Die Nikomachische Ethik ist die bedeutendere der zwei erhaltenen ethischen Schriften Aristoteles. Da sie mit der Eudemischen Ethik einige Bücher teilt, ist sie möglicherweise nicht von Aristoteles selbst in der uns erhaltenen Form zusammengestellt worden. Warum die Schrift diesen Titel trägt ist unklar. Er bezieht sich möglicherweise auf Aristoteles Sohn Nikomachos, auf seinen gleichnamigen Vater oder eine andere Person dieses Namens.
Doch worin besteht nun die Glückseligkeit? Aristoteles sieht die Glückseligkeit nicht als Zustand, sondern als eine Tätigkeit oder besser ein Tätigsein. Als hervorragendste Tätigkeit betrachtet er diejenige, welche den Menschen ausmacht und ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Auf der Suche nach einem Unterscheidungskriterium gelangt Aristoteles zur Vernunft, die nur dem Menschen zu eigen ist.
Aristoteles teilt die Tugenden in zwei Gattungen ein: Die dianoetischen (verstandesmäßigen) Tugenden entstehen aus Belehrung, die ethischen Tugenden ergeben sich hingegen aus der Gewohnheit. In Analogie zum Beherrschen eines Musikinstruments erwirbt man die Tugenden, indem man sie ausübt.
Sie beziehen sich auf die Leidenschaften und die Handlungen, die aus diesen Leidenschaften herrühren. Die ethischen Tugenden bestehen in der Zähmung und Steuerung des irrationalen, triebhaften Teils der Seele. Dabei postuliert Aristoteles eine Ethik des Maßhaltens. Bei den ethischen Tugenden gilt es, die richtige Mitte zwischen Übermaß und Mangel zu treffen. Am besten lässt sich dies am Beispiel der Tapferkeit verdeutlichen. Die Tapferkeit bewegt sich zwischen den Extremen der Feigheit und der Tollkühnheit – weder die Feigheit ist wünschenswert, noch eine übersteigerte, vernunftlose Tapferkeit, die Aristoteles als Tollkühnheit bezeichnet. Der Tapfere hält hingegen das richtige Maß. Ähnlich verhält es sich für andere ethische Tugenden, Großzügigkeit, Besonnenheit, richtige Ernährungsweise usw...
Die dianoetischen Tugenden sind den ethischen übergeordnet, einerseits, da sie sich nur auf den rein rationalen Seelenteil beziehen, andererseits, da nur durch sie die vollkommene Glückseligkeit, das Leben in der reinen Schau der Wahrheit (theoria), der bios theoretikos erreicht werden kann. Wissenschaft (episteme), Kunstfertigkeit (techne), Klugheit (phronesis), Vernunft (nous) und Weisheit (sophia), Verstand (logos).
Doch auch die Ausübung der Tugend ist mit dem Angenehmen und der Lust verbunden. Aristoteles differenziert zwischen verschiedenen Arten der Lust, von denen lediglich manche für den Menschen schädlich sind. Er verurteilt die Lust also nicht prinzipiell.
Auch dem Glückhaben (eutychia) – im Gegensatz zur Glückseligkeit – weist er einen Platz zu. Auch wenn die Glückseligkeit in der Ausübung der Tugend besteht, müssen gewisse äußere Umstände gegeben sein.
Siehe auch: Gerechtigkeitstheorien
Philosophisches Werk | Ethische Theorie | Griechische Philosophie | 4. Jahrhundert v. Chr.
Nicomachean Ethics | Ética a Nicómaco | Nikomakhoksen etiikka | Éthique à Nicomaque | האתיקה של אריסטו | Etica Nicomachea | ニコマコス倫理学 | Никомахова этика (Аристотель)
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