Die Oblast Kaliningrad oder auch das Gebiet Kaliningrad (russisch Калининградская область, Kaliningradskaja oblast) ist die westlichste, eine der kleinsten und die jüngste Oblast der Russischen Föderation mit 945.000 Einwohnern und 13.600 km². Sie ist damit etwas kleiner als das Land Schleswig-Holstein. In Russland wird sie häufig auch als Bernsteinland (russisch Янтарный Край, Jantarny Krai) bezeichnet, was auf ihren Reichtum an Bernstein hinweist.
Die Hauptstadt ist Kaliningrad (Königsberg). Die Oblast umfasst etwa das nördliche Drittel der ehemaligen preußischen Provinz Ostpreußen (d.h. das ehemalige Gebiet der Provinz ohne das Memelland, Ermland, Masuren und dem Oberland) und ist räumlich durch litauisches sowie polnisches und darüber hinaus weißrussisches beziehungsweise lettisches Territorium vom restlichen Russland getrennt. Damit ist das Gebiet Kaliningrad eine russische Exklave. Die wichtigste Verbindung zum Kernland verläuft durch Litauen und Weißrussland.
Geographie
Grenzen
Die
Oblast Kaliningrad wird im Westen von der
Ostsee begrenzt, im Norden von der
Memel (Grenze zu den Distrikten
Tauragė und
Klaipėda,
Litauen), im Osten von der
Scheschupe, der
Schirwindt und der
Lepone (
Distrikt Marijampolė,
Litauen).
Dieser Grenzabschnitt entlang der Flüsschen Scheschupe (
Scheschuppe), Schirwindt und Lepone existiert in seinem Verlauf seit dem
13. Jahrhundert und zählt zu den traditionsreichsten Grenzen Europas.
Im Süden grenzt die Oblast an
Ermland-Masuren (zu
Polen). Diese Grenze verläuft fast schnurgerade von der
Frischen Nehrung nördlich von
Krynica Morska (
Kahlberg) nach Osten bis zur Südspitze des
Wystiter Sees.
Städte
Die größte Stadt und Hauptstadt ist
Kaliningrad (
Königsberg),
insgesamt gibt es 22
Städte sowie einige größere Siedlungen (sog. „städtische Siedlungen“;
siehe auch: Liste der Städte in der Oblast Kaliningrad).
Städte und städtische Siedlungen (Stand: 1. Januar 2005)
Landschaft
Das Landschaftsbild wird von leicht gewelltem
Flachland mit
Moränenhügeln, größtenteils
versteppten Wiesen und Feldern sowie viel
Wald bestimmt, der von breiten
Flussniederungen und Moorgebieten unterbrochen wird. Größte Flüsse sind der
Pregel und die
Memel, weitere Flüsse sind die
Lawa (
Alle), die
Angrapa (
Angerapp), die
Krasnaja (
Rominte) und die
Dejma (
Deime). Im Norden der Oblast befindet sich – angrenzend an das
Kurische Haff – die
Elchniederung (
Losinaja Dolina) und das
Große Moosbruch, eine
Moorlandschaft, die zum Teil trockengelegt worden ist, jedoch in den letzten Jahren zunehmend wieder versumpft.
Im Südosten liegt die
Rominter Heide mit dem
Wystiter See und dem
Wystiter Hügelland, die mit bis zu 230 m Höhe die höchste Erhebung der Oblast bilden. Im Westen ragt das
Samland als
Halbinsel in die
Ostsee. Im Südwesten liegt das
Frische Haff. Die Oblast hat Anteil an der
Kurischen Nehrung und an der
Frischen Nehrung.
Politik und Verwaltung
Politik
Der Gouverneur der Oblast,
Georgi Walentinowitsch Boos, ist Mitglied der Putin-nahen Partei
Jedinaja Rossija (
Einiges Russland). Im Oblast-Sowjet (Parlament) befinden sich die gleichen politischen Kräfte wie im russischen Föderationsparlament (Duma): Stärkste Kraft ist das präsidententreue Lager, darauf folgen die
Kommunisten, die in der Oblast sehr stark sind. Wichtigste politische Themen sind die hohe
Arbeitslosigkeit und die sozialen/gesundheitspolitischen Probleme wie die Ausbreitung von Krankheiten wie
AIDS und
Tuberkulose. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Probleme, die mit der
Exklavensituation verbunden sind. Weitere große Schwierigkeiten ergeben sich durch den hohen Grad an
organisierter Kriminalität und
Korruption in der Verwaltung. Eine auch politisch nach wie vor starke Stimme besitzt das
Militär.
Exklavenstatus
Da die Oblast keine Verbindung zum russischen Mutterland hat, ergeben sich spezifische Probleme. Diese betreffen vor allem den Verkehr zwischen der Exklave und dem restlichen Russland (
siehe unter Absatz „Verkehr“) und die Wirtschaft. So besteht ein großes Wohlstandsgefälle zu den
EU-Nachbarn Polen und Litauen, zu denen restriktive Zoll- und Grenzbeschränkungen bestehen. Auch der russische Binnenmarkt ist für Produkte aus der Oblast schwer zugänglich, da ein teurer und langwieriger Transit durch andere Länder, v.a. durch Litauen und Weißrussland, notwendig ist. Hinderlich für eine weitere Entwicklung ist ferner die heruntergekommene Infrastruktur, überbordende
Bürokratie und der hohe Militarisierungsgrad der Region (
siehe auch Absätze „Wirtschaft“ und „Geschichte – 1990er Jahre bis heute“).
Verwaltung
Die Oblast Kaliningrad wird in 19
Rajons und unabhängige Städte unterteilt (diese entsprechen den deutschen
Landkreisen und kreisfreien Städten).
(Einwohner am 1. Januar 2005)
| Stadtkreis
| Deutscher Name
| Einwohner
| Stadtbevölkerung
| Dorfbevölkerung
|
| Kaliningrad
| Königsberg
| 425.617
| 425.617
| ---
|
| Baltisk
| Pillau
| 36.265
| 35.431
| 834
|
| Pionerski
| Neukuhren
| 11.826
| 11.826
| ---
|
| Sowjetsk
| Tilsit
| 43.408
| 43.408
| ---
|
| Swetlogorsk
| Rauschen
| 21.446
| 17.254
| 4.192
|
| Swetly
| Zimmerbude
| 28.328
| 21.831
| 6.497
|
| Rajon
| Deutscher Name
| Einwohner
| Stadtbevölkerung
| Dorfbevölkerung
| Verwaltungssitz
|
| Bagrationowsk
| Preußisch Eylau
| 44.832
| 18.155
| 26.677
| Bagrationowsk
|
| Gurjewsk
| Neuhausen
| 48.814
| 11.151
| 37.663
| Gurjewsk
|
| Gussew
| Gumbinnen
| 37.130
| 28.130
| 9.000
| Gussew
|
| Gwardeisk
| Tapiau
| 30.530
| 17.814
| 12.716
| Gwardeisk
|
| Krasnosnamensk
| Lasdehnen
| 12.389
| 3.591
| 8.798
| Krasnosnamensk
|
| Neman
| Ragnit
| 21.958
| 12.416
| 9.542
| Neman
|
| Nesterow
| Stallupönen
| 17.031
| 4.902
| 12.129
| Nesterow
|
| Osjorsk
| Darkehmen
| 16.656
| 5.517
| 11.139
| Osjorsk
|
| Polessk
| Labiau
| 18.997
| 7.631
| 11.366
| Polessk
|
| Prawdinsk
| Friedland
| 21.177
| 7.382
| 13.795
| Prawdinsk
|
| Selenogradsk
| Cranz
| 32.223
| 13.255
| 18.968
| Selenogradsk
|
| Slawsk
| Heinrichswalde
| 21.342
| 5.031
| 16.311
| Slawsk
|
| Tschernjachowsk
| Insterburg
| 55.010
| 42.441
| 12.569
| Tschernjachowsk
|
Bevölkerung
Bei der letzten russischen Volkszählung im Jahr 2002 zählte der Oblast Kaliningrad 955.281 Einwohner. Die große Mehrheit davon waren Russen (786.885 = 82,37 %). Außerdem wurden damals 50.748
(= 5,31 %) Weißrussen, 47.229 (= 4,94 %) Ukrainer, 13.937 (= 1,46 %) Litauer, 8415 (= 0,88 %) Armenier,
8340 (= 0,87 %) Russlanddeutsche und 5731.2 (= 0,60 %) Tataren gezählt. Bei den
Russlanddeutschen handelt es sich fast ausschließlich um Zuwanderer aus anderen russischen Regionen und nicht um wohnhaft gebliebene Ostpreußen.
Noch heute sind etwa 50 % der Bevölkerung nicht in der Oblast geboren; vor Allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind viele Russen aus den ehemaligen Teilrepubliken zugewandert. Dennoch sinkt die Einwohnerzahl wegen der niedrigen Geburtenrate und einer vergleichsweise niedrigen Lebenserwartung. Es leben 14.500 Militärangehörige in der Oblast.
Probleme des Gesundheitswesens
Zu einem wachsenden Problem in der Region entwickelt sich die Ausbreitung von
Hepatitis B,
AIDS und
Tuberkulose. Einige
Krankenhäuser besitzen dank der Hilfe einiger reicher Sponsoren oder auch durch Hilfsgelder aus dem Ausland ausgewählte moderne Gerätschaften. Dies betrifft in erster Linie Krankenhäuser in der Gebietshauptstadt. Jedoch herrscht vor Allem in den Rajonskrankenhäusern eine ausgesprochene Mangelwirtschaft, insbesondere, was das Arbeiten mit sterilen Einwegartikeln angeht. Die häufig verbreitete Meldung, dass das Gebiet Kaliningrad die am stärksten von der AIDS-Ausbreitung betroffene Region in Russland ist, relativiert sich, wenn man berücksichtigt, dass in diesem Gebiet die russlandweit einzige einigermaßen vollständige Erfassung der Infizierten besteht.
Wirtschaft
Die Oblast Kaliningrad hat für Russland nach wie vor große Bedeutung als Militärstützpunkt (bis
1991 gesperrt) sowie als eisfreier
Ostseehafen. Die Einrichtung einer Sonderwirtschaftszone „
Jantar“ zeigt nur zögerlich Erfolge, was insbesondere der starken Abschottung des Gebietes, der herrschenden Bürokratie, der hohen Kriminalität und der häufig anzutreffenden Korruption angelastet wird. In Kaliningrad gibt es eine große
Fischereiflotte (die größte Russlands) sowie
Automontage für
BMW und
KIA. Die Wirtschaft leidet sehr unter der zunehmend starken Abschottung des Gebietes von seinen Nachbarn und den vielen zu überwindenden Staatsgrenzen zum russischen Kernland. Dies führte zu einem Niedergang des Exportes und brachte eine hohe Arbeitslosigkeit insbesondere auf dem Land mit sich. Große Hoffnungen werden in den Fund von
Erdöl in der Ostsee gesetzt. Große Teile der ländlichen Bevölkerung arbeiten in der meist genossenschaftlich organisierten
Landwirtschaft und - an der Küste - der
Fischerei. Sehr viel Landwirtschaft wird hierbei auch zur Selbstversorgung betrieben.
Verkehr
Seeverkehr
Der Umschlag des Kaliningrader Hafens betrug
2002 9,9 Mio. Tonnen (zweitgrößter russischer Seehafen).
Binnenverkehr
Innerhalb der Oblast existiert ein weitmaschiges, 645 km langes
Eisenbahnnetz, davon sind 95 km elektrifiziert (Strecken von Kaliningrad (Königsberg) nach
Swetlogorsk (Rauschen) und
Selenogradsk (Cranz)). Daneben wird ein großer Teil des Verkehrs mit
Bussen bewältigt. Zwischen Kaliningrad und
Talpaki (Taplacken) bei
Snamensk (Wehlau) besteht eine
autobahnähnlich ausgebaute Schnellstraße. Nach Polen besteht die Trasse der bereits vor 1945 einspurig betriebenen Autobahn
Elbing–
Königsberg, die kürzlich wieder für den Verkehr freigegeben wurde, jetzt aber nur noch eine Straße von regionaler Bedeutung ist. Die Länge des Straßennetzes beträgt 6714 km.
Verkehr mit dem restlichen Russland
Die meisten von der Oblast ausgehenden Verkehrsströme zielen in Form von
Transitverbindungen durch
Litauen und
Weißrussland auf das russische Kernland. Durch die Situation als von visumpflichtigem Ausland umgebene
Exklave ist der Verkehr mit dem restlichen Russland jedoch sehr erschwert, was ein ernsthaftes Problem für die lokale Wirtschaft ist. Nur die Hälfte der Einwohner des Gebietes besitzt überhaupt einen Reisepass und ist so in der Lage, ein (für den durchschnittlichen Kaliningrader sehr teures) Visum zu beantragen. Nur diese Personengruppe kann das Gebiet verlassen, ohne das Schiff oder ein Flugzeug ins russische Kernland zu benutzen.
Eisenbahn
Den wichtigsten Verkehrsträger von der Oblast Kaliningrad ins russische Kernland stellt die
Eisenbahn dar. Fahrkarten für Transitzüge ins russische Kernland müssen spätestens einen Tag vor der Fahrt gekauft werden, da ein sogenanntes Transitdokument (de facto ein
Transitvisum) erforderlich ist. Diese Züge fahren ohne Zu- oder Aussteigemöglichkeit bis ins russische Kernland durch.
Straße
Die
Hauptstraßenverbindung nach
Moskau verläuft über den
Grenzübergang Tschernyschewskoje–
Marijampolė–
Vilnius–
Minsk–
Smolensk, die Hauptstraße nach
Sankt Petersburg verläuft über den Grenzübergang
Sowjetsk (
Tilsit)–
Šiauliai–
Riga–
Pskow. Für beide Routen benötigen Russen Transitvisa.
Fähre
Es besteht eine visumfreie
Fährverbindung von
Baltijsk (
Pillau) nach
Sankt Petersburg, die zur Zeit 48 Stunden für eine Richtung braucht und auf der eisfeste Autofähren eingesetzt werden. Geplant sind Schnellfähren für den Eisenbahn-, Auto- und Personentransport, die nur noch 15 Stunden brauchen werden und von
Wostotschny bei Baltijsk nach
Ust-Luga bei Sankt Petersburg verkehren. Eine Schifffahrt kostet hierbei so viel wie die Bahnfahrt über
Litauen und
weißrussisches Territorium.
Flugzeug
Bei
Chrabrowo (
Powunden) befindet sich ein Flughafen, von dem aus täglich mehrmals ebenfalls visumfreie Inlandsflüge ins russische Kernland abgehen.
Verkehr mit den Nachbarländern
Es bestehen 3 Straßengrenzübergänge nach
Polen (davon einer nur für Staatsangehörige Polens und Russlands), 4 Straßengrenzübergänge nach
Litauen (davon einer nur für Staatsangehörige Litauens und Russlands), 2 Eisenbahngrenzübergänge nach Polen (davon einer ausschließlich für den Güterverkehr) und 2 Eisenbahngrenzübergänge nach Litauen (davon einer ausschließlich für den Güterverkehr). Vom Flughafen Chrabrowo (
Powunden) aus bestehen Verbindungen vor allem nach
Nordeuropa und
Polen, aber auch nach
Deutschland. Die Bewohner der Oblast benötigen für sämtliche Nachbarländer seit dem EU-Beitritt Polens und Litauens ein
Visum. Dies hat in Verbindung mit sehr restriktiven Grenzkontrollen dazu geführt, dass der sogenannte
kleine Grenzverkehr seitdem praktisch zum Erliegen gekommen ist und die Oblast stärker als zuvor auf das russische Kernland ausgerichtet ist.
Geschichte
vor 1945
Zur Geschichte vor 1945 und zur Vertriebenenthematik siehe unter Ostpreußen.
Wiederbesiedelung
Nachdem im Jahr
1945 Ostpreußen von der
Roten Armee erobert worden war, bildete die sowjetische Regierung zuerst die
Kenigsbergskaja oblast.
1946 erfolgte – kurz vor der Umbenennung der Hauptstadt – die neue Namengebung
Kaliningradskaja oblast. Gleichzeitig liefen in der gesamten Sowjetunion mit Schwerpunkt in
Zentralrussland, dem Gebiet des heutigen
Föderationskreises
Wolga, der nordöstlichen
Ukraine und
Weißrussland Kampagnen, um den durch Vertreibung, Verschleppung und Ermordung der einheimischen deutschen Bevölkerung entvölkerten Landstrich wieder zu besiedeln. Ins Land kamen Menschen, die im Krieg ihr Heimatdorf oder ihre Familie verloren hatten, aber auch heimkehrende Soldaten, aus deutscher Kriegsgefangenschaft entlassene Heimkehrer, die Bestrafung wegen des Vorwurfes der Kollaboration mit dem Feind fürchteten und Strafgefangene, die verpflichtet wurden, sich in dieser Region anzusiedeln. Das Gebiet wurde zu einem Militärsperrbezirk, in den selbst Sowjetbürger nur mit Sondergenehmigung einreisen konnten. Rund 2280 Orte wurden nicht wieder besiedelt und existieren seither nicht mehr, die übrigen 2520 Ortschaften erhielten russische Namen, die keinen Bezug zu den alten Ortsnamen mehr besaßen (beispielsweise
Schelesnodoroschny (
Eisenbahnstadt) für Gerdauen,
Matrossowo (
Matrosendorf) für Gilge,
Slawsk (
ruhmreicher Ort) für Heinrichswalde). Zum Teil erhielten auch Gruppen von benachbart liegenden Dörfern einen gemeinsamen neuen Namen.
1960er bis zur Perestroika
1969 wurde trotz Protesten von Einwohnern das
Königsberger Schloss gesprengt und neben dessen ehemaligem Standort mit dem Bau des bis heute unvollendeten
Rätehauses begonnen. Danach und in den
1970er Jahren erfolgte verstärkt der Abriss von alter Bausubstanz und der Neuüberbauung vieler Städte einschließlich der Hauptstadt. Da das Gebiet der Oblast bis 1969 selbst für Sowjetbürger gesperrt und nur mit Sondergenehmigung zu bereisen war, entwickelte es sich nur sehr langsam. Die gesamte Region war Militärsperrgebiet und beherbergte auch Kernwaffen. Als großes Problem für die Landwirtschaft entpuppte sich in vielen Landstrichen die Versumpfung, da diese Regionen vor dem Zweiten Weltkrieg durch aufwändige Drainagesysteme entwässert worden waren und diese Systeme von den neuen Einwohnern in ihrer gesamten Komplexität nicht verstanden oder auch häufig mutwillig zerstört worden waren und weil schwere landwirtschaftliche Maschinen, die zur Bewirtschaftung dieses Geländes nicht geeignet waren, auf den neu gegründeten Kolchosen und Sowchosen eingesetzt wurden. Dieses Problem betraf beispielsweise die
Elchniederung.
Öffnung des Gebietes
Bis
1990 war die Oblast Kaliningrad als Teil der ehemaligen deutschen
Ostgebiete von der Bundesrepublik Deutschland – jedoch nicht von der
DDR – als
unter sowjetischer Verwaltung stehend betrachtet worden. Erst mit der Unterzeichnung des
Zwei-plus-Vier-Vertrages am
12. September 1990 verzichtete die Bundesrepublik Deutschland als Voraussetzung zur Genehmigung der Besatzungsmächte zur Wiedervereinigung auf alle Ansprüche östlich der Oder-Neiße-Linie und erkannte damit Kaliningrad als zur Sowjetunion gehörend an. Vor kurzem wurde aus russischen Geheimdienstkreisen die Behauptung lanciert, dass 1990 die Alternative bestanden habe, das Gebiet Deutschland anzubieten, dies sei allerdings am sofortigen Einspruch der „Westmächte“ und dem Preis (angeblich knapp die Hälfte des deutschen Staatshaushaltes, andere Quellen sprechen von 40 Mrd.
DM) gescheitert.
1991 wurde das Gebiet im Zuge der Perestroika wieder für ausländische Besucher geöffnet. So kamen unter anderem vorübergehend viele Heimwehtouristen in die Oblast. Seit der politischen Öffnung wird Bausubstanz verstärkt erhalten. Dies betrifft einige repräsentative Kirchen wie den Königsberger Dom und einige Dorfkirchen, aber auch andere vereinzelte Bauwerke wie die Königin-Luise-Brücke (siehe auch Absatz „Kultur“).
1990er Jahre bis heute
Mit Auflösung der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der baltischen Staaten ergab sich jedoch die neue Situation, dass die Oblast nun eine von Russland abgetrennte Exklave geworden war und von Importen abhängig wurde. Früh bestanden Planungen, Kaliningrad zu einem
Hongkong an der Ostsee zu machen. Zu diesem Zweck wurde die Sonderwirtschaftszone
Jantar (
Bernstein) eingerichtet, die jedoch nur wenig Erfolg zeigte. Mit dem Beitritt Litauens und Polens zur
EU 2004 verschärfte sich die Exklavensituation, da für die Reise von der Oblast zum russischen Kernland de facto nun ein Visum erforderlich ist. Im
Fremdenverkehrsbereich besteht inzwischen das Problem, dass der Heimwehtourismus der Öffnungszeit wieder weitgehend abgeebbt ist. Daher versucht man nun, eine neue Reisendenklientel zu erschließen, die vor allem aus Russland und Weißrussland kommt. Seit dem
29. März 2004 ist die Oblast landseitig vollständig von
NATO-Gebiet umgeben.
In jüngster Zeit mehren sich die Anzeichen, dass der derzeitige Status Kaliningrads nicht endgültig ist. Laut einem am 24. August 2004 von
ARTE ausgestrahlten Themenabend über die russische Exklave wird in
Russland inzwischen auch von einigen Militärangehörigen über eine mögliche Aufgabe des Gebiets spekuliert. Die Aufgabe der Oblast durch Russland wird aber meistens als sehr unwahrscheinlich angesehen. Allerdings liegt die zukünftige Entwicklung noch weitgehend im Dunkeln.
Traditionen und Identität
Nach der Eroberung des Gebietes der heutigen Oblast wurden die Spuren der früheren Geschichte bewusst zerstört. Dies betraf speziell Schlösser, Landgüter und Kirchen. Das frühere Nordostpreußen sollte nur noch ein Militärsperrgebiet sein. Dies änderte sich mit der
Perestroika. Seither wird die frühere Geschichte nicht mehr verschwiegen und einige Organisationen wie beispielsweise
Kirchengemeinden und
Krankenhäuser aus diesem Gebiet pflegen Partnerschaften zu ehemaligen Bewohnern Ostpreußens, was sich in einigen Hilfstransporten in diese Region zeigt.
Die heutige Oblast ist ein eindeutig russisches Gebiet und versteht sich aus offizieller Sichtweise auch kulturell als westlicher Außenposten Russlands. Offizielle Stellen bemühen sich, eine neue Identität auf Basis der russischen Geschichte im Ostseeraum, aber auch unter teilweiser Berücksichtigung der früheren Geschichte der Region zu konstruieren (Geschichtsklitterung). So wird in der Oblast Kaliningrad die Tradition der Westöffnung unter Zar Peter dem Großen betont, der öfters Reisen nach Königsberg unternommen hatte. Auch die kurze Episode zwischen 1758 und 62, in der das Gebiet schon einmal von Russland annektiert worden war („Erste russische Episode“), gewinnt in diesem Zusammenhang an Bedeutung. Ein Element aus der vorrussischen Zeit, auf das gelegentlich hingewiesen wird, ist der Umstand, dass sich im früheren Ostpreußen Siedler aus vielen deutschen Gegenden (Salzburg, Schweiz, Niederlande) angesiedelt hatten, wie auch die heutige Bevölkerung aus den unterschiedlichsten Regionen (wenn auch der ehemaligen Sowjetunion) stammt. Dabei wird verschwiegen, daß ein wesentlicher Teil der Ostpreußen von den seit Jahrtausenden ansässigen Prussen abstammte. Ferner wird häufig unterstrichen, dass Königsberg eine Hansestadt mit vielen Kontakten nach Russland (Nowgorod) war und dass sich hier eine traditionsreiche Universität befindet, von der aus auch viele Einflüsse nach Russland kamen. Als Identifikationsobjekt hierbei gilt der Königsberger Philosoph Immanuel Kant: So wurde die ehemalige Kneiphof-Insel und später schlicht „Insel“ genannte Pregelinsel in Kaliningrad in „Kant-Insel“ umbenannt. Es gab sogar Vorschläge, die frühere Stadt Königsberg und heutige Stadt Kaliningrad in „Kantgrad“ umzubenennen. Alte backsteingotische Dorfkirchen werden in einigen Orten für russisch-orthodoxe Gottesdienste hergerichtet, zum Teil werden beziehungsweise wurden Kirchen im traditionellen russischen Stil neu gebaut. Schlösser und Herrenhäuser werden zum Teil renoviert, wo sie noch stehen und Geld vorhanden ist.
Zu den Bemühungen um die Schaffung einer eigenen russischen Identität zählt auch die Einführung neuer Hoheitsabzeichen für die Region, die keinerlei Vorbild in früheren preußischen Symbolen finden und sich nur auf russische Symbolik beziehen - insbesondere gilt dies für das in Wappen und Flagge vorkommende Monogramm der Zarin Elisabeth aus der Zeit des siebenjährigen Krieges, in der das Gebiet schon einmal russisch war.
Kultur
In Kaliningrad gibt es das regionale Dramentheater, ein überregional bekanntes Puppentheater, ein Musiktheater, eine Philharmonie, verschiedene weitere Theater und Galerien, ein jährliches Filmfestival und ein Deutsch-Russisches Haus mit regelmäßigen Kulturveranstaltungen. Daneben gibt es in Sowjetsk ein Theater. Hinzu kommen selbst in kleineren Orten verschiedenste Museen (meistens Heimatmuseen). Die Oblast Kaliningrad unterhält heute auf Regierungsebene Partnerschaften mit den deutschen Ländern
Brandenburg und
Schleswig-Holstein, die neben einer wirtschaftlichen Komponente auch kulturelle Zusammenarbeit einschließt.
Weblinks
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