Otto_Hahn_und_Lise_Meitner.jpg im Labor, KWI für Chemie, 1913]] Otto Hahn (* 8. März 1879 in Frankfurt am Main; † 28. Juli 1968 in Göttingen) war ein deutscher Chemiker, Pionier der Radiochemie, Entdecker der Kernisomerie (Uran Z) und der Kernspaltung des Urans, "DER VATER DER KERNCHEMIE" (Glenn T. Seaborg, Nobelpreisträger für Chemie 1951).
Nach dem Abitur an der Klinger-Oberrealschule in Frankfurt am Main begann Hahn 1897 an der Universität Marburg sein Studium der Chemie und Mineralogie (Nebenfächer Physik und Philosophie). Das dritte und vierte Semester verbrachte er bei Adolf von Baeyer an der Universität München. 1901 promovierte Hahn in Marburg mit einer Dissertation „Über Bromderivate des Isoeugenols“, ein Thema aus dem Bereich der klassischen organischen Chemie. Nach Ende seines einjährigen Militärdienstes blieb der junge Chemiker noch zwei Jahre als Assistent seines Doktorvaters, Geheimrat Theodor Zincke, an der Universität Marburg.
Hahn strebte eine Tätigkeit in der Industrie an. Aus diesem Grund, und zur Verbesserung seiner Sprachkenntnisse, wechselte er 1904 an das University College London und wurde Mitarbeiter von Sir William Ramsay, dem berühmten Entdecker der Edelgase. Hier beschäftigte sich Hahn mit dem seinerzeit noch jungen Gebiet der Radiochemie. Bei der Arbeit mit Salzen des Elements Radium entdeckte Hahn 1905 das so genannte Radiothorium (Thorium 228), nach damaligen Vorstellungen ein neues radioaktives chemisches Element. (Tatsächlich war es aber ein damals noch unbekanntes Isotop des schon bekannten Elements Thorium. Die Begriffe Isotopie und „Isotop“ wurden aber erst 1913 von Frederick Soddy geprägt). Im Herbst 1905 wechselte Hahn an die McGill-Universität in Montréal, Kanada, um bei Sir Ernest Rutherford seine Kenntnisse zu vertiefen. Hier entdeckte Hahn die radioaktiven chemischen Elemente (nach damaliger Terminologie) Thorium C und Radioactinium.
Im Sommer 1906 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde Mitarbeiter bei Emil Fischer an der Berliner Universität, der Hahn eine "Holzwerkstatt" im Chemischen Institut als eigenes Labor zur Verfügung stellte. Dort entdeckte Hahn in wenigen Monaten - mit äußerst primitiven Apparaturen - das Mesothorium I, das Mesothorium II und - unabhängig von Boltwood - die Muttersubstanz des Radiums, das Ionium. Das Mesothorium I (Radium 228) erlangte in den folgenden Jahren eine große Bedeutung, da es sich - ähnlich dem Curieschen Radium 226 - hervorragend für die medizinische Strahlentherapie eignete, mit dem großen Vorteil, dass es in der Herstellung nur die Hälfte kostete. (Für die Entdeckung des Mesothoriums I wurde Otto Hahn 1914 erstmals von Adolf von Baeyer für den Chemie-Nobelpreis vorgeschlagen). Im Juni 1907 habilitierte sich Hahn an der Universität Berlin. Am 28. September 1907, sozusagen ein historisches Datum in der Geschichte der Atomforschung, lernte er die Physikerin Lise Meitner kennen, die von Wien nach Berlin gewechselt war. Hier begann die 30 Jahre dauernde Zusammenarbeit und lebenslange innige Freundschaft der beiden Wissenschaftler. Nachdem die Physikerin Harriet Brooks 1904 zum ersten Mal den radioaktiven Rückstoß beobachtet, aber falsch gedeutet hatte, gelang es Otto Hahn 1909, den Rückstoß bei der Alpha-Umwandlung nachzuweisen und richtig zu interpretieren. "...eine grundsätzlich bedeutungsvolle physikalische Entdeckung mit weittragenden Konsequenzen", wie es der Physiker Walther Gerlach einmal formulierte. In der Folgezeit wurden von Hahn und Meitner mit der von ihnen neuentwickelten "Rückstoßmethode" mehrere neue radioaktive Substanzen entdeckt. 1910 wurde Hahn zum Professor ernannt, 1912 übernahm er die radioaktive Abteilung im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem (heute Otto-Hahn-Bau der Freien Universität Berlin, Thielallee 63); von 1928 bis 1945 war er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie. Bereits 1924 wurde Hahn zum Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin ernannt (auf Vorschlag von Einstein, Haber, Schlenk und von Laue).
Nachdem Otto Hahn anlässlich einer Tagung in Stettin im Juni 1911 die Kunststudentin Edith Junghans kennengelernt hatte, heirateten sie am 22. März 1913 in Ediths Geburtsstadt Stettin, wo der Vater, Justizrat Paul Junghans, bis zu seinem frühen Tode 1915 Präsident des Stadtparlamentes war. Aus der Ehe ging 1922 als einziger Sohn der spätere Kunsthistoriker und Architekturforscher (an der Hertziana in Rom) Dr. Hanno Hahn hervor, der 1960 zusammen mit seiner Frau und Assistentin Ilse Hahn auf einer Studienreise in Frankreich tödlich verunglückte.
Während des Ersten Weltkrieges wurde Hahn zum Militär eingezogen, und zwar in die von Fritz Haber geleitete Spezialeinheit für chemische Kriegsführung. Sie entwickelte, testete und produzierte Giftgas für Kriegszwecke. Noch während des Krieges, seit Dezember 1916, nachdem er wieder nach Berlin versetzt worden war, nahm Hahn seine Arbeit am Institut wieder auf. 1917/18 isolierte er mit Lise Meitner eine langlebige Aktivität. Sie nannten das Element Proto-Actinium. 1913 hatten Fajans und Göring eine kurzlebige Aktivität aus Uran isoliert (UX2) und das Element Brevium genannt. Die beiden Aktivitäten sind unterschiedliche Isotope des gleichen Elements Nr. 91, das 1949 von der IUPAC Protactinium genannt wurde und Hahn und Meitner endgültig als Entdecker bestätigt.
Otto_Hahn_-_Taschenkalender_von_1938.jpg | Versuchsaufbau Hahn Deutsches Museum.jpg am 17. Dezember 1938 in Berlin die Kernspaltung entdeckten (Deutsches Museum, München)]]
Im Februar 1921 veröffentlichte Otto Hahn die erste Mitteilung über seine Entdeckung des Uran Z. Es ist die Entdeckung der Kernisomerie, "eine für die Kernphysik später sehr bedeutungsvoll werdende, damals unverständliche Entdeckung", wie Walther Gerlach bemerkte, denn erst 1936 gelang es Carl Friedrich von Weizsäcker, das Phänomen der Kernisomerie theoretisch zu erklären. Auch für diese Entdeckung, deren volle Bedeutung doch einige Wenige erkannten, wurde Hahn 1923, unter anderem von Max Planck, für den Chemie-Nobelpreis vorgeschlagen.
In den 1920er Jahren schuf sich Otto Hahn ein neues Arbeitsgebiet: mit der von ihm neuentwickelten "Emaniermethode" und dem "Emaniervermögen" begründete er die sogenannte "Angewandte Radiochemie" zur Erforschung allgemeiner chemischer und physikalisch-chemischer Fragen. "Applied Radiochemistry" ist der Titel seines in englischer (und später in russischer) Sprache erschienenen Buches, das die 1933 von Hahn während seiner Gastprofessur an der Cornell-Universität in Ithaca, New York (USA) gehaltenen Vorlesungen enthält. - "Mitte der 30er Jahre, sowie in Verbindung mit unserer Arbeit mit Plutonium einige Jahre später, benutzte ich sein Buch 'Applied Radiochemistry' als meine Bibel", so Glenn T. Seaborg, Präsident der United States Atomic Energy Commission, im Jahre 1966.
Gemeinsam mit Lise Meitner und seinem Assistenten Fritz Straßmann setzte Hahn die Forschungsarbeiten fort, die der italienische Physiker Enrico Fermi durch den Beschuss von Uran mit Neutronen 1934 begonnen hatte. Bis 1938 glaubten alle Wissenschaftler, dass die Elemente mit Ordnungszahlen größer als 92 (die so genannten Transurane) entstehen, wenn man Uranatome mit Neutronen beschiesst. (Eine Ausnahme stellte die Chemikerin Ida Noddack dar. Sie nahm den Paradigmenwechsel von 1938/39 vorweg, indem sie in 'Angewandte Chemie', 47. Jg. (1934) mutmaßt: „Es wäre denkbar, dass bei der Beschießung schwerer Kerne mit Neutronen diese Kerne in mehrere größere Bruchstücke zerfallen, die zwar Isotope bekannter Elemente, aber nicht Nachbarn der bestrahlten Elemente sind.“ Aber kein Physiker nahm die Noddacksche Spekulation wirklich ernst und überprüfte sie, selbst Ida Noddack nicht (!). Das Zerfallen schwerer Atomkerne in leichtere Elemente galt als völlig unzulässige Theorie und als experimentell undurchführbar.) - Als sie im Dezember 1938 in einer mit Neutronen bestrahlten Uranprobe nach Transuranen suchten, fanden Otto Hahn und Fritz Straßmann Spuren des Elements Barium. Zum Nachweis kam ein organisches Bariumsalz des jüdischen Chemikers Wilhelm Traube zum Einsatz, dessen spätere Verhaftung und Ermordung Hahn vergeblich zu verhindern suchte. Aufgrund des entscheidenden Experiments am 17. Dezember 1938 (der berühmten "Radium-Barium-Mesothorium-Fraktionierung") schloss Otto Hahn auf ein "Zerplatzen" des Urankerns in mittelschwere Atomkerne. Dies war die Entdeckung der Kernspaltung. Hahns und Straßmanns radiochemische Ergebnisse wurden am 6. Januar 1939 in der Zeitschrift "Die Naturwissenschaften" veröffentlicht und waren der unwiderlegbare Beweis (der durch Berechnungen der bei der Reaktion beteiligten Energien bestätigt wurde), dass das Uran in kleinere, aus leichteren Elementen bestehende Bruchstücke gespalten worden war. Nur kurze Zeit später, am 11. Februar 1939 - (Otto Hahn hatte seine geschätzte Kollegin Lise Meitner über seine chemischen Experimente brieflich vorab informiert) - lieferten Lise Meitner und ihr Neffe Otto Robert Frisch – beide waren inzwischen nach Schweden emigriert – eine erste theoretisch-physikalische Erklärung der Kernspaltung in der englischen Zeitschrift "Nature". Frisch prägte dabei den Begriff "nuclear fission" (Kernspaltung), der in der Folgezeit international anerkannt wurde.
"Die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann hat ein neues Zeitalter in der Geschichte der Menschheit eröffnet. Die dieser Entdeckung zugrunde liegende wissenschaftliche Leistung scheint mir darum so bewundernswert, weil sie ohne jede theoretische Wegweisung auf rein chemischem Weg erreicht worden ist", schreibt Lise Meitner in einer späteren Würdigung. Und in einem ARD-Interview ergänzte sie: "Es gelang mit einer ungewöhnlich guten Chemie von Hahn und Straßmann, mit einer phantastisch guten Chemie, die zu dieser Zeit wirklich niemand anderer gekonnt hat. Später haben's die Amerikaner gelernt. Aber damals waren wirklich Hahn und Straßmann die einzigen, die das überhaupt machen konnten, weil sie so gute Chemiker waren. Sie haben wirklich mit der Chemie einen physikalischen Prozeß sozusagen nachgewiesen." Und Fritz Straßmann erwiderte präzisierend: "Frau Professor Meitner hat erklärt, daß der Erfolg auf die Chemie zurückzuführen ist. Ich muß sie etwas korrigieren. Denn die Chemie hat lediglich zustande gebracht eine Isolierung der einzelnen Substanzen, aber nicht eine genaue Identifizierung. Um das durchzuführen, war die Methode von Herrn Professor Hahn notwendig. Das ist also sein Verdienst."
Bei Kriegsende 1945 wurde Otto Hahn von der alliierten Spezialeinheit ALSOS in Tailfingen (heute: Albstadt) festgenommen und mit neun deutschen Physikern (darunter Max von Laue, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker) in der Nähe von Cambridge (Farm Hall), England, interniert.
So war er, unter anderem, der Initiator der Mainauer Kundgebung, in der zahlreiche Nobelpreisträger von 1955 auf die Gefahren von Atomwaffen aufmerksam machten und die Staaten der Welt eindringlich vor der Anwendung von "Gewalt als letztes Mittel der Politik" warnten. Ferner gehörte er zu den Verfassern der Göttinger Erklärung, in der er sich 1957 zusammen mit 17 führenden westdeutschen Atomwissenschaftlern gegen die atomare Aufrüstung der deutschen Bundeswehr wandte. Im Januar 1958 unterzeichnete Otto Hahn den Pauling-Appell an die Vereinten Nationen zum "sofortigen Abschluß eines internationalen Abkommens zur weltweiten Einstellung der Atomwaffenversuche", und im Oktober das "Abkommen, eine Versammlung zur Ausarbeitung einer Weltverfassung" einzuberufen. Bis zu seinem Tode wurde er nicht müde, eindringlich vor den Gefahren des nuklearen Wettrüstens der Großmächte und einer radioaktiven Verseuchung der Erde zu warnen. Seit 1957 wurde Otto Hahn von internationalen Organisationen mehrfach für den FRIEDENS-NOBELPREIS vorgeschlagen (u.a. von der größten fränzösischen Gewerkschaft CGT). - Linus Pauling, Friedensnobelpreisträger 1962, bezeichnete einmal - sicherlich nicht ohne Grund - Otto Hahn als "eines meiner Vorbilder".
Otto Hahn, seit 1960 Ehrenpräsident der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, erhielt zahlreiche staatliche und akademische Auszeichnungen und Ehrendoktortitel auf der ganzen Welt. Er war Mitglied oder Ehrenmitglied von 45 Akademien und Wissenschaftlichen Gesellschaften und erhielt im Laufe seines Lebens 37 höchste nationale und internationale Orden oder Medaillen, darunter u.a. die Friedensklasse des Ordens Pour-le-Mérite, das Großkreuz der Bundesrepublik Deutschland und von Frankreichs Präsident Charles de Gaulle den Rang eines Offiziers der Ehrenlegion. - Zwei Jahre nach seinem Tod schlugen amerikanische Forscher vor, das neu synthetisierte Element Nr. 105 ihm zu Ehren Hahnium zu nennen, 1997 wurde es jedoch von der IUPAC nach dem russischen Forschungszentrum in Dubna endgültig "Dubnium" genannt. Allerdings ist beabsichtigt, in Zukunft das Element Nr. 108, Hassium, erneut als "Hahnium" zu bezeichnen. Ferner wurde 1964 das einzige nuklear angetriebene europäische Schiff, der Atomfrachter NS „Otto Hahn“ nach ihm benannt, ebenso wie 1971 zwei Intercity-Züge der Deutschen Bundesbahn (Strecke Hamburg-Basel SBB). HahnMünze.jpg Ihm zu Ehren und zu seinem Gedächtnis wurden folgende Auszeichnungen geschaffen: Otto-Hahn-Preis, Otto-Hahn-Medaille und Otto-Hahn-Friedensmedaille.
Otto Hahn war Ehrenbürger der Städte Frankfurt am Main und Göttingen und des Landes und der Stadt Berlin. Zahlreiche Städte und Gemeinden im deutschsprachigen Raum benannten Gesamtschulen, Realschulen und Gymnasien nach ihm, und eine unübersehbare Anzahl von Straßen, Plätzen, Brücken und Wege in Europa trägt seinen Namen. Mehrere Staaten ehrten Hahn durch Medaillen-, Münzen- und Briefmarken-Editionen (u.a. die BR Deutschland, die DDR, Angola, Kuba, Rumänien, Guinea und Bissau).
Otto Hahn ist auf der Frankfurter Treppe verewigt. Eine Insel in der Antarktis (nahe des Mt. Discovery) wurde ebenso auf seinen Namen getauft, wie die "Otto-Hahn-Bibliothek" in Göttingen und das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz ("Otto-Hahn-Institut"). Im März 1959 wurde in Berlin - in Anwesenheit der Namensgeber - das "Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung (HMI)" vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt eingeweiht und 1974 erhielt - in Würdigung der besonderen Verdienste Otto Hahns um die deutsch-israelischen Beziehungen - ein Flügel des Weizmann-Institute of Science in Rehovot, Israel, den Namen "Otto-Hahn-Wing" und es wurde, an gleicher Stelle, eine Büste enthüllt.
Die International Astronomical Union (IAU) ehrte Hahn durch die Benennung eines Mondkraters (zusammen mit Graf Friedrich von Hahn), ferner - auf Vorschlag des Astronomen Freimut Börngen - des Kleinplaneten Nr. 19126, "Ottohahn".
Eine Auswahl:
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