Neugier (auch Neugierde) bezeichnet das Streben von Menschen oder Tieren nach Neuem und Unbekanntem: neue Personen oder Sachen, Landschaften, Erlebnisse und Gefühle, Sinneseindrücke, Zusammenhänge oder Wissen. Der Wortbestandteil "Gier" signalisiert, dass neugieriges Verhalten auch nur um des Neuen willen existiert. Curious kitten.jpg
Beim Menschen hat die Neugier einen Forschungs- oder verstandes-mäßigen Anteil und gleichzeitig einen emotionalen bzw. motivierenden Anteil. Der erstere in seiner reinsten Form wird meistens Wissbegierde genannt.
Als Beispiel kann das Mikroskopieren dienen: wenn der Biologie-Unterricht oder die Eltern (z.B. bei Wanderungen) die Neugier der Kinder erwecken, wünschen oder kaufen sich manche selbst ein Mikroskop und legen los. Die resultierenden Lerneffekte motivieren weiter und führen zu größerer Begeisterung, als sie manche Studenten haben, die mikroskopische Untersuchungen durchführen sollen. Generell steigert die Neugier nicht nur die Motivation, sondern auch das Verständnis für den Lernstoff.
Auch die Erwachsenenbildung macht sich diese Erfahrung zunutze - beispielsweise in Angeboten von Volkssternwarten bei einer Sonnenfinsternis oder anlässlich medialer Debatten über Theater- oder psychologische Themen. In persönlich "heiklen" Bereichen wie dem Umgang mit Gefühlen oder meditativen Themen vermindert das Erwecken von Neugier die Hemmung, sich auf ungewohnte, aber gute Themen einzulassen: Seminare wie Marriage Encounter oder TZI, zu Rhetorik oder Körpersprache machen vom Wert guter Einstiegserfahrungen Gebrauch - ebenso wie die Werbung und die Kunst. So werden bei der jüngsten Tournee der Shaolin-Mönche die Zuschauer vor der Pause zum Mittun bei einer Meditationsübung aufgefordert und erahnen so eine "Energie", über die sie vorher vielleicht gelächelt haben.
Seit jeher machen Menschen die Erfahrung, dass die Erkundung von Neuem oft mit Gefahr verbunden ist, aber auch Chancen eröffnet. Ob die Vorsicht oder die Lust am Entdecken überwiegt, hängt vom persönlichen Charakter ab, doch spielt die jeweilige Situation ebenfalls eine Rolle. So ist Angst nicht in jedem Fall ein dämpfender Faktor für die Neugier, sondern kann sie auch beflügeln - etwa als Suche nach dem "ultimativen Kick" in der heutigen Freizeit-Gesellschaft.
Für Herodot war die Neugier nach historischen Zusammenhängen das Hauptmotiv, dass er Geschichtsschreiber wurde. Für die ionischen Naturphilosophen war sie der Antrieb, "hinter die Dinge" schauen zu wollen (siehe Bild), ebenso wie für Platon und die von ihm gegründete akademische Schule Peripatos. Auch Sokrates Ausspruch "Ich weiß, dass ich nichts weiß" deutet in diese Richtung.
Immer hätten aber die Begegnungen in Ägypten stattgefunden - denn die Griechen reisten, die Ägypter aber nicht. Die Neugier auf das Andersartige lag vor allem bei den Griechen; nicht zuletzt deshalb blieben sie den Ägyptern am Ende suspekt.
Ebenso waren - über alle Jahrhunderte - die "Querdenker" in den Augen ihrer Zeitgenossen nur selten akzeptiert, wenn ihr gesellschaftlicher oder wissenschaftlicher Drang allzu Vieles in Frage stellte. Beispiele hiefür reichen von Aristarch, Heraklit oder die frühchristlichen Philosophen über Galileis anti-aristotelische Neugier bis zur heutigen Wissenschaft (z.B. Gentechnik oder "allzu" innovativer Gesellschaftspolitik. Die Neugier, was der Mensch alles aushält, wurde noch vor wenigen Jahrzehnten überstrapaziert, wofür die Versuche vieler Nazi-Ärzte oder in sibirischen Lagern und teilweise auch die Anfänge der Raumfahrt stehen können.
In extreme Gefahr begaben sich auch fast alle sogenannten Entdecker und auch manche Erfinder, von denen hier nur einige genannt seien:
In "psychische Gefahr" begibt sich fast jeder, der ungewöhnliche Neugíer kultiviert. Sie kann von kränkendem Gelächter oder kopfschüttelnder Ablehnung der Mitmenschen bis zur Depression führen, der z.B. viele Künstler anheimfielen. Noch immer gelten besonders kreative Kinder als schwierig, und oft leiden sie unter ihrer Begabung oder verleugnen sie.
In der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wurde die Neugier hauptsächlich als weibliche Eigenschaft gesehen. Beim Struwwelpeter nimmt sie die Gestalt von Paulinchen an, deren Experimente mit Streichhölzern tragisch ausgehen, und auch das dem Bestseller folgende Buch Struwwelliese geht in diese Richtung. Was damals teilweise geächtet wurde, gilt heute oft als in - etwa die Befriedigung der Neugier im Abenteuer-Tourismus oder in Gestalt sogenannter Grenzgänger.