Die Operation Chastise (Züchtigung) war eine im 2. Weltkrieg gegen das Deutsche Reich gerichtetete Operation mit dem Ziel, Talsperren im heutigen Nordrhein-Westfalen und Hessen durch Angriffe zu zerstören. Sie wurde in der Nacht vom 16. auf 17. Mai 1943 vom 617. Geschwader der Royal Air Force mit Teilerfolgen ausgeführt. Während beispielsweise der Angriff auf den Staudamm des Sorpesees fehlschlug, wurden die Staumauern von Eder- und Möhnesee zerstört. Die Flutwellen töteten (je nach Quelle) zwischen 1300 und mehr als 2400 Menschen.
Barnes Wallis, ein Ingenieur der britischen Vickers-Flugzeugwerke, entwarf eine spezielle Bombe für die Zerstörung von Talsperren. Wallis war bekannt geworden durch den Bau der Vickers Wellesley- und der Vickers Wellington-Bomber.
Die ursprüngliche Idee Wallis' bestand darin, eine zehn Tonnen schwere Bombe aus einer Höhe von 12'200 Metern auf einen Talsperre abzuwerfen. Dieser Plan war nicht durchführbar: Versuche und Berechnungen hatten gezeigt, dass eine ausreichend schwere Bombe für diesen Zweck einen immens leistungsfähigen Bomber benötigen würde. Eine viel kleinere Sprengladung würde jedoch genügen, wenn die Bombe direkt an der Böschung des Damms bzw. der Wand einer Mauer unterhalb der Wasseroberfläche zur Explosion käme. Doch diese Möglichkeit wurde bereits durch die Torpedonetze vereitelt, die (ähnlich wie bei einem Kriegsschiff) an den Talsperren installiert waren, um einen Torpedo in einer gewissen schützenden Distanz zur Explosion zu bringen oder ihn dort aufzufangen.
Wallis konstruierte daraufhin die sogenannte Rollbombe, eine walzenförmige Bombe, welche sich mit hoher Geschwindigkeit rückwärts dreht, wenn sie von einem Bomber bei geeigneter Geschwindigkeit aus der richtigen Fallhöhe abgeworfen wird. Die Bombe springt wie ein flacher Kieselstein über die Wasseroberfläche und die Torpedonetze, um direkt an der Wasserseite der Talsperre zum Stillstand zu kommen und dort zu versinken. Durch einen Druckmesser wird die Bombe in einer geeigneten Tiefe zur Explosion gebracht, wo sie ein kleines Loch in die Talsperre reißt. Die Wasserkräfte des Stausees bewirken dann die schnelle Vergrößerung des Loches.
Nach Tests und vielen Diskussionen wurde dieser Plan am 26. Februar 1943 von den Befehlshabern verabschiedet. [http://www.dambusters.org.uk/upkeepsmall.jpg Die Bombe bekam den Codenamen "Upkeep", und sie sollte im Mai zum Einsatz kommen - nämlich dann, wenn sich in den Stauseen am meisten Wasser staut.
Mit der Operation wurde die 5. Gruppe der Royal Air Force beauftragt, welche ein neues Geschwader für diese Mission bildete. Ursprünglich "Geschwader X" genannt, wurde sie durch Wing Commander Guy Gibson befehligt, welcher eine Einsatzerfahrung von mehr als 170 Missionen besaß. 21 weitere Flugzeugbesatzungen wurden von der 5. Gruppe hinzugezogen, um das in Scrampton (5 Meilen nördlich von Lincoln, Lincolnshire) beheimatete neue Geschwader zu vervollständigen.
Die Angriffsflugzeuge waren umgebaute Avro Lancaster Mk III, mit der anderen Bezeichnung "Typ 464 (Provisorisch)". Um Gewicht einzusparen, wurde der Großteil der Bewaffnung entfernt; ebenso der mittlere MG-Turm. Die Bombe und ihre ungewöhnliche Form bedingte es, dass die Tore des Bombenschachts weggelassen wurden und die Bombe zum Teil aus dem Flugzeugrumpf herausragte. Sie wurde mittels zweier Hakenhalter ("crutches") montiert; vor dem Abwurf versetzte sie ein Hilfsmotor in eine schnelle Rückwärtsdrehung.
Bomben aus 18 Metern Höhe bei 390 km/h Geschwindigkeit bei einer präzise einzuhaltenden Distanz vom Ziel abzuwerfen verlangt sehr viel Geschick seitens der Mannschaften. Benötigt wurden dazu Experten als Piloten mit intensiver Nacht- und Tiefflugerfahrung, die sich an die Lösung zweier raffinierter technischer Probleme machten. Das erste bestand darin, die Bomben bei der richtigen Distanz abzuwerfen. Die Staumauern des Möhne- und Edersees hatten je einen Turm an der Seite. Aufgrund von vorhergehenden Luftaufnahmen wurde berechnet, aus welchem Winkel die beiden Türme während dem Abwurfzeitpunkt erscheinen sollten. Als Hilfe für die Piloten wurde ein einfaches Gerät gebaut, welches prinzipiell aus einem ähnlichen Dreieck bestand. Das zweite technische Problem war die Abwurfhöhe. Die herkömmlichen barometrischen Höhenmesser in Flugzeugen waren für diesen Zweck viel zu unpräzise. Also wurden zwei Scheinwerfer an der Unterseite des Flugzeuges befestigt - je einer am Bug und am Heck. Sie wurden so montiert, dass die Strahlen des Lichts genau 18 Meter unterhalb des Flugzeuges in einem Punkt zusammentreffen. Diese zwei Techniken wurden über dem Eyebrook-Reservoir in Leicestershire und dem Derwent-Reservoir in Derbyshire intensiv eingeübt.
Die Rollbomben wurden am 13. Mai an das Geschwader ausgeliefert; die endgültigen Tests wurden zuvor am 29. April durchgeführt. Als die Wetterlage für gut befunden wurde, wurden die Piloten, Navigatoren und Bombenschützen am 15. Mai über die Angriffsziele informiert.
Die Lancaster-Bomber wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die Formation 1 sollte die Möhne- und danach die Eder-Mauer zerstören. Formation 2 sollte den Sorpe-Damm übernehmen. Die dritte Gruppe war nichts anderes als eine fliegende Reserve, welche zwei Stunden später abhob und eventuelle noch nicht zerstörte Ziele angreifen sollte. Bei einem Erfolg der Formationen 1 und 2 waren Formation 3 die Dämme bei Schwelm sowie die Mauern von Ennepe- und Diemelsee als Ziel zugewiesen.
Die Kommandozentrale für die Mission befand sich beim Hauptquartier der 5. Gruppe in Grantham. Die Morse-Codes für die Missionen waren Goner für eine abgeworfene Bombe, Nigger für den zerstörten Möhne-Damm und Dinghy für einen Erfolg an der Eder-Mauer. Guy Gibson wählte "Nigger", weil dies der Name seines schwarzen Hundes war, welcher am Morgen des 17. Mai von einem Fahrzeug überrollt und getötet wurde.
Der Hinflug erfolgte in Baumwipfelhöhe (zwischen 25 und 40 Meter), um die Erkennung durch deutsche Radarstationen zu vermeiden. Die Flugzeuge benutzten zwei sorgfältig ausgearbeitete Routen, um Fliegerabwehrstellungen auszuweichen.
Formation 1 flog zwischen Walcheren und Schouwen an Land, überquerte die Niederlande, umging die Flugplätze bei Eindhoven und Gilze-Rijen sowie die Luftverteidigung des Ruhrgebiets, umflog Hamm im Norden und drehte dann nach Süden auf die Möhnetalsperre zu. Formation 2 flog zunächst weiter nördlicher über Vlieland und die Zuider Zee an, nahm dann etwa ab Wesel die gleiche Route wie die erste Gruppe und drehte hinter der Möhne südlich zur Sorpe hin ab.
Formation 1 bestand aus neun Maschinen in drei Gruppen — Gibson, Hopgood und Martin, Young, Astell und Maltby sowie Maudslay, Knight und Shannon. Formation 2 bestand aus den fünf Flugzeugen von McCarthy, Byers, Barlow, Rice und Munro. Townsend, Brown, Ottley and Burpee bildeten Formation 3. Zwei Besatzungen waren wegen Krankheit ausgefallen.
Die Maschinen der Formation 2 starteten wegen der längeren Flugstrecke auf der nördlichen Route um 21.10 Uhr als erste. Wegen eines Hydraulik-Defekts hoben McCarthy und seine Crew mit 20 Minuten Verspätung in einer Ersatzmaschine ab. Formation 1 ging um 21.25 Uhr in die Luft.
Bereits kurz hinter der holländischen Küste kam es zu ersten Verlusten. Formation 2 traf es hart: Munro verlor durch Flaktreffer sein Funkgerät und drehte über der Zuiderzee ab. Rices Bombe fiel ins Meer, weil er zu tief geflogen war, doch er konnte die Maschine abfangen und wieder zur Basis zurückkehren. Die Bomber von Barlow und Byers überflogen die Küste bei Harderwijk und wurden wenig später abgeschossen. Nur der verspätete McCarthy überquerte die Niederlande unversehrt. Formation 1 verlor nur Astell in der Nähe von Roosendaal.
| Flugzeug Rufzeichen | Kommandant | Ziel | Bemerkungen |
|---|---|---|---|
| Erste Angriffswelle | |||
| G George | W/C Gibson | Möhnetalsperre | Angriffsführer. Bombe explodierte kurz vor der Mauer. Zog das gegnerische Flakfeuer auf sich. |
| M Mother | F/L Hopgood | " | Auf dem Hinflug durch Flak getroffen. Bombe sprang über die Mauerkrone. Während des Angriffs über dem Ziel abgeschossen. |
| P Peter (Popsie) | F/L Martin | " | Bombe verfehlte das Ziel |
| A Apple | S/L Young | " | Bombe traf das Ziel und verursachte kleinen Mauerbruch. Während des Angriffs über der niederländischen Küste abgeschossen. (?) |
| J Johnny | F/L Maltby | " | Bombe traf das Ziel und verursachte großen Dammbruch. |
| L Leather | F/L Shannon | Edertalsperre | Bombe traf das Ziel - ohne Wirkung |
| Z Zebra | S/L Maudsley | " | Bombe verfehlte das Ziel und beschädigte Flugzeuge. Während des Rückflugs über Deutschland abgeschossen. |
| N Nut | P/O Knight | " | Bombe traf das Ziel und verursachte großen Mauerbruch. |
| B Baker | F/L Astell | N/A | Stürzte auf Hinflug nach Kollision mit Hochspannungsleitung ab. |
| Zweite Angriffswelle | |||
| T Tommy | F/L McCarthy | Sorpetalsperre | Bombe traf das Ziel - ohne Wirkung |
| E Easy | F/L Barlow | N/A | Stürzte auf Hinflug nach Kollision mit Hochspannungsleitung ab. |
| K King | P/O Byers | " | Auf dem Rückflug über der niederländischen Küste abgeschossen. |
| H Harry | P/O Rice | " | Bombe über dem Meer verloren. Kehrte zurück, ohne das Ziel anzugreifen. |
| W Willie | F/L Munro | " | Durch Flak über der niederländischen Küste beschädigt. Kehrte zurück, ohne das Ziel anzugreifen. |
| Dritte Angriffswelle | |||
| Y York | F/S Anderson | Listertalsperre | Konnte wegen Nebels das Ziel nicht finden. |
| F Freddy | F/S Brown | Sorpetalsperre | Bombe traf das Ziel - ohne Effekt. |
| O Orange | F/S Townsend | Ennepetalsperre | Mine traf das Ziel - ohne Effekt. |
| S Sugar | P/O Burpee | N/A | Auf dem Hinflug über den Niederlanden abgeschossen. |
| C Charlie | P/O Ottley | " | Auf dem Hinflug über Deutschland abgeschossen. |
Nach einer Werbetournee in den USA kehrte Gibson in den Dienst zurück und kam bei einem Einsatz im Jahre 1944 ums Leben.
Nach dem Angriff auf die Talsperren wurde das 617. Geschwader als Spezialisten-Einheit beibehalten. Das Abzeichen der Gruppe wurde durch Operation Chastise geprägt - es besteht aus drei Blitzen, einem gebrochenen Damm und dem Motto "Après moi le déluge" ("Nach mir die Sintflut"). Das Geschwader hatte danach den Auftrag, die ebenfalls von Barnes Wallis entwickelten, massiven Tallboy- und Grand Slam-Bomben mit Hilfe eines neu erfundenen, viel präziseren Bombenvisiers einzusetzen.
Das 617. Geschwader existiert noch heute; die Mitglieder dieser Einheit werden immer noch als "Dam Busters" bezeichnet.
Aus den Stauseen der Möhne und der Eder flossen rund 330 Millionen Tonnen Wasser. Bergwerke wurden überflutet und zahlreiche Häuser, Fabriken, Strassen, Eisenbahnlinien und Brücken zerstört oder beschädigt. Schätzungen zeigen, dass die Trinkwasserproduktion vor dem 15. Mai 1943 eine Million Tonnen pro Tag betrug; diese Menge sank nach dem Angriff auf ein Viertel. Über die Zahl der Opfer gibt es unterschiedliche Angaben: Während manche Quellen von vergleichsweise geringen 47 oder 68 Opfern der Edersee-Flutwelle ausgehen, erwähnen andere den Tod von 749 ukrainischen kriegsgefangenen Zwangsarbeitern in einem Arbeitslager direkt unterhalb der Staumauer. Die Zahl der Toten unterhalb der Möhnetalsperre liegt zwischen 1284 und über 1600 Menschen. Die bis zu 12 Meter hohe Flutwelle forderte die meisten Toten (etwa 1200) in einem Kriegsgefangenenlager am Kloster Himmelpforten vier Kilometer talabwärts. Noch 100 km ruhrabwärts, in Essen-Steele, kamen Menschen durch die Flutwelle ums Leben.
Nach der erfolgten Mission schrieb Barnes Wallis: "Ich spürte, dass Deutschland einen Schlag erlitt, von welchem sich das Land mehrere Jahre nicht erholen kann." Genauer betrachtet hatte die Operation Chastise jedoch nicht die erwünschte oder vermutete Wirkung. Am 27. Juni lief die Trinkwasserförderung wieder auf der vorherigen Leistung - dank eines Notfallplans, der nur ein Jahr vorher eingeführt worden war. Zur gleichen Zeit war auch das Elektrizitätsnetz wieder repariert. Der Angriff forderte zwar viele Tote - mehr als die Hälfte von ihnen alliierte Kriegsgefangene -, aber tatsächlich waren die Schäden nichts anderes als ein kleines "Problem" für die Industrie des Ruhrgebietes.
Veröffentlichte Fotografien der zerstörten Talsperren stellten allerdings einen großen Propaganda-Erfolg der Alliierten dar. Dies galt insbesondere für die Briten, die den deutschen Bombenangriffen endlich Erfolgsmeldungen entgegen setzen konnten.
Außerdem hatten die Japaner kurz zuvor die Vereinigten Staaten in den Krieg gezogen - und zwar an der Seite von Großbritannien. Deutschland griff die Sowjetunion an, und obwohl zu jener Zeit die Vorbereitung für Operation Chastise schon vorüber war - die Sowjetunion fand gleichzeitig die Kraft, in der Operation Uranus den Gegenangriff gegen die Deutschen zu wagen -, sollten die Sowjets zum Widerstand gegen die Deutschen ermutigt werden.
Der Angriff auf die Talsperren befähigte Winston Churchill schließlich, in den Verhandlungen mit den neuen Alliierten (USA und UdSSR) jene dazu zu bringen, sich auf einen Angriff auf das bis dahin unbesiegte Deutschland zu einigen. Dies war besonders wichtig, weil viele Offiziere der US-Armee die Erfahrung und die Fähigkeiten der Briten gering schätzten.
Ein Film aus dem Jahre 1954 - The Dam Busters - stellt die Angriffe auf die Talsperren nach und wurde sehr bekannt.
Am 15. Oktober 1944 erfolgte ein weiterer, ebenfalls vergeblicher Luftangriff der britischen Luftwaffe auf die Sorpetalsperre, diesmal mit ebenfalls von Wallis konstruierten Bomben des Typs Tallboy.
= Literatur =
Operation Chastise | Opération Chastise | Operasjon Chastise | Operação Chastise
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