Die Nag-Hammadi-Schriften (auch als Nag-Hammadi-Bibliothek bekannt) sind eine Sammlung von frühchristlichen Texten hauptsächlich gnostischer Orientierung, die im Dezember 1945 in der Nähe des kleinen ägyptischen Ortes Nag Hammadi von ansässigen Bauern gefunden wurde. Die meisten dieser Schriften waren bis dahin gar nicht oder nur in Fragmenten bekannt. Dazu gehört insbesondere das Thomasevangelium.
Unbekannt ist, wer die Texte gesammelt hat. Möglicherweise handelt es sich um die Bibliothek einer nicht näher zu bestimmenden gnostischen Gemeinschaft. Wahrscheinlicher ist jedoch aufgrund der Nähe eines pachomianischen Klosters und des beim Einband verwendeten Materials, das Briefe und Quittungen der pachomianischen Mönche enthält, dass die Sammlung Teil der Bibliothek dieses Klosters war. Ungeklärt ist in diesem Fall, ob die Sammlung als Informationsquelle zum Kampf gegen gnostische Häretiker zusammengestellt wurde, oder ob die Texte im Zusammenhang mit dem (etwa zeitgleichen) 39. Osterfestbrief des Athanasius als häretisch aus den Klosterschriften ausgesondert wurden.
Zunächst bestanden Bedenken, den Krug zu öffnen oder zu zerschlagen, da er ja einen Dschinn beherbergen könnte. Dass andererseits auch Gold der Inhalt sein könnte, überwand die Bedenken. Beim Zerschlagen stellte sich aber heraus, dass der Inhalt aus dreizehn in Leder gebundenen Papyrus-Kodizes bestand, deren Wert zunächst nicht erkannt wurde. Einer dieser dreizehn Kodizes ging offenbar verloren (der heute als Kodex XIII gezählte Band war Teil von Kodex VI).
Zunächst sollten sie aufgeteilt werden, schließlich wurden sie von den anderen Bauern aber Muhammed Ali überlassen, der sie nach Hause in das Dorf al-Qasr mitnahm. Dort warf er sie in der Nähe des Ofens. Dort wurden einige Teile des verdächtigen Schriftguts von Muhammeds Alis Mutter Umm Ahmad verheizt (vermutlich der größere Teil von Kodex XII, der Einband von Kodex X und einige heute fehlende lose Blätter und Fragmente).
Da Muhammed Ali wegen der Ermordung seines Vaters in eine Blutfehde verwickelt war und die Polizei seine Behausung des öfteren durchsuchte, deponierte er die Bücher bei einem koptischen Priester namens Basilius Abd al-Masih. Dessen Schwager Raghib Andrawus erkannte den möglichen Wert und nahm sie nach Kairo mit. Dort zeigte er sie einem koptischen Arzt , George Sobhi, der das Amt für Altertümer verständigte. Nach einigen Verhandlungen und einer Aufwandsentschädigung von 300 £ ging der Fund in den Besitz des ägyptischen Staates über. Am 4. Oktober 1946 wurde er in die Bestände des Koptischen Museums in Kairo aufgenommen.
Ein Teil des Fundes war aber zuvor schon in den Besitz von Nachbarn Muhammed Alis gelangt, von wo sie den Weg nach Kairo fanden und in die Hände eines zypriotischen Händlers namens Phokion Tano gelangten. Insbesondere ein Band, der heutige Kodex I, wurde von einem belgischen Antiquar namens Albert Eid erworben und außer Landes gebracht. Dieser Kodex wurde am 10. Mai 1952 vom Jung Institut in Zürich gekauft, weshalb er heute auch als Codex Jung bekannt ist. Nach einigen Verwicklungen und Verzögerungen landete auch dieser im Koptischen Museum, ebenso wie die noch in den Händen von Tano verbliebenen Bände, der sie inzwischen an eine italienische Sammlerin namens Dattari verkauft hatte.
Die Schriften stammen aus verschiedenen Richtungen der Gnosis, so sind Schriften der Valentinianer und solche, die der sethianischen Gnosis zugerechnet werden, vertreten. Neben diesen gibt es auch stärker christlich geprägte Texte. Die christliche Richtung hat sich als rechte Auslegung des Christentums verstanden und die theologische Spekulation innerhalb der Kirche stark gefördert. Daneben gibt es auch hermetisch und weisheitlich ausgerichtete Texte und solche, die überhaupt nichts mit Gnosis zu tun haben, wie ein Fragment aus Platons Staat.
Die Titel sind entweder dem so genannten Subscript entnommen, in dem sie zum Teil aber schon sekundäre Nachträge darstellen, oder im Zuge der Übersetzung neu gesetzt worden. Die meisten Texte waren vor der Entdeckung der Nag Hammadi-Schriften unbekannt, jedoch gibt es auch solche, die ganz oder teilweise an anderer Stelle gefunden wurden, wie das Thomasevangelium oder das Apokryphon des Johannes. Bei den frühen Kirchenlehrern finden sich Erwähnungen oder kurze Zitate in verurteilenden Streitschriften, die vom Titel oder Inhalt her Anspielungen auf Nag Hammadi-Schriften sein könnten (siehe auch: Apokryphen), jedoch sind diese oft zu unpräzise oder bezeichnen, wie beim Ägypterevangelium andere Texte.
Der Nag-Hammadi-Fund hat nicht nur Bedeutung für die koptische Dialektkunde und stellt eine Bereicherung für die Gnosisforschung dar. Die Schriften entfalten auf ganz unterschiedliche Weise Beschreibungen der himmlischen Welt sowie die damit verbundenen kosmogonischen, soteriologischen und eschatologischen Fragen. Hervorzuheben ist auch die enkratitische und ethische Ausrichtung vieler Texte. Einige Texte bieten einen einzigartigen Einblick in die gnostische Polemik am Kirchenchristentum, andere wie das Gebet des Paulus, das Hermetische Gebet und die Drei Stelen des Seth sowie zahlreiche hymnische Traditionen geben einen Einblick in gelebte gnostische Frömmigkeit.
Die Schriften sind wie bei jenen des Neuen Testamentes oft Aposteln zugeschrieben, damit gehören sie als pseudapostolische Schriften zu den Apokryphen des neuen Testaments. Besondere Bedeutung hat dabei das Thomasevangelium, eine wohl schon im 2. Jahrhundert bekannte Sammlung von Jesussprüchen. Diese haben zum Teil Parallelen in den synoptischen Evangelien, wobei die 114 Logien im Thomasevangelium teilweise ein älteres Stadium der Überlieferung widerzuspiegeln scheinen. Aus diesem Grund hat das Thomasevangelium vor allem in der nordamerikanischen Forschung für die Frage nach dem historischen Jesus einen hohen Stellenwert.
In breiterer Öffentlichkeit ist das Thomasevangelium durch den Film "Stigmata", mit dem (frei übersetzten) Satz bekannt geworden:
Ein häufiges Motiv ist das der Sonderoffenbarung: Zwischen Auferstehung und Himmelfahrt erscheint Jesus einzelnen oder allen Jüngern und lehrt sie esoterische Lehren, die der anderen Christenheit geheim bleiben sollen. Eine besondere Rolle kommt hierbei auch der Jüngerin Maria Magdalena zu. Ausgangspunkt der Sonderoffenbarung ist die Erscheinung des Auferstandenen (Mk 16,9-20; Mt 28, 16-20; Lk 24,36-53 und Apg 1,1-14). Nach der Apostelgeschichte redet der auferstandene Christus vierzig Tage mit seinen Jüngern über das Reich Gottes. Diese Gespräche des Auferstandenen wollen einige Nag-Hammadi-Texte wiedergeben. Gesonderte Gespräche des Auferstandenen (mit Maria Magdalena und zwei namentlich nicht genannten Jüngern) sind im Markus-Schluss erwähnt.
Die folgende Liste folgt in der Anordnung der heute gebräuchlichen Nummerierung der Kodizes und Schriften, ein Verweis auf NHC I,5 meint also die Schrift Der dreiteilige Traktat. Die Titel der Schriften und die Abkürzungen folgen der deutschen Übersetzung von Lüdemann und Janßen. Mehrfach in den Kodizes überlieferte Schriften wie z.B. das Apokryphon des Johannes (II,1; III,1; IV,1) erscheinen nach dem ersten Auftreten kursiv.
| Titel | Kodex, Nr. | Abkürzung | Beschreibung | |- valign="top" | Das Gebet des Apostels Paulus || I,1 ||OrPls | Gnostisches Gebet |- valign="top" | Der Brief des Jakobus || I,2 ||EpJk | Der Form nach eine Mischung aus Brief, Dialog und Visionsbericht. Gibt eine Geheimlehre (Apokryphon) wieder, die Jakobus und Petrus nach der Auferstehung von Jesus empfangen haben. |- valign="top" | Das Evangelium der Wahrheit || I,3 ||EvVer | Homiletischer Text mit Anklängen an die valentinianische Gnosis |- valign="top" | Der Rheginusbrief || I,4 ||EpRheg | Auch bekannt als Abhandlung über die Auferstehung. |- valign="top" | Der dreiteilige Traktat (Tractatus Tripartitus) || I,5 ||TracTrip | |- valign="top" | Das Apokryphon des Johannes || II,1 ||AJ | |- valign="top" | Das Thomasevangelium || II,2 ||EvTh | |- valign="top" | Das Philippusevangelium || II,3 ||EvPhil | |- valign="top" | Das Wesen der Archonten || II,4 ||HypArch | |- valign="top" | Die Schrift ohne Titel (Über den Anfang der Welt) || II,5 ||OT | |- valign="top" | Die Exegese über die Seele || II,6 ||ExAn | |- valign="top" | Das Thomasbuch || II,7 ||LibTh | Auch als Buch des Athleten Thomas bekannt. |- valign="top" | Das Apokryphon des Johannes || III,1 ||AJ | siehe oben (II,1) |- valign="top" | Das koptische Ägypterevangelium || III,2 ||EvÄg | |- valign="top" | Der Eugnostosbrief || III,3 ||Eu | |- valign="top" | Die Sophia Jesu Christi || III,4 ||SJC | |- valign="top" | Der Dialog des Erlösers || III,5 ||DialSal | |- valign="top" | Das Apokryphon des Johannes || IV,1 ||AJ | siehe oben (II,1) |- valign="top" | Das Ägypterevangelium || IV,2 ||EvÄg | siehe oben (III,2) |- valign="top" | Der Eugnostosbrief || V,1 ||Eu | |- valign="top" | Die Apokalypse des Paulus || V,2 ||ApokPls | |- valign="top" | Die erste Apokalypse des Jakobus || V,3 ||1ApokJk | |- valign="top" | Die zweite Apokalypse des Jakobus || V,4 ||2ApokJk | |- valign="top" | Die Apokalypse des Adam || V,5 ||ApokAd | |- valign="top" | Die Taten des Petrus || VI,1 ||ActaPetr | |- valign="top" | Bronte || VI,2 ||Bronte | |- valign="top" | Die ursprüngliche Lehre || VI,3 ||AuthLog | |- valign="top" | Der Gedanke unserer großen Kraft || VI,4 ||Noema | |- valign="top" | Plato: Staat 588a-589b || VI,5 ||Plato | Der Originaltext ist nicht gnostisch, die in den Nag-Hammadi-Texten enthaltene Version wurde jedoch stark im gnostischen Sinn modifiziert. |- valign="top" | Über die Achtheit und die Neunheit || VI,6 ||OgEn | |- valign="top" | Hermetisches Gebet || VI,7a ||OrHerm | |- valign="top" | Schreibernotiz || VI,7b ||SchrNot | |- valign="top" | Asklepius || VI,8 ||Askl | |- valign="top" | Die Paraphrase des Seem || VII,1 ||ParaSeem | |- valign="top" | Der zweite Logos des großen Seth || VII,2 ||2LogSeth | |- valign="top" | Die Apokalypse des Petrus || VII,3 ||ApokPetr | |- valign="top" | Silvanus || VII,4 ||Sil | |- valign="top" | Die drei Stelen des Seth || VII,5 ||3StelSeth | |- valign="top" | Zostrianos || VIII,1||Zostr | |- valign="top" | Der Brief des Petrus || VIII,2 ||EpPetr/Phil | |- valign="top" | Melchisedek || IX,1 ||Melch | |- valign="top" | Norea || IX,2 ||Norea | |- valign="top" | Testmonium Veritatis || IX,3 ||TestVer | |- valign="top" | Marsanes || X,1 ||Mars | |- valign="top" | Die Interpretation der Gnosis || XI,1 ||Inter | |- valign="top" | Valentinianische Exposition || XI,2 ||ExVal | |- valign="top" | Allogenes || XI,3 ||Allog | |- valign="top" | Hypsiphrone || XI,4 ||Hyps | |- valign="top" | Die Sentenzen des Sextus || XII,1 ||SentSex | |- valign="top" | Das Evangelium der Wahrheit || XII,2 ||EvVer | |- valign="top" | (Weisheits-) Fragmente || XII,3 ||FragSap | |- valign="top" | Die dreigestaltige Protennoia || XIII,1 ||TrimProt | |- valign="top" | Die Schrift ohne Titel (Über den Anfang der Welt) || XIII,2 ||OT |
|---|
| Kodex,Nr. | Titel |
|---|---|
| I | Attridge, H. (Hrsg.), Nag Hammadi Codex I (The Jung Codex) |
| II,2-7 | XIII,2Layton, B. (Hrsg.), Nag Hammadi Codex II, 2-7: Together with XIII,2*, BRIT. LIB. OR.4926(1), and P. OXY. 1, 654, 655. |
| III,3-4 | V,1Parrott, D.M. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices III,3-4 and V,1: Papyrus Berolinensis 8502,3 and Oxyrhynchus Papyrus 1081: Eugnostos and the Sophia of Jesus Christ. NHS XXVII. Leiden: Brill, 1991. |
| III,5 | Emmel, S. (Hrsg.), Nag Hammadi Codex III,5: The Dialogue of the Savior. NHS XXVI. Leiden: Brill, 1984. |
| V,2-5 | VIParrott, D.M. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices V,2-5 and VI with Papyrus Berolinensis 8502, 1 and 4. NHS XI. Leiden: Brill, 1979. |
| VIII | Sieber, J.H. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices VIII. NHS XXXI. Leiden: Brill, 1991. |
| IX | XPearson, B.A. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices IX and X. NHS XV. Leiden: Brill, 1981. |
| XI | XIIHedrick, C.W. (Hrsg.), Nag Hammadi Codices XI, XII, XIII. NHS XXVIII. Leiden: Brill, 1990. |
Englische Übersetzung der Nag-Hammadi-Texte:
Deutsche Standardausgabe ist das Werk "Nag Hammadi Deutsch" des Berliner Arbeitskreises für Koptologie, eines langfristigen Forschungsprojektes ursprünglich unter Leitung von Hans-Martin Schenke:
Eine weitere Übersetzung des gesamten Textbestands mit Einleitungen von Gerd Lüdemann und Martina Janßen ist unter dem Titel "Bibel der Häretiker" erschienen (auch im Internet verfügbar; siehe Weblinks):
Für den populären Gebrauch sind diejenigen Nag-Hammadi-Texte, deren Textbestand weitgehend erhalten ist, neu formuliert und kommentiert von Konrad Dietzfelbinger in vier Einzelbänden entsprechend Dietzfelbingers Klassifikation der Texte in der Edition Argo erschienen:
Handschrift | Christlicher Orient
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