Orgon ist der von Wilhelm Reich eingeführte Name für eine umstrittene, wissenschaftlich nicht anerkannte „Energieform“.
Vor der „Entdeckung“ des Orgons war Reich als Psychoanalytiker in Wien tätig und arbeitete gemeinsam mit Sigmund Freud und anderen an der Weiterentwicklung der von Freud begründeten Psychoanalyse. In Weiterführung von Freuds Libido-Theorie schlug Reich zunächst das Konzept der orgastischen Potenz vor. Aus dieser Annahme entwickelte er die Charakteranalyse, die er später durch Einbeziehung körperlicher Prozesse zur Vegetotherapie weiterentwickelte. Die letzte Stufe dieser theoretischen Entwicklung stellt die Orgontherapie dar, in die auch die postulierte Wirkung des Orgons im menschlichen Körper mit einbezogen wurde.
Freuds Annahme zur Libido war, dass die primäre Funktion des „Neuronensystems“ sei, Energie unverzüglich und vollständig zur Abfuhr zu bringen und die sekundäre Funktion, Energie in bestimmten Neuronen und Neuronensystemen zu speichern. Freud ging davon aus, dass Störungen der Psyche durch Verhinderung der freien Entladung dieser libidinösen Energie in der Kindheit entstehen, z. B. durch moralische Verbote bestimmter lustvoll besetzter Handlungen, überbehütendes oder übermäßig strenges Verhalten der Eltern etc. Auf diesem Konzept baute Reich seine Theorie der orgastischen Potenz auf.
Reich stellte in der klinischen Arbeit mit seinen Patienten fest, dass alle Neurotiker eine sexuelle Störung im Erleben des Orgasmus zu haben schienen. Er definierte solch eine Orgasmusstörung nicht wie die medizinische Forschung als Beeinträchtigung der Fähigkeit, (irgend)einen Orgasmus zu erleben, sondern eher anhand der Empfindungsfähigkeit beim gesamten Geschlechtsakt. In einer Rede vor dem Psychoanalytischen Kongreß in Salzburg (1924) beschrieb er die orgastische Potenz als die Fähigkeit, sich „den Strömen der biologischen Energie ohne Hemmung hinzugeben“, die Fähigkeit „zur vollständigen Entladung aller aufgestauten Sexualerregung durch unwillkürliche, lustvolle Kontraktionen des Körpers.“ So geht er zum Beispiel davon aus, dass ein Mann, der zwar eine Erektion haben kann, aber während des Geschlechtsakts keine „tiefen“ Empfindungen hat, durch Gedanken übermäßig abgelenkt wird bzw. sich selbst ablenkt oder allzu sehr bemüht ist, „gut“ zu sein und dann beim Orgasmus nur ein mehr oder minder kurzes „Aufflammen“ der Befriedigung erlebt, keine volle orgastische Potenz erreicht. (Eingehende Darstellung bei .) Die „orgastische Impotenz“ – die Unfähigkeit zur vollständigen Energieabfuhr – bewirkt laut Reich eine Stauung der Libido, die je nach Ausmaß zu neurotischen Störungen führen kann.
Auf der Grundlage seiner Arbeit im „Wiener Seminar für Psychoanalytische Therapie“ kam Reich zu einer von der Freudschen Analyse abweichenden Erklärung der Phänomene Widerstand und Übertragung. Nach Reich ist der Widerstand eines Patienten durch dessen Körperpanzerung verursacht. So reagiert jeder Patient gemäß seiner Körperpanzerung auf die Therapie mit einer spezifischen Abwehr, die unterschiedliche Formen annehmen kann. Diese individuelle Organisation der Abwehrmuster nannte Reich den „Charakterpanzer“. Er ging davon aus, dass der Charakterpanzer das Resultat der erstarrten Lebensgeschichte eines Menschen ist, also „die funktionelle Summe aller vergangenen Ereignisse“. Hierbei weist Reich, ebenso wie Freud, den Erlebnissen der frühen Kindheit eine entscheidende Rolle zu. Nach Reich sind dabei Zeitpunkt und Intensität der Konflikte, ihre Art (wie bei Freud differenziert nach oralen, analen und genitalen Aspekten), das Verhältnis zwischen Triebbefriedigung und Frustration, das Ausmaß der Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und die Widersprüche im versagenden Verhalten des Elternteils wichtige Einflussgrößen für die Ausbildung der Charakterpanzerung. Durch die Wechselwirkung dieser Faktoren kann es zu einem breiten Spektrum unterschiedlicher neurotischer Charakterstrukturen kommen. Reich unterscheidet folgende Haupttypen .
In den Arbeiten Alexander Lowens, die stark auf Reich aufbauen, sind diese Haupttypen noch um den schizoiden und oralen Charaktertypus erweitert worden.
In seinen weiteren klinischen Arbeiten beobachtete Reich, dass sich eine bestimmte Charakterpanzerung auch physisch in ebenso typischen muskulären Spannungen manifestiert. Aus dieser Erkenntnis entwickelte er die Vegetotherapie.
Für Reich bilden physische Spannung und Entspannung die Grundlage für das Verständnis aller Lebensprozesse. Die „Lebensformel“ besteht sozusagen aus einem Viertakt: Mechanische Spannung - bioelektrische Ladung - bioelektrische Entladung - mechanische Entspannung (vgl. für Beispiele , S. 188-225). Obwohl Reich die Wichtigkeit dieses Viertaktes immer wieder betont, bleiben in seinen Werken „Expansion (Streckung, Weitung) und Kontraktion (Abkugelung, Einengung)“ als „Urgegensätze vegetativen Lebens“ ebenfalls relevant. Lust und Angst sind demnach als gegensätzliche Manifestationen desselben Mechanismus zu verstehen. Reich brachte diese Vorstellung mit der Reaktion des Organismus auf Acetylcholin (u. a. Weitung der Gefäße) oder Adrenalin (u. a. Verengung der Gefäße) in Verbindung. Angst führe demnach zu einer Kontraktion der Muskeln, Lust zu einer Weitung/Entspannung.
Die Verkrampfung der Muskulatur sei körperliche Folge des Verdrängungsprozesses sowie die Grundlage seiner Aufrechterhaltung. Reich betont, dass nie einzelne Muskeln, sondern immer Muskelgruppen, die einer bestimmten Funktionseinheit angehören, in Spannung geraten und die Struktur des Muskelpanzers und den Körperausdruck bestimmen. Er nennt beispielsweise den „hart-näckigen“ Widerstand als Veranschaulichung. Reich unterteilt die Muskelpanzerung funktionell in sieben Segmente: das okuläre (Augen), orale (Mund), zervikale (Nacken), thorakale (Brust/Oberkörper), Zwerchfell-, abdominale (Bauch) und pelvikale (Becken) Segment. Diese Einteilung ist nicht strukturell zu verstehen, es geht dabei eher um eine Einteilung nach den Gründen der Verspannung und ihrer Auswirkungen in diesen Bereichen.
Diese Annahmen veranlassten Reich zum Bruch mit dem klassischen, auf sprachliche Kommunikation beschränkten psychoanalytischen Behandlungsverfahren und zur Ausbildung körpertherapeutischer Methoden. Reich begann direkt am Körper des Patienten zu arbeiten. Dabei entwickelte er verschiedene Formen der Massage zur Lockerung der Muskelverspannung. Auch die Rolle der Atmung (die abhängig von der Spannung der Muskulatur ist) wurde in dieser von Reich als Vegetotherapie bezeichneten Therapieform unterstrichen. Die Vegetotherapie kann also als eine Kombination aus Charakteranalyse und Körperarbeit verstanden werden.
Reich beobachtete an seinen Patienten, dass es häufig bei der Bearbeitung der Muskulatur zu plötzlichen affektiven Ausbrüchen kommt, die (verdrängte) Erinnerungen hervorbringen können. Dies wurde später auch von anderen körpertherapeutisch Arbeitenden bestätigt (u.a. Alexander Lowen, Aadel Bulow-Hansen, Odd Havrevöld, Gerda Boyesen).
Diese körpertherapeutischen Ansätze Reichs haben sich heute in vielen Therapieformen etabliert.
Anfangs glaubte er, der Sand, aus dem diese Bione durch Glühen und Quellung entstanden, sei letzten Endes erstarrte Sonnenenergie. Es war daher naheliegend, Gummi und Watte der grellen Sonnenstrahlung auszusetzen, wobei sie vorher am Elektroskop keinen Ausschlag erzeugten, wohl aber nach dem Lagern in der Sonne. Reich nannte diese Energie, die Isolatoren aus organischer Materie auflädt, Orgon. Diese Energieform erregte laut Reich Gummi und Watte in derselben Weise wie die Bionkultur und der menschliche Organismus nach guter Durchatmung im vegetativ nicht gestörten Zustand.
Nach Reich ist die Orgonenergie auch im Erdboden, in der Atmosphäre und am pflanzlichen und tierischen Organismus visuell, thermisch und elektroskopisch nachweisbar. Daher musste er von seiner ersten Hypothese abrücken; es handele sich nicht um Sonnenenergie, sondern um eine eigene, universell vorhandene Energieform.
Reich versuchte das atmosphärische Orgon in seinem Laboratorium in eigens dafür konstruierten Apparaten zu akkumulieren oder konzentrieren und durch bestimmte Materialanordnung sichtbar zu machen. Er beschreibt die Farbe der Orgonenergie als blau oder blaugrau. Die Orgonstrahlung enthält nach Reich drei Arten von Strahlen: blaugraue, nebelähnliche Schwaden, tief blauviolette expandierende und kontrahierende Lichtpünktchen und gelbweiße, rasche Punkt- und Strichstrahlen. Die blaue Farbe des Himmels und das Graublau des atmosphärischen Dunstes an heißen Sommertagen gäben die Farbe des atmosphärischen Orgons unmittelbar wieder. Das Flimmern am Himmel, das von manchen Physikern dem Erdmagnetismus zugeschrieben wird, und das Glitzern der Sterne in klaren trockenen Nächten seien unmittelbarer Ausdruck der Bewegung des atmosphärischen Orgons. Reich meinte, dass auch die damals unverstandene Wolken- und Gewitterbildung von Konzentrationsänderungen des atmosphärischen Orgons abhänge, was sich durch Messungen der elektroskopischen Entladungsgeschwindigkeit nachweisen lasse.
Laut Reich enthält der lebende Organismus in jeder seiner Zellen Orgonenergie und lädt sich mittels der Atmung unausgesetzt orgonotisch aus der Atmosphäre auf. Auch das Chlorophyll der Pflanzen, das dem eisenhaltigen Eiweiß des tierischen Blutes verwandt sei, enthalte Orgon, das es direkt aus der Atmosphäre und der Sonnenstrahlung aufnehme. Reich behauptete, dass auch Protozoen, Krebszellen etc. durchweg aus orgonhaltigen, bläulichen Energiebläschen bestünden. Das Orgon wirke vagoton und lade lebendes Gewebe, im besonderen die roten Blutkörperchen, auf. Es töte Krebszellen und viele Arten von Stäbchenbakterien. Der menschliche Organismus sei von einem orgonotischen Energiefeld umgeben, das sich, je nach vegetativer Lebendigkeit, in verschieden weiten Grenzen bewege.
Als praktische Umsetzung dieses Prinzips konstruierte Reich einen Orgonakkumulator (ORAC), eine recht einfache Konstruktion, die Orgonenergie konzentrieren soll. Im wesentlichen handelt es sich um einen Kasten, der außen aus einem nichtleitenden Material besteht und innen mit Metall ausgekleidet ist. Reich hatte in seinem Labor in Orgonon, Maine (USA) einen sehr großen Akkumulator („Dunkelkammer“), der von mehreren Personen betreten werden konnte und kein Licht hineinließ, so dass die angeblichen Leuchterscheinungen des Orgons besser beobachtet werden konnten.
Laut Reich ziehe der Akkumulator aus der Umgebung Orgonenergie ab und konzentriere sie in seinem Inneren und dem näheren Umkreis (im Fall der Dunkelkammer über 30 m).
Neben den einschichtigen Orgonakkumulatoren (Nicht-Leiter/Metall) verwendete Reich zur Verstärkung des Effekts auch mehrschichtige, z. B. Akkumulatoren mit drei oder fünf Doppelschichten (N-L/M/N-L/M etc.), wobei außen immer der Nicht-Leiter (z. B. eine Dämmplatte) und innen die Metallauskleidung (ein Eisenblech) liegt. Zwischen dem inneren Eisenblech und der äußeren Dämmplatte befinden sich z. B. in einem fünfschichtigen Orgonakkumulator vier Doppelschichten aus Baumwolle und Stahlwolle in einem Holzrahmen. Der Kasten ist so groß, dass man sich bequem hineinsetzen kann. In das Innere des Kastens sollen während der Prozedur keine „Strahlenquellen“ wie z. B. phosphoreszierende Leuchtziffern von Armbanduhren eingebracht werden. Laut Reich können sonst ernsthafte gesundheitsschädliche Reaktionen auftreten.
Weder die von Reich dargestellte Funktionsweise des Orgonakkumulators noch die bloße Existenz des Orgons konnte bisher wissenschaftlich bestätigt werden, weshalb Reichs Orgontheorie allgemein als Pseudowissenschaft betrachtet wird.
Wilhelm Reichs Werke in Auswahl:
Texte zur Orgonomie:
Biographien:
Romane:
Außerdem ist Orgon der Name einer französischen Ortschaft in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur und einer Figur aus Molières Komödie Tartuffe.