Der Neukantianismus ist der Name einer weitgehend auf Deutschland beschränkten philosophischen Strömung, die sich nach dem Abebben des Idealismus als Gegenbewegung zu dem sich immer mehr ausbreitenden, stark in den Naturwissenschaften verwurzelten Materialismus entwickelte. Hierbei wurde die Forderung erhoben, wieder direkt auf Immanuel Kant zurückzugehen und eine Philosophie zu entwickeln, die den Ansprüchen der damals modernen Wissenschaften genügte.
Entstehung
Die Philosophie Kants war in den ersten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts vom Idealismus in den Hintergrund gedrängt worden. Lediglich Arthur Schopenhauer, dessen Philosophie zu dieser Zeit (1819) jedoch noch niemand Beachtung schenkte, setzte sich bereits in der ersten Auflage seines Hauptwerks "Die Welt als Wille und Vorstellung" in kritisch-erweiternder Art und Weise mit der Erkenntnistheorie Immanuel Kants auseinander.
Sodann, ein Jahr nach Hegels Tod hatte Friedrich Eduard Beneke mit der Schrift „Kant und die philosophischen Aufgaben unserer Zeit“ (1832) einen zweiten – allerdings durchaus Kant-kritischen – Schritt zur Wiedererinnerung getan. Christian Hermann Weisse hielt 1847 eine Rede mit dem Titel „In welchem Sinne die deutsche Philosophie jetzt wieder an Kant sich zu orientieren hat“. Auch Jakob Friedrich Fries hatte sich stark auf Kant bezogen.
Der eigentliche Beginn des Neukantianismus wird mit den Namen Friedrich Albert Lange, Otto Liebmann, Eduard Zeller und Hermann von Helmholtz verbunden. Lange hatte in seiner „Geschichte des Materialismus“ (1866) diese Position ausführlich und dezidiert kritisiert. Liebmann hatte in seinem Werk „Kant und die Epigonen“ (1855) in vier Abschnitten jeweils den Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel), den Realismus (Herbart), den Empirismus (Fries) und die Transzendentalphilosophie (Schopenhauer) zurückgewiesen und am Ende jeden Kapitels wie einen Schlachtruf notiert: „Auf Kant muß zurückgegangen werden“.
Helmholtz als führender Naturwissenschaftler exponierte sich gegen den Materialismus. In einer Rede von 1877 führte er aus:
- Ich bitte Sie nicht zu vergessen, dass auch der Materialismus eine metaphysische Hypothese ist, eine Hypothese, die sich im Gebiet der Naturwissenschaften allerdings als sehr fruchtbar erwiesen hat, aber doch immer eine Hypothese. Und wenn man diese seine Natur vergisst, so wird er ein Dogma und kann dem Fortschritt der Wissenschaft ebenso hinderlich werden und zu leidenschaftlicher Intoleranz treiben wie andere Dogmen. Diese Gefahr tritt ein, sobald man Tatsachen zu leugnen, oder zu verdecken sucht. (Holzhey, 29).
Weiteren Einfluss hatten der Philosophiehistoriker
Kuno Fischer, der den
Kritizismus mit dem Fichteschen Idealismus verband sowie
Jürgen Bona Meyer mit seinem Werk „Kants Psychologie“ (1870).
Seit ca. 1875 wird der Begriff des Kantianismus auch in der Fachliteratur verwendet. Als besonders herausragend gelten die Vertreter der Marburger Schule sowie der Südwestdeutschen Schule (Heidelberg). Daneben gab es einige unabhängige Philosophen, die unter der Überschrift Kritizismus zusammengefasst werden.
Marburger Schule
Hermann Cohen (1842 – 1918) gilt als der Begründer der sog. Marburger Schule, die stark mathematisch, wissenschaftsorientiert ausgerichtet war. Er kritisierte den Psychologismus vom kantischen Standpunkt. Dass es ein von der
Psyche unabhängiges Wissen gibt, erklärt sich schon daran, dass Mathematik in Lehrbüchern unabhängig vom Subjekt existiert. Entsprechend kann die Erkenntnis nicht allein an ein Subjekt gebunden werden. In Bezug auf Kant entwickelte Cohen nach einer zunächst philologischen Darstellung im Laufe der Zeit eine eigenständige Position, die eher den idealistischen Standpunkt einnahm und insbesondere nicht Begriffe, sondern Urteile als Basis des menschlichen Denkens zugrunde legte. Auch
Paul Natorp (1854 - 1924) befasste sich vor allem mit den logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften. Allerdings lehnte auch er die Existenz eines Dings an sich und von vom Verstand unabhängigen Anschauungen ab. Zur Marburger Schule zählten u.a. auch
Karl Vorländer, mit dem Schwerpunkt der
Geschichtsphilosophie in Verbindung mit dem
Marxismus und
Rudolf Stammler, der sich vor allem mit sozial- und rechtsphilosophischen Fragen befasste.
Südwestdeutsche Schule
Demgegenüber steht die Südwestdeutsche oder Badische Schule des Neukantianismus für eine auf die Werte orientierte Philosophie. Hauptvertreter waren
Wilhelm Windelband (1848 – 1915) und
Heinrich Rickert (1863 - 1936). Windelband sah in der Philosophie vor allem die Lehre von den allgemeingültigen Werten, nämlich der Wahrheit im Denken, der Gutheit im Wollen und Handeln und der Schönheit im Fühlen. Er unterschied prinzipiell zwischen Geschichte und Naturwissenschaft. Kant zu verstehen heißt für Windelband über ihn hinauszugehen. Rickert betonte den Unterschied zwischen
Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft und entwickelte eine eigene
Wertphilosophie.
Ernst Cassirer (1874 – 1945) steht einerseits der Tradition der Marburger Schule nahe, ist vom Alter her und mit der Aufnahme sprachphilosophischer Themen wie der Frage der Bedeutung sowie der Philosophie der symbolischen Formen andererseits schon voll dem 20. Jahrhundert zuzurechnen. Für ihn waren die Kategorien historisch bedingt und konnten sich nicht nur in sprachlichen, sondern auch religiösen oder ästhetischer Formen ausdrücken.
Kritizismus
Neben den festen Schulen zählten zu den weiteren Vertretern des
Kritizismus u.a.
Robert Reininger (1869 – 1955), der Arbeiten zum psychophysischen Problem und zur Wertphilosophie veröffentlichte,
Alois Riehl (1844 -1924), für den Philosophie nicht Weltanschauungslehre, sondern vor allem Kritik der Erkenntnis war. Dabei war für ihn Kant insoweit fortzuschreiben, als neuere Erkenntnisse der Naturwissenschaft und Mathematik (z.B. nicht – euklidische
Geometrie) mit einzubeziehen sind, was er grundsätzlich für möglich hielt. Spätere Vertreter des Kritizismus sind ähnlich wie Cassirer eigentlich dem 20. Jahrhundert zuzurechnen, entstammen aber der neukantianischen Bewegung.
Hans Vaihinger (1852 - 1933) ist bekannt als Kommentator der
Kritik der reinen Vernunft und als Begründer der Kant-Studien. Seine Philosophie des „Als Ob“ ist dem Pragmatismus aufgrund des verwendeten Wahrheitsbegriffs zuzurechnen. Erkenntnis kommt aufgrund hypothetischer
Fiktionen zustande. Ihr Wahrheitsgehalt richtet sich nach dem praktischen Lebenswert. Eine objektive Wahrheit ist hingegen nicht möglich. Im Zentrum der Philosophie von
Richard Hönigswald (1875 – 1947), einem Schüler Alois Riehls, stehen die beiden Grundprobleme des ‚Gegebenen’ und einer ‚Allgemeinen
Methodenlehre’ des menschlichen Erkennens. Im Gegensatz zur Marburger Schule basieren seine Untersuchungen zum Ding an sich auf denkpsychologischen Überlegungen, in denen er einen Zusammenhang Bewusstsein und Gegenstand beschreibt. Dabei ist Sprache notwendig für das Bewusstsein und erst durch Sprache wird die
Objektivität eines Gegenstandes hergestellt.
siehe auch
Rezeptionsgeschichte von Immanuel Kant
Literatur
- Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 – 1933, Suhrkamp, Frankfurt/M 1983
- Klaus Christian Köhnke: Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1986. ISBN 3-518-57759-X
- Ernst Wolfgang Orth (Hrsg.): Neukantianismus: Perspektiven und Probleme. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1994. ISBN 3-88479-887-1
- Manfred Pascher: Einführung in den Neukantianismus: Kontext, Grundpositionen, praktische Philosophie. Fink-Verlag, München 1997. ISBN 3-8252-1962-3
- Hermann Holzhey: Neukantianismus, in Wolfgang Röd (Hrsg.): Geschichte der Philosophie, Band 12, Beck, München 2004, ISBN 3406313493
Weblinks
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