Der Begriff ökonomische Wohlfahrt wird im Rahmen der Volkswirtschaftslehre als abstrakte Messgröße für das (ökonomische) Wohlbefinden eines Landes verwendet. Es handelt sich um die falsche Übersetzung des englischen Begriffs "welfare", der eigentlich im Deutschen "Wohlstand" bedeutet. Vereinfachend messen viele volkswirtschaftliche Arbeiten die Wohlfahrt als die Summe von Konsumentenrente und Produzentenrente. In manchen Modellen werden zusätzlich Transfereinnahmen aus dem Ausland berücksichtigt.
Dieses mikroökonomisch fundierte Grundkonzept wird oft genutzt um zu begründen, dass staatliche Eingriffe (z. B. die Erhebung von Steuern oder die Einführung eines Außenhandelszolls) wohlfahrtsmindernd sind. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem (Netto-)Wohlfahrtsverlust. Kritiker bemängeln, das Konzept diffamiere staatliche Eingriffe in den freien Markt über Gebühr, da es eine Reihe zusätzlicher Nutzen der Staatstätigkeit ignoriere.
Man stelle sich einen perfekten Markt für ein Gut vor. Angebots- und Nachfragekurve schneiden sich an einem Punkt, dem Gleichgewichtspunkt, es bildet sich ein Gleichgewichtspreis (Preis: Y-Achse) und eine Gleichgewichtsmenge (Menge: X-Achse) heraus. Es gibt keine weiteren Nachfrager, die zu diesem Preis kaufen würden und keine weiteren Anbieter, die zu diesem Preis das Gut anbieten würden. Die Fläche zwischen einer horizontal zur X-Achse verlaufenden Gerade auf Höhe des Gleichgewichtspreises () und der Nachfragekurve (D) wird als Konsumentenrente (KR) bezeichnet, die Fläche zwischen dieser Geraden und der Angebotskurve (S) wird als Produzentenrente (PR) bezeichnet. Die Summe der beiden Flächen PR+KR (d.h. die Fläche links vom Gleichgewichtspunkt zwischen Angebots- und Nachfragekurve) ist die Gesamtrente.
Da man den Wohlfahrtsverlust (zumindest theoretisch) wertmäßig berechnen kann, können die Kosten von Markteingriffen wie Steuern, Höchstpreisen, Zöllen oder Marktversagen (z. B. aufgrund von monopolistischen Strukturen oder externen Effekten) berechnet werden.
Der Wohlfahrtsverlust ist jedoch u. a. wegen der partialanalytischen Betrachtung ein nicht unproblematisches Maß.
Die Einführung einer Steuer hat folgenden Effekt: Anbieter und Nachfrager sehen sich unterschiedlichen Preisen gegenüber, denn den Anbieter interessiert nur, was er netto (ohne Steuer = )) bekommt, den Nachfrager interessiert nur, was er brutto (inklusive Steuer = ) zahlen muss. Damit kommt es durch die Steuer auch zu einem Mengeneffekt. Die abgesetzte Menge geht im Vergleich zum Gleichgewicht ohne Steuern () zurück auf .
Die Konsumentenrente (KR) sinkt nun aus zwei Gründen:
Die Produzentenrente (PR) sinkt ebenfalls aus zwei Gründen:
Die negativen Effekte auf Konsumenten- und Produzentenrente werden zumindest teilweise durch höhere Staatseinnahmen infolge der Steuererhebung ausgeglichen. Dem Staat fließen dabei Einnahmen im Umfang von S zu. Dabei gehen die meisten ökonomischen Modelle davon aus, dass der Staat diese Einnahmen wohlfahrtssteigernd an anderer Stelle einsetzt. Daher sind sie im Modell Bestandteil der Gesamtwohlfahrt. Staatskritische Ökonomen argumentieren jedoch, der Staat könne seine Einnahmen weit weniger effizient verwenden als Konsumenten und Produzenten, weswegen eine vollkommene Eingliederung in die ökonomische Wohlfahrt in der Realität fragwürdig erscheint.
Dem Staat fließt jedoch nicht die gesamte Minderung von Produzenten- und Konsumentenrente zu. Auf die Güter, die zwar vor Steuererhebung gehandelt wurden, nach Steuererhebung jedoch nicht mehr (für die Nachfrager brutto zu teuer, für die Anbieter netto zu günstig) (also auf die Differenz zwischen und ) wird keine Steuer erhoben. Nur dieser Rückgang der Gesamtrente wird als Nettowohlfahrtsverlust bzw. Zusatzlast der Besteuerung (excess burden oder deadweight loss of taxation) bezeichnet (ZL). Formal: KR+PR (ohne Steuern) > KR+PR+S (mit Steuern)
Bei nur geringer Nachfrageelastizität ist die Zusatzlast der Besteuerung recht gering, da die abgesetzte Menge nur sehr wenig zurück geht. Daher findet sich häufig die Forderung, man solle Gütern mit einer sehr unelastischen Nachfrage besteuern (Zigaretten und andere Suchtmittel, Benzin und ähnliches). Ein interessantes Gegenargument wird von Vertretern der Public-Choice Theorie ins Feld geführt: Wenn unterschiedliche Steuersätze auf unterschiedliche Güter erhoben werden (wie zum Beispiel der verminderte Mehrwertsteuersatz von nur 7% statt 16% auf bestimmte Güter, siehe Umsatzsteuer), dann entstehen Kosten durch die zusätzliche Lobbyistentätigkeit, da verschiedene Branchen versuchen werden, ihre Produkte möglichst niedrig besteuern zu lassen, während diese Kosten bei einem einheitlichen Steuersatz geringer sind.
Mehr zu Steuervor- und -nachteilen im Artikel Steuer.
Während das Gleichgewicht im Polypol bei / liegt, muss im Monopolfall ein höherer Preis () bezahlt werden, was zu einer geringeren Konsummenge () führt. Die Konsumentenrente (KR) geht aufgrund der Preissteigerung und des Mengenrückgangs deutlich zurück. Auf die Produzentenrente wirken zwei entgegengesetzte Effekte: Einerseits geht sie zurück, da der Monopolist im Vergleich zu den Polypolisten nur eine kleinere Menge absetzen kann. Andererseits profitiert er von der Möglichkeit, Monopolpreise erheben zu können.
Insgesamt ist jedoch ein Nettowohlfahrtsverlust zu erkennen (gekennzeichnet durch die rote Fläche ZL).
Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass in bestimmten Fällen ein Monopol durchaus wohlfahrtsoptimal sein kann; so ist z. B. denkbar, dass ein nationaler Monopolist aufgrund seiner inländischen Monopolgewinne auf ausländischen Märkten wettbewerbsfähiger ist und somit möglicherweise im Inland zusätzliche Arbeitsplätze schafft (als Beispiel hierfür könnte z. B. das enge Oligopol auf dem deutschen Energiemarkt angeführt werden). Des Weiteren ist denkbar, dass auf manchen Märkten aufgrund hoher Fixkosten ausreichende Umsätze lediglich für ein Unternehmen erzielbar sind.
Nettowohlfahrtsverluste sind letztlich nicht nur auf die Erhebung von Steuern zurückzuführen. Nach einigen Vorstellung läge der Verdacht nahe, dass die Diffamierung von Steuern als Ursache von Wohlfahrtsverlusten dazu diene, die Macht der Wirtschaft gegenüber dem Staat und seiner Bürger zu erhöhen und die öffentliche Armut zu fördern.
Nach keynesianischer Auffassung bestimmt die Einkommensverteilung das Wachstum der Produktion. Danach erhöhen Steuern das Produktionswachstum, wenn es zu jenen Konsumenten fließt, deren Konsumquote höher ist als die Konsumquote der Besserverdienenden. Das heißt: es wird behauptet, dass der Bedarf an Konsumgütern der Besserverdienenden relativ zu ihren Einkommen geringer sei und somit deren Sparverhalten dazu führt, dass zu wenig Konsumnachfrage entfaltet werde, was in Folge zu einer nachlassenden Investitionsgüternachfrage führe.
Nach anderer Sichtweise diffamiert das Modell staatliche Eingriffe nicht, da es staatlichen Einnahmen aus Steuern und Zöllen einen äquivalenten Nutzen zubilligt wie Einnahmen der privaten Marktakteure. Dabei ignoriert das Modell nach Sichtweise seiner Unterstützer staatliche Ineffizienzen sogar wohlwollend - eine Diffamierung finde daher nicht statt.
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