Nikolaus Harnoncourt (* 6. Dezember 1929 in Berlin; eigentlich Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt) ist ein österreichischer Dirigent, Aufführungspraktiker und Musikschriftsteller.
Seine Mutter Ladislaja Gräfin von Meran, Freiin von Brandhoven, war die Urenkelin des steirischen Erzherzogs Johann. Sein Vater Eberhard de la Fontaine Graf d'Harnoncourt-Unverzagt hatte als ehemaliger Marineoffizier ein Technikstudium absolviert, um in Berlin als Bauingenieur zu arbeiten. Aus erster Ehe brachte er zwei Kinder mit. Zwei Jahre nach Nikolaus wurde sein Bruder Philipp Harnoncourt geboren. Die Familie siedelte nach Graz um, wo der Vater noch ein Doktoratsstudium absolvierte und dann eine Stelle in der Landesregierung bekam.
Während seiner Volksschulzeit lernte Nikolaus Cello und Klavier. Auch die anderen Familienmitglieder waren musikalisch: der Vater komponierte im Privaten, sein Bruder René studierte nach dem Krieg Musik am Salzburger Mozarteum. Das letzte Kriegsjahr verbrachte die Familie in Grundlsee, wo er von Paul Grümmer (Cellist des Busch-Quartettes) Unterricht bekam. Nachdem ihm seine berufliche Laufbahn lange Zeit unklar gewesen war, entschied er sich 1947, Musiker zu werden, und zog im Herbst 1948 zum Studium nach Wien. Sein Cellolehrer wurde nun Emanuel Brabec. Erst durch die Begegnung mit Eduard Melkus und durch den Unterricht in Aufführungspraxis bei Professor Josef Mertin wurde Harnoncourt auf die Alte Musik aufmerksam. Ebenfalls lernte er hier seine spätere Frau, die Geigerin Alice Hoffelner, und den Flötisten Jürg Schäftlein kennen, mit denen er später über lange Jahre im Concentus musicus zusammenarbeitete.
Im Herbst 1947 trat Harnoncourt als Cellist bei den Wiener Symphonikern ein, die damals von Herbert von Karajan geleitet wurden. Diese feste Anstellung behielt er bis 1969.
1953 heirateten Harnoncourt und Alice Hoffelner. Aus der Ehe gingen die Kinder Elisabeth, Philipp, Eberhard (†1990) und Franz hervor.
Anfangs war es für das Ensemble noch kein feststehendes Ziel, Konzerte durchzuführen. Alle Mitglieder hatten feste Musikerstellen, zumeist bei den Wiener Symphonikern. 1958 fand unter dem Namen "Concentus Musicus Wien" der erste öffentliche Auftritt statt, der den Auftakt für eine Konzertreihe im Palais Schwarzenberg bildete. Der Concentus musicus besteht aus bis zu 12 Mitgliedern, zu denen nach Bedarf weitere Musiker kommen. Den internationalen Durchbruch erzielte das Ensemble mit einer Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte Johann Sebastian Bachs.
1967 spielte Harnoncourt in dem Film Chronik der Anna Magdalena Bach von Jean-Marie Straub den Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen. Der Concentus musicus wirkte in dem Film als Hofensemble mit.
Schon fast von Anfang verbreitete der Concentus musicus seine Musik auch auf Tonträgern. 1971 begann er seinen exklusiven Plattenvertrag mit Telefunken (später Teldec), der erst 2003 aufgelöst wurde und mittels dem hunderte von Einspielungen veröffentlicht wurden, darunter die Gesamteinspielung aller Bach-Kantaten in Zusammenarbeit mit Gustav Leonhardt zwischen 1971 und 1990.
Nachdem Harnoncourt lange abgelehnt hatte, sich als Dirigenten zu sehen, und den Concentus musicus bei überschaubaren Besetzungen immer vom Cello aus leitet, begann er in den 70er Jahren, als Dirigent anderer Orchestern zu agieren. Am Anfang dieser Tätigkeit stand eine Einladung, 1972 an der Mailänder Scala Monteverdis Ulisse einzustudieren. Abgesehen von wenigen Musikern für das Continuo wurden ausschließlich Musiker und Sänger des Opernorchesters eingesetzt.
Das erste große klassische Symphonieorchester mit modernen Instrumenten, mit dem er zusammenarbeitete, ist das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam. Von 1975 bis 1989 wurden im jährlichen Wechsel die Johannes- und Matthäuspassion von Bach aufgeführt. Die Zusammenarbeit dehnte sich alsbald auf Mozart und bis heute bis in die Spätromantik aus: Franz Schubert, Johann Strauß Sohn, Brahms, Dvořák, Bruckner, Alban Berg.
Das erste Wiener Traditionsorchester, das Harnoncourt als Dirigenten einlud, waren 1983 die Wiener Symphoniker, bei denen er früher als Cellist gearbeitet hatte. 1997 bot das Orchester ihm die Stelle des Chefdirigenten an, was er aber ablehnte.
Mit den Wiener Philharmonikern, deren Ehrenmitglied er seit 2005 ist, kam Harnoncourt 1984 erstmals zusammen und konzertierte mit ihnen lange Zeit vor allem bei der Salzburger Mozartwoche, dann auch in Wien sowie bei Gastspielen in Europa und den USA. In den Jahren 2001 und 2003 wurde er von ihnen eingeladen, das Neujahrskonzert zu dirigieren. Mehrere viel gelobte und erfolgreiche gemeinsame Plattenaufnahmen sind inzwischen erschienen (z.B. Mozarts Violinkonzerte mit Gidon Kremer, Aida von Verdi etc.).
Die Berliner Philharmoniker leitet Harnoncourt seit den 1990er Jahren regelmäßig in der Berliner Philharmonie.
1975 begann mit Harnoncourt am Pult ein Monteverdi-Zyklus für das Opernhaus Zürich mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle, im Rahmen dessen Orfeo (Dezember 1975), Poppea (Januar 1977), Ulisse (November 1977) inszeniert wurden. Im Juni 1979 folgte noch eine szenische Fassung des achten Madrigalbuches. Der Zyklus genießt noch heute einen legendären Ruf. Im Anschluss fuhr das Duo mit einem Mozart-Zyklus fort: Lucio Silla (Februar 1981), Mitridate (Mai 1983), Die Entführung aus dem Serail (Februar 1985), Così fan tutte (Februar 1986), Die Zauberflöte (November 1986), Don Giovanni (November 1987), Le nozze di Figaro (Februar 1989; nach Ponnelles Tod in dessen Inszenierung für die Salzburger Festspiele 1976 bzw. die Wiener Staatsoper 1977).
Nach Ponnelles Tod setzte er seine Arbeit am Zürcher Opernhaus mit wechselnden Regisseuren fort: Jürgen Flimm (Fidelio 1992), Ruth Berghaus (Freischütz 1993), Helmut Lohner (La belle Hélène 1994). Mit Jürgen Flimm arbeitet er seit 1990 auch oft an anderen Orten (Amsterdam, Wien, Graz, Salzburg) zusammen.
Als Operndirigent wirkte Harnoncourt seit den frühen 1970er Jahren regelmäßig bei den Wiener Festwochen - zuletzt im Mai 2005 Mozarts Lucio Silla im Theater an der Wien (Regie Claus Guth) -, zwei Mal führte in der Weg an das Pult der Frankfurter Oper (1978 Giulio Cesare in Egitto von Georg Friedrich Händel und 1980 Castor et Pollux von Jean-Philippe Rameau; jeweils Regie Horst Zankl, Bühnenbild Erich Wonder). Zwischen 1987 und 1991 dirigierte Harnoncourt vier Neuinszenierungen von Mozart-Opern an der Wiener Staatsoper: 1987 Idomeneo (Regie Johannes Schaaf, Bühnenbild David Fielding, Kostüme Tobias Hoheisel), 1988 Die Zauberflöte (Regie Otto Schenk, Bühnenbild und Kostüme Yannis Kokkos), 1989 Die Entführung aus dem Serail (Regie Ursel und Karl-Ernst Herrmann, Bühnenbild und Kostüme Karl-Ernst Herrmann) sowie im selben Jahr noch Così fan tutte (Regie Schaaf, Bühnenbild Hans Schavernoch, Kostüme Lore Haas). Das Ende der Direktion von Claus Helmut Drese bedeutete auch, dass Harnoncourt seine Arbeit an der Wiener Staatsoper einstellte. Dreses Nachfolger hatten ihn lediglich noch für ein Idomeneo-Dirigat angefragt. Weil Harnoncourt den mangelnden dramaturgischen Kontext weiterer Auftritte nicht einsah, zog er sich zurück.
Seit 1985 werden in Graz Harnoncourt gewidmete Klassik-Festspiele, die styriarte, veranstaltet. Die Festspiele sind seitdem die Hauptplattform für den Concentus musicus geworden. Zu den anfänglichen Konzerten, Oratoriumsaufführungen und konzertanten Opern sind später auch szenische Opernaufführungen gekommen. Mit Haydn begann Harnoncourt bei der styriarte 1987 die langjährige Zusammenarbeit mit dem Chamber Orchestra of Europe, die über eine vielbeachtete Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien über Schumann und Mendelssohn bis Bartók führte. 2005 dirigierte eine von Publikum und Kritik begeistert aufgenommene Carmen von Georges Bizet, für die er eine eigene, die Intentionen des Komponisten stärker berücksichtigende Fassung erarbeitete (Regie Andrea Breth, Bühnenbild Annette Murschetz). 2008 soll, so die Finanzierung gelingt, Harnoncourt bei Mozarts Idomeneo erstmals eine Oper nicht nur dirigieren, sondern auch inszenieren, wobei sein Sohn Philipp - der Theatererfahrung als Lichtdesigner hat - ihm dabei zu helfen beabsichtigt (Bühnenbild Rolf Glittenberg, Kostüme Marianne Glittenberg).
Seit den frühen 1990er Jahren war Harnoncourt nahezu jedes Jahr bei den Salzburger Festspielen sowohl als Opern- wie Konzertdirigent präsent. Seine erste Oper dirigierte er dort 1995 (Mozarts Le nozze di Figaro, Regie Luc Bondy). 2006 wird er die Neuinszenierung von Mozarts Le nozze di Figaro (Regie Claus Guth) sowie die Wiederaufnahme von La clemenza di Tito dirigieren. Allerdings hat Harnoncourt im Dezember 2005 in einem Interview mit der österreichischen Zeitschrift News angekündigt, seine Arbeit bei den Festspielen altersbedingt und wegen seiner Tätigkeit am Theater an der Wien auf sommerliche Orchesterkonzerte zu reduzieren und keine Opernaufführungen mehr zu leiten.
Am Theater an der Wien dirigierte Harnoncourt im März 2006 eine Wiederaufnahme der Lucio Silla-Produktion der Wiener Festwochen. Im April 2006 leitete er dort eine szenische Realisierung von Mozarts Die Schuldigkeit des ersten Gebots (Regie Philipp Harnoncourt), die im Rahmen des Festivals Osterklang stattfand.
Von 2007 an ist Harnoncourt als Dirigent von Monteverdi-Opern im Theater an der Wien vorgesehen: Im November des Jahres soll er Il ritorno d'Ulisse in patria leiten (Regie Martin Kušej).
Auf dem Gebiet der Vokalmusik begann 1978 eine langjährige Verbindung mit dem Arnold Schoenberg Chor unter Erwin Ortner. Dieser Chor ist nicht nur Harnoncourts erste Wahl bei Projekten mit dem Concentus musicus, sondern tritt auch bei Konzerten mit anderen Orchestern in Erscheinung. In den Kantateneinspielungen Bachs setzte Harnoncourt weiterhin Knabenchöre wie die Wiener Sängerknaben ein, bei den größeren Vokalwerken bevorzugte er den professionellen Chor.
Nikolaus Harnoncourt ist Träger des nach dem Komponisten Joseph Marx benannten Joseph-Marx-Musikpreises des Landes Steiermark 1982.
Harnoncourt ist zudem Mitglied in der Royal Swedish Academy of Music und Ehrendoktor der Universität Edinburgh.
1992 Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
1994 erhielt er den Polar Music Prize, den Grammy erhielt er 2001, 2002 wurde ihm der Ernst-von-Siemens-Musikpreis zuerkannt. 2005 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Kyoto-Preis ausgezeichnet, einer der höchsten Auszeichnungen für Wissenschaft und Kultur. Harnoncourt nahm den Preis Anfang November 2005 in Kyoto persönlich entgegen.
Mann | Dirigent | Cellist | Historische Aufführungspraxis | Österreicher | Pour le Mérite (Friedensklasse) | Kyoto-Preisträger | Geboren 1929
Nikolaus Harnoncourt | Nikolaus Harnoncourt | Nikolaus Harnoncourt | Nikolaus Harnoncourt | Nikolaus Harnoncourt | ניקולאוס הארנונקור | Nikolaus Harnoncourt | ニコラウス・アーノンクール | Nikolaus Harnoncourt | Nikolaus Harnoncourt | 尼古劳斯·哈农库特
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Nikolaus Harnoncourt".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world