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Die Neuroethik (engl. „neuroethics“) ist eine relativ neue Disziplin im Grenzgebiet zwischen den Neurowissenschaften und der Philosophie. In der Forschung herrscht noch Uneinigkeit über den Themenbereich der Neuroethik. Einige sehen die Neuroethik als den Teil der Bioethik an, der sich mit der moralischen Bewertung von neurowissenschaftlichen Technologien beschäftigt. So definierte William Safire die Neuroethik als „den Bereich der Philosophie, der die Behandlung oder Verbesserung des menschlichen Gehirns moralisch diskutiert.“ Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9, S.v Typische Fragen der so verstandenen Neuroethik sind: In welchem Maße darf man in das Gehirn eingreifen, um Krankheiten zu heilen, oder kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit oder Gedächtnis zu verbessern? Die meisten Forscher verwenden den Begriff der Neuroethik jedoch in einem weiteren Sinne. Für sie steht das Verhältnis zwischen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen und moralisch relevanten Konzepten, wie „Verantwortung“, „Freiheit“, „Rationalität“ oder „Personalität“ ebenfalls im Zentrum neuroethischer Überlegungen. So versteht der Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga unter dem Begriff der Neuroethik „die sozialen Fragen nach Krankheit, Normalität, Sterblichkeit, Lebensstil und der Philosophie des Lebens, informiert durch unser Verständnis der grundlegenden Gehirnmechanismen". Michael Gazzaniga: The ethical brain, New York: Dana Press, 2005, ISBN 1-932594-01-9, S. Eine derart definierte Neuroethik fragt letztlich nach der Bedeutung der Hirnforschung für das menschliche Selbstverständnis.

Übersicht


Unter dem Begriff der Neuroethik werden recht verschiedene Forschungsprogramme zusammengefasst. Von Adina Roskies stammt die Unterscheidung zwischen einer Ethik der Neurowissenschaften und einer Neurowissenschaft der Ethik. Adina Roskies: Neuroethics for the new millenium. In: Neuron, 2003, S-21-3 Bei der Ethik der Neurowissenschaften handelt es sich um eine philosophische Disziplin, die nach der moralphilosophischen Relevanz von neurowissenschaftlichen Ergebnissen fragt. Man kann wiederum zwischen einer angewandten und einer allgemeinen Ethik der Neurowissenschaften unterscheiden: Quetiapin.png In der angewandten Ethik der Neurowissenschaften wird nach konkreten Technologien und Forschungsprojekten gefragt. Ein Beispiel ist die Anwendung von bildgebenden Verfahren. Wäre es etwa legitim, Lügen mittels Daten der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) ausfindig zu machen? Tatsächlich gibt es in den USA bereits kommerzielle Firmen, die fMRT-basierte Lügendetektion versprechen No Lie MRI und Cephos . Von angesehenen Neurowissenschaftlern werden derartige Projekte jedoch als unseriös eingestuft Editorial in Nature, Vol. 441, Issue 7096, 22 Juni 2006, S. 907 . Andere, wichtige Anwendungsgebiete finden sich in der Neurochemie. Es ist möglich, die Aktivität des Gehirns gezielt mittels pharmakologischer Substanzen zu verändern. Ein bekanntes Beispiel sind etwa Neuroleptika, die zur Behandlung von Psychosen eingesetzt werden. Ein anderes, bekanntes Beispiel ist die Verwendung von Ritalin, das von etwa ein bis zwei Prozent aller US-amerikanischen Schulkindern zur Beruhigung und Konzentrationssteigerung genommen wird Jensen, Peter S., Lori Kettle, Margaret T. Roper, Michael T. Sloan, Mina K. Dulcan, Christina Hoven, Hector R. Bird, Jose J. Bauermeister, and Jennifer D. Payne. 1999. Are stimulants overprescribed? Treatment of ADHD in four U.S. communities. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 38 (7):797-804.. Ritalin soll Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung helfen. Die angewandte Neuroethik fragt, in welchem Ausmaß solche Eingriffe moralisch gerechtfertigt sind. Derartige Fragen gewinnen zunehmend an Brisanz, da neuropharmakologische Substanzen mittlerweile auch oft über den engeren medizinischen Rahmen hinaus verwendet werden.

Die allgemeine Ethik der Neurowissenschaften fragt hingegen nach der Rolle der neurowissenschaftlichen Ergebnisse für das allgemeine Selbstverständnis von moralischen Subjekten. Die Willensfreiheit scheint etwa eine Voraussetzung für die moralische Bewertung von Handlungen zu sein. Die Neurowissenschaften betrachten das Gehirn jedoch als ein System, das vollständig durch seine vorherigen Zustände und den Input determiniert ist. In der allgemeinen Neuroethik wird nun danach gefragt, wie diese Vorstellungen zusammen passen. Ähnliche Fragen werden durch Begriffe wie „Person“, „Verantwortung“, „Schuld“ oder „Rationalität“ aufgeworfen. All diese Begriffe spielen eine zentrale Rolle in der moralischen Betrachtung von Menschen. Gleichzeitig haben diese Begriffe keinen Platz in der Beschreibung neuronaler Dynamiken durch die Hirnforschung.

Die Neurowissenschaft der Ethik beschäftigt sich wiederum mit der Untersuchung von Gehirnprozessen, die mit moralisch bedeutsamen Gedanken, Empfindungen oder Urteilen einhergehen (korrelieren). So kann etwa danach gefragt werden, was im Gehirn passiert, wenn Personen moralisch relevante Empfindungen haben oder wann sie einen kognitiven Zugriff auf diese Empfindungen haben. Derartige Untersuchungen sind zunächst rein beschreibend (deskriptiv). Demgegenüber ist die Ethik eine normative Disziplin, sie fragt danach, was der sein sollte. Dies hat dazu geführt, dass einige Forscher eingewandt haben, dass es missverständlich sei, die empirischen Arbeiten unter dem Begriff der Neuroethik zu diskutieren. Als deskriptive Disziplin sei die Neurowissenschaft der Ethik eben selbst kein Teil der Ethik Jean-Pierre Changeaux, Paul Ricoeur: What makes us think? : a neuroscientist and a philosopher argue about ethics, human nature, and the brain, Chichester, Princeton University Press, 2002 ISBN 0-691-09285-0 .

Andere Forscher argumentieren, dass die neurowissenschaftlichen Ergebnisse dennoch wichtig für ethische Debatten seien. Sie geben zwar meistens zu, dass es ein naturalistischer Fehlschluss wäre, von deskriptiven Aussagen alleine auf normativen Aussagen zu schließen. Ein solcher Schluss ist nicht legitim, da das Wissen darüber, wie die Welt ist (deskriptiv), noch nichts darüber aussagt, wie die Welt sein soll (normativ). Es wird allerdings darauf hingewiesen, dass deskriptive Prämissen in jeder moralischen Argumentation eine entscheidende Rolle spielen. Daraus ergebe sich auch eine moralphilosophische Bedeutung von neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. So würde die ethische Bewertung einer Person ganz anders aussehen, wenn man etwa erführe, dass sie eine Gehirnläsion hat, die Empathie unmöglich macht. Derartige Beispiele zeigen nach Ansicht vieler Forscher, dass neurowissenschaftliche Erkenntnisse bei der moralischen oder sogar juristischen Bewertung von Handlungen eine zentrale Rolle spielen können. Zudem sei die Neurowissenschaft befähigt, Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Empfindungen, rationalem Denken und Handlungsmotivation zu liefern.

Geschichte


Als eine eigenständige Disziplin existiert die Neuroethik noch nicht lange. Allerdings sind einige der neuroethischen Fragen durchaus älteren Ursprungs. Dies gilt vor allem für die Frage nach dem Verhältnis zwischen moralisch-psychologischer und biologischer Beschreibung des Menschen. Schon David Hume und Immanuel Kant haben den scheinbaren Widerspruch diskutiert, dass der Mensch zum einen freies, selbstverantwortliches Individuum ist und zum anderen ein biologisches System, das durch strikte Naturgesetze determiniert ist. Hume glaubte, dass dieser Widerspruch nur oberflächlich existiere und dass beide Beschreibungen letztlich vereinbar sind. Kant reagierte auf dieses Problem mit einer Zwei-Welten-Lehre: Er argumentierte, dass Menschen nur in der Welt der Erscheinungen determinierte Systeme sind, während die Rede von determinierenden Naturgesetzen in der Welt der Dinge an sich keinen Sinn mache. ThomasMetzinger.JPG Viele Fragen der angewandten Neuroethik sind hingegen neueren Ursprungs. Dies liegt darin begründet, dass die meisten Neurotechnologien erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt worden sind. Allerdings wurden schon in den 1950ern und 1960ern Jahren Experimente durchgeführt, die offensichtlich einer neuroethischen Diskussion bedurft hätten. Der Bioethiker Arthur Caplan beschreibt etwa CIA-Experimente mit LSD, die das Ziel hatten, Bewusstseinszustände von Tieren und Menschen zu kontrollieren Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9, S.vii . Derartige Anwendungen von neuronal aktiven Substanzen sind ein klassisches Thema der Neuroethik.

Institutionell hat sich die Neuroethik allerdings erst in den letzten Jahren geformt. Von herausragender Bedeutung war hier eine 2002 in San Francisco veranstaltete Konferenz über Neuroethik. Auf dieser Konferenz wurde der Begriff der Neuroethik popularisiert, aus den Konferenzbeiträgen entstand das erste Buch mit dem Titel „Neuroethics“ Steven Marcus: Neuroethics : mapping the field, New York, Dana Press, 2002, ISBN 0-9723830-0-X . Seitdem hat sich das Thema rasant entwickelt. Dabei wird die Neuroethik zur Zeit vorwiegend von Neurowissenschaftlern und weniger von Philosophen diskutiert. Bekannte Neurowissenschaftler, die im Bereich der Neuroethik arbeiten, sind der Nobelpreisträger Eric Kandel, Martha Farah, Michael Gazzaniga, Howard Gardner und Judy Illis. Allerdings wird die Neuroethik auch von Philosophen wie Patricia Churchland und Thomas Metzinger diskutiert. Institutionell bedeutend ist etwa die Neuroethics Imaging Group an der Stanford University Neuroethics Imaging Group, Stanford . 2006 wurde zudem die Society for Neuroethics gegründet Neuroethics Society .

Allgemeine Neuroethik


Die personale und die subpersonale Ebene

Zentral für das Nachdenken über Neuroethik ist die Unterscheidung zwischen zwei Beschreibungsebenen. Zum einen kann man Menschen als psychologische Wesen beschreiben, die Wünsche, Empfindungen und Überzeugungen haben. Zum anderen kann man Menschen als biologische Systeme betrachten. Daniel Dennett präzisiert diesen Unterschied, indem er von einer personalen und einer subpersonalen Betrachtung spricht Daniel Dennett: Content and Consciousness, 1969, London: Routledge & Kegan Paul and New York: Humanities Press. ISBN 0-7100-6512-4. Es ist offensichtlich, dass das moralisch relevante Vokabular auf der personalen Ebene liegt. Es sind Personen, die verantwortlich, frei oder schuldig sind. Demgegenüber finden neurowissenschaftliche Beschreibungen auf einer subpersonalen Ebene statt. Auf der subpersonalen Ebene können keine moralischen Begriffe angewandt werden. Es wäre sinnlos, zu sagen, dass eine neuronale Aktivität verantwortlich oder schuldig sei.

Für die Neuroethik ist die Frage entscheidend, wie das Verhältnis zwischen personaler und subpersonaler Ebene zu denken ist. Bedeutet der Fortschritt auf der subpersonalen Ebene, dass personale (und damit moralische) Beschreibungen zunehmend als falsch verworfen werden müssen? Die meisten Philosophen verneinen diese Frage. Dies gilt zudem unabhängig von den metaphysischen Positionen - Physikalisten, Dualisten und Vertreter anderer Position sind sich hier meist einig. Allein eliminative Materialisten behaupten, dass die personale Beschreibung des Menschen falsch sei und durch eine geeignete neurowissenschaftliche Beschreibung ersetzt werden sollte. Solche Philosophen müssen in letzter Konsequenz auch behaupten, dass die uns bekannte Moral durch ein neurowissenschaftlich informiertes Verfahren ersetzt werden sollte.

Doch wie kann man die Behauptung stützen, dass personale und subpersonale Beschreibungen des Menschen gleichermaßen berechtigt sind? Es kann an dieser Stelle helfen, sich klar zu machen, dass Beschreibungsebenen in einem widersprüchlichen oder in einem sich ergänzenden Verhältnis stehen können. Ein widersprüchliches Verhältnis hat man etwa dann, wenn ein religiöser Text behauptet, dass die Erde 7000 Jahre alt ist, während die Wissenschaften erklären, dass die Erde über 4 Millionen Jahre alt ist. Man kann nicht an beiden Behauptungen festhalten, die Beschreibungsebenen stehen zumindest in dem genannten Aspekt im Widerspruch. Es gibt aber auch Beschreibungsweisen, die sich nicht widersprechen, sondern einander ergänzen. Wenn man etwa die physische Struktur eines Gemäldes beschreibt, so kann man gleichzeitig behaupten, dass das Bild ein Portrait darstellt. Die Beschreibungen der physischen und der darstellenden Eigenschaften stehen nicht in einem Widerspruch, vielmehr ergänzen sie sich. Will man behaupten, dass moralische und neurowissenschaftliche Beschreibungen in keinem Widerspruch stehen, so muss man erklären, dass sich personale und subpersonale Beschreibungsebenen ergänzen.

Willensfreiheit

Der Eindruck eines generellen Konflikts zwischen der personal-moralischen und der subpersonal-neurowissenschaftlichen Ebene entsteht in der Debatte um die Willensfreiheit schnell. Die moralische Bewertung von Handlungen setzt eine gewisse Freiheit der handelnden Person voraus. Dies wird auch im Strafrecht unter dem Thema der Schuldunfähigkeit reflektiert. Nach § 20 StGB kann ein Mensch nicht bestraft werden, wenn er durch eine Bewusstseinsstörung zu seiner Tat getrieben wurde „Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“ Strafgesetzbuch §20 . Dahinter steht die Idee, dass die entsprechende Person sich nicht frei zu der Tat entschieden hat, weil ihr die etwa die notwendige Fähigkeit zum rationalen Überlegen fehlte oder weil sie durch eine unkontrollierbare Wahnvorstellung getrieben wurde. Nun kann der Eindruck entstehen, dass die Idee von freien Entscheidungen in einem direkten Konflikt mit den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen steht. Die meisten Neurowissenschaftler betrachten alle Handlungen als Produkte neuronaler Prozesse, die durch die vorhergehenden biologischen Zustände und den Input determiniert sind. Das bedeutet, dass alle Handlungen durch physische Prozesse festgelegt wurden und gar nicht anders geschehen konnten. Hinter dieser Behauptung steht zum einen die metaphysische Theorie des Determinismus. Dieser Theorie zufolge ist die Welt durch strenge Naturgesetze geordnet, ein Zustand der Welt wird durch den vorherigen Zustand der Welt und die Naturgesetze festgelegt bzw. determiniert. Zum anderen weisen Neurowissenschaftler darauf hin, dass sie zumindest grob eine biologische Geschichte zu jeder Handlung erzählen können: Wenn eine Person etwa einen Schlag ausführt, so kann man bestimmte Aktivitäten im Gehirn beobachten. Aus dem Gehirn werden schließlich Signale in die Muskeln gesendet, die schließlich den Schlag realisieren. An keiner Stelle wird in dieser Geschichte zusätzlich zu den biologischen Ursachen auch noch ein freier Wille benötigt. Die Handlung scheint vollständig durch die biologischen Ursachen determiniert zu sein. Nun kann man sich jedoch fragen, wie es freie Handlungen geben kann, wenn die Handlungen schon durch physische Prozesse festgelegt sind. Setzt die moralische Beschreibung von Personen die Freiheit voraus und wird die Freiheit durch die neurowissenschaftliche Beschreibung geleugnet, so gibt es doch einen generellen Widerspruch zwischen der personal-moralischen und der subpersonal-neurowissenschaftlichen Beschreibung.

David Hume.jpg Es existieren verschiedene Strategien, mit diesem Problem umzugehen. Die meisten Philosophen vertreten eine Position, die im Philosophenjargon „Kompatibilismus“ genannt wird. Kompatibilisten argumentieren, dass der genannte Widerspruch nur oberflächlich existiere und bei einer genaueren Betrachtung verschwinde. Der zentrale Fehler sei die Identifizierung von Freiheit mit dem Fehlen jeglicher Festlegungen. Eine solche Konzeption sei jedoch selbstwidersprüchlich: Wäre der eigene Wille durch nichts festgelegt, so wäre der Wille nicht frei, sondern einfach zufällig Dieses Argument wird ausführlich diskuiert in: Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens Hanser, 2001 ISBN 3-596-15647-5 . „Frei sein“ könne daher nicht „durch nichts festgelegt sein“ bedeuten. Vielmehr komme es darauf an, dass der eigene Wille durch die richtigen Aspekte festgelegt sei. Kompatibilisten argumentieren, dass man genau dann frei sei, wenn der eigene Wille durch die eigenen Gedanken und Überzeugungen festgelegt sei. Unfrei sei man hingegen bei einer Willensbildung, die unabhängig von den eigenen Überzeugungen ist. Man kann sich diese Idee durch ein einfaches Beispiel verdeutlichen: Ein Raucher ist genau dann unfrei, wenn er überzeugt davon ist, dass er mit dem Rauchen aufhören sollte und dennoch immer wieder zu den Zigaretten greift. Eine solche Situation kann das beklemmende Gefühl der Unfreiheit hervorrufen und es ist klar, dass die Freiheit des Rauchers nicht in der völligen Indeterminiertheit seiner Handlungen liegen würde. Vielmehr wäre der Raucher genau dann frei, wenn seine Überzeugungen seinen Willen unter Kontrolle hätten und er sich nicht mehr neue Zigaretten anstecken würde. Eine solche Konzeption löst den Konflikt zwischen Freiheit und Determinismus auf. Im Rahmen des Kompatibilismus gibt es daher auch keinen Konflikt zwischen der moralischen und der neurowissenschaftlichen Beschreibungsebene. Die meisten Gegenwartsphilosophen sind Kompatibilisten, bekannte Vertreter sind Harry Frankfurt, Daniel Dennett und Peter Bieri. David Hume kann als Vater des Kompatibilismus gelten.

Nicht alle Philosophen sind mit der kompatibilistischen Antwort auf das Problem der Willensfreiheit einverstanden. Sie bestehen darauf, dass die Idee der Freiheit nur dann zu verstehen sei, wenn der Willen und die Handlung nicht durch physische Prozesse festgelegt sind. Vertreter einer solchen Position werden im Philosophenjargon „Inkompatibilisten“ genannt. Unter den Inkompatibilisten kann man wiederum zwischen zwei Lagern unterscheiden. Einige Philosophen und Naturwissenschaftler erklären, dass wir dennoch frei und der Willen und die Handlungen daher nicht durch physische Prozesse festgelegt sind. Ein wichtiger Vertreter dieser Position ist Peter van Inwagen. Auch die Dualisten Karl Popper und John Eccles wollen die Freiheit des Willens retten, indem sie den Determinismus ablehnen. Sie argumentieren, dass ein Gehirnzustand nicht durch den vorherigen Gehirnzustand und den Input festgelegt ist. Als Begründung geben sie an, dass auf der physischen Ebene der Quanten das Geschehen nicht determiniert sei. Nach Popper und Eccles hat ein immaterieller Geist auf eben dieser Quantenebene Einfluss auf das physische Geschehen. In diesem Einwirken des Geistes zeige sich der freie, indeterminierte Wille. Andere Forscher vertreten die Meinung, dass der Determinismus wahr ist und man daher die Idee eines freien Willens aufgeben muss. In Deutschland sind die Neurowissenschaftler Wolf Singer und Gerhard Roth bekannt für derartige Ideen. Eine solche Position hat enorme Auswirkungen auf die Vorstellungen von Ethik. Wäre die Freiheitsidee abzulehnen, so könnten Personen ihren Willen nicht selbst bestimmen. Man könnte sie daher nicht mehr für ihre Handlungen verantwortlich machen, moralische Emotionen hätten streng genommen keinen Sinn mehr. Auch die juristisch bedeutsame Unterscheidung zwischen freien und unfreien Taten würde entfallen. Letztlich müsste man alle Täter als Schuldunfähige behandeln: Im Interesse der Allgemeinheit könnte man sie einsperren und therapieren, eine Schuld wäre jedoch nicht mehr feststellbar, die Idee der Strafe folglich inkohärent.

Angewandte Neuroethik


Verbesserung des Menschen?

Insbesondere in den USA wird unter dem Stichwort „enhancement“ (engl. für „Steigerung“ und „Verbesserung“) eine erbitterte Debatte darüber geführt, ob es legitim ist, kognitive und emotionale Fähigkeiten mit Hilfe von Neurotechnologien zu verbessern Erik Parens Enhancing human traits : ethical and social implications, Washington D.C., Georgetown University Press, 1998, ISBN 0-87840-703-0 . Vertreter der Enhancementtechnologien weisen darauf hin, dass im medizinischen Kontext derartige Verfahren bereits etabliert und zudem notwendig seien. Die Anwendung von Neuroleptika stellt etwa einen direkten Eingriff in die neuronale Aktivität der Patienten dar. Dennoch sei bei Psychosen ein derartiger Eingriff vorteilhaft, da er den Patienten neue Handlungsmöglichkeiten eröffne. Vertreter von Enhancementtechnologien argumentieren nun, dass durch den Fortschritt der Neurotechnologien Verbesserung zunehmend auch bei gesunden Menschen möglich werden. Warum sollte man Menschen nicht etwa die Möglichkeit zu einer besseren Konzentration geben, wenn entsprechende neurotechnologische Eingriffe keine Nebenwirkungen haben?

Kritiker wenden an dieser Stelle ein, dass man zwischen medizinischen und nichtmedizinischen Eingriffen unterscheiden müsse. Zwar sei es gerechtfertigt, Menschen mit Störungen durch Neurotechnologien zu helfen, allerdings gäbe es keinen Grund, Menschen durch Technologien zu „perfektionieren“. Doch gibt es an dieser Stelle gleich zwei Entgegnungen der Technologieoptimisten: Zum einen argumentieren sie, dass die Unterscheidung zwischen medizinischen und nichtmedizinischen Anwendungen unscharf und letztlich nicht durchzuhalten sei. Zum anderen wird erklärt, dass die Ablehnung technologischer Verbesserungen kognitiver Fähigkeiten letztlich inkohärent sei. So sei ja schon jedes Erziehungssystem eine Technologie, die das Ziel habe, kognitive Fähigkeiten zu steigern. Wenn man jedoch eine solche Technologie befürworte, könne man nicht generell gegen neurotechnologische Verbesserungen argumentieren All diese Argumente werden diskutiert in: Erik Parens: Creativity, graditude, and the enhancement debate In: Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9 . Vertreter von Enhancementtechnologien ziehen meist die Konsequenz, dass die Ablehnung von neurotechnologischen Eingriffen allein auf einer irrationalen Angst vor dem Neuen basiere.

Dennoch können Kritiker weitere Argumente für ihre Position anführen. Zunächst werden sie darauf hinweisen, dass Eingriffe in die gesunde, menschliche Natur meist nicht wirkliche Verbesserungen bringen, sondern gesellschaftlichen Vorstellungen und Interessen entsprechen. Die vielleicht vebreitetsten biologischen, nichtmedizinischen Modifizierungen sind Schönheitsoperationen. Kritiker erklären nun, dass die vermeintlichen Verbesserungen in Wirklichkeit nur zu einer erhöhten Uniformität und Anpassung an gesellschaftliche oder ökonomische Interessen führen. Nicht nur Schönheitsorperationen seien hierfür ein Beispiel, auch arbeitsunterstützende Drogen gehörten hierher. Neue Studien belegen, dass an einigen US-amerikanischen Universitäten 25% der Studenten mit neuronal aktiven Substanzen ihre Schlafdauer extrem senken und die Arbeitskraft erhöhen Martha Farah: Unpublizierter Vortag auf der 10. Konferenz der Association for the Scientific Study of Consciousness im Juni 2006 in Oxford. Nach Ansicht von Kritikern führen derartige Technologien zu keiner wirklichen Verbesserung des Lebens, sondern allein zu einer erhöhten Angepasstheit. Zudem seien diese Technologien nur für wenige finanzierbar und führten daher zu weiterer Ungerechtigkeit. Schließlich seien sie auch gefährlich, da man die Langzeitfolgen kaum abschätzen könne. Gemäßigtere Vertreter von Enhancementtechnologien gestehen die meisten dieser Kritikpunkte ein. Sie argumentieren jedoch, dass man angebliche Verbesserungen („fake enhancement“) von echten Verbesserungen unterscheiden könne All diese Argumente werden diskutiert in: Erik Parens: Creativity, graditude, and the enhancement debate In: Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9 . Zudem müsse man die Technologien auf Langzeitfolgen testen und der Allgemeinheit zugänglich machen.

Kritiker halten derartige Vorschläge für blauäugig und an der Realität vorbeigehend. Zudem argumentieren einige, dass es noch ein tiefer liegendes Problem gebe. Mit einer zunehmenden Einführung biologischer Eingriffe in die Psyche, werde die personale Beschreibungsebene durch die subpersonale Ebene verdängt. Dies bedeute aber auch den schleichenden Niedergang all der Aspekte der personalen Ebene, die uns wichtig sind, also etwa die Ideen von Selbstbestimmung und Verantwortung. Enhancementbefürworter sehen in solchen Argumenten wiederum nur eine allgemeine Technologieangst. Der neuroethische Streit um Eingriffe ins Gehirn ist folglich noch vollkommen unglöst. Einig sind sich die Vertreter jedoch darin, dass das Thema in den nächsten Jahren und Jahrzehnten enorm an Aktualität und Brisanz gewinnen wird.

Bildgebende Verfahren

Bildgebende Verfahren ermöglichen die Visualisierung von neuronalen Prozessen im menschlichen Gehirn und stellen zentrale Methoden der neurowissenschaftlichen Forschung dar. Die Entwicklung derartiger Verfahren begann in den 1920er Jahren mit der Elektroenzephalografie (EEG). Elektrischen Aktivitäten des Gehirns führen zu Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche, die durch entsprechende Geräte aufgezeichnet werden können. Die heutige kognitive Neurowissenschaft stützt sich in besonderem Maße auf das Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT). Gleichzeitig werfen diese Verfahren eine Reihe von ethischen Problemen auf. Mit Hilfe der fMRI können Aktivitäten im Gehirn mit recht hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung gemessen werden. Zu ethischen Problem führt diese Technik insbesondere, wenn zumindest grob neuronale Korrelate von Bewusstseinszuständen gefunden werden. Wie geht man damit um, wenn man durch neurowissenschaftliche Methoden und nicht durch persönliche Berichte weiß, dass eine Person etwas bestimmtes denkt oder fühlt?

Ein klassisches Beispiel ist hier der neurotechnologische Lügendetektor. Zwar befinden sich entsprechende fMRI-Technologien noch in der Entwicklung, allerdings gibt es schon seit längerem kommerzielle EEG-basierte Lügendetektoren. Die kommerziellen Brain Fingerprintig Laboratories vermarkten solche Technologien und geben an, dass sie vom FBI, der US-amerianischen Polizei und anderen Organisationen genutzt werden. Viele Neuroethiker sehen sich bei derartigen Technologien vor ein Dilemma gestellt: Zum einen könnten entsprechende Lügendetekoren vor Gericht etwa Unschuldige vor der Inhaftierung bewahren. Zum anderen argumentieren viele, dass derartige Technologien die Selbstbestimmung der Personen verletzten und zudem für Missbrauch anfällig seien. Fmrtuebersicht.jpg Hinzu komme, dass entsprechende Technologien nicht vollständig verlässlich sind. Judy Illis und Kollegen der Neuroethics Imaging Group von der Stanford University argumentieren, dass die Suggestivkraft von fMRI-Bilden oft die konkreten Probleme der Datenanalyse verdeckt Judy Illes, Eric Racine und Matthew Kirschen: A picture is worth 1000 words, but which 1000?. In: In: Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9 . Die bekannten fMRI-Bilder (siehe etwa Abbildung) sind immer schon sehr weit von Interpretationen mitbestimmt. Bei einer kognitiven Leistung ist das Gehirn immer sehr weiträumig aktiv, die fMRI-Bilder zeigen nur die Auswahl der vermeintlich relevanten Aktivitäten. Eine solche Auswahl findet über die Subtraktionsmethode statt: Interessiert man sich für eine kognitve Leistung K, so misst man zum einen die Gehirnaktivität in einer Situation S1, in der K gefordert ist. Zudem misst man die Gehirnaktivität in einer Kontrollsituation S2, die sich von S1 möglichst nur darin unterscheidet, dass in S2 nicht K gefordert ist. Schließlich subtrahiert man die Aktivitäten in S2 von den Aktivitäten in S1, um zu sehen, welche Aktivitäten für K spezifisch sind. Illis betont, dass derartige interpretative Aspekte immer mit berücksichtigt werden müssen und vor neurowissenschaftlichen Laien, etwa im Gerichtssaal, leicht verloren gehen können. Turhan Canli erklärt: „Das Bild eines Aktivierungsmusters, das auf einer schlecht gemachten Studie basiert, ist visuell nicht von dem Bild einer exemplarischen Studie zu unterscheiden. Man braucht einen geschickten Fachmann, um den Unterschied zu bemerken. Es bestehe daher die große Gefahr des Missbrauchs der Daten bildgebender Verfahren vor einem ungeschulten Publikum, wie der Jury in einem Strafprozess. Wenn man auf die Bilder schaut, kann man leicht vergessen, dass sie statistische Folgerungen und keine absoluten Wahrheiten repräsentieren.“ Turhan Canli, Z. Amin: Neuroimaging of emotional and personality: Scientific evidence and ethical considerations. In: Brain and Cognition, 2002

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Erweiterung der Anwendung bildgebender Verfahren. In dem Maße in dem aus Hirnscans Persönlichkeitsmerkmale oder Präferenzen entnommen werden, werden bildgebende Verfahren für breite kommerzielle Anwendungen attraktiv. Canli diskutiert das Beispiel des Arbeitsmarktes und erklärt: „Es gibt bereits Literatur zu Persönlichkeitszügen, wie etwa Extraversion und Neurotizismus, Beharrlichkeit, moralischer Verarbeitung und Kooperation. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis Arbeitgeber versuchen, diese Ergebnisse für Fragen der Einstellung zu nutzen.“ Turhan Canli: When genes and brains unite: ethical implications of genomic neuroimaging. In: Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9 Auch die Werbeindustrie wird versuchen, die Ergebnisse der Forschung mit bildgebenden Verfahren zu nutzen, denn schließlich werden durch diese Methoden auch unbewusste Informationsverarbeitungen registriert. Mittlerweile haben US-amerikanischer Verbraucherorganisationen dieses Thema entdeckt und wenden sich gegen die kommerzielle Ausdehnung der bildgebenden Verfahren Etwa Commercial Alert .

Neurowissenschaft der Ethik


Überblick

Ein im engeren Sinne empirisches Projekt ist die Suche nach neuronalen Korrelaten von moralisch relevanten Gedanken oder Empfindungen. Typische Forschungsfragen können lauten: Zu welchen spezifischen Aktivitäten führt das Nachdenken über moralische Dilemmata? Wie ist die funktionelle Verknüpfung von neuronalen Korrelaten moralischer Empfindungen und moralischen Gedanken? Welchen Einfluss haben welche Beschädigungen des Gehirns auf das moralische Entscheidungsvermögen?

Derartige Fragen haben zunächst einen rein empirischen Charakter und keine normativen Konsequenzen. Der Schluss von deskriptiven Beschreibungen neuronaler Aktivitäten auf normative Handlungsanweisungen wäre ein naturalistischer Fehlschluss, was auch von den meisten Forschern akzeptiert wird. Dennoch wird oft argumentiert, dass die entsprechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse von einem großen Nutzen für ethische Debatten sein könnten. Zum einen würden neurowissenschaftliche Erkenntnisse zu einem neuen Verständnis darüber führen, wie Menschen de facto moralische Probleme entscheiden. Zum anderen können neurowissenschaftliche Erkenntnisse in konkreten Situationen die moralische Bewertung verändern. Bei einer Person, die durch Gehirnschädigung nicht mehr zu Empathie fähig ist, wird man auch moralisch anders urteilen, als bei einer gesunden Person. Im nächsten Abschnitt wird ein klassisches Fallbeispiel für eine derartige Schädigung darstellt werden.

Ein Fallbeispiel: Phineas Gage

Das tragische Schicksal von Phineas Gage gehört zu den bekanntesten Fällen der Neuropsychologie. Der 1823 geborene Gage arbeitete 1848 als Vorarbeiter einer Eisenbahngesellschaft in den USA. Die Aufgabe seines Bautrupps war es, Bahngleise durch Vermont zu verlegen. Gestein, das der Streckenführung im Weg stand, wurde weggesprengt. Dafür bohrten die Vorarbeiter Löcher in das Gestein, füllten sie mit Sprengstoff und deckten sie mit Sand ab. Vor der Sprengung wurde der Sand mit einer Metallstange festgeklopft. An einem Tag wurde Gage abgelenkt und er klopfte auf den Sprengstoff, ohne dass er vorher mit Sand abgedeckt wurde. Es entstand ein Funken, die Sprengladung explodierte und trieb Gage die Metallstange durch seinen Schädel. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio beschriebt die Situation wie folgt: „Die Eisenstange tritt durch Gages linke Wange ein, durchbohrt die Schädelbasis, durchquert den vorderen Teil des Gehirns und tritt mit hoher Geschwindigkeit aus dem Schädeldach aus. In einer Entfernung von mehr als dreißig Metern fällt die Stange herunter.“ Antonio Damasio: Descartes' Irrtum : Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München, Dt. Taschenbuch-Verlag, 1997, ISBN 3-423-30587-8

Erstaunlicher als dieser Unfall sind jedoch die Konsequenzen. Trotz der grausamen Verletzungen und der Zerstörung eines Teils des Gehirns starb Gage nicht, er wurde nicht einmal bewusstlos. Nach weniger als zwei Monaten galt er als geheilt, er hatte keine Probleme mit dem Sprechen, rationalen Denken oder dem Gedächtnis. Dennoch hatte sich Gage tiefgreifend verändert. John Harlow, der Arzt von Gage, erklärt, er sei nun „launisch, respektlos, flucht manchmal auf abscheulichste Weise, was früher nicht zu seinen Gewohnheiten gehörte, erweist seinen Mitmenschen wenig Achtung, reagiert ungeduldig auf Einschränkungen und Ratschläge.“ edb. S.31 Gage hatte seine intellektuellen Kapazitäten behalten, aber seine emotionalen Fähigkeiten verloren. Dies hatte unter anderem zur Folge, dass Gage nicht mehr nach moralischen Standards handelte. Ventromedialer praefrontaler Cortex.png Neuere neurowissenschaftliche Studien haben eine genauere Lokalisierung von Gages Hirnschaden ermöglicht. Die Metallstange hatte einen Teil des präfrontalen Cortex zerstört, also dem Teil der Großhirnrinde, der der Stirn am nächsten liegt. Es war allerdings nicht der ganze präfrontale Cortex betroffen, sondern auch hier wiederum nur ein Teil. Konkret war nur der ventromediale Teil des präfrontalen Cortex beschädigt - siehe Abbildung. Neuropsychologische Studien haben gezeigt, dass Gage kein Einzelfall war. Alle Patienten, die nur im ventromedialen präfrontralen Cortex eine Störung haben, zeigen jenen Verlust der emotionalen Fähigkeiten bei gleichbleibenden intellektuellen Fähigkeiten.

Bedeutung der neurowissenschaftlichen Forschung

Amyg.png Es ist allerdings nicht nur der vetromediale präfrontale Cortex, der bei moralischen Entscheidungen relevant ist. Wie von verschiedenen Seiten betont worden ist, gibt es so etwas, wie ein „moralisches Zentrum“ im Gehirn nicht. Casebeer, Patricia Churchland: The neural mechanisms of moral cognition: A multiple aspect approach to moral judgement and decision making. In: Philosophy and Biology, 2003 Adina Roskies: A case study of neuroethics: The nature of moral judgement. In: Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9 . Moralische Entscheidungen entstehen aus einem komplexen Wechselspiel von Emotionen und Gedanken. Und selbst für die moralischen Emotionen gilt, dass sie auf verschiedene Gehirnregionen angewiesen sind. Neben dem vetromedialen präfrontalen Cortex ist hier zum einen die sensomotorische Region zu erwähnen. Eine Schädigung dieses Teils der Großhirnrinde führt zur Anosognosie, einer Störung, bei der die Patienten ihre eigene Krankheit nicht erkennen. Anosognostiker haben etwa eine halbseitige Lähmung und sind dennoch überzeugt, dass ihr Körper normal funktioniere. Fordert man sie auf, ein gelähmtes Körperteil zu heben, so erklären sie, dass sie keine Lust dazu hätten oder leugnen gar, dass das Körperteil zu ihrem Körper gehöre. Solche Patienten leiden auch unter Verlusten ihrer emotionalen Fähigkeiten, selbst schwerste Schicksalsschläge berühren sie nicht stark. Eine weitere wichtige Region ist der Mandelkern (oder Amygdala), der nicht zur Großhirnrinde, sondern zum tieferen (subcortikalen) Bereich des Gehirns gehört. Der Mandelkern ist eine Ansammlung von Neuronen, auch Schädigungen dieses Bereichs führen zum Verlust von emotionalen Fähigkeiten.

Neuroethisch können derartige Ergebnisse auf verschiedene Weisen reflektiert werden. Zum einen muss man sich natürlich die Frage nach der moralischen und juristischen Schuldfähigkeit von solchen Menschen stellen. Bedeutet die anatomisch bedingte Unfähigkeit zu moralischen Emotionen, dass man auch nach der Ausführung von Verbrechen die entsprechende Person als Patienten und nicht als Täter behandeln muss? Müsste man Menschen wie Phineas Gage nach einer Straftat nicht in eine Klinik und in kein Gefängnis schicken? Wenn man diese Fragen bejaht, so muss man sich allerdings die Frage gefallen lassen, ab welchem Störungsausmaß eine entsprechende Einschränkung der Schuldfähigkeit vorgenommen werden sollte. Schließlich zeigen viele Gewaltverbrecher neurophysiologisch auffindbare Gehirnanomalien. Aus neurowissenschaftlichen Studien können sich jedoch auch Erkenntnisse über die allgemeinen Mechanismen moralischen Urteilens ergeben. So versucht Adina Roskies etwa mit den neuropsychologischen Daten für die These zu argumentieren, dass moralische Emotionen keine notwendige Bedingungen für moralische Urteile sind Adina Roskies: Are ethical judgement intrisically motivational? Lessons from aquired ’sociopathy’ . In: Philosophical Psychology, 2003 Adina Roskies: A case study of neuroethics: The nature of moral judgement. In: Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9 . Dabei stützt sie sich wiederum auf Patienten mit einer Schädigung des ventromedialen präfrontalen Cortex – also der Schädigung, die auch Phineas Gage hatte. Entsprechenden Patienten fehlen zwar die moralischen Emotionen und sie handeln im Alltag auch oft grausam. Dennoch entsprechen ihre Urteile über moralische Fragen weitgehend denen von gesunden Menschen. Roskies argumentiert, dass man die Urteile von derartigen Patienten letztlich nur als ursprünglich moralische Urteile verstehen könne, und bezeichnet ihre Position als einen moraliphilosophischen Kognitivismus: Zwar mögen im Alltag moralische Emotionen das moralische Urteilen stark beeinflussen, allerdings seien sie keine notwendige Voraussetzung.

Literatur


  • Steven Marcus: Neuroethics : mapping the field, New York, Dana Press, 2002, ISBN 0-9723830-0-X Sammelband mit Beiträgen einer Neuroethikkonferenz in San Francsico, die zentral für die Entstehung der Disziplin Neuroethik war
  • Judy Illes (Hg.): Neuroethics : defining the issues in theory, practice, and policy Oxford, Oxford Univ. Press, 2006, ISBN 0-19-856721-9 Sammelband mit Aufsätzen vieler wichtiger Vertreter der Neuroethik

Quellen


Weblinks


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Neuroetika | Neuroethics

 

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