Als Nacktheit bezeichnet man die Kleidungslosigkeit von Menschen und die Haarlosigkeit von Tieren. Teilweise wird beim Menschen auch die mit der Nacktheit verbundene subjektive Empfindung selbst als Nacktheit bezeichnet. Diese "subjektive" Nacktheit kann auf dem Fehlen von Kleidung oder Haaren beruhen oder wenn gewohnheitsmäßig am Körper getragene Gegenstände fehlen (Schmuckstücke, Perücke, Make-Up). Im übertragenen Sinn und in psychologischer Bedeutung kann Nacktheit auch ein Bild für Schutzlosigkeit sein.
Durch die wahrscheinliche Gleichzeitigkeit des Aufkommens von Bekleidung und von Nacktheit (im Sinne der Haarlosigkeit) kann kulturhistorisch ebensogut nach dem Aufkommen der Bekleidung wie nach dem Aufkommen der Nacktheit gefragt werden.
Die Wasseraffen-Theorie beschreibt die Nacktheit des Menschen als Selektionsvorteil bei der Anpassung an eine semiaquatische Lebensweise. Sie ist im Gegensatz zur oben geschilderten Abwandlung der Savannen-Hypothese falsifiziert worden, wogegen die Savannen-Hypothese zunehmend als überholt angesehen wird.
Oft verbunden mit der Nacktheit ist das Gefühl der körperlichen (genitalen) Scham, die allerdings je nach Kultur, Epoche, sozialer Situation und Lebensalter ganz unterschiedliche Schwellenwerte hat. So gibt es Naturvölker, denen eine Schnur in der Lendengegend ausreicht, um sich 'bedeckt' zu fühlen. Ohne diese Schnur fühlen sie sich jedoch nackt. Andere Naturvölker empfinden auch bei völliger Nacktheit in den meisten sozialen Situationen keine Scham. Allerdings gab und gibt es keine menschliche Kultur, der die körperliche Scham völlig fremd wäre.
Das andere Extrem ist die Verwendung des Tschadors, eines Ganzkörper-Schleiers für Frauen, in einigen streng muslimischen Kulturen. Durch die kulturelle Überlieferung ist hier eine Art Wettbewerb zur Vermeidung von Nacktheit entstanden. Ziel war dabei die Überwindung der Triebgefühle oder die möglichst strikte Befolgung religiöser Vorschriften. Als Folge solcher Entwicklungen kann im Extremfall bereits der Anblick des Gesichtes oder des Haars einer Frau vom Betrachter oder von der Gesehenen als deren Nacktheit empfunden werden.
Aufschlussreich ist ein Vergleich mit den nicht eben zahlreichen anderen so genannten Tabu-Wörtern. In vielen indogermanischen Sprachen, darunter wieder dem Deutschen, gehören dazu die Worte für "Wolf" und "Bär" sowie für "Kind" und "Milch". Das Motiv der Tabuisierung war jeweils die Angst - Angst vor dem Raubtier und Angst um das verletzliche Kind und sein wichtigstes, aber leicht verderbliches Nahrungsmittel. Dieser linguistische Befund legt nahe, dass auch die Nacktheit in langen Phasen der kulturgeschichtlichen Entwicklung stark emotionalisiert und vermutlich (auch) angstbesetzt war.
Im weiteren Verlauf bleibt Nacktheit im Alten Testament ein Zeichen der Armut und teilweise der Schande, so bei der Deportation von nackten Kriegsgefangenen. Sie gilt aber nicht als schuldhaft und wird auch als prophetisches Zeichen verstanden und dabei positiv gewertet. Im späteren, orthodoxen Judentum war die Nacktheit jedoch verpönt.
Einen besonderen Stellenwert hatte die Nacktheit im antiken Griechenland im Sport. Man war überzeugt, dass die Gymnastik die Ausbildung des Körpers zum einzigen Zweck habe, hinzu kamen Wettkämpfe an den Festen der Götter zu deren Ehre. Hier galt es zu zeigen, wie weit man es in allen Künsten, die sich für einen freien Mann schickten, gebracht habe (siehe Olympische, Pythische und Isthmische Spiele). Schon im Jahre 720 v. Chr. wurde bei den Olympischen Spielen der Schurz, mit dem die Kämpfer vermutlich bis dahin bekleidet waren, bei allen Disziplinen außer dem Pferderennen abgeschafft.
Der Grund für die Nacktheit im Stadion ist nicht gesichert. Eine Theorie besagt, einer der Läufer habe während des Laufes den Schurz verloren und gesiegt. Das ließ die Athleten glauben, ohne Kleidung schneller sein zu können. Eine andere Vermutung besagt, ein Läufer soll den Lendenschurz verloren haben und über ihn gestolpert sein. Zur Sicherheit sei daraufhin Nacktheit angeordnet worden. Als dritte Möglichkeit wird eine Forderung aus Sparta angenommen. Die Athleten des Stadtstaates trieben als erste nackt Sport und könnten ihren Brauch bei den Olympischen Spielen durchgesetzt haben. Übrigens trieben in Sparta, als einzigem der griechischen Staaten, auch die Mädchen Sport, nicht zusammen mit den Männern, aber nackt wie diese.
Von den Germanen ist durch römische Schriftsteller überliefert, dass sie sich durch gemeinsame Bäder in Flüssen und Seen abhärteten und kleine Kinder teilweise nackt aufwuchsen. Von den keltischen Kriegern ist durch Schriftsteller und bildliche Darstellungen überliefert, dass sie nackt gegen die Römer kämpften.
Im Neuen Testament selbst wird die Nacktheit an sich so wenig verurteilt wie im Alten Testament. Sie gilt nicht als Sünde, sondern als Problem, nämlich als Ausdruck großer Armut. So steht auch das neutestamentliche Gebot, die Nackten zu kleiden, neben der Forderung der Fürsorge für Hungernde, Dürstende, Gefangene und Kranke. Ein Verbot oder auch nur eine Missbilligung der Nacktheit ist darin so wenig enthalten wie ein Verbot oder eine Missbilligung des Fastens.
In der christlichen Geschichte gab es im einzelnen einen recht unterschiedlichen Umgang mit der Nacktheit. Das Verbot der Nacktheit bei den Olympischen Spielen (bzw. dieser Spiele selbst wegen ihres heidnischen Ursprungs) im Jahre 393 n. Chr. ging auf christliche Veranlassung zurück. Andererseits wird (und wurde zu fast allen Zeiten) in christlichen Ländern nackt in Seen und Flüssen gebadet. Solange die Grenzen von Keuschheit und vor allem Unzucht nicht überschritten wurden, geschah dies meist ohne Missbilligung der Kirche. Bemerkenswerterweise findet sich auch in den zahlreichen und detaillierten Aussagen der katholischen Kirche des 20. Jahrhunderts zu allen Facetten der Sexualmoral kein Verbot des Naturismus.
Beim Besuch von Gotteshäusern selbst wird traditionell die Bedeckung der Schultern und - bei Frauen - der Oberschenkel bis zu den Knien verlangt. Teilweise hat das Christentum in Anlehnung an eine Forderung des Apostels Paulus ein Kopftuch für Frauen befürwortet oder sogar verlangt. Gefordert wird dieser heute noch bei Papstaudienzen von Frauen. - Andererseits erlaubt die katholische Tradition ausdrücklich den barfüßigen Kirchenbesuch und sogar Kommunionsempfang, solange damit keine Provokation beabsichtigt ist oder bewirkt werden kann.
Auch findet sich Nacktheit in der christlichen Kunst nicht selten, dies sowohl bei der Darstellung von Engeln als auch teilweise von biblischen Figuren und Heiligen.
Die wohl klarste ethische Bewertung der Nacktheit, einschließlich einer tiefen Definition der Scham aus der Sicht der christlichen Anthropologie, stammt vom verstorbenen Papst Johannes Paul II.: "Weil Gott ihn geschaffen hat, kann der menschliche Körper nackt und unbedeckt bleiben und bewahrt unberührt seinen Glanz und seine Schönheit. Sexueller Anstand kann also nicht einfach irgendwie identifiziert werden mit der Verwendung von Kleidung, noch Schamlosigkeit mit der Abwesenheit von Kleidung und totaler oder teilweiser Nacktheit. Es gibt Umstände, unter denen Nacktheit nicht unanständig ist... Nacktheit als solche darf nicht gleichgesetzt werden mit physischer Schamlosigkeit. Unanständigkeit ist nur gegeben, wenn Nacktheit eine negative Rolle in Hinsicht auf den Wert einer Person spielt... Der menschliche Körper ist nicht an sich beschämend, noch sind es sinnliche Reaktionen aus dem selben Grund, und menschliche Sinnlichkeit im Allgemeinen. Schamlosigkeit (genau wie Scham und Anstand) ist eine Funktion des Inneren der Person."
Was auf den ersten Blick modern erscheint, hat doch tiefe Wurzeln in der christlichen Tradition. So hat die Kirche die öffentliche Nacktheit des Franz von Assisi, intendiert (und von seinen Zuschauern auch verstanden) als provozierend-schroffe Absage an jede Art von Materialismus und Konsumismus nicht nur nicht verurteilt, sondern als Hinweis auf seine Heiligkeit anerkannt. Sie wurde assoziiert mit der Nacktheit der Propheten und nicht mit der der Prostituierten.
Fast nackt wird das Sumo-Ringen ausgetragen. Der uralte, auf das 7. Jahrhundert zurückgehende Sport wird nach traditioneller Deutung zur Freude der Götter betrieben - eine bemerkenswerte Analogie zu den griechischen Olympischen Spielen. Die Nacktheit im Bad und beim Sumo bewegt sich innerhalb genau definierter sozialer Grenzen. Ansonsten ist Japan aus europäischer Sicht eher prüde. Nacktheit am Strand ist völlig unüblich und kaum vorstellbar, in Kinofilmen werden Nacktszenen nach wie vor retuschiert oder komplett geschnitten.
In den meisten Kulturen und Epochen wurde außerdem nackt geschwommen und gebadet, wenn auch oft nach Geschlechtern getrennt. Der Naturismus ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert hat zu einer Wiederentdeckung der Nacktheit beim Sport geführt; zu den beliebtesten Sportarten im Naturismus gehören Schwimmen, Volleyball, Pétanque (Boule), Federball (Badminton), Indiaca, Tischtennis, Bogenschießen, Segeln, Surfen und Wandern. Meistens werden im Naturismus Sportarten ohne oder mit wenig Körperkontakt bevorzugt, außerdem natürlich solche Sportarten, in den Kleidung nicht als Schutz (Fechten) oder aus anderen Gründen (Judo) benötigt wird.
Siehe auch: Nacktsport
Hingegen scheint die Nacktheit die psychische Gesundheit signifikant zu fördern. Sie gilt in einer Umgebung der Sicherheit und der gegenseitigen respektvollen Akzeptanz als wirksames Antidepressivum. Untersuchungen deuten außerdem darauf hin, dass naturistisch aufgewachsene Kinder nur sehr selten von Anorexia nervosa (Magersucht) und anderen Entwicklungsstörungen betroffen sind.
Seit den 1930er Jahren gewann das gemeinsame Nacktbaden an einigen Nord- und Ostseestränden (Sylt, Mecklenburg; in Berlin damals teilweise "schwedisch baden" genannt) und in Teilen Istriens eine gewisse Verbreitung. Nackt zu baden war nicht mehr ausschließlich eine Sache völlig einsamer Seen und Buchten, sondern begann erstmals ein - wenn auch zunächst minimaler - Faktor des Fremdenverkehrs zu werden. Im Jahre 1950 öffnete an der französischen Atlantikküste die erste naturistische Ferienanlage (Montalivet) ihre Pforten. Bereits in den 1950er Jahren begann in Deutschland die gesellschaftliche Akzeptanz des Naturismus in Vereinen und im Urlaub. Diese Akzeptanz nahm ab den 1960er Jahren stark zu und parallel dazu wuchs die Zahl und Größe der FKK-Strände und der naturistischen Campingplätze und Feriendörfer. Heute ist der Naturismus in vielen europäischen Ländern, vor allem in Frankreich, Deutschland, Kroatien, den Beneluxländern und in Skandinavien, ein etablierter Zweig des Sommertourismus. Allein in Frankreich existieren mehr als hundert kommerzielle naturistische Urlaubsanlagen. Auch in der Naherholung hat der Naturismus heute eine große Verbreitung, die Zahl der Möglichkeiten zum Nacktbaden an Seen, Flüssen und Stränden geht allein in Deutschland in die Tausende.
Verboten ist die Erregung öffentlichen Ärgernisses, insbesondere durch sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit. Durch umstrittene Gerichtsentscheidungen zur Freiheit der Kunst sind im Theater sowie im Rahmen von so genannter Aktionskunst auch sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit zulässig.
Die soziale Akzeptanz der Nacktheit lässt sich eher ablesen an der Verbreitung des Nacktbadens in der Natur oder in Saunen und Badeanlagen. Hier gibt es seit den achtziger Jahren keine eindeutige Entwicklung, das Nacktbaden in der Natur hat eher abgenommen, die Zahl der Bäder mit FKK-Bereichen oder -Zeiten hat hingegen zugenommen.
Die insgesamt größere Akzeptanz der Nacktheit hat wohl mit dazu geführt, dass die Bedeutung von Vereinen zur Pflege der Freikörperkultur zurückgeht. Allerdings ging in derselben Zeit auch die Bedeutung anderer Vereine stark zurück, sodass dieser Befund nicht zwingend ist.
Ein neuer, deutlich wachsender Widerstand gegen die Akzeptanz der Nacktheit geht in Mitteleuropa von islamischen Zuwanderern aus. Nicht wenige muslimische Väter verbieten ihren Töchtern sogar die Teilnahme am schulischen Schwimmunterricht.
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