Olsztyn * (deutsch Allenstein) ist die Hauptstadt der 1999 gegründeten Woiwodschaft Ermland-Masuren im nördlichen Teil Polens.
Geographische Lage
Olsztyn liegt im Zentrum der Woiwodschaft Ermland-Masuren am Fluss Alle (Łyna), 125 Meter über dem Meeresspiegel am Übergang vom Ermland zum Oberland. Die umgebende hügelige Landschaft ist von der Allensteiner Seenplatte und ausgedehnten Wäldern geprägt. In der Stadt kreuzen sich die Fernstraßen 16, 51 und 53 sowie die Bahnlinien Thorn (Torun) – Sowetsk (Tilsit) und Danzig - Ełk (Lyck). Die Stadt liegt rund 100 km südlich von Kaliningrad (Königsberg), 120 km östlich von Danzig und etwa 170 km nördlich der Landeshauptstadt Warschau.
Geschichte
bis 1945
Das heutige Olsztyn wurde am Fluss
Alle im preußischen
Ermland am
31. Oktober 1353 von
Johannes von Leysen im Schutz einer bereits im Aufbau (erste Bauetappe:
1346 bis
1353) befindlichen Burg des Domkapitels von Ermland gegründet (Verleihung der Stadtrechte 1353).
Die Allensteiner Burg war Sitz eines Verwalters des ermländischen Domkapitels und Hauptort eines der drei Kammerämter, die dem Kapitel unterstanden und zusammen mit den bischöflichen Kammerämtern das Hochstift Ermland bildeten, das als weltliches Herrschaftsgebiet dem Bischof und dem Kapitel bei der Gründung der vier preußischen Bistümern 1245 zugestanden wurde.
In den Jahren 1516-1519 bekleidete das Amt des Administrators der Neffe und Pflegesohn des ermländischen Bischofs Lukas Watzenrode, der als Astronom bekanntgewordene ermländische Domherr Nikolaus Kopernikus. Kopernikus wohnte während dieser Zeit auf der Burg Allenstein. Als Zeugnis erhielt sich dort bis heute eine auf dem Putz des Kreuzgangs der Burg gemalte astronomische Tafel zur Berechnung des Aequinoctiums. Zur Zeit des Krieges zwischen Polen und dem letzten Deutschordenshochmeister in Preußen Albrecht Hohenzollern ging er nach Frauenburg zurück, kam aber im Herbst des Jahres 1520 wieder nach Allenstein, welches er erfolgreich gegen Angriffe des Deutschen Ordens verteidigte. Aufgrund seiner erfolgreichen Verteidigung wurde Kopernikus zum Kommissar des Ermlands ernannt und mit dem Wiederaufbau beauftragt. Tiedemann Giese, der spätere Bischof von Ermland, war sein Assistent.
Zur Zeit der ersten Teilung Polens (1772) kam die Stadt - als Teil des Ermlands - zum Königreich Preußen. Dort war die Stadt neben Königsberg und Gumbinnen 1905 Sitz des dritten ostpreußischen Regierungsbezirks geworden. Von 1818 bis 1910 gehörte sie dem Landkreis Allenstein an und wurde dann kreisfreie Stadt.
Der Vertrag von Versailles bestimmte nach dem Ersten Weltkrieg die Durchführung einer Volksabstimmung über den Verbleib bei Deutschland oder einen Anschluss an Polen.
Eine überwältigende Mehrheit stimmte für den Verbleib; in der Stadt Allenstein mit einer Zustimmung von 98 %.
1945
Am Ende des
Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt am
22. Januar 1945 von
sowjetischen Truppen eingenommen. Dabei kam es zu Misshandlungen der Zivilbevölkerung durch Soldaten der Roten Armee. Zu besonders grausamen Übergriffen kam es nach
Augenzeugenberichten in der zum
Feldlazarett umfunktionierten Heilanstalt Kortau, wo alle Lazarett-Patienten und das Personal den Tod fanden. Dort wurden bei Bauarbeiten in den 1950-er Jahren mehrere kleinere und größere
Massengräber entdeckt; das größte von ihnen barg 227 Leichen (Quelle: S. Piechocki, s. Literaturangaben). Bis März
1945 wurden in Allenstein durch
Brandstiftung 1040 Häuser zerstört, bevor die Rote Armeedie Kontrolle über die Stadt an die polnische Armee abtreten musste. Das Vorgehen der sowjetischen Armee in Ostpreußen am Ende des Krieges und die dabei geduldeten Ausschreitungen werden u. a. auch in Werken der russischen Schriftsteller
Alexander Solschenizyn (
Nobelpreisträger für
Literatur) (vgl. sein Buch
„Ostpreußische Nächte“) und
Lew Kopelew (vgl. sein Buch
„Aufbewahren für alle Zeit“) thematisiert, die damals selbst Soldaten und
Zeitzeugen waren.
Nach 1945
Nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde das Ermland und somit Allenstein in Folge des
Potsdamer Abkommens im Jahre
1945 unter polnische Verwaltung gestellt. Der letzte Soldat der Sowjetarmee verließ Olsztyn im Jahre
1956.
Die deutschen Einwohner flohen während des letzten Kriegsjahres oder wurden danach
vertrieben . Die Stadt erhielt den bereits seit dem 18. Jh. gebräuchlichen polnischen Namen Olsztyn und wurde zur Hauptstadt der Wojewodschaft Olsztyn. Mit der Regionalisierung Polens entstand
1999 die
Wojewodschaft Ermland-Masuren, die ihren Regierungsssitz in Allenstein/Olsztyn hat. Im gleichen Jahr wurde hier die Ermland-und-Masuren-
Universität gegründet.
Im Zuge der Demokratisierung konnte die ostpreußische Restbevölkerung die „Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit“ gründen, die bis zum Tode ihres streitbaren Vorsitzenden
Walter Angrik 1993 von diesem geführt wurde.
Einwohnerentwicklung
allensteineinw.jpg
Bürgermeister bis 1945
- Andreas Petrus Grunenberg, 1809-1818
- Karl Anton Ehlert, 1818-1835
- Jakob Rarkowski, 1836-1865
- Sakrzewski, 1866-1875
- von Roebel 1875-1877
- Oskar Belian, 1877-1908
- Georg Zülch, 1908-1932
- Dr. Gilka, 1932-1933
- Friedrich Schidat, 1933-1945
Wirtschaft und Infrastrukrur
Wirtschaftlich bedeutend war lange Zeit die an Michelin beteiligte Reifenfabrik „Stomil“ sowie die holzverarbeitende Industrie. Zunehmend profitiert die Stadt aber auch vom Fremdenverkehr, der sich zu einem neuen Wirtschaftszweig entwickelte. Olsztyn beheimatet verschiedene kulturelle und wissenschaftliche Einrichtungen und ist heute Sitz des Erzbistums Ermland.
Sehenswürdigkeiten
- Burg des ermländischen Domkapitels mit zwei mittelalterlichen Backsteinflügeln und einem barock-klassizistischen aus dem 18. Jh. Sehr gut erhalten; Sitz des Museums für Ermland und Masuren.
- St.-Jakobus-Kirche vom Anfang des 15. Jhs., heute erzbischöfliche Konkathedrale (neben dem Frauenburger Dom) Olsztyn Katedra.jpg, mit herrlichen Zellengewölben
- Hohes Tor - mittelaterliches Backsteintor
- Mittelalterliche Stadtmauern
- Altes Rathaus, spätgotisch, restauriert zum 750. Jubiläum der Stadtgründung 2003
- Barocke Jerusalem-Kapelle
- Neugotische evangelische Kirche aus den 1850-ger Jahren
- Neugotische Herz-Jesu-Kirche vom Königsberger Architekt Heitmann 1902-1905
- Neuromanische Josephskirche von Heitmann 1912
- Neubarockes Neues Rathaus 1912-1916 mit dem sog. Russenerker (Originalreliefe mit den die Kriegsereignisse 1914 darstellenden Szenen nicht mehr erhalten)
- Heil- und Pflegeanstalt Kortau (heute Sitz der Universität)
- Luisenschule
- Lungenheilstätte „Frauenwohl“ (seit 1906)
- Handels- und Höhere Handelsschule
- St.-Marien-Hospital
- Hindenburg-Krankenhaus
- Treudank-Theater (seit 1925)
- Volksabstimmungsdenkmal (nach 1945 zerstört)
- Sonstige Bauwerke:
- Sendemast für UKW und TV in Pieczewo (Geographische Koordinaten: ) mit einer Höhe von 360 Metern. Dieser Sendemast ist seit dem Einsturz des Sendemast Radio Warschau in Konstantynów das höchste Bauwerk in Polen.
Städtepartnerschaften
Persönlichkeiten
Ehrenbürger
- Karl Roensch (1858-1921), lebte ab 1885 in Allenstein, dort Fabrikbesitzer, Stadtverordnetenvorsteher, Handelskammerpräsident, Ehrenbürger
Söhne und Töchter der Stadt
- 1503, Lucas David, † 1583 in Königsberg, preußischer Historiker
- 1863, 29. September, Hugo Haase, † 7. November 1919 in Berlin, deutscher Politiker (SPD, USPD), MdR, Mitglied im Rat der Volksbeauftragten
- 1887, 21. März, Erich Mendelsohn, † 15. September 1953 in San Francisco, deutscher Architekt des Expressionismus
- 1910, 11. April, Klaus-Joachim Zülch, † 2. Dezember 1988 in Berlin, deutscher Neurowissenschaftler
- 1922, 24. Juli, Hans-Jürgen Wischnewski, † 24. Februar 2005 in Köln, Politiker (SPD), MdB, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit
- 1934, 3. Juli, Wolfgang Milde, deutscher Handschriftenwissenschaftler und Bibliotheksdirektor
- 1955, 10. März, Juliusz Machulski, polnischer Regisseur und Filmproduzent
Sonstige mit der Stadt in Verbindung stehende Persönlichkeiten
Literatur
- Anton Funk: „Geschichte der Stadt Allenstein 1348-1943“ SCIENTIA-VERLAG, 1979 . - ISBN 3-511-09071-7
- Stanislaw Piechocki: Czysciec zwany Kortau Hölle, genannt Kortau, Olsztyn: Ksiaznica Polska 1993. ISBN 83-85702-02-4, 154 Seiten.(Das Buch – nur in polnischer Sprache erhältlich – wird durch 59 Abbildungen und eine Zusammenfassung in deutscher Sprache ergänzt.)
Weblinks
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