Die im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch als Mittelohrentzündung bezeichnete Otitis media ist eine sehr schmerzhafte, in der Regel durch eine aus dem Nasenrachenraum (Nasopharynx) über die Eustachische Röhre aufsteigende bakterielle oder virale Infektion (tubogen aszendierende Infektion) verursachte Entzündung der Schleimhäute des Mittelohrs unterschiedlicher Genese.
Klinisch werden die Otitis media acuta (akute Mittelohrentzündung), die Otitis media chronica (chronische Mittelohrentzündung), die Scharlach-Otitis , die Masern-Otitis und die Influenza-Otitis unterschieden.
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Eine akute Otitis media wird überwiegend durch Bakterien wie vor allem Streptokokken (Streptococcus pneumoniae) bzw. Pneumokokken, Staphylokokken und Haemophilus influenzae (HI) ausgelöst.
Mittelohrentzündungen können außerdem durch eine Zerreißung beziehungsweise ein Durchbruch des Trommelfells (Ruptur) oder eine Bakterienverbreitung über das Blut (hämatogene Übertragung) im Rahmen einer Blutvergiftung (Sepsis) verursacht werden.
Die akute Mittelohrentzündung tritt häufig im Alter von 4-6 Jahren auf, da in diesem Alter die Eustachische Röhre noch kurz und weit ist und damit auch offen für aus dem Nasenrachenraum aufsteigende Bakterien. Nach Angaben von Kinderärzten (Pädiater) erkranken etwa 40% aller Kinder vor ihrem zehnten Lebensjahr mindestens einmal an einer Otitis media.
Bei der optischen Untersuchung des Gehörgangs und des Trommelfells (Otoskopie) mittels Ohrtrichter oder Otoskop ist zumeist ein anfangs gerötetes und entdifferenziertes Trommelfell mit krankhaftem Trommelfellreflex feststellbar.
Die Erkrankung beginnt meist mit einer ein bis zwei Tage andauernden Entzündungsphase, oft mit Ausfluss aus dem Gehörgang (Exsudation). Dazu treten häufig Fieber, Ohrenschmerzen, Ohrgeräusche, Hörminderung, gerötetes, vorgewölbtes Trommelfell und ein druckschmerzhafter Warzenfortsatz des Schläfenbeins (Processus mastoideus) auf, gelegentlich auch Übelkeit und Erbrechen. In den darauffolgenden drei bis acht Tagen klingt die Erkrankung oft auch ohne Gabe von Antibiotika unter spontaner Trommelfelldurchlöcherung (Perforation) im hinteren oberen Quadranten langsam wieder ab und ist nach weiteren zwei bis vier Wochen mit Spontanverschluss des Trommelfells in der Regel wieder abgeheilt.
Als Komplikationen dieser Erkrankung können eine Entzündung des knöchernen Warzenfortsatzes des Schläfenbeins Mastoiditis, Hirnhautentzündungen, entzündliche Hirnabzesse, ein ototischer Hydrozephalus, eine Gesichtsnervlähmung und Pyramidenspitzeneiterung auftreten. Auch Hirnvenenthrombosee sind seltene aber schwere Komplikationen.
Als Folge eines Übergreifens der Entzündung auf das Innenohr kann eine dauerhafte Schwerhörigkeit eintreten. Besonders bei Kindern, die häufig an Mittelohrentzündungen leiden, ist die Gefahr gegeben, dass sich im Laufe der Zeit ihr Hörvermögen deutlich verringert.
Ferner gibt es Hinweise darauf, daß eine Streptokokken-Infektion (d.h. Scharlach-Otitis) zu neuropsychiatrischen Autoimmunerkrankungen führen kann. Siehe PANDAS, Tourette-Syndrom, Chorea minor.
Zur Heilung ist in erster Linie eine Bettruhe erforderlich. Eine Verabreichung von abschwellenden Nasensprays oder -tropfen sowie Schmerzmittel, wie beispielsweise Paracetamol, können gegebenenfalls sehr hilfreich sein.
Nach aktuellen Empfehlungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ist der routinemäßige Einsatz von Antibiotika bei Otitis media nicht zweckmäßig, zumal meistens Viren für die Ohrenentzündung verantwortlich sind, gegen die Antibiotika wirkungslos sind. Experten weisen darauf hin, dass Antibiotika nur in schweren Fällen eingesetzt werden sollten, da sich auch zunehmend Resistenzen entwickeln.
In Abhängigkeit von der Schwere und Art der Mittelohrentzündung sollte allein ein Arzt entscheiden, ob Antibiotika unbedingt notwendig sind. Bei schweren Verläufen und drohenden Komplikationen ist allerdings eine Antibiotika-Therapie dringend erforderlich! Bei schweren Krankheitsverläufen mit drohenden Komplikationen kann sogar eine Parazentese (Trommelfellschlitzung) und eine Paukendrainage angezeigt (indiziert) sein.
Dass nicht jede Mittelohrentzündung bei Kindern gleich mit Antibiotika behandelt werden muss, zeigt auch eine Studie bei 385 Kindern mit akuter Mittelohrentzündung: Bei sofortiger Gabe eines pflanzlichen Medikamentes (Otovowen Tropfen, enthalten u.a. Sambucus nigra, Chamomilla, Sanguinaria, Echinacea) konnte der Antibiotika-Verbrauch bei den Kindern um 67 Prozent gesenkt werden. Die kontrollierte Studie wurde bei Kinderärzten und HNO-Ärzten in Deutschland durchgeführt und 2005 in der Fachzeitschrift HNO veröffentlicht.
Bei sofortiger Gabe des pflanzlichen Mittels benötigten nur 14 Prozent der Kinder ein Antibiotikum. Bei konventioneller Therapie waren es hingegen 81 Prozent. Hinsichtlich der Krankheitsdauer sowie den Fehltagen (im Kindergarten oder in der Schule) gab es zwischen den beiden Gruppen keinen Unterschied, d.h. der frühzeitige Antibiotikaeinsatz brachte keinen Vorteil. Die naturheilkundliche Therapie war signifikant besser verträglich als die konventionelle Behandlung. Komplikationen traten in keiner der beiden Gruppen auf Prof. Wustrow, „Naturheilkundliche Therapie der akuten Otitis media“, HNO, August 2005, Band 53, 728-734.
Zur Vermeidung von weiteren Verunreinigungen kann es im Rahmen der Behandlung auch sinnvoll sein, beim Duschen und Baden einen Schwimmschutz zu verwenden (siehe Gehörschutz).
Ein neuartiger Impfstoff der Firma GlaxoSmithKline hat sich in einer Studie mit 4 968 Säuglingen beziehungsweise Kleinkindern bis zum Ende ihres zweiten Lebensjahres als wirksamer Schutz bei ihnen gegen die häufigen Erreger Streptococcus pneumoniae und Haemophilus influenzae erwiesen. Nach Angaben des Forscherteams um Roman Prymula von der Univerzita Obrany in Hradec Králové, Tschechien, kann mit dem neuen Impfstoff das Erkrankungsrisiko allgemein um 33% gesenkt werden. Bei dieser Vakzine wurde einem Oberflächeneiweiß des HI-Bakteriums zusätzlich Bausteine der Außenhüllen von Pneumokokkenstämmen angeheftet. Dabei ließen sich besonders die Zahl der durch Pneumokokken verursachten Mittelohrentzündungen sogar um etwa 50% senken.
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