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Paraphilien (griechisch παραφιλία, von pará – abseits, neben und philía – Freundschaft, Liebe) bezeichnen abweichende sexuelle Präferenzen. Der Begriff wurde von Friedrich Salomo Krauss geprägt, nachdem bereits 1843 der ungarische Arzt Heinrich Kaan unter der Bezeichnung "Psychopathia sexualis" eine Schrift veröffentlicht hatte, in der er die Sündenvorstellungen des Christentums in medizinische Diagnosen umwandelte. Die ursprünglich theologischen Begriffe "Perversion", "Aberration" und "Deviation" wurden so erstmals Teil der Wissenschaftssprache. Kritiker sehen Krauss in einer entsprechenden Traditionslinie, die der moralischen Vorstellungswelt seiner Zeit entsprach.

Heute werden Paraphilien als psychische Störungen im DSM-IV-Katalog, sowie unter dem Begriff „Störung der Sexualpräferenz“ (F65) teilweise in der "Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision (ICD-10)" klassifiziert. Die Einordnung sexueller Vorlieben als Paraphilien ist jedoch umstritten und unterlag historisch und soziologisch einem Wandel (so galt noch im ICD-9 von 1976 Homosexualität als Krankheit).

Die verschiedenen unter Paraphilien fallenden, von der "Norm" abweichenden sexuellen Präferenzen haben nicht zwangsweise etwas miteinander zu tun. So fallen z. B. extrem anmutende, möglicherweise in strafbare Handlungen mündende Vorlieben wie Pädophilie oder Nekrophilie, aber auch „harmlosere“ Neigungen (etwa als nicht verwerflich geltende Fetische) unter den Begriff der Paraphilie.

Der Begriff „Norm“ kann auf unterschiedliche Art definiert werden. Einerseits kann damit gemeint sein, „normal“ sei das, was in einem bestimmten Kulturkreis an der Oberfläche akzeptiert ist. Als Beispiel kann hier die Homosexualität gelten, die zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen das gesamte Spektrum von besonderer Achtung bis Todeswürdigkeit durchlaufen hat. Es kann aber auch der Gegensatz „künstlich“ und „natürlich“ zugrundegelegt werden. Normal wäre dann das, was nicht durch besondere Erziehung, sondern ganz "von selbst" entsteht; bei vielen Paraphilien wird das angenommen (z. B. Pädophile), bei anderen nicht (Fetischismus). Es kann aber auch die statistische Definition angelegt werden, welche „normal“ als das ansieht, was die Mehrheit tut. Ob eine Präferenz als Paraphilie einzustufen ist, hängt also auch maßgeblich davon ab, welche Definition für "Norm" zugrundegelegt wird. Ob im Sexuellen überhaupt der Terminus der Norm Verwendung finden kann, ist selbst ja schon umstritten.

In den psychologischen Wissenschaften spricht man bei einigen ausgelebten Paraphilien auch von Dissexualität. Gemeint ist damit, dass die vom potenziellen, durchschnittlichen Sexualpartner gestellten Ansprüche nicht erfüllt werden. Beispielsweise ist es einem Schuh-Fetischisten nicht möglich, einen sexuellen Höhepunkt zu erreichen, wenn sein Partner nicht besondere Schuhe trägt. Nur der mit dieser Spielart nicht vertraute Sexualpartner erwartet, dass er selbst die sexuelle Erregung auslöst und nicht der Fetisch.

Unter Dissexualität fallen somit jene ausgelebten Paraphilien, die durch sexuelle Handlungen die Würde und Integrität einer anderen Person verletzen; des weiteren alle Handlungen, bei denen das Einverständnis der Person zu den Handlungen nicht vorausgesetzt werden kann. Die dissexuell handelnde Person nimmt dabei keine Rücksicht auf körperliche oder seelischen Belange des „Partners“, sondern stellt alleine seine Bedürfnisse in den Vordergrund (Sadismus, Pädophilie, Nekrophilie usw.).

Der Volksmund benutzt statt des objektiveren und wertneutraleren Begriffes Paraphilie meist den mittlerweile abwertenden, aber früher im psychiatrischen Sprachgebrauch allgemein für Paraphilien verwendeten Begriff Perversionen. Es wird mit diesem Terminus versucht, eine generelle Stigmatisierung der Sexualpraktiken und -vorzüge zu verhindern.

Eine andere Art der Einteilung ist die nach dem Grad der Abweichung:

  • Variationen: Abweichungen, die nicht negativ bewertet werden (kreative Stellungen, besonderes Vorspiel)
  • Deviationen: Sexuelle Spielarten abseits der Norm. Eine sexuelle Erfüllung ist auch außerhalb der Fixierung ohne große Probleme möglich.
  • Perversionen: Sexuelle Spielarten abseits der Norm, die sich durch eine Fixierung auf überdurchschnittliche Triebobjekte oder nicht genormte Befriedigungsarten auszeichnet. Eine sexuelle Erfüllung ist außerhalb der Fixierung nicht mehr oder nur schwer möglich.

Deviation wird in der heutigen Psychologie anstelle des sehr stark negativ geprägten Wortes „Perversion“ verwendet.

Definition nach DSM-IV


Nach dem Katalog DSM-IV gibt es zwei Kategorien, nach denen sexuellen Abweichungen als krankhaft zu bezeichnen sind.

  • Die betroffene Person hat über einen längeren Zeitraum (6 Monate und mehr) wiederholt Phantasien, die sie stark sexuell erregen, oder die Person lebt Bedürfnisse aus beziehungsweise legt Verhaltensweisen an den Tag, die ebenfalls zu einer starken sexuellen Erregung führen. Diese Phantasien bzw. Bedürfnisse, Verhaltensweisen beziehen sich dabei auf nichtmenschliche Objekte (Fetischismus), auf Leid oder Demütigung, Schmerz, Erniedrigung der eigenen Person oder der des Sexualpartners (Masochismus, Sadismus) oder auf nicht einwilligende oder nicht einwilligungsfähige Personen, wie Kinder (Pädophilie).

  • Als krank gelten auch andere Bedürfnisse, die zwar nicht zu den vorstehenden Fällen zählen, aber durch ihr dauerhaftes wiederholtes Auftreten und das damit einhergehende sexuelle Verlangen zu starken Störungen im sozialen Umfeld führen.

DSM-IV enthält die Diagnosekriterien für sexuellen Sadismus (Code 302.84) und sexuellen Masochismus (Code 302.83). Es gibt für Masochismus wie für Sadismus zwei Kriterien: Ein "A" Kriterium und ein "B" Kriterium. Beide müssen erfüllt sein, damit die Diagnose sexueller Sadismus bzw. sexueller Masochismus gestellt werden darf. A-Kriterium: Die betreffende Person muss sexuell erregende Phantasien, sexuelle Neigungen oder Verhaltensweisen haben, die damit zu tun haben, den Mitmenschen zu peinigen (Sadisten) oder gepeinigt zu werden (Masochisten). B-Kriterium: Diese Phantasien, Neigungen oder Verhaltensweisen müssen nun in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen beim Patienten hervorrufen.

BDSM-Liebhaber, auf die B-negativ zutrifft, gelten seit Mai 1994 nicht mehr als krank.

Weitere Paraphilie-Formen


Name Form
Apotemnophilie Sexuelle Erregung durch Selbstamputation
Asphyxiophilie (auch: «Hypoxyphilie») Selbststrangulation zur Luststeigerung
Autagonistophilie Verkehr auf der Bühne
Autassassinophilie Inszenierung der eigenen Tötung
Autonepiophilie (auch: Diaperism) Windelfetischismus
Dendrophilie Erotische Liebe zu Bäumen
Doraphilia Fellfetischismus
Ephebophilie (auch: Hebephilie) Sexuelle Fixierung auf Pubertierende
Erotophonie Sexuelle Befriedigung durch anonyme Telefonate sexuell-erotischen Inhalts mit anonymen "Partnern"
Frotteurismus Sexuelle Erregung durch Tuchfühlung oder Anpressung an eine fremde Person
Gerontophilie Sexuelle Fixierung auf alte Menschen
Hierophilie Sexuelle Erregung durch religiöse Objekte
Homosexualität Gleichgeschlechtlicher Sexualverkehr
Koprophilie Sexuelle Erregung durch Kot oder anderen Ausscheidungen
Kleptophilie Sexuell motiviertes Stehlen
Mysophilie Schmutzlust
Narratophilie Fixierung auf das Gespräch sexuellen Inhalts
Nekrophilie Sexuelle Handlungen mit Toten
Pädophilie Sexuelle Lust an Minderjährigen
Pictophilie Sexuelle Lust an Gemälden («Pygmalionismus» bei Statuen)
Plushophilia Stoff- (Plüsch) tierfetischismus
Skoptophilie (besondere Formen des Voyeurismus) Beobachten des Beischlafs
Somnophilie Sich-Vergehen an Schlafenden
Stigmatophilie Fixierung auf tätowierte/gepiercte Partner
Symphorophilie Sexuelle Erregung durch Katastrophen und Unglücksfälle
Telefon-Skatophilie (auch: Pornolalomanie) Obszöne Anrufe
Triolismus (allg. «sexueller Pluralismus») Fixierung auf Sex zu Dritt
Urophilie (auch Urophagie) Sexuelle Erregung durch Urinieren, den Urin oder dessen orale Aufnahme.
Zoophilie (Sodomie) Sexuelle Handlungen mit Tieren

Weblinks


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