Der Begriff Auslandsverlagerung oder englisch Offshoring bezeichnet eine Form der Verlagerung unternehmerischer Funktionen und Prozesse ins Ausland. Auslöser für eine Offshoring-Entscheidung sind i. d. R. die im Ausland günstigeren Rahmenbedingungen, insbesondere bei den Arbeitskosten. Der Begriff hat in Europa insbesondere aufgrund der Problematik von Arbeitsplatzverlagerungen in mittel- und osteuropäische sowie asiatische Länder eine negative Deutung erhalten.
Definition von Offshoring
Der Begriff Offshoring lässt sich unterschiedlich definieren:
Zum einen werden als Offshoring alle unternehmensinternen Verlagerungen ins Ausland bezeichnet. Damit grenzt sich das Offshoring vom
Outsourcing ab, was die Auslagerung von Prozessen und Funktionen aus einem Unternehmen umfasst. Das Gegenteil von Outsourcing ist dabei
Insourcing.
Oft findet sich auch eine zusätzliche geografische Eingrenzung des Begriffs; als Offshoring werden einschränkend auch nur Verlagerungen in weit entfernte Länder (von Europa aus gesehen hauptsächlich Länder in Amerika oder Asien) verstanden. Davon abzugrenzen ist das
Nearshoring - das Verlagern von Aufgaben und Funktionen in benachbarte Länder. Nearshoring wird in Europa oftmals als sinnvolle Alternative zum Offshoring betrachtet. Aus Sicht der deutschsprachigen Länder kommen hierfür insbesondere die Länder der EU-Osterweiterung infrage, da hier zahlreiche deutschsprachige, gut ausgebildete Arbeitnehmer verfügbar sind. Aufgrund der Sprache kommen für Frankreich vor allem nordafrikanische Länder als Ziele des Nearshoring in Betracht. Im Vergleich zum Offshoring bietet das Nearshoring Vorteile im Hinblick auf Reisezeiten zwischen den beteiligten Partnern, die zu berücksichtigende Zeitverschiebung und auch in der Regel geringere kulturelle Differenzen.
Unter Onshoring versteht man das Auslagern nahe beim Auftraggeber, worauf oft Großkunden bestehen.
Als Beispiel kann man eine Autofabrik heranziehen welche Teile für ihr Auto wie z.B. Türen oder Lackierarbeiten von einer anderen Firma bezieht, welche sich am gleichen Firmengelände befindet. Die Nähe zum Kunden stellt dabei einen strategischen Vorteil dar.
Branchen und Zielländer
Neben multinationalen Konzernen und großen Firmen betreiben zunehmend auch mittelgroße Unternehmen Offshoring. Der Umfang der ausgelagerten Tätigkeiten geht von einzelnen Teilfunktionen bis hin zu vollständigen Abteilungen und Betriebsstandorten. Die Standorte befinden sich üblicherweise in
Schwellenländern mit vergleichsweise niedrigem Lohnniveau (auch
Niedriglohnländer genannt).
Ein häufig genanntes Beispiel hierfür ist die Auslagerung der IT-Anwendungsentwicklung nach Indien, wo vor allem in der Metropole Bangalore zahlreiche Anbieter von IT-Dienstleistungen (z.B. Covansys, Infosys, Wipro, Tata Consultancy Services (TCS)), aber auch Töchter von US-amerikanischen (IBM, Microsoft, ...) und europäischen Unternehmen (SAP, Siemens, ...) angesiedelt sind. Zunehmend profiliert sich auch die Volksrepublik China als Offshoring-Land. Mittlerweile gehen die Anbieter von IT-Dienstleistungen auch dazu über, eigene Niederlassungen in den Hochlohnländern aufzubauen, um Aufträge zu akquirieren, die dann in den Heimatländern ausgeführt werden.
Ausgangsländer und Bedeutung des Offshoring
Im Vergleich mit den USA und Großbritannien ist das Offshoring in Deutschland bislang relativ schwach ausgeprägt, was nicht zuletzt auf die Sprach- und Kulturbarrieren zurückzuführen ist: da Englisch in Indien eine der Amtssprachen ist, bestehen hier Vorteile für die Akquisition von Aufträgen aus angloamerikanischen Länder.
Das McKinsey Global Institute schätzt aufgrund von Studien, dass im Jahre 2003 ca. 1,5 Mio. Dienstleistungsjobs von entwickelten Ländern abgewandert sind. Diese Zahl soll sich bis 2008 auf 4,1 Mio. erhöhen. (Um diese Zahlen in den richtigen Kontext zu setzen, sei darauf hingewiesen, dass alleine in Amerika pro Monat über 4 Mio. Menschen ihren Arbeitsplatz wechseln.) Weiters zeigen Untersuchungen der OECD, bei denen die Exporte von Dienstleistungen als Schätzungsgrundlage dienen, dass drei Länder der zehn Spitzenreiter zur heutigen EU gehören. Das soll zeigen, dass es in Europa auch starke Tendenzen gibt, Offshoring innerhalb von Europa zu betreiben. Nichtsdestotrotz könnten nach Schätzungen der OECD bis zu 20% der Arbeitsplätze in den 15 EU-Ländern vor der Expansion, in USA, Kanada und Australien durch Offshoring verloren gehen.
Bewertung des Offshoring
Argumente gegen Offshoring
Von Globalisierungsgegnern und auch Gewerkschaften wird Offshoring überwiegend kritisch betrachtet. So beschreibt etwa
Naomi Klein in ihrem Buch "
No Logo!" über diese Form des Outsourcings. Sie legt dar, wie große US-Kleidungshersteller wie
The GAP,
Nike,
Levi's oder
Esprit Produktionsstätten in Niedriglöhnländer verlegen, wobei sie dabei auf die für europäische Verhältnisse einfachen Arbeitsbedingungen hinweist.
Kritiker befürchten, dass durch Offshoring viele Arbeitsplätze in Europa verloren gehen, und ein ruinöser Wettbewerb der Staaten untereinander entsteht. In Worstcase-Szenarios prognostizieren sie soziale Zustände, wie sie zur Zeit der ersten Phase der Industrialisierung in Mitteleuropa herrschten.
Beim Offshoring von Softwareentwicklung muss oft eine so detaillierte Spezifikation erstellt werden, so dass - in Verbindung mit den erhöhten Kommunikations- und Testaufwänden - jeglicher Einspareffekt aufgefressen wird.
Argumente für Offshoring
Seitens der Befürworter des Offshoring wird angeführt, dass die Auslagerung von Tätigkeiten an günstigere Anbieter die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen stärkt und zugleich inländische Arbeitsplätze sichert. Durch Mischkalkulation soll es möglich sein, Produkte und Dienstleistungen zu international konkurrenzfähigen Preisen anzubieten. Mit dem steigenden Wohlstand der Offshoring-Länder erwartet man, dass diese mehr Waren aus den Industrieländern importieren. Dafür, dass Deutschland nur unterdurchschnittlich vom Offshoring profitiert, wird regelmäßig der stark regulierte Arbeitsmarkt in Deutschland verantwortlich gemacht: Die Abwanderung von manchen Arbeitsplätzen lässt sich nicht verhindern, zum Teil werden ganze Branchen verschwinden. Jedoch muss auf der anderen Seite gewährleistet sein, dass neue Arbeitsplätze in neuen Branchen entstehen können.
Literatur
- Georg Erber, Aida Sayed-Ahmed, Offshore Outsourcing - A Global Shift in the Present IT Industry, in: Intereconomics, Volume 40, Number 2, March 2005, S. 100 - 112, *
- Thomas L. Friedman, The World is Flat, The Globalized World in the Twenty-First Century, Penguin Books, 2006, ISBN-13 978-0-141-02272-7
- William Lazonick, Globalization of the ICT Labor Force, in: The Oxford Handbook on ICTs, eds. Claudio Ciborra, Robin Mansell, Danny Quah, Roger Solverstone, Oxford University Press, (forthcoming)
- Catherine Mann, Accelerating the Globalization of America: The Role for Information Technology, Institute for International Economics, Washington D.C., June 2006, *, ISBN paper 0-88132-390-X
Siehe auch
Weblinks
Beispiele:
Produktionswirtschaft | Volkswirtschaftslehre | Betriebswirtschaftslehre | Planung und Organisation
-
Offshoring | Délocalisation | Offshore | Offshore | Offshore | Офшор | Offshore | Offshoring