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Als Nachrichtenwert bezeichnet man in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft einen Einflussfaktor, der darüber entscheidet, welche Nachricht in den Medien erscheint, ob sie also berichtenswert ist, in welchem Umfang und in welcher Aufmachung über sie berichtet wird.

Überblick über die Nachrichtenwert-Theorie


Die Nachrichtenwert-Theorie ist eine Theorie der Nachrichtenauswahl. Durch Analysen des Medieninhaltes werden Merkmale von berichteten Ereignissen gemessen und zusammen mit dem zugeschriebenen Nachrichtenwert (Umfang, Platzierung, Aufmachung, etc.) Rückschlüsse auf journalistische Selektionskriterien gezogen. Diese können zur Prognostizierung zukünftiger Berichterstattung bei gegebenen Ereignismerkmalen (Nachrichtenfaktoren) genutzt werden.

Die theoretische Entwicklung der Nachrichtenwert-Theorie litt lange Zeit unter der Vermischung von Ereignismerkmalen und journalistischen Selektionskriterien. Obwohl beide Variablen wohl einen Einfluss auf die Selektionsantscheidung und den zugesprochenen Nachrichtenwert haben, wird stets ausschließlich das Ergebnis der Selektion, also der Medieninhalt, untersucht (Galtung und Ruge, 1968; Schulz, 1976; Staab, 1990). Die Arbeit von Journalisten wird dabei als bloßer Reflex auf die Ereignismerkmale angesehen (Kausal-Modell), was wohl sicherlich nicht der Realität entspricht. Staab (1990) schlussfolgerte daher, dass es sich bei der Nachrichtenwert-Theorie wohl weniger um eine Theorie der Nachrichtenauswahl handeln müsse als um eine Theorie zur Beschreibung von Strukturen der Medienrealität. Lässt man sich auf diese Position ein, so verliert die Theorie allerdings ihre ursprüngliche Relevanz, nämlich die Erklärung von journalistischen Selektionsentscheidungen.

Kepplinger (1998) forderte deshalb einen theoretischen Neuaunfang, welcher stärker den Charakter der zwei Komponenten im Prozess der Nachrichtenauswahl berücksichtigen sollte (Jornalisitsche Selektionskriterien und Ereignismerkmale). Da es unmöglich ist, journalistische Selektionskriterien allein aus dem Medieninhalt zu erkennen, ist die einzige Möglichkeit, sie aus dem statistischen Zusammenhang (Korrelation und Regression) von Nachrichtenwerten und Nachrichtenfaktoren (Ereignismerkmalen) zu erschließen. Die so ermittelten Indidzes für die "Nachrichtenwerte der Nachrichtenfaktoren" besitzen prognostischen Gehalt für die Vorhersage von zukünftigen Selektionsentscheidungen (Kepplinger, 2000).

Anfänge der Nachrichtenwert-Theorie


Die erste Studie zum Nachrichtenwert geht auf Walter Lippmann aus dem Jahr 1922 zurück, der als Elemente beispielsweise identifizierte:

  1. Nähe (proximity, nearness),
  2. Prominenz (big names),
  3. Überraschung (oddity),
  4. Konflikt (conflict, controversy) usw.

Lippmann prägte im Kapitel "The pictures in our heads" den Begriff des "news value" (Nachrichtenwert). Für ihn stellte der Nachrichtenwert jounaliistische Vorstellungen über Publikumsinteressen bzw. Berichtenswertes dar.

Der Begriff findet sich dann vor allen Dingen in der amerikanischen Forschungstradition. Hier werden kleine berichtenswerten Eigenschaften von Ereignissen aufgestellt, die vor allem in der Journalistenausbildung verwendet wurden. Diese konnten in experimentellen Studien gut repliziert werden (die Journalisten hatten sie gut verinnerlicht), so nennt beispielsweise Warren (1934):

  1. Neuigkeit,
  2. Nähe,
  3. Tragweite,
  4. Prominenz,
  5. Dramatik,
  6. Kuriosität,
  7. Konflikt,
  8. Sex,
  9. Gefühle,
  10. Fortschritt.

Die europäische Forschungstradition begann erst in den 60er Jahren. Die norwegischen Friedensforscher Einer Östgard (1965), Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge (Galtung und Ruge, 1965) bezogen sich auf das von Lippmann aufgestellte Konzept des Nachrichtenwertes, als sie Verzerrungen im internationalen Nachrichtenfluss untersuchten. Sie betonten, dass die Medien unsere einzige Informationsquelle sind, wenn es um internationale Ereignisse geht.

Vor diesem Hintergrund stellten die Forscher Kataloge von Ereignismerkmalen auf, die Journalisten für besonders berichtenswert halten: die Nachrichtenfaktoren. Während sich Östgards Katalog noch auf nur drei Faktoren beschränkte (Vereinfachung, Identifikation und Sensationalismus), wurde der Kanon nachrichtenwerter Elemente von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge deutlich erweitert.

Genannt werden hier bereits 12 Faktoren. Die ersten 8 Faktoren sind als "kulturunabhängig" (Gültig in allen Kulturkreisen), die letzten 4 als "kulturabhängig" (je nach Kulturkreis unterschiedlich) zu verstehen.

Kulturunabhängige Faktoren :

  1. Frequenz,je mehr der zeitliche Ablauf eines Ereignisses der Erscheinungsperiodik der Medien entspricht, desto wahrscheinlicher wird das Ereignis zur Nachricht.
  2. Aufmerksamkeitsschwelle,der Auffälligkeit, den ein Ereignis überschreiten muss, damit es registriert wird.
  3. Eindeutigkeit, je eindeutiger und überschaubarer ein Ereignis ist, desto eher wird es zur Nachricht.
  4. Bedeutsamkeit,je größer die Tragweite eines Ereignisses, je mehr es persönliche Betroffenheit auslöst, desto eher wird es zur Nachricht.
  5. Konsonanz,je mehr ein Ereignis mit vorhandenen Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt, desto eher wird es zur Nachricht.
  6. Überraschung,hat die größte Chance zur Nachricht zu werden, allerdings nur dann, wenn es im Rahmen der Erwartungen überraschend ist.
  7. Kontinuität,Ein Ereignis, das bereits als Nachricht definiert ist, hat eine hohe Chance, von den Medien auch weiterhin beachtet zu werden.
  8. Variation,Der Schwellenwert für die Beachtung eines Ereignisses ist niedriger, wenn es zur Ausbalancierung und Variation des gesamten Nachrichtenbildes beiträgt.

Kulturabhängige Faktoren:

  1. Bezug zu Elite-Nationen, Ereignisse, die Elite-Nationen betreffen, haben einen überproportional hohen Nachrichtenwert.
  2. Bezug zu Elite-Personen, dito.
  3. PersonalisierungJe stärker ein Ereignis personalisiert ist, sich im Handeln oder Schicksal von Personen darstellt, desto eher wird es zur Nachricht.
  4. Negativität. Je "negativer" ein Ereignis, je mehr es auf Konflikt, Kontroverse, Aggression, Zerstörung oder Tod bezogen ist, desto stärker wird es von den Medien beachtet.

Galtung und Ruge bauen ihre Funde zu einer wahrnehmungspsychologisch begründeten Nachrichtentheorie aus. Nach ihren Hypothese sind die Nachrichtenfaktoren additiv, d.h., je mehr Nachrichtenfaktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto publikationswürdiger ist es, und sie sind komplementär, d.h. das Fehlen eines Nachrichtenfaktors kann durch einen anderen kompensiert werden. Galtung und Ruge prüfen ihre Theorie nur in Bezug auf einige Detailhypothesen. Viel wichtiger als der empirische Teil der Arbeit von Galtung und Ruge ist allerdings die enorme theoretische Fruchtbarkeit. Die Arbeit ist als Startpunkt einer ganzen Reihe von Studien zu betrachten, die sich unter Bezug auf Galtung und Ruge mit der Nachrichtenwert Theorie beschäftigen (z.B. Sande, 1971). Die Überlegungen von Galtung und Ruge sind dabei nicht unkritisch hinterfragt geblieben.

So geben Galtung und Ruge (und spätere Studien) beispielsweise vor, mit ihren Nachrichtenfaktoren Ereignismerkmale zu messen. Tatsächlich werden aber Medieninhalte betrachtet. Ferner ist die theoretische Herleitung der Faktoren als schwach zu bezeichnen. So sind beispielsweise nicht alle Faktoren, vgl. Frequenz oder Variation, (allein) durch wahrnehmungspsychologische Einflüsse zu begründen. Die Operationalisierbarkeit ist aufgrund mangelnder Unabhängigkeit der Faktoren schwierig. Diese Probleme ging Winfried Schulz 1976 an (vgl. nächster Abschnitt).

Winfried Schulz, 1976: Theoretische Neuorientierung


Eine grundlegende Erweiterung und theoretische Neuorientierung leistete Winfried Schulz, der 1976 den Aspekt des Konstruktivismus mit einbezog. Zunächst erweiterte Schulz die Anzahl der Nachrichtenfaktoren noch einmal auf nunmehr 18, die er in sechs Dimensionen einteilte. Durch Abstufungen auf vierstufigen Skalen hob Schulz das Skalenniveau außerdem auf quasi-metrisches Niveau an:

1.Zeit

  • Dauer
  • Thematisierung

2.Nähe

  • räumlich
  • politische
  • kulturell
  • Relevanz (Grad der Betroffenheit und existenzieller Bedeutung des Ereignisses)

3.Status

  • regionale &
  • nationale Zentralität (politische und wirtschaftliche Macht und Bedeutung der Ereignisregion)
  • persönlicher Einfluss (politische Macht der beteiligten Personen)
  • Prominenz

4.Dynamik

  • Überraschung
  • Struktur (Komplexität der Verlaufsform)

5.Valenz

  • Konflikt
  • Kriminalität
  • Schaden
  • Erfolg

6.Identifikation

  • Personalisierung
  • Ethnozentrismus (in wieweit betrifft es die Bevölkerung des Landes in dem Medium erscheint)

Die Neuorientierung bestand darin, dass Schulz als erster die Nachrichtenfaktoren nicht als Merkmale von Ereignissen sah, sondern als "journalistische Hypothesen von Realität". Das bedeutet, dass nicht die Merkmale eines Ereignisses darüber entscheiden, was in den Medien publiziert wird (passiver Redakteur), sondern dass der Journalist bzw. Redakteur einem Ereignis gewisse publikationswürdige Eigenschaften zuschreibt, ihnen so aktiv durch seine Auswahl einen Nachrichtenwert gibt. Ein Ereignis mit den Merkmalen XY wird also nicht automatisch veröffentlicht, erst der Redakteur (redaktionelle Linie), der Verleger, die werbetreibende Wirtschaft beeinflussen, ob XY zu diesem Zeitpunkt passend und interessant ist oder nicht. Wird das Ereignis mit den Merkmalen XY nun nicht veröffentlicht, so hat es die Merkmale XY trotzdem und wäre zu einem anderen Zeitpunkt auch eventuell veröffentlicht worden.

Neuere Entwicklungen


Aktuelle Studien sprechen Journalisten eine viel größere (instrumentelle) Rolle bei der Konstruktion von Nachrichten zu. Nachrichtenfaktoren werden beispielsweise dazu genutzt journalistische Selektionsentscheidungen zu legitimieren (Finalmodell), indem sie Ereignismerkmale überhöhen (explizit) oder gezielt auswählen (implizit). Diese Eigenart muss in einer funktionalen Nachrichtenwert-Theorie berücksichtigt werden.

Siehe dazu: Hans Kepplinger, Zwei- Komponenten- Modell der Nachrichtenwert-Theorie und Joachim Friedrich Staab, Finalmodell der Nachrichtenwertforschung.

Literatur


  • Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung. München 1964 ISBN 3883397865. (Orginalausgabe; Public Opinion. New York 1922)
  • Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge: The Structure of Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Foreign Newspapers. In: Journal of Peace Research 2 (1965), S. 64-91
  • Winfried Schulz: Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Freiburg, München 1976 ISBN 3495473319

  • Hans Mathias Kepplinger: „Der Nachrichtenwert der Nachrichtenfaktoren“ In: Bacha/Scherer/ Waldmann (Hrsg.): „Wie die Medien die Welt erschaffen und wie die Menschen darin leben“, Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden, 1998

  • Hans Mathias Kepplinger: „Der prognostische Gehalt der Nachrichtenwerttheorie" In: Publizistik 45 (4), 2000, S. 462-475

  • Staab, Joachim Friedrich: „Nachrichtenwert-Theorie: formale Struktur und empirischer Gehalt“, Freiburg (Breisgau); München: Alber (Alber-Broschur Kommunikation, Bd.17), 1990

Medien

 

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