Oskar Rohr (* 24. April 1912 in Mannheim; † 8. November 1988) war ein deutscher Fußballspieler und einer der ersten Auslandsprofis in dieser Sportart.
Steiler Aufstieg
Der
Innenstürmer, den die meisten in den 1930er Jahren nur "Ossi" nannten, spielte in seiner Heimatstadt zunächst beim
FC Phönix Mannheim und anschließend beim
VfR Mannheim. Talent und Torinstinkt zeichneten ihn bereits als ganz junger Spieler aus und Rohr wollte diese Eigenschaften auf einer größeren Bühne präsentieren; deshalb wechselte er 1930 zu
Bayern München, mit denen er im ersten Jahr zwar knapp die Endrundenteilnahme um die
Deutsche Meisterschaft verpasste, in der Saison 1931/32 als süddeutscher Vizemeister aber nach Siegen über
Minerva 93 Berlin, den
Chemnitzer Polizei-SV und den
1. FC Nürnberg im Finale stand, das dann gegen
Eintracht Frankfurt 2:0 gewonnen wurde. Ossi Rohr war mit gerade 20 Jahren Deutscher Meister, und er hatte sogar ein Endspieltor dazu beigetragen. Im Jahr danach spielten die Bayern aber selbst in Süddeutschland nur eine mittelmäßige Rolle - zu wenig für den Mannheimer Rohr, der hoch hinaus wollte, zumal er bereits im Jahr zuvor auch erstmals von Reichstrainer
Otto Nerz in die
Nationalmannschaft berufen wurde, wo er bereits als 19-jähriger an der Seite von Größen wie
Ernst Kuzorra und
Richard Hofmann spielte.
Oskar Rohr bestritt bis März 1933 vier Länderspiele: sein Debüt gab er im März 1932 gegen die Schweiz (2:0), dann folgten Spiele gegen Schweden (4:3, zwei Tore), 1933 gegen Italien (1:3, ein Tor) und Frankreich (3:3, zwei Tore). Mit fünf Treffern in vier Spielen schien ihm eine glänzende Karriere bevor zu stehen.
Erfolgreiche Jahre im Ausland
Im Sommer 1933 wechselte er zu den
Grasshoppers Zürich, wurde dort auch
Schweizer Pokalsieger; aber sein Ziel war, mit seiner Fußballkunst Geld zu verdienen - deshalb spielte er ab 1934 in
Frankreichs höchster Liga für
Racing Strasbourg. In der deutschen Nationalelf wurde Rohr als im Ausland und noch dazu als Profi spielender "Fahnenflüchtiger" in jener Zeit natürlich nicht mehr berücksichtigt; die Zeitschrift
"Der Fußball" nannte ihn den "Gladiator, der sich im Ausland verkauft".
Umso mehr feierten ihn Fans und Presse im Elsass: auf Anhieb etablierte er sich bei Strasbourg, erzielte 1934/35 in 22 Spielen 20 Tore und wurde auf der Meinau französischer Vizemeister. Es folgten 1935/36 sogar 28 Rohr-Tore in 28 Spielen (Platz 2 der Torjägerliste) und Platz 3 für seinen Klub in der Division 1. In der Saison 1936/37 langte es zwar nur zu Platz 6 in der Liga, aber Racing musste sich erst im Pokalendspiel geschlagen geben und Oskar Rohr gewann mit 30 Treffern die Torjägerkanone. Im Jahr darauf kamen weitere 25 Ligatore (zweitbester Torschütze) hinzu; die Saison 1938/39 fiel demgegenüber für den Mittelstürmer und seine Straßburger nur durchschnittlich aus. Dennoch ist Rohr bis heute (November 2005) mit 117 Erstligatreffern Racings erfolgreichster Stürmer aller Zeiten.
Flucht und Verschleppung in die "Heimat"
Der
Kriegsausbruch 1939 und die Besetzung weiter Teile Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht veranlassten Rohr, der im
Dritten Reich zu einer Unperson erklärt worden war, zur Flucht in das unbesetzte Südfrankreich, wo er nahe
Sète bis 1942 lebte. Ob er dort auch für den
FC Sète spielte, ist unbekannt; im Mannschaftskader des Siegers der Südstaffel (1941/42) taucht sein Name jedenfalls nicht auf. Ob er - wie teilweise zu lesen - von 1940 bis 1942 tatsächlich Mitglied der
Fremdenlegion war, ist nicht zweifelsfrei zu klären: es gibt eine Reihe von Indizien dafür (etwa in der Zeitschrift
Football); Rohr selbst hat sich nach Kriegsende allerdings widersprüchlich dazu geäußert. Beides könnte der Tatsache geschuldet sein, dass er sich anfangs der
1940er Jahre in Frankreich, danach in Deutschland befand und sich – sei es aus eigenem Antrieb, sei es, indem er von Journalisten "pro domo" vereinnahmt wurde – so geäußert hat.
Im November 1942 kam er in Südfrankreich in die Gewalt deutscher Soldaten, wurde zunächst in die Straßburger Zitadelle, nach anderen Quellen direkt in das Konzentrationslager Karlsruhe-Kieslau verschleppt und danach an die Ostfront abkommandiert. Offenbar konnte er dort in einer Fußballmannschaft des Heeres wenigstens gelegentlich auch wieder das tun, was ihm - der sicher kein politischer Widerständler gewesen ist - Zeit seines Lebens am wichtigsten war: den Ball im gegnerischen Tor versenken.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach der deutschen Befreiung kehrte Ossi Rohr nicht etwa nach
Strasbourg zurück, wo sie seinen Namen immer noch voll Zuneigung nannten, sondern entschloss sich, in Deutschland zu bleiben. Bis 1949 spielte er noch in der
Oberliga Süd für den
VfR Mannheim (1945/46, 7 Spiele, 3 Tore),
TSV Schwaben Augsburg (1945/46, 15 Spiele, 8 Tore) und
SV Waldhof (1948/49, 17 Spiele, 5 Tore) sowie dazwischen in der
Oberliga Südwest für den
FK Pirmasens (1947/48, 21 Spiele, 11 Tore). Beim VfR stand er übrigens mit seinem Neffen
Philipp kurzzeitig in einer Mannschaft.
Seine Kontakte zu Racing Strasbourg hat er allerdings in dieser Zeit gelegentlich noch genutzt: so hat er im November 1949 Spieler auf einer wegen der Besatzungszonen noch beschwerlichen Reise von Mannheim (US-Zone) durch die Pfalz (französische Zone) und das Saarland (Sonderstatus) nach Strasbourg gebracht, wo diese für ein Gastspiel gegen Lokomotive Zagreb im Dress von Racing antraten. Der Rekordoberligaspieler des VfR,
Rudolf de la Vigne, spielte dort als angeblicher Tscheche namens Adamowski; die Maskerade flog dennoch auf und de la Vigne erhielt vom Süddeutschen Fußballausschuss vier Wochen Sperre und 20 DM Geldstrafe wegen "Wildspielens". Zu dieser Zeit hatte Oskar Rohr seine Spielerkarriere bereits beendet; später arbeitete er als Angestellter der Mannheimer Stadtverwaltung.
Nach Frankreich ging erst später ein anderer aus der Familie Rohr: Gernot Rohr spielte gleichfalls u.a. für Bayern München und danach lange für Girondins Bordeaux; Gernot nahm 1982 sogar die französische Staatsbürgerschaft an und arbeitete bis 2005 noch als Fußballtrainer in dem Land, in dem sein Großonkel Oskar zu einem der erfolgreichsten Torjäger der 1930er Jahre avancierte.
Oskar Rohr | Deutscher | Fußballspieler (Deutschland) | Mann | Geboren 1912 | Gestorben 1988