorlage vollkommen auf den Kopf. 1999 folgte eine weitere Verfilmung des Stoffes durch Anthony Minghella mit Matt Damon in der Rolle des Tom Ripley (dt. Filmtitel: Der talentierte Mr. Ripley).
Offensichtlich war es ursprünglich nicht geplant, Ripley zum „Serienhelden“ zu machen, denn erst 1970 kam mit Ripley Under Ground ein weiterer Roman um die schillernde Hauptfigur heraus, dem dann noch drei weitere folgen sollten: Ripley's Game (1974) , Der Junge der Ripley folgte (1980), (The Boy Who Followed Ripley) und Ripley Under Water (1991) (die deutschen Ausgaben der Romane haben die amerikanischen Originaltitel zumeist beibehalten).
Einige dieser Romane wurden ebenfalls verfilmt: Der amerikanische Freund (1977) mit Dennis Hopper in der Rolle von Tom Ripley war eine Regiearbeit von Wim Wenders nach dem Roman Ripley's Game. Ripley Under Ground wurde im Jahre 2005 von Roger Spottiswoode unter demselben Titel verfilmt, mit Barry Pepper in der Hauptrolle. Ripley's Game entstand 2002 mit John Malkovich als Ripley sowie Ray Winstone, Hanns Zischler und Dougray Scott. Regie führte Liliana Cavani.
Vielleicht zu Unrecht scheinen durch diesen populären Zyklus Highsmiths sonstige literarische Leistungen etwas in den Schatten gestellt. In ihren anderen Romanen findet man meisterhafte Schilderungen von psychischen und sozialen Erosionsprozessen, während die Ripley-Romane vordergründiger, oberflächlicher (Konsum und ein verfeinerter Lebensstil spielen eine große Rolle) und actionhaltiger sind. Ihre Erzählungen sind oft von ihrem Sinn für Makabres und für schwarzen Humor geprägt.
Highsmith galt als sehr zurückhaltende Persönlichkeit, die nur wenige Freunde hatte. Zeitlebens mied sie öffentliche Auftritte und Interviews. Highsmith hatte in ihrem Leben eine Vielzahl von Liebesbeziehungen mit Frauen, die meist ein bis zwei Jahre dauerten und fast immer mit völliger nervlicher Zerrüttung endeten. Sie suchte sich offensichtlich immer wieder den gleichen Typ Frau, der sie nach einiger Zeit völlig dominierte und herumkommandierte.
1963 zog sie nach Europa, wo sie es selten mehr als einige Jahre am gleichen Ort aushielt. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in dem süditalienischen Fischerdorf und Künstlerort Positano lebte sie von Ende 1963 bis 1967 in Großbritannien, von 1967 bis 1981 in Frankreich in der Gegend von Fontainebleau und schließlich seit 1981 in der italienischen Schweiz. In ihren späten Jahren soll sie zunehmend einsamer und misanthropischer geworden sein und stark dem Alkohol zugesprochen haben.
Am 4. Februar 1995 starb sie in einem Krankenhaus in Locarno an einem Krebsleiden. Begraben wurde sie auf dem Friedhof ihres letzten Wohnortes Tegna im Tessin. Sie vermachte ihr gesamtes Vermögen der Stiftung Künstlerkolonie Yaddo, wo sie 1948 offensichtlich eine der glücklichsten Zeiten ihres Lebens verbracht und ihren ersten Roman geschrieben hatte. Schon zu Lebzeiten hatte sie diese Stiftung mit mehreren großzügigen Schenkungen unterstützt.
In den USA war sie trotz der frühen Erfolge nicht so geschätzt wie in Europa, wo sie besonders in Deutschland, Frankreich und Spanien viele Leser fand. Erst seit kurzem wird sie auch in den USA von einem breiteren Publikum wiederentdeckt. Immer wieder hatte sie mit dem Schubladendenken von Verlegern und Kritikern zu kämpfen. Für eine Kriminalautorin war sie manchen zu literarisch, für die Literaten war sie wiederum zu sehr Kriminalautorin. Selbst als sie bereits eine etablierte Schriftstellerin war, wurden ihre Bücher immer wieder von Verlagen abgelehnt oder aufgefordert, die Bücher umzuschreiben oder zu kürzen. Dagegen wurde sie von vielen europäischen Schriftstellerkollegen, wie Peter Handke, Graham Greene und Gabriele Wohmann sehr geschätzt.
Romane und Erzählungen von Patricia Highsmith wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt, darunter die meisten wichtigen europäischen Sprachen (außer Russisch) und ins Japanische. Die ersten Übersetzungen ins Deutsche gab es erst Anfang der sechziger Jahre bei Rowohlt Verlag, seit 1968 erschienen ihre Werke im Diogenes Verlag, Zürich, der seit 1980 weltweiter literarischer Agent ihrer Werke ist und seit 1993 Eigentümer der Weltrechte an ihrem Gesamtwerk.
Pikanterweise vertreibt Diogenes parallel die neuen, sehr gut edierten gebundenen Ausgaben mit Nachwort und editorischer Notiz und gleichzeitig die alten, unvollständigen Taschenbuchausgaben. Erst nach und nach werden die Taschenbuchausgaben umgestellt.
Der Nachlass von Highsmith, der etwa 50 laufende Regalmeter umfasst, wird im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern aufbewahrt. Er besteht neben den Manuskripten vor allem aus Briefen, Tagebüchern und Notizheften, in denen sie die Ideen für ihre Romane und Geschichten skizzierte. 2003 veröffentlichte der britische Journalist Andrew Wilson eine umfangreiche Biographie unter dem Titel Beautiful Shadow (deutsch: Schöner Schatten) Berlin Verlag, 2003). Kommentar: Der Titel dürfte eine Anspielung auf den Namen von Ripley's Haus "Belle Ombre" (= "Schöner Schatten" auf französisch) sein.
Autor | Literatur (20. Jh.) | Literatur (Englisch) | Kriminalliteratur
Frau | US-Amerikaner | geboren 1921 | Gestorben 1995
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