Das politische Schlagwort Parallelgesellschaft bezeichnet eine, nicht den Regeln der Mehrheitsgesellschaft entsprechende, häufig abgelehnt gesellschaftliche Selbstorganisation einer Minderheit.
Nach der Ermordung des islamkritischen Filmemachers Theo van Gogh am 2. November 2004 kam es zu Konflikten in den Niederlanden. Im Lauf des Novembers gipfelte diese in einem Sprengstoffanschlag auf eine Koranschule sowie mehreren Brandanschlägen auf Moscheen, islamische Schulen und auf Kirchen. Auf Grund dessen setzte zunächst in den Niederlanden, dann im übrigen Europa eine öffentliche Kontroverse ein, in der das Schlagwort Parallelgesellschaft in den Massenmedien popularisiert wurde. Es markierte vorzugsweise die Position, dass die multikulturelle Gesellschaft gescheitert sei und die Herbeiführung von Integration neue Mittel erfordere.
"Parallelgesellschaften" wurde bei der Wahl für das Wort des Jahres 2004 auf den 2. Platz gewählt.
Obwohl der Islam - diesem Effekt widersprechend - traditionell in seiner Diaspora eher liberal und angepasste Positionen vertritt - siehe Beispiel der Muslime in den jugoslawischen Nachfolgestaaten - , war dieser Effekt in Deutschland nur wenig spürbar. Vor allem der aufgeschürte Wertekonflikt zwischen den mit strikter "Islam"-Auffassung nur schwer zu verbindenden Menschenrechten (siehe "Kairoer Erklärung der Menschenrechte") und der westlichen Demokratie haben zparaller gesellschaftlicher und nicht partizipativen Strukturen bei bei der sich abschottenden Minderheit (siehe al-wala' wa-l-bara') mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft geführt. Spektakuläre Fälle, wie der von Hatun Sürücü, haben die öffentliche Meinung darauf fokusiert, dass in der Abschirmung durch "Parallelgesellschaften" grundlegende westliche Normen des Zusammenlebens nicht anerkannt werden. (Siehe auch Zwangsheirat, Apostasie im Islam).
Jahrzehnte lange Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, gepaart mit Stigmatisierungen in Schule und Ausbildung, haben in der zweiten - und besonders in der dritten Einwanderungsgeneration zu einer - teilweise unreflektierten - Rückbesinnung auf religiöse und fundamentalistisch-radikale Positionen bewirkt. Aus der Perspektive der Teilnehmer von Parallelgeseschaften fällt die Bewertung des Begriffs häufig positiv aus. Ähnliche Phänomene einer sich abschottenden gesellschaftlichen Gruppierung findet man in der homoseuxellen Subkultur. Nach Meinung des Göttinger Professors Franz Walther erleichtern Parallelgesellschaften ihren Mitgliedern den Wechsel in eine kulturell radikal anders geprägte Ordnung. Der Begriff wird häufig auch als politischer Kampfbegriff verwendet. Mit Lewis A. Coser nennt die Soziologie den Streit an einer derart aus der Ökonomie in die Moral verschobenen Konfliktfront einen unrealistic conflict.
Am Begriff Parallelgesellschaft wird kritisiert, dass Parallelgesellschaften nur gegenüber einer Mehrheitsgesellschaft zu denken sind. Die Rede von den Parallelgesellschaften diene dann zur Identitätsstiftung der Mehrheitsgesellschaft durch Abgrenzung von den Anderen. Gleichzeitig würden damit derzeit zunehmende polizeiliche, politische und (sozial)pädagogische Zwangsmaßnahmen und Interventionen gegen die als Parallelgesellschaften bezeichneten Gruppen gerechtfertigt.
Der Begriff ist eine Neuschöpfung und wurde erst nach dem Mord an Theo van Gogh als Schlagwort populär. Es gibt keine akzeptierte Definition des Begriffs, zur Anwendung auf historische Phänomene ist er deshalb nicht geeignet. Andere Autoren, so der Pädagoge Wilhelm Heitmeyer oder der Historiker Klaus J. Bade, halten die derzeitige Verwendung des Begriffs für populistisch, während sie in anderem Zusammenhang selbst von Parallelgesellschaften sprechen würden. So Klaus J. Bade im Interview mit Spiegel Online:
Hierzu kann jedoch kritisch angemerkt werden, dass es in Deutschland zumindest in den Alten Bundesländern sehr wohl eine Parallelgesellschaft gibt, die der klassische Definition von Klaus J. Bade entspricht. Dort wo U.S.-Truppen stationiert waren bzw. sind haben sich eben solche Parallelstrukturen herausgebildet. Besonders gut lässt sich dieses Phänomen heute noch in der Rhein-Main-Gebiet nachweisen. Nichts desto trotz zeigt gerade dieses Beispiel die Unterschiede zwischen "echter" und "scheinbarer Parallelgesellschaft" auf.
Die Lebensvorstellungen und Wertevorstellungen beider Kulturen - die des 'neuen Islams' einerseits und die des 'libertären Weltbildes' andererseits - stellen für beidseitige Kritikübung und Symbolkämpfe genügend Züge bereit. Ein Beispiel für die Brisanz ist der Kopftuchstreit: Die extremen Positionen vertreten z.B. einerseits, das Kopftuch sei auch politischer Ausdruck islamistischer Weltanschauung und müsse daher verboten werden, andererseits behauptet die Gegenseite, die Bedeckung sei Grundlage für die religiös gebotene weibliche Keuschheit. Der Mehrheitsdiskurs vertritt Auffassungen, die differenzierter sind, z.B. jede Frau müsse selbst über ihre Kleidung entscheiden, oder als Gegenposition: Lehrerinnen und Erzieherinnen sollen das Kopftuch im Dienst nicht tragen dürfen, weil sie Vorbilder für die Kinder seien.
Hauptsächlich geht es um eine als gerecht empfundene Einbürgerungspolitik und Aufstiegsermöglichung gegenüber eingewanderten Minderheiten.
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