Das atopische Ekzem ist eine Hautkrankheit, deren Hauptsymptome rote, schuppende, manchmal auch nässende Ekzeme auf der Haut und ein oft quälender Juckreiz sind. Weitere geläufige Bezeichnungen sind Neurodermitis, atopische Dermatitis und endogenes Ekzem.
Die Neurodermitis gilt als nicht heilbar, ist aber behandelbar. Es kommen eine Vielzahl unterschiedlicher Therapien zum Einsatz, deren Wirksamkeit sich im jeweiligen Einzelfall erweisen muss.
Der Begriff Neurodermitis stammt aus dem 19. Jahrhundert. Damals ging man davon aus, dass die Ursache der Hauterkrankung eine Nervenentzündung ist. Später wurde diese Ansicht widerlegt, der Begriff ist jedoch geblieben. Heute wird aber eher von der atopischen Dermatitis bzw. vom atopischen Ekzem gesprochen. Der Name atopisches Ekzem macht deutlich, dass die Neurodermitis nur schwer einzugrenzen ist. Übersetzt bedeutet der Begriff lediglich „ohne klar ersichtlichen Grund krankhaft veränderte Haut“. Entsprechend vielfältig sind die Erklärungsversuche der Wissenschafter und Ärzte und auch das Erscheinungsbild der Erkrankung. Neurodermitis1.jpg
Nach unterschiedlichen Angaben ist die Bereitschaft, eine atopische Dermatitis zu entwickeln, bei 5-20 % der Kinder und 1-3 % der Erwachsenen vorhanden. Bei 60 % der Patienten tritt die Erkrankung im ersten Lebensjahr auf. Bei den meisten betroffenen Kindern vermindern sich die Symptome mit dem Älterwerden und verschwinden mit Beginn der Pubertät. Von den ursprünglich Betroffenen sind im Erwachsenenalter etwa 70 % beschwerdefrei. Die Neurodermitis wird immer häufiger beobachtet. Ob es sich dabei jedoch tatsächlich um eine Zunahme des Auftretens der Krankheit handelt oder ob die Neurodermitis heute häufiger diagnostiziert wird, weil sich die Wahrnehmung der Betroffenen und die der Ärzte verändert hat, ist umstritten.
Neurodermitis äußert sich insbesondere durch eine sehr empfindliche und trockene Haut, die oft auch gerötet ist. In Verbindung mit dem Juckreiz und dem starken Bedürfnis, auf diesen mit Kratzen zu reagieren, kann die Haut rissig werden. Dadurch entstehen Ekzeme, die oft nässend sind und den Juckreiz weiter verschlimmern. Typische Stellen für die betroffene Haut sind insbesondere die Armbeugen, die Kniekehlen sowie die Hals- und Gesichtspartie.
Meist weisen weitere äußere Merkmale auf eine Neurodermitiserkrankung hin. Dazu gehören eine Vergröberung der Hautfaltung (Lichenifikation), eine Ausdünnung der Augenbrauen durch Scheuern oder Kratzen, eine doppelte Lidfalte. Charakteristisch ist außerdem die „paradoxe Gefäßreaktion“: Im Gegensatz zu gesunder Haut bilden sich beim Kratzen nicht rote, sondern weiße Streifen auf der Haut (weißer Dermatographismus).
Studien aus Spanien, England und DeutschlandPsychosoziale Aspekte bei Psoriasis und Neurodermitis - Stigmatisierung und Lebensqualität. Dissertation. Medizinische Hochschule Hannover, 2003 in den Jahren 1998 bis 2003 belegten einen Zusammenhang zwischen einem hohen sozioökonomischen Status und dem gehäuften Auftreten des atopischen Ekzems Dissertation Andrea Huber 1998 TU München: Ernährung, Kleidung und Körperpflege im Zusammenhang mit dem Auftreten eines atopischen Ekzems
Es wird davon ausgegangen, dass die Betroffenen aufgrund genetischer Veranlagung stärker auf bestimmte Einflüsse reagieren als andere. Dabei ist von einer sogenannten dominanten Vererbung der Genvarianten auszugehen, die das Erkrankungsrisiko erhöhen. Dies bedeutet, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer individuell verschiedenen Ausprägung der Erkrankung kommt, sofern von mindestens einem Elternteil entsprechende Erbanlagen vererbt werden.
Die Ursache der trockenen Haut besteht in der fehlerhaften Codierung eines Enzyms aufgrund eines Gendefektes. Um die Haut geschmeidig zu halten, produziert der gesunde Körper Hautfett. Dieses Hautfett besteht u.a. aus Gamma-Linolensäure. Um dies herzustellen, benötigt der Körper mit der Nahrung aufgenommene Linolsäure. Für die Umwandlung von Linolsäure in Gamma-Linolensäure wird ein Enzym benötigt. Bei Neurodermitikern ist die Gensequenz beschädigt, die für dieses Enzym codiert; infolgedessen kann der Patient nicht oder nur eingeschränkt Hautfett produzieren.
Ein nach außen hin scheinbares Zurückgehen der Symptome bei manchen Patienten kann darauf zurückzuführen sein, dass der Gendefekt nur in einem Teil der etwa 2 Bio. Körperzellen vorliegt und somit auch die weniger oder nicht beschädigten Genvarianten zum Einsatz kommen können. Es ist bisher nur unvollständig geklärt, mit welchen Mechanismen die Proteinsynthese gesteuert wird, also wann und in welchem Ausmaß welche Gene gelesen und Proteine erstellt werden.
Es ist darüber hinaus stark davon auszugehen, dass bei der Neurodermitis als „Zivilisationskrankheit“ neben der beschriebenen genetischen Disposition vor allem auch eine Schadstoffbelastung durch die Umwelt und bestimmte Ernährungsweisen eine Rolle spielt. Beschwerden von Neurodermitis gehen manchmal auch einher mit Gicht, Rheumatismus und Allergien.
Bei einem Teil der Betroffenen konnte auch ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Neurodermitis und einer Nahrungsmittel- oder Tierhaarallergie beobachtet werden. Deutliche Hinweise bestehen auch auf eine Miteinbeziehung des vegetativen Nervensystems (welches die nicht bewusst steuerbaren Funktionen, wie Verdauung, Herzschlag etc. reguliert). Dieser Aspekt erklärt u. a., warum Betroffene bei Stress zu Ausschlagsschüben oder Verdauungsproblemen neigen.
Zur Linderung wird die Neurodermitis vielfach mit Kortison behandelt. Es wirkt gegen Juckreiz und Entzündung der Haut und kann schwere Schübe lindern oder bei rechtzeitiger Anwendung vermeiden. Kortison wird meist in Form von Salben oder Cremes auf die betroffenen Stellen aufgetragen. Nur bei schweren Schüben kommt eine orale Gabe von Tabletten in Frage. Kortison kann allerdings eine Reihe von unerwünschten Nebenwirkungen bewirken, so dass es meist nur für kurze Zeit z. B. bei akuten Schüben angewandt werden soll. Zu Nebenwirkungen zählen Hautverdünnung, Dehnungsstreifen, sowie partielle Unterdrückung des örtlichen Immunsystems. Bei langer Anwendung starker Präparate können sogar Nebenwirkungen auftreten, die den gesamten Organismus betreffen (z. B. Leberschädigungen). Die Kortisonpräparate wurden seit den 50er Jahren ständig weiterentwickelt, so dass mittlerweile die sogenannte 4. Generation von Kortisonwirkstoffen vorliegt. Diese Präparate (z. B. Advantan) haben bei hoher Wirksamkeit ein geringeres Risiko von Nebenwirkungen als die älteren Wirkstoffe. Dies heißt jedoch nicht, dass die Medikamente ständig angewendet werden dürfen: Nebenwirkungsfrei sind auch die neuen Wirkstoffe keineswegs. Problematisch ist, dass die Hauterscheinungen nach Absetzen der Kortisoncremes häufig wieder auftreten, so dass die Betroffenen wieder mit Kortison behandeln (Rückschlag). Zudem kommt es bei den Kortisonpräparaten zur so genannten Tachyphylaxie, d. h. einer Wirkabschwächung der Präparate mit zunehmendem Gebrauch.
Seit kurzem verfügbare Immunsuppressiva in Form einer Salbe (z. B. Protopic) bzw. Creme (Elidel, Douglan) auf Basis von sekundären Pilzmetaboliten (Substanz: Tacrolimus bzw. Pimecrolimus) ermöglichen vielen Patienten eine Beschwerdefreiheit ohne Kortison. Die neuen Medikamente wirken als sogenannte Calcineurinhemmer und unterdrücken das lokale Immunsystem der Haut, jedoch deutlich selektiver als Kortisonpräparate. Sie hemmen die Entzündung und die Ekzeme heilen ab.
Aufgrund der immununterdrückenden Wirkung sind geeignete Sonnenschutzmaßnahmen bei Anwendung angeraten. Zudem kommt während des Anwendens einer der genannten Präparate eine Behandlung mit UV-Licht nicht in Frage. Sehr selten kommt es auch zu nicht unerheblichen Nebenwirkungen wie Hautinfektionen und Unverträglichkeitsreaktionen. In der medizinischen Fachpresse werden diese Wirkstoffe zurzeit kritisch hinterfragt. Kritik wurde erstmals von der FDA im Jahr 2005 geäußert, da Langzeitstudien noch ausstehen und in Tierversuchen ein erhöhtes Krebsrisiko auftrat. Ob die Herstellerempfehlung, die Produkte sehr frühzeitig und mittelfristig bis langfristig, teils sogar vorbeugend einzusetzen vor diesem Hintergrund weiter bestehen bleiben darf, bleibt abzuwarten. Zuletzt wurde von der EMEA versucht, einen Zusammenhang zwischen der Anwendung der Calcineurinhemmer und dem Auftreten von Krebserkrankungen zu untersuchen. Bisher ist weiterhin unklar, ob diese Substanzen in kausalem Zusammenhang zu den Erkrankungen stehen. Die EMEA schränkt den Gebrauch mittlerweile allerdings auf Fälle ein, bei denen ein ausreichender Therapieerfolg mit anderen Mitteln, vor allem Glucocorticoiden, nicht zu erreichen ist, oder die Nebenwirkungen eine Glucocorticoid-Therapie nicht zulassen.
Das Cyclosporin A ist ebenfalls ein Stoffwechselprodukt eines Pilzes; es ist als systemisch eingesetztes Medikament schwersten Neurodermitisformen vorbehalten, die sich oft rasch auf eine Therapie mit Cyclosporin A zurückbilden. Die wichtigsten Nebenwirkungen dieser Therapie entsprechen denen aus der Transplantationsmedizin, in denen es ebenfalls eingesetzt wird: Blutdruckerhöhung, Nierenschädigungen, Induktion von Malignomen aber auch Zahnfleischwucherungen. Eczema.jpg
Ein wichtiger Aspekt in der Therapie der Neurodermitis ist die Kontrolle der oft übermäßigen Besiedelung durch Staphylococcus aureus. Dies geschieht heute vorzugsweise durch die Anwendung von Triclosan als Oberflächendesinfizienz, Chlorhexidin, aber auch durch Fusidinsäure, einem Antibiotikum. Einigen Betroffenen hilft in diesem Zusammenhang auch das Tragen von silberhaltigen Textilien.
Als weitere Wirkstoffe stehen zur Verfügung Gerbstoff-Präparate, die sogenannten Tannine, die leicht antientzündlich wirken, einen milden eiweißfällenden, und damit desinfizierenden Effekt haben.
Schieferöl-Präparate, wie Leukichthyol, wirken auch mild antientzündlich, und stehen nicht wie die teilweise noch verwendeten Teer-Präparate im Verdacht krebsauslösend zu sein. Nachteilig ist hier, dass auch modernere Zubereitungen nicht geruchsneutral sind.
Bei vielen Neurodermitispatienten erweist sich die Anwendung von ägyptischen Schwarzkümmelöl (Einnahme und äußerliche Anwendung) als hilfreich durch Immunsystem stabilisierende, entzündungshemmende, antimikrobielle und juckreizmildernde Wirkung; bei einem Teil der Patienten bis hin zum Verschwinden der Symptome.
Innerlich kann auch die Zufuhr von Gamma-Linolensäure helfen. Laut Pütz u. a. sollten dabei 12 bis 12,5 mg Gamma-Linolensäure pro Tag pro Kilogramm Körpergewicht aufgenommen werden. Diese Fettsäure findet sich im Borretschsamenöl, Johannisbeerkernöl und Hanföl. Die gebräuchlichste Darreichungsform ist aber das Nachtkerzensamenöl. Kapseln zur inneren Anwendung gibt es in der Apotheke.
Bei einigen Betroffenen ist auch das Gel der Pflanze Aloe Vera hilfreich.
Patienten mit atopischer Dermatitis haben oft eine deutlich positive Tendenz für Cardiospermum (dt. Ballonrebe)-Präparate.
Sollten die Juckreizschübe mit einer innerlichen Unruhe einhergehen, kann die Gabe von Magnesium sehr hilfreich sein.
Der Juckreiz bei Neurodermitis Reinhard Jarisch (2004): Histamin-Intoleranz, Histamin und Seekrankheit. Thieme, ISBN 3-13-105382-8 Kap.8 Neurodermitis: S.138 ist unter anderem durch zu hohe Werte von Histamin im Blut bedingt. Es erklärt sich daher, dass heute als weitere therapeutische Maßnahme der Einsatz von Histamin-H1-Rezeptorenblockern wie z. B. Aerius (macht nicht mehr müde wie frühere Antihistaminika) , aber auch Xyzall, sinnvoll ist. Neurodermitiker weisen oft einen verminderten ACTH-Spiegel Reinhard Jarisch (2004): Histamin-Intoleranz, Histamin und Seekrankheit. Thieme, ISBN 3-13-105382-8 Kap.8 Neurodermitis: S.139 auf, der durch Vitamin-B6-Gabe normalisiert werden kann. Die Neurodermitis könnte somit durchaus auch als Cortisonmangelkrankheit bezeichnet werden. Bei kontinuierlicher Vitamin-B6-Gabe (1/2 mg pro kg Körpergewicht pro Tag) werden betroffene Kinder ruhiger und es kommt zu einer weitgehenden bis vollständigen Abheilung der ekzematösen Veränderungen. Da Vitamin B6 auch als Co-Enzym für die DAO (Diaminoxidase, histaminabbauendes Enzym) wichtig ist, erfolgt dadurch auch ein wesentlicher Beitrag zur Minderung des Juckreizes.
Das Abtrocknen sollte eher ein vorsichtiges Abtupfen der Haut sein, um reizende Reibungen zu vermeiden.
Andere Quellen sprechen davon, die Haut nicht allzu oft zu waschen und wenig Reinigungspräperate zu verwenden (also z. B. nur klares Wasser oder seifenfreie Duschmittel), um die natürlichen Hautfunktionen durch das ständige Waschen nicht zu sehr zu beeinträchtigen.
Einen wissenschaftlichen Beleg für die Wirksamkeit dieser Diäten gibt es derzeitig nicht. Es ist ratsam, eine grundlegende Ernährungsumstellung unter Begleitung eines Ernährungswissenschaftlers oder Ökotrophologen zu machen, um Mangelerscheinungen zu vermeiden. Gerade bei Kindern besteht diese Gefahr durch mangelnde Akzeptanz der „neuen“ Nahrungsmittel.
Ähnlich wie die Haut selbst empfindlich gegenüber äußeren Einflüssen ist, kann auch der Verzehr von bestimmten Nahrungsmitteln zu einer Verschlechterung der Symptome beitragen. So können scharfe Gewürze durch eine stärkere Durchblutung eine Hautreizung auslösen oder verschlimmern. Ein weiteres Beispiel sind Zitrusfrüchte, die durch ihren Säuregehalt über den Schweiß des Betroffenen zu einer Reizung führen können.
Zur Behandlung der Neurodermitis kursieren eine Vielzahl von Ernährungstipps und Diäten. Diese helfen eventuell im Einzelfall, wegen der Heterogenität der Ursachen sollte deren Wert nicht überschätzt oder verallgemeinert werden. Prinzipiell muss jeder Betroffene selbst herausfinden, welche Nahrungsmittel für ihn persönlich verträglich sind und der Gesundheit Abträgliche vor allem während starken Schüben meiden. Dabei ist eine grundsätzliche Abwägung zwischen Verzicht und Beschwerden notwendig.
Gegenden mit jodhaltiger Luft sind generell zu empfehlen.
Auch die Bestrahlung mit hochdosiertem UV-Licht kann, durch die entzündungshemmende Wirkung, zur Linderung führen und das zeitweilige Abheilen erlauben. Es wird hier heutzutage vor allem das Schmalspektrum UVB-Licht (311 nm) eingesetzt, evtl. in Kombination mit UVA-Strahlern.
Besonders bei schweren Formen der Neurodermitis hat sich die UVA1-Lichttherapie (340-400 nm) bewährt; besonders in der Hochdosistherapie (bis 130 J/cm²) konnten hier signifikante Vorteile gegenüber konventionellen Therapien, wie Kortikoiden, belegt werden. Die UVA1-Strahlung dringt mit ihren längeren Wellenlängen tiefer in das Gewebe ein, und wirkt durch Hemmung u. a. der Langerhanszellen und der Mastzellen stark antientzündlich. Der vom Kortison her bekannte Rückschlag (stärkerer Krankheitsschub nach Absetzen der Therapie) tritt bei der UVA1-Hochdosistherapie nicht auf. Kinder sollten jedoch aus prophylaktischen Gründen (alle UV-Strahlen beschleunigen die Hautalterung) allenfalls in Ausnahmefällen mit einer Hochdosistherapie behandelt werden!
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