Nationalismus bezeichnet eine politische Ideologie, die auf eine Kongruenz zwischen einer (meist ethnisch definierten) Nation und einem Staatsgebilde abzielt (Gellner, 1983). In der Umgangssprache wird unter Nationalismus oft die Überhöhung der eigenen Nation verstanden.
Der Begriff Nationalismus bezeichnet allgemein eine politische Strömung, welche versucht den Staat und die Rechtfertigung seiner Hoheitsgewalt von dem Dasein einer sittlichen, sprachlichen, kulturellen oder historischen Schicksalsgemeinschaft von Personen abzuleitet. Damit steht der Nationalismus im Gegensatz zum Feudalismus und Absolutismus, die staatliche Herrschaft mit Erbansprüchen dynastischer Familien rechtfertigen möchten. Neben der Adelsherrschaft steht auch der Vielvölkerstaat dem Nationalismus entgegen. Historisch gesehen wirkte sich der Nationalimus Anfang des 19. jahrhunderts zunächst günstig auf die Entstehung demokratisch und liberal verfasster Staaten aus (siehe auch: Französische Revolution).
Der Nationalismus hat sich heute als politische Ordnungsvorstellung weitgehend durchgesetzt. Es gibt nur wenige Staaten, die nicht wesentliche Merkmale von Nationalstaaten erfüllen würden. Nationalismus bleibt trotz Globalisierung auch in jüngster Zeit eine erfolgreiche Ideologie wie man in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion oder des ehemaligen Jugoslawien beobachten kann.
Der Nationalismus hat in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich stark und je nach Kontext, in welchem der Begriff verwendet wird, verschiedene Konnotationen bekommen oder sogar einen Bedeutungswandel erlebt. In Deutschland wird in der Alltagssprache oftmals unter Nationalismus auch eine politische Vorstellung verstanden, die das Recht der Nation einen durch sie bestimmten und gerechtfertigten Staat zu bilden auf den eigene Nation reduziert und dieses Recht anderen Nationen aberkennt. In einer solchen Denkungsrichtung wird der Nationalismus mit Strömungen des Imperialismus in Verbindung gebracht.
Die Definition des Soziologen Eugen Lemberg beschreibt den Nationalismus als ein Vorstellungssystem von "Vorstellungen, Wertungen und Normen, ein Welt- und Gesellschaftsbild", das einer sozialen "Großgruppe ihre Zusammengehörigkeit bewußt macht und dieser einen Zusammengehörigkeit einen besonderen Wert zuschreibt, mit anderen Worten: diese Großgruppe integriert und gegen ihre Umwelt abgrenzt." Als Zusammengehörigkeitsfaktoren sind laut Lemberg besonders einheitliche bzw. gleiche Aspekte zu nennen: die Sprache, Abstammung, die Gleichheit des Charakters, die Kultur oder die Unterstellung unter eine gemeinsame Staatsgewalt.
Laut Peter Alter liege Nationalismus vor, wenn die Nation die gemeinte Großgruppe ist, der Einzelne sich dieser zugehörig fühle und die emotionale Bindung an diese sowie die Loyalität ihr gegenüber eine hohe Priorität besitze. Abgrenzend erwähnt Alter, dass nicht Stand, Konfession, Dynastie, ein bestimmter Staat, soziale Klasse, die Menschheit (im Sinne eines Kosmopoliten) den Bezugsrahmen darstelle, sondern vielmehr die Nation. Deren historisches Erbe, die Kultur sowie die politischen Existenz sind hier identitätsstiftend. Die Nation vermittele Lebensraum, ein Teil "Lebenssinn in Gegenwart und Zukunft." Alter verweist auf Friedrich Meinecke, der den Prozess der geistigen Umorientierung vom aufklärerischen Humanismus zur Nation aufgewiesen habe.
Besonders in den letzten zwei Jahrhunderten ist der Nationalismus äußerst einflussreich gewesen, da er den Großteil der Lebensbereiche durchdrungen hat und in gesellschaftlichen Normen verankert wurde. Ferner wird besonders aus der deutschen Geschichte die Möglichkeit der gezielten Manipulation des Nationalismus ersichtlich.
Der Begriff der Nation wird oftmals willkürlich und irrational definiert, zumal die Definitionen entweder manipuliert werden können oder sich aber im Laufe der Zeit von selbst wandeln. Das Nationalgefühl des Einzelnen gilt als irrationale, emotionale Bindung an die Idee der Nation und setzt nicht zwingend einen Staat voraus. Die Schwerpunktsetzung kann dennoch unter verschiedenen Merkmalen analysiert werden.
Der Nationalismus hat sich zwischen den Hauptpolen Partizipation und Aggression entwickelt. Hierbei definiert sich jede Nation mit einer unterschiedlichen Schwerpunktsetzung. Beide Pole wirken sowohl nach innen und nach außen und kontrastieren deswegen nicht ausschließlich:
Auf der einen Seite steckt hinter allen Forderungen, die sich auf die Nation beziehen, auch die Forderung nach politischer Teilhabe. Die Nation soll ihre Verhältnisse selbstbestimmt orientieren und somit souverän innerhalb ihres Nationalstaats handeln können. Hier setzt ein Gefühl von Solidarität, Souveränität und gegenseitiger Verpflichtung ein, das zur Grundlage für die politische Legitimation wird. Offensichtlich kommt hier spätestens mit der Frage, was diese Nation einigt, ein abgrenzender Aspekt einher. Weil die Nation sich erst in Abgrenzung zu anderen als eine solche bewusst wird, dient die Abgrenzung zu anderen integrativen Zwecken. Gleichzeitig werden andere Personen, die nicht zur Nation gehören, ausgeschlossen.
Einen Schluss von den zwangsläufig auch auschließenden Elementen des Nationalismus auf ein agressives Verhalten gegenüber den nicht an der Nation teilhabenden Personen zu machen, ist nicht zwingend. Agressives Denken ist dem Nationalismus in seiner eigentlichen Bedeutung fremd. Ziehlt er darauf ab, Staat und Nation in Übereinstimmung zu bringen, schließt diese Weltanschauung im Umkehrschluss die Vereinnahmung fremder Nationen für die eigenen Staat aus.
Problematisch wird der Nationalismus erst, wenn das Ziel den Staat aus der Nation abzuleiten, nur für die eigene Nation anerkannt wird und anderen Nationen dieses Recht abgesprochen wird. Dann wird der Nationalismus mit Denkungsrichtungen des Imperialismus verbunden.
Oft wird zwischen so genannten Staats- und Kulturnationen unterschieden. Die Kulturnation versteht sich als Schicksalsgemeinschaft auf der Basis objektivierender Kriterien. Die Kulturnation hängt prinzipiell von dem Dasein eines sie deckenden Staates nicht ab.
Die Staatsnationen wird über eine gemeinsame Staatsbürgerschaft und über einen gemeinsamen politischen Stiftungswillen (daher auch Willensnation) definiert. Eine Staatsnation bezieht sich immer auf ein bestimmtes, historisch entstandenes Territorium, dessen Bevölkerung die Staatsbürgerschaft innehält und sich zu den verfassungsgegebenen Werten aus dem freien Willen bekennt. Letztendlich hängt es in diesem Falle vom Willen der Bevölkerung ab, ob ihre Nation existiert. Die Staatsnation setzt daher begriffsnotwendig einen demokratischen Staat voraus. Die typischen Vertreter der Staatsnation sind die Vereinigten Staaten und Frankreich am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Das freie Selbstbekenntnis zur Nation tritt indes bei den Kulturnationen zurück, da sich diese primär über vermeintliche oder tatsächliche gemeinsame, geschichtlich verankerte kulturelle Werte und Eigenheiten definieren. Dazu zählt insbesondere die Sprache, Literatur, eine imaginierte gemeinsame Herkunft, Religion, Mythen und viele andere scheinbare Traditionen. Auch die Genealogie kann zur Definition herangezogen werden. Deutschland und Italien sind prototypische Kulturnationen.
Im historischen Zusammenhang kann Nationalismus unterschiedlichste Formen annehmen. Mit jeder Form werden andere Definitionen von Nation, Vorstellungen und Erwartungen verbunden, weswegen sich die Einordnung an seiner Funktion orientieren sollte. Somit wird eine objektive Bewertung ermöglicht, welche sich von moralischen Wertungen abgrenzt. Nationalismus wird in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund der historischen Erfahrung des Nationalsozialismus und des Holocausts im alltäglichen Sprachgebrach oftmals im Rahmen einer darauf basierenden moralischen Wertung in negativen Zusammenhängen genannt.
Die folgende Zuordnung wurde aus dem Werk "Nationalismus" von Peter Alter übernommen (vgl. Literatur).
Wenn eine soziale Gruppe politisch oder sozial unterdrückt wird, kann sie sich als eine Nation erkennen und in Abgrenzung zu den Machthabenden definieren. Das sogenannte Risorgimento (nach ital. Wiederauferstehung/Wiedergeburt) beschreibt die Zeit vor und insbesondere nach dem Wiener Kongress von 1815, in denen sich die Bewohner deutscher und italienischer Fürstentümer und Regionen der Idee eines Nationalstaates verpflichteten und diese oppositionell vertraten.
In seiner Funktion dient der sogenannte Risorgimento-Nationalismus der politischen Empanzipation größerer gesellschaftlicher Gruppen, die einen mit souveränen Nationalstaat zum Ziel haben. Gleichzeitig setzt sich diese Protestbewegung für bürgerliche Freiheiten ein, da die Nation sich in diesem Staat frei entfalten können soll. Diese Freiheiten sollen als Recht in einer Verfassung festgeschrieben sein, womit die Bewegung unmittelbar an die Programmatik der Französische Revolution anknüpft.
Die Ideologie des Risorgimento umfasst jedoch kein egalitäres Verständnis der Nation, vielmehr seien alle Nationen in ihrer Emanzipation gegenüber ihren Herrschern geeint. Die Solidarität der Unterdrückten ist hier ein einigendes Band. Die konkrete Motivation der Emanzipation kann aus kultureller, ökonomischer oder politischer Richtung kommen, allerdings dominiert im Endeffekt der politische Aspekt.
Ferner kann zwischen der Art der Abgrenzung unterschieden werden zwischen einem unifizierenden Risorgimento, der einen nationalen Staat durch Zusammenschluss getrennter Teile erreichen möchte, sowie dem sezessionistischen Risorgimento, der gewünschten Ausgliederung einer Nation aus einem größeren Staatsgebilde, also Vielvölkerstaaten.
Der Reform-Nationalismus zielt auf staatliche Reformen, womit er in gewisser Hinsicht wie das Risorgimento durch eine staatliche Wiedergeburt motiviert ist. Im Gegensatz dazu beschränkt er sich aber auf einen bereits bestehenden Staat, welcher in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer oder militärischer Hinsicht reformbedürftig ist, weil er anderen Nationen unterlegen ist. Hierzu lassen sich die japanischen, türkischen und chinesischen Reformbewegungen zählen.
Diese Art des Nationalismus wird oftmals von der staatstragenden Schicht vertreten, die Teilreformen durchsetzen möchten, aber feststellen, dass isolierte Reformen gesellschafticher Bereiche unzureichend sind und deswegen umfassendere Reform- und Modernisierungsprogramme durchsetzen möchten. Somit ist eine Vorbedingung die politische Schlüsselstellung der Reformierer, welche auf ideologischer Ebene die nationale Identität wahren möchten, aber die Notwendigkeit von Reformen im Vergleich mit anderen Nationen anerkennen.
Oft wird der Begriff Nationalismus auch politische Richtungen verwendet, die den eigenen Staat gegenüber anderen Staaten überhöhen oder sogar fremden Staaten ihr Daseinsrecht abstreiten (Chauvinismus). Solche Vorstellung stellen nach der Wortbedeutung des Nationalismusses keine Übersteigerung desselben im eigentlichen Sinne dar. Vielmehr wird das Konzept der Nation auf den eigenen Staat beschränkt, in Beziehung zu fremden Staaten negiert und durch Machtpolitik (Imperialismus) ersetzt. Zur Durchsetzung dieses Machtinteresses bedienen sich Staaten oftmals eines Militärapperates. Daher steht der Imperialismus immer im Zusammenhang mit Militarismus.
Die Verwendung der Begriffs Nationalismus in diesem Sinn ist kritisch zu beurteilen. Imperiale Anschauungen stellen keine Eigenheit von Nationalstaaten des 19. und 20 Jh. dar, wie die Verbreitung imperialer Machtstaaten in der Antike zeigt. Der Imperialismus steht mit der Bewegung des Nationalismus ab dem späten 18 Jh. in keinem geistesgeschichtlichen Zusammenhang. Inwieweit der Nationalismus imperiale Vorstellung fördert, ist umstritten.
Wie der Reform-Nationalismus baut auch der Chauvinismus auf einen bestehenden Staat auf, jedoch stellt das staatliche Machtinteresse den Letztwert politischer Entscheidungen dar. Dieses wird gegenüber anderen Staaten rücksichtslos und expansiv behauptet. Der Volksbegriff wird weiter gefasst, da er sich nun über territoriale Grenzen hinweg erstreckt und der Nationenbegriff zurückgestellt wird. Die radikale Jakobiner-Phase der Französischen Revolution ist ein frühes Beispiel einer totalitären Auslegung des Nationengedankens, die sich in Ablehnung von Pluralismus oder autonome Instanzen wie die Kirche im (durch die Jakobiner) "Interesse der Nation" geäußert hat.
Der Chauvinismus legitimiert in Abgrenzung die Gewalt gegenüber propagandistisch konstruierten Feinden. Davon sind nochmals Anschauungen zu unterscheiden, die den Herrschaftsanspruch des Staates nicht einfach durch rücksichtloses Eigeninteresse rechtgertigen, sondern durch einen biologisch "begründeten" Überlegenheitsdogma der eigenen Rasse motivieren (siehe: Rassismus, Nationalsozialismus).
Der Chauvenismus handelt fernab moralischer Grenzen, da sich die Ethik nur noch an dem Staat und dem Nutzen für diesen orientiert. Die Stufe der physischen Gewalt kann variieren, die sozialdarwinistische und militärische Tendenzen erhöhen jedoch in dieser Form Gewalt gegen Gegner.
Im radikalen Nationalismus wird der liberale Nationen-Begriff des Risorgimento durch nationalistische Gruppen usurpiert, welche durch den Bezug auf ein "nationales Interesse" den Eindruck von Objektivität wahren möchten.
Der radikale Nationalismus kann potenziell bei jedem Staat auftreten, wobei der Nationalstaat eine existenzielle Voraussetzung ist, da er sich besonders dessen Interessen annimmt.
Nationen werden häufig mit einem "kollektiven Gedächtnis" gleichgesetzt, das sich an die wesentlichen Eckpunkte der nationalen Geschichte erinnern kann. Als Voraussetzung des radikalen Nationalismus wird neben dem Nationalstaat eine Krise des nationalen Selbstbewusstseins angesehen. Dazu gehört eine außerordentliche Bedrohung von außen oder eine Gefahr für die Existenz der Nation, beispielsweise eine militärische oder politische Niederlage, die das nationale Selbstwertgefühl verletzt hat.
Laut des Soziologen Eugen Lemberg tritt die Gefahr für die nationale Existenz immer dann ein, wenn die Integrationskraft für den Fortbestand der Nation schwindet, weil sie dann auf die Gefahr der Desintegration mit dem radikalen Nationalismus antwortet. Als Beleg führt er den deutschen Nationalismus in der nach 1918 in der Weimarer Republik aufgrund der militärischen Niederlage im 1. Weltkrieg an.
Dieser stellte sich in radikaler Form als Erneurerer der Nation dar und suchte Schuldige für das Kriegsende. Der militärische Zusammenbruch führte zu der Umdeutung der Kriegsniederlage als "Ende des monarchischen Systemes", während das Volk keine Niederlage erfahren hätte (vgl. Dolchstoßlegende). Deswegen führte der Zusammenbruch zur Betonung der "kulturellen Sendung" der Deutschen, wobei aus dem Glauben an die Nation der Wiederaufstieg ermöglicht werden sollte. Dazu führte auch die bewusste Betonung der kulturellen Unterschiede gegenüber Frankreich, wozu auch der politische Aspekt des "Diktat von Versailles" gehört.
So ist die überstiegene Form des Nationalismus oftmals ein Merkmal der sogenannten "verspäteten" Nationen, bei denen zwischen Risorgimento, also der Idee, sich als Nation zu konstituieren, und Nationalstaatsbildung ein größerer Zeitraum liegt, beispielsweise auf dem Territorium des Deutschen Reiches 56 Jahre. Diese längere Zeitraum führt auch zu einer größeren Distanz zwischen Idee und Realisierung, weil frühere Ideen verworfen, radikalisiert und verfälscht werden. Sie können populärer und emotionalisierter werden, was die Gefahr einer instrumentalisierenden Steuerung (=Propaganda) erhöht. Minderwertigkeitsgefühle des kollektiven Gedächtnisses werden also durch eine aggressive, überstiegene Form kompensiert.
Dennoch gibt es weitere Voraussetzungen, beispielsweise die Absolutsetzung der Nation, welche ebenfalls durch Propaganda unterstützt werden kann. Der individuelle Wille soll hinter dem "Volkswillen" zurückstehen. Machteliten und ihnen zugehörige Politiker benutzen den radikalen Nationalismus oft, um gerade solche auf Machtausübung gerichteten Ziele besser erreichen zu können. Dazu propagieren sie oft einen notwendigen Hass gegen fremde Völker.
So existierten im Deutschen Kaiserreich zahlreiche "nationale Verbände", die an frühere Traditionen anschließen. Hier sei der Alldeutsche Verband als wichtigster Vertreter genannt. Die anti-parlamentarischen und anti-sozialistischen Verbände haben eine aktive politische Agitation betrieben, welche im (selbstdefinierten und exklusiv verstandenen) "nationalen Interesse" unter anderem die koloniale Expansion des Reiches im Rahmen eines Wettlaufes gegen England und Frankreich forderten. Um diese Ziele zu erreichen, wurde das "nationale Interesse" durch Schaffung Feindbilder wie insbesondere Sozialdemokraten und Juden, aber auch Anhänger anderer Ideologien gestärkt.
Somit wird im radikalen Nationalismus der emanzipatorische Aspekt des Risorgimento zurückgedrängt.
Der Aspekt der biologischen Zusammengehörigkeit, des Sozialdarwinismus eines Volkes ist ein besonderes Merkmal des radikalen Nationalismus, da er die bisherigen emotionalen Bindungen in Form eines Nationalbewusstseins vertieft. Verwandtschaften werden von der eigenen Familie und Sippe auf eine weitaus größere Gruppe erhöht. Zwischen dieser vergrößerten ethnischen Abstammung und anderen kulturellen Werten wird nun eine Beziehung vermutet, womit ein höherer Identifikationsgrad geschafft wird - quasi die Verwandtschaft mit dem gesamten Volk. Diese enge, emotionale und ethnische Bindung wird innerhalb der Propaganda im radikalen Nationalismus als naturgegeben bezeichnet, womit anderen Kriterien die Natürlichkeit abgesprochen wird - und somit gleichzeitig die objektive Bewertung aller Nationen verhindert wird.
Ein Beispiel für die Enwicklung des Nationalismus findet sich in der Geschichte des Nationalismus in Deutschland.
In der wissenschaftlichen Forschung zum Nationalismus gibt es zwei Grundrichtungen, welche sich auf den Zeitraum der Entstehung beziehen.
Vor dem 18. Jahrhundert wich der Begriff der Nation so stark von modernen Vorstellungen ab, dass "vormoderner" Nationalismus vermutlich lediglich eine Projektion aus heute omnipräsenter (Billig, 1995) nationalistischer Perspektive ist. Vor der Herausbildung moderner Nationen standen nach Auffassung modernistischer Theoretiker andere, meist persönliche Bindungen (beispielsweise an den Lehnsherren) im Zentrum der meisten Gruppenzugehörigkeiten.
Tatsächlich sind quasi-nationalstaatliche Instititutionen eine Grundvoraussetzung zur Entstehung einer über den Personenverband hinausgehenden nationalen Identität. Im Nationalismus wird die vormals personengebundene Loyalität (Königtum etc.) in einer abstrakten überpersonalen Ebene verallgemeinert. Ein persönlicher Umgang miteinander, wie er in einer Dorfgemeinschaft oder am Fürstenhof alltäglich war, wurde nun auch auf Personen projiziert, die nicht in direktem Kontakt miteinander stehen konnten. Unter Bezugnahme auf vermeintliche oder tatsächliche Gemeinsamkeiten in Geschichte, Sprache und Kultur, die in vielen Fällen - wie zum Beispiel durch die Normierung der deutschen Sprache in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - erst während der Nationsbildung entstanden sind, wurde eine nationale Gemeinschaft konstitutiert. Diese Gemeinschaft reproduziert sich zum Beispiel durch nationalstaatliche Instititutionen (Behörden, Schulen etc.) selbst.
In Europa bekam der Nationalismus einen erheblichen Schub durch die Ideen der Französischen Revolution. In ihrer Folge wurde die Idee der Volkssouveränität populär, welche sowohl einen demokratischen als auch einen nationalen Ansatz hat. Die in ihrer Folge entstehende Theoriebildung mit zahlreicher Literatur darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Nationalismus auch ohne theoretische Begriffsbildung bereits bestand.
Als im Volke populär und den konservativen Kräften der Restauration entgegenstehend zeigten sich die national und demokratisch gesonnenen Bewegungen der Revolutionen von 1848/1849. Beginnend mit der französischen Februarrevolution sprang der Funke auf fast ganz Europa über, auch auf die Fürstentümer des Deutschen Bundes, darunter die Monarchien Preußen und Österreich als dessen mächtigste Staaten (Märzrevolution).
In den geschichtlichen Vordergrund getreten sind letztlich aber die nationalen Antagonismen, die nach dem rasanten technischen Fortschritt des 19. und 20. Jahrhunderts. zu den verheerenden Ergebnissen moderner Kriegsführung mit Millionen von Toten führten.
Aber auch der Zerfall von Machtstrukturen führt zum Ausbrechen nationalistischer Bestrebungen, etwa beim Zusammenbruch der Kolonialreiche in der Folge des Zweiten Weltkrieges. Die nach Unabhängigkeit strebenden ehemaligen Kolonialvölker erreichten zum Teil in blutigen Befreiungskriegen ihre Selbständigkeit. Dabei griffen sie auf die bereits bekannten Prinzipien des Nationalismus zurück und setzten dessen emanzipatorisches Element, verbunden mit einem politischen Gleichheitsversprechen gegenüber allen zur Nation zählenden Menschen ein, um den Kolonialismus zu delegitimieren.
Hier zeigt sich wieder sein Doppelcharakter: Inklusion und Exklusion sind elementare Bestandteile des Nationalismus. Während einerseits die politische Gleichheit der in einer Nation vereinten Gruppe betont wird, erfolgt gleichzeitig der Ausschluss der nicht zur Nation gehörigen Gruppen. Dies kann von einer kommunikativen Betonung der Andersartigkeit dieser Ausgeschlossenen bis zu ihrem physischen Ausschluss (ethnische Säuberung) oder ihrer Vernichtung führen (Holocaust).
Georg W. F. Hegel sah "die germanischen Völker" dazu bestimmt, den Träger des christlichen Prinzips abzugeben. Dieser imperialistisch-universalistische Ansatz wurde im 19. Jahrhundert im Kaiserreich populär durch das zugespitzte Zitat: "am deutschen Wesen soll die Welt genesen" (Emanuel Geibel).
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