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Neurotheologie ist eine Bezeichnung für eine relativ junge Richtung der neurowissenschaftlichen Forschung, der „Neurophysiologie religiöser Erfahrung“. Gegenstand ist der Versuch, religiöse Phänomene (beispielsweise Erfahrungen einer „höheren Wahrnehmung“) auf neurowissenschaftliche Phänomene zurückzuführen. Experimente, in denen mit von außen angelegten magnetischen Feldern (Transkranielle Magnetstimulation TMS), das Gefühl der Präsenz einer „höheren Wirklichkeit“ erzeugt werden konnte, machten den kanadischen Neurologen Michael Persinger bekannt. Manche seiner Probanden sprachen davon, von Gott berührt worden zu sein. Bildgebende Verfahren setzte Andrew Newberg von der University of Pennsylvania ein, um der Meditationserfahrung neurowissenschaftlich näher zu kommen. Die Ergebnisse bezog er in neurobiologisch begründbare Theorien zur Bildung von Mythen und Ritualen ein. Newberg wurde zu einem der bekanntesten Vertreter dieser Forschungsrichtung. In Deutschland machte sich vor allem der inzwischen verstorbene Detlef Linke in mehreren Büchern und Vorträgen einen Namen. Vereinzelt gibt es auch bereits erste Versuche religiöser Deutungen neurobiologischen Geschehens, z.B. bei Laurence McKinneys Buch Neurotheology. Auch die Vermutung wird erörtert, die stimulierbaren Regionen des Gehirns seien ein Art „Mailbox Gottes“, durch die der Heilige Geist Gottes dem Menschen, der betet, seine Antworten und Informationen in Form von Eingebungen und Erleuchtungen zukommen lässt.

Dies beschreibt aber auch schon das wissenschaftliche Problem der Disziplin: in dem Moment, in dem Aussagen über die Existenz oder Nichtexistenz des „lebendigen (dynamischen) Gottes“ bzw. transzendenter Bezüge gemacht werden, betritt die Wissenschaft den religiösen Bereich. Auch haben sich Religionsdefinitionen, die sich auf nur je eine Erfahrung stützen wollten, regelmäßig als unzureichend erwiesen – Religionen fußen generell auf einer Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen und sind in sich auch Veränderungen unterworfen.

Auch manche Philosophen äußern Kritik an den radikalen neurobiologischen Theorien. Hauptproblem vieler neurotheologischer Schlussfolgerungen sei dabei die philosophisch unzureichende Reflexion ihrer ontologischen und erkenntnistheoretischen Annahmen. Auch wird beanstandet, dass häufig ein Materialismus und/oder Determinismus den Forschungen zu Grunde gelegt, sowie eine illegitime Verallgemeinerung einzelwissenschaftlicher Forschungsergebnisse praktiziert würde.

Neuere neurotheologische Entwürfe entfernen sich daher von den eindimensionalen Ansätzen und versuchen Teilbeschreibungen verschiedener religiöser Elemente (beispielsweise Meditationserfahrungen, Ritualpraktiken, Konstruktion und emotionale Bewertung von Glaubenserzählungen usw.) aufzunehmen. Auch erkenntnistheoretische Grenzen werden zunehmend ernst genommen und interdisziplinär diskutiert (z.B. Pascal Boyer)

Die „Neurotheologie“ wächst damit langsam aus dem Stadium der überzogenen Sensationsmeldungen heraus und entwickelt sich zu einer ernsthaften Teildisziplin interdisziplinärer Religionswissenschaft.

Siehe auch


Literatur


  • Newberg, Andrew, D’Aquili, Eugene und Rause, Vince: Der gedachte Gott, Piper 2003, ISBN 3-492-24138-7
  • Wolf, Gerald: Der HirnGott, Dr. Ziethen Verlag 2005, ISBN 3-938380-04-7 (Wissenschaftsroman)

Weblinks


Theologie

Neurowissenschaften

Neurotheology | Neuroteológia

 

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