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Otto-lilienthal.jpg Karl Wilhelm Otto Lilienthal (* 23. Mai 1848 in Anklam, Provinz Pommern; † 10. August 1896 in Berlin – nach einem Absturz in den Rhinower Bergen bei Stölln, Provinz Brandenburg am Vortag) war ein Pionier der Flugzeug-Entwicklung.

Lilienthal führte zwar nicht den ersten Gleitflug nach dem Prinzip „schwerer als Luft“ durch, das war 1853 George Cayley, der seinen Gleiter allerdings nicht selbst flog. Lilienthal unterschied sich von zahlreichen Vorläufern allerdings dadurch, dass er nicht nur einen einmaligen Flug versuchte, sondern nach ausführlichen theoretischen und praktischen Vorarbeiten deutlich über tausend Mal Flugversuche mit Weiten bis 250 Metern durchgeführt hat. Seine experimentellen Vorarbeiten markieren den Beginn der Tragflügel-Aerodynamik. Sein Flugprinzip war das des heutigen Hängegleiters und wurde von den Gebrüdern Wright zum Prinzip des Flugzeugs weiterentwickelt.

Anfänge


Lilienthals Vater, ein mathematisch und technisch begabter Mann, besaß eine Tuchhandlung, deren Kundenkreis - vorwiegend Gutsbesitzer aus der Umgebung - er verlor, als der sich 1848 öffentlich für die Demokratie aussprach. Er verstarb, als die Familie bereits die Auswanderung nach Amerika beschlossen hatte. Lilienthals Mutter, die in Dresden und Berlin Musik studiert hatte, gebar acht Kinder. Fünf starben im Alter von wenigen Monaten oder Jahren. Ihre Söhne Otto und Gustav besuchten von 1856 bis 1864 das Gymnasium in Anklam, im Mathematikunterricht trafen sie dabei auf Gustav Spörer.

Die beiden führten schon 1862 erste Flugversuche durch: Sie beobachteten den Vogelflug, speziell von Störchen und bauten ein Flügelpaar aus Leisten und Buchenspanbrettern. Dann gingen sie nachts - um nicht verspottet zu werden - zum Kugelfang des Anklamer Schießplatzes, um die Flügel mit den Armen bewegend dem Wind entgegenzulaufen. Der Flug der Vögel, besonders der Störche blieb auch in späteren wissenschaftlichen Arbeiten eine wesentliche Inspirationsquelle, womit die Lilienthals durchaus frühe Bioniker waren.

Maschinenbau und Flugtechnik


Ab 1864 besuchte Lilienthal die Potsdamer Provinzialgewerbeschule, wobei er bei Verwandten lebte. Nach zwei Jahren begann er ein Praktikum bei der Berliner Maschinenfabrik Schwartzkopff. Nun teilte er als "Schlafbursche" ein Bett mit einem Droschken- und Rollkutscher.

1867 und 1868 bauten die Brüder Lilienthal in Anklam Experimentiergeräte zur Erzeugung von Auftrieb durch Flügelschlag. Das Ergebnis war eine maximal hebbare Masse von 40 kg. Auch unter den wissenschaftlichen Autoritäten herrschte in dieser Frage Skepsis. Beispielsweise untersuchte Hermann von Helmholtz die Problematik und sagte 1872, dass „... es kaum wahrscheinlich ist, dass der Mensch auch durch den allergescheitesten flügelähnlichen Mechanismus, den er durch seine eigene Muskelkraft zu bewegen hätte, in den Stand gesetzt werden würde, sein eigenes Gewicht in die Höhe zu heben und dort zu erhalten“. Dies ist bekanntlich bis heute nicht widerlegt, wurde aber seinerzeit von der Öffentlichkeit derart missverstanden, als wäre ein Flug generell nicht möglich.

Im Oktober 1867 begann Lilienthal ein Studium an der von Franz Reuleaux geleiteten Gewerbeakademie Berlin, aus der später die TH Charlottenburg hervorging, und bekam ein Stipendium, das seine Lebenssituation deutlich verbesserte. Auch seine flugtechnischen Ambitionen waren an der Schule nicht unerkannt geblieben. Nach Abschluss der Ausbildung 1870 schlug Lilienthal ein Angebot von Reuleaux aus, dessen Assistent zu werden. In einen Brief aus dem Deutsch-Französischen Krieg, an dem Lilienthal als "Einjährig-Freiwilliger" teilnahm, berichtet er seinem Bruder über die Luftballone, die das belagerte Paris verließen.

Wege in die Selbständigkeit


Die ersten Versuche der Brüder mit einem eigenen Unternehmen Geld zu verdienen waren nicht erfolgreich. Die Patentanmeldung für einen Heißluftmotor schlug fehl, das Patent für eine Schrämmaschine brachte nur vorübergehend einige Einnahmen. Die ausgereiften Entwürfe für ein Kinderspielzeug mussten abgegeben werden, da die Entwicklung zu teuer gekommen wäre: Friedrich A. Richter kaufte sie und machte den Anker-Steinbaukasten weltberühmt, er wird noch heute hergestellt. 1881 erhielt Lilienthal ein Patent für Schlangenrohrkessel, welches den erhofften Erfolg brachte: Eine kleine Werkstatt wuchs schnell zur Fabrik mit 60 Mitarbeitern, die ab 1894 auch den "Normalsegelapparat" in Serie herstellte und damit zur ersten Flugzeugfabrik der Welt wurde. Das Unternehmen wurde - beeinflusst von den Ideen von Moritz von Egidy - überaus modern geführt. Schon 1890 erhielten die Arbeiter eine Gewinnbeteiligung, die 25 % des Reingewinns ausmachte. Die Dampfkessel- und Maschinenfabrik Otto Lilienthal in der Köpenicker Straße 110/113, Berlin existierte unter diesen Namen noch bis zum Ersten Weltkrieg.

Auf dem Weg zum Erfolg


1889 veröffentlichte Lilienthal sein Buch Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst, welches als bedeutendste flugtechnische Veröffentlichung des 19. Jahrhunderts gilt. Von der breiten Öffentlichkeit blieb es allerdings weitgehend unbemerkt, sie favorisierte die Luftfahrt nach dem Prinzip "leichter als Luft" die Weiterentwicklung des Ballons zum Luftschiff. In seinem Werk betonte Lilienthal nachdrücklich, man müsse den Vogelflug genau nachahmen. Er war sich ganz sicher, damit ans Ziel zu gelangen: "Die Nachahmung des Segelflugs muss auch dem Menschen möglich sein, da er nur ein geschicktes Steuern erfordert, wozu die Kraft des Menschen völlig ausreicht." Darüber hinaus befand er sogar, dass es die einzige Methode für den Menschen sei, schnell, frei und mit wenig Kraft fliegen zu können.

Inzwischen hatten die Gebrüder erkannt, dass der Flügelform einer entscheidenden Bedeutung zukam: "Die wichtigste Erkenntnis dieser Jahre war die Entdeckung, dass gewölbte Tragflächen einen größeren Auftrieb liefern, als ebene." Die charakteristische Flügelform war auch anderen Flugtechnikern nicht entgangen, aber die Lilienthals haben sie erstmals mit exakten Messungen verbunden. Die Gebrüder Wright sagen später über Lilienthals Tabellen, sie seien über zwei Jahrzehnte das Beste gewesen, das gedruckt vorlag. Ihr Vorgehen "Vom Schritt zum Sprung, vom Sprung zum Flug" ermöglichte schließlich den erfolgreichen Gleitflug. Im Verein zur Förderung der Luftschiffahrt, dem Lilienthal schon seit 1886 angehörte, legte er seine vielbeachteten Auffassungen in einem Vortrag wie folgt dar: "Es gibt nichts Verkehrteres, als auf Grund theoretischer Arbeiten sogleich eine Flugmaschine fix und fertig bauen zu wollen. Beim Herumraten und planlosen Probieren komme für die Fliegekunst überhaupt nichts heraus. Der Übergang müsse vielmehr planvoll und schrittweise erfolgen."

Praktische Versuche


Mit der Veröffentlichung seines Buches betrachtete Otto Lilienthal das theoretische Fundament als ausreichend, um zu praktischen Flugversuchen überzugehen. Daran nahm Gustav nicht mehr teil. Infolgedessen ist der erste Menschenflug heute ausschließlich mit dem Namen Otto Lilienthal verbunden, wenngleich sein Bruder an den Vorbereitungen dafür entscheidend mitwirkte.

Für die Versuche diente ein mit gewachstem Baumwollstoff (Schirting) bespannter Weidenholzrahmen. Seine Ausmaße: 6,6 m Spannweite, ca. 14 m² Tragfläche und eine größte Flügeltiefe von 2,5 m. Lilienthal begann mit Stehübungen gegen den Wind, gefolgt von Sprüngen vom Sprungbrett im Garten hinter dem Wohnhaus, die immerhin schon 6 bis 7 m Weite erreichten. Ab Sommer 1891 suchte Lilienthal geeignete "Flugplätze" auf, zunächst ein Gelände am Mühlenberg bei Derwitz (Landkreis Potsdam-Mittelmark). Dort kam es zu 25 m weiten Flügen, wobei er jeden Flug auswertete und den Apparat kontinuierlich verbesserte. Beispielsweise erhöhten vertikale und horizontale Schwanzflächen die Stabilität. Auch war er ständig auf der Suche nach einem geeigneten Übungsterrain, insbesondere um bei jeder Windrichtung gegen den Wind starten zu können. So gab es Versuche an einer Kiesgrube in Berlin-Steglitz, in den Rhinower Bergen bei Stölln, zwischen Rathenow und Neustadt, an der Dosse gelegenen. Letztere Stelle wurde ab 1893 zum Hauptübungsplatz, dort gelangen Flugweiten bis 250 m. 1894 ließ Lilienthal in Berlin-Lichterfelde auf seine Kosten einen 15 m hohen Hügel aufschütten, der sehr bald als "Fliegeberg" in aller Munde war.

Insgesamt baute Otto Lilienthal in seinem Leben mindestens 21 Flugapparate, darunter auch Flügelschlagapparate. 1894 ging eines dieser Gleitflugzeuge, der so genannte Normalsegelapparat, in Serienproduktion. Ab 1895 flog er zwei verschiedene Doppeldecker mit 5,5 bis 7 m Spannweite und 25 m² Tragfläche. Ab 1893 konstruierte er auch Flügelschlagantriebe mit Kohlensäuremotor. Ein neuer großer Flügelschlagapparat war 1896 erprobungsbereit, kam aber nicht mehr zum Einsatz.

Resonanz


Durch Vorträge im Verein zur Förderung der Luftschiffahrt, Veröffentlichungen in der Zeitschrift für Luftschiffahrt und Physik der Atmosphäre, und der Zeitschrift Prometheus, Pressemeldungen und Fotografien der Flüge war Lilienthal nun überaus bekannt geworden. Zahlreiche in- und ausländische Besucher kamen nach Berlin, um sich die Flüge anzusehen. Ludwig Boltzmann und Octave Chanute wollten die Versuchsergebnisse in allen Einzelheiten erfahren. Besonders hervorzuheben ist Nikolai Jegorowitsch Schukowski, der 1895 nach Berlin kam und an den Flugübungen teilnahm. In einen Zeitschriftenaufsatz schrieb er: "Die wichtigste Erfindung der letzten Jahre auf dem Gebiet der Luftfahrt ist der Flugapparat des deutschen Ingenieurs Otto Lilienthal." LilienthalsTodesflug.jpg

Letzter Flug


1896 stürzte Lilienthal in Stölln aufgrund einer "Sonnenbö" (thermische Ablösung) aus 15 bis 20 m Höhe ab, brach sich das Rückgrat und erlag einen Tag später, am 10. August 1896, dieser schweren Verletzung. Vom Absturzapparat sind Fotos erhalten, aufgenommen auf dem Hof der Maschinenfabrik Lilienthal. Nach seinem Tod arbeiteten viele Flugpioniere nach seiner Methode weiter, in den USA waren dies vor allem Octave Chanute und die Gebrüder Wright.

Gedenkstätten


Das Grab von Otto Lilienthal und seiner Ehefrau Agnes befindet sich auf dem Berliner Friedhof Lankwitz im Ehrengrab A I am Urnengarten Nr. 7/8.

LilienthalDenkmal.JPG Sein Fliegerberg in Berlin-Lichterfelde (Berlin-Steglitz), Schütte-Lanz-Straße, wurde 1932 zur Lilienthal-Gedenkstätte umgestaltet. Weitere Lilienthal-Denkmale befinden sich in Anklam, bei Derwitz im Havelland und in Stölln bei Rhinow.

Am 7. Juni 1988 erhielt der Berliner Flughafen Tegel den zusätzlichen Namen "Otto Lilienthal".

Zum Andenken Lilienthals landete eine Interflug Maschine der DDR am 23.10.1989 unter abenteuerlichen Umständen auf der Wiese "ohne Landepiste" auf der Lilienthal starb; die Maschine ist heute das Museum "Lady Agnes" nach dem Namen seiner Frau. Die Landung gilt noch heute als eines der größten kalkulierten Risiken der modernen Luftfahrt.

Die Deutsche Luftwaffe hat einen Airbus A310 MRT Medevac nach ihm benannt.

Die Bundeswehrkaserne (Luftwaffe + Heeresflieger) im mittelfränkischen Roth ist nach Otto Lilienthal benannt.

Ein Otto Lilienthal Museum über den Flugpionier, sein Schaffen und das Fliegen kann man in seiner Geburtsstadt Anklam besuchen.

Auf dem Windmühlenberg zwischen Krielow (Ortsteil von Groß Kreutz) und Derwitz (Ortsteil von Werder) wurde am 21. September 1991 das vom Bildhauer Wilfried Statt geschaffene Denkmal eingeweiht.

Otto Lilienthal wird durch seine Versuche nicht nur zu einem der wichtigsten Wegbereiter des Gleit-, sondern auch des Motorflugs. So werden seine grundlegenden Erkenntnisse (wie zum Beispiel die bezüglich des Auftriebs an gekrümmten Flächen) von anderen Flugpionieren (Gebrüder Wright, Gustav Weißkopf, Wilhelm Kress, Karl Jatho) übernommen und weiterentwickelt.

Patente


Von Lilienthal sind 25 Patente bekannt; nur vier davon betrafen Flugapparate. Sein erstes Patent (angemeldet auf den Namen seines Bruders Gustav Lilienthal) bezog sich auf die Schrämmaschine. Der Großteil betraf gefahrlose Dampfkessel und Klein-Dampfmaschinen.

Literatur


  • Biografie: Manuela Runge, Bernd Lukasch: Erfinderleben - die Brüder Otto und Gustav Lilienthal; Berlin-Verlag, 2005; ISBN 3-8270-0536-1
  • Zur Erfindung des Flugzeugs und den Folgen siehe: Andreas Venzke: Pioniere des Himmels: Die Brüder Wright - Eine Biografie; Verlag Artemis und Winkler 2002; ISBN 3-53807-143-8 (mit Analyse der Lilienthalschen Pioniertaten)
  • Zur Maschinenfabrik "Otto Lilienthal" siehe: Otto Lilienthal Museum Anklam. Der Dampfmotor des Flugpioniers. Kulturstiftung der Länder - Patrimonia 271; Anklam, 2004; ISSN 0941-7036
  • Zu seinen Flugzeugen und deren Nachbau siehe: Stephan Nitsch: Vom Sprung zum Flug; Brandenburgisches Verlagshaus 1991; ISBN 3-327-01090-0; Berlin 1991
  • Zur Grundlage der Fliegerkunst siehe: Otto Lilienthal: DER VOGELFLUG: als Grundlage der Fliegerkunst; Reprint der Originalausgabe von 1910; Verlag von R. Oldenbourg; ISBN 3-486-23555-9 (mit einer biographischen Einleitung und einem Nachtrag)

Siehe auch


Weblinks


Mann | Deutscher | Unternehmer (Industrie) | Luftfahrtpionier | Ingenieur, Erfinder, Konstrukteur | Geboren 1848 | Gestorben 1896

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