Mit Hilfe einer Nähmaschine werden zur Herstellung einer Naht innerhalb eines Gewebes zwei unterschiedliche Fäden miteinander verknüpft, wobei der so genannte Oberfaden zuvor mit einer Nadel durch das Gewebe geschoben wird. Jedoch gibt es verschiedene Stichtypen, z.B. auch nur mit einem Faden wie beim Einfachkettenstich. Bei Haushaltsnähmaschinen wird zumeist der Doppelsteppstich verwendet. Aber auch Overlock und Doppelkettenstich sind gebräuchlich. Der Antrieb einer Nähmaschine erfolgt heutzutage mit einem Elektromotor. Diese Bauart ist aber nicht zwingend notwendig, die gleiche Maschine kann auch per Pedal durch die Füße der nähenden Person angetrieben werden. Zum Nähen nutzt die Maschine ganz spezielle Nähmaschinennadeln.
Die Grundform der Nähmaschine ist die Flachbettnähmaschine. Für besondere Arbeitsgänge sind entsprechende Nähmaschinenformen entwickelt worden, die wie folgt zu unterscheiden sind: Flachbett-, Sockel-, Säulen-, Freiarm- und Blocknähmaschine. Nach einem internationalen Katalog werden sechs Stichtypenklassen unterschieden, die in der DIN 61 400 aufgeführt sind.
Wie alle Maschinen hat auch die Nähmaschine eine längere Entwicklungszeit hinter sich. Früher gebrauchten die Menschen Fischgräten zum Nähen. Später waren die Nadeln aus spitzen Knochen oder Horn mit einem Öhr. Erst im 14. Jahrhundert gelang es, aus Stahldraht eine Nadel herzustellen. Sie war Jahrhunderte lang das wichtigste Werkzeug für die Herstellung von Kleidern.
Bis in das Jahr 1830 nähte man mit der Hand. Der Beruf des Schneiders war sehr geachtet und der Name eines guten Schneiders bedeutete den Damen der Gesellschaft einiges. Ein geübter Schneider konnte 30 Stiche in der Minute machen. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts beschäftigte man sich damit, die Nähnadel durch eine Maschine zu bewegen.
Die ersten mechanischen Experimente zur Herstellung einer Naht wurden von dem in England lebenden Deutschen Charles Frederic Wiesenthal im Jahre 1755 durchgeführt. Seine Idee war, mit einer zweispitzigen Nadel und Öhr in der Mitte, die Handnähbewegung von einer Maschine ausführen zu lassen. Diese Nadelform wurde später auch von Joseph Madersperger, John James Greenough und anderen benutzt. Sie findet auch heute noch in Stickindustrie Verwendung. Archivunterlagen zufolge hat Weisenthal jedoch nie eine arbeitsfähige Nähmaschine fertiggestellt.
Auch in Deutschland gab es Erfinder, die die mühsame Handnäharbeit durch Maschinenarbeit ersetzen wollten. Unter ihnen war Balthasar Krems aus Mayen im Rheinland (Eifel) wohl der bedeutendste. Um das Jahr 1800 konstruierte der Deutsche ebenfalls eine Kettenstichnähmaschine, die erstmalig eine Nadel mit dem Öhr an der Spitze und einen gesteuerten Greiferhaken hatte. Ein interessantes Konstruktionsmerkmal war der Stachelradtransport für das Nähgut, welcher durch Anwendung eines Pausengetriebes fortlaufend schrittweise arbeitete. Die Maschine war allerdings nur für die so genannten Jakobinermützen einsetzbar, die Krems industriell herstellte. Sein letztes Modell, welches etwa 300 bis 350 Stiche in der Minute genäht hat, ist erhalten geblieben und steht im Genovevamuseum in Mayen / Eifel.
Erster „Nähmaschinenfabrikant“ der Welt war der Franzose Barthélemy Thimonnier. Er entwickelte 1829/30 sein am 17. Juli 1830 patentiertes Nähmaschinengrundmodell Couseuse, dem weitere bessere Modelle folgten. In demselben Jahr ging Thimonnier mit seinem Partner Ferrand nach Paris und gründete die Societé Germain Petit und Cie, die einerseits diese neuen Nähmaschinen in Serie herstellen sollte, andererseits gleichzeitig für die französische Militärverwaltung Uniformen produzierte. Die mit über achtzig Nähmaschinen arbeitende Gesellschaft war erfolgreich. Nur Thimonnier hatte ein Problem: er wurde mit der Abwesenheit von Heimat und Familie nicht fertig und verließ Paris 1831 fluchtartig. Die Firma Germain et Petit arbeitete noch Jahrzehnte weiter – die oft erzählte Zerstörung der Fabrik hat nach Archivunterlagen niemals stattgefunden.
Auch das Abenteuer in Manchester endete in gleicher Weise. Hier sollte Thimonnier den neuentwickelten Cousobrodeur für die Firma Lakeman in Serie bauen, flüchtete jedoch nach wenigen Monaten zurück nach Amplepuis zu seiner Familie. Auf den Weltausstellungen in London und Paris wurde deutlich, dass Thimonnier den Zug der Zeit durch unverständliches Verhalten und langes Zögern verpasst hatte. Er starb am 5. Juli 1857 verarmt in Amplepuis. Originalnähmaschinen von Thimonnier stehen im Museum von Amplepuis und in der Sammlung Doyen in Lyon.
Von 1807 bis 1839 arbeitete der Kufsteiner Joseph Madersperger an der Herstellung und Verbesserung seiner Nähmaschine. Diese war zuerst mit einer zweispitzigen Nadel mit dem Öhr in der Mitte ausgestattet, jedoch im Laufe seiner Entwicklungsphase schwenkte er auf die öhrspitzige Nadel um. Seine hervorzuhebende Erfindung aber war eine schiffchenähnliche Einrichtung zur Erzeugung des Doppelstiches. Leider gelang es ihm nicht, die Öffentlichkeit damals zu überzeugen. Er verstarb 1850 im Armenhaus in Wien.
Ähnlich erging es dem Amerikaner Walter Hunt im Jahre 1834. Er entwickelte die erste Maschine, die mit zwei Fäden arbeitete und auch mit einem Schiffchen ausgestattet war. Zu seinem Bedauern brachte er allerdings seine Maschine nicht zum Laufen.
Dennoch fand er niemanden, der sie kaufen wollte, und führte seine Maschine auch zwei Herstellern vor. Diese jedoch schreckten vor dem Preis von 300 Dollar zurück und fürchteten zur gleichen Zeit die Drohungen der Schneidergilde. Da er in Amerika nichts erreichen konnte, reiste er mit seiner Familie nach England, weil er sich dort mehr Chancen ausrechnete.
Zwei Jahre später kehrte er noch ärmer denn je in die USA zurück, indem er sich die Schiffspassage als Schiffskoch verdiente. Zurück, erlebte er eine bitterböse Überraschung: In den zwei Jahren, die er fort war, hatte ein gewisser Isaac Merrit Singer, der ebenfalls Mechaniker aus Boston war, eine Nähmaschine erfunden, patentieren lassen und diese konnte man nun in den Geschäften um 100 Dollar kaufen. Howe focht das Patent Singers an. Der Prozess um das Patent zog sich allerdings in die Länge. Der Richter kam schließlich zu dem Ergebnis, dass die Gewinne der Nähmaschinen Singers geteilt werden mussten und so erhielt Howe bis zu seinem Tod mit 48 Jahren Woche pro Woche 4000 Dollar an Patentgeldern. Da Howe auch die übrigen Patentprozesse gewann, machte ihn schließlich seine Erfindung zu einem reichen Mann.
Die Partner Grover und Baker in Amerika erhielten am 11. Februar 1851 das Patent Nr. 7931 für die Zweifadenkettenstich-Nähmaschine. Der Kunsttischler Wilson hatte schon Jahre zuvor eine vorwärts und rückwärts nähende Maschine entwickelt, für die er 1850 sein erstes Patent erhielt. Die Auswertung war jedoch unmöglich, weil das verwendete doppelspitzige Schiffchen bereits geschützt war. Wilson tat sich deshalb mit Wheeler zusammen und konstruierte einen rotierenden Greifer mit Spule, der 1851 patentiert wurde. Aus diesem wiederum entstand dann 1852 die erste Nähmaschine mit Umlaufgreifer, gebogener Nadel und Hüpfertransport. Der amerikanische Techniker Walter House hat die Grunderfindung, den umlaufenden Greifer, dann später weiterentwickelt.
James Gibbs, ein Farmer aus Virginia, entwickelte in 2 Jahren eine neuartige Kettenstichnähmaschine und ließ sie 1856 patentieren. Mit Willcox zusammen verbesserte er die Maschine und ließ sie serienmäßig herstellen. Weil sie preisgünstig war, fand sie für damalige Verhältnisse großen Absatz und wurde kaum verändert bis fast 1930 gebaut. 1887 brachte die Firma Willcox & Gibbs eine neue Nähmaschine mit dreimal pro Stich umlaufenden Greifer mit Brille auf den Markt. Am 17. April 1873 erhielt Eduard Ward das Patent für seine Arm und Plattform. Im Jahre 1885 verbesserte der Techniker House den Umlaufgreifer von Wilson. Die Gebrüder Mack entwickelten im gleichen Jahr den Standard-Greifer, einen umlaufenden Greifer, der durch zwei Stifte bewegt wird, die wechselweise in geeignete Bohrungen im Greiferboden eingreifen. Ähnlich wie der Standard-Greifer der Gebrüder Mack funktioniert der Umlaufgreifer von White, der aus dem Jahre 1900 stammt. Er läuft in einer geneigt liegenden Bahn und wird durch wechselndes Eingreifen von Treiberstiften bewegt.
Im Jahre 1853 kamen die ersten amerikanischen Nähmaschinen nach Europa und wurden unverzüglich nachgebaut. Mansfeld in Leipzig 1853 und Böcke und Beermann in Berlin 1854 gehörten zu den ersten deutschen Herstellern, gefolgt von Müller in Dresden. Die amerikanischen Firmen hatten deshalb immer große Probleme auf dem deutschen Markt - mit Ausnahme der Singer-Firma von Georg Neidlinger in Hamburg.
Adam Opel baute 1862/63 seine erste Nähmaschine in einem Kuhstall, weil sein Vater es nicht erlaubte, dass in seiner Schmiede diese neuartigen Geräte gebaut wurden. Für den Bau der ersten Maschine brauchte er acht Monate, die er aber gut überstand, weil er Nähmaschinen aus Frankreich und England im großen Stil verkaufte und Weinverkorkmaschinen herstellte. Die lange Bauzeit ist auch darauf zurückzuführen, dass Opel die benötigten Spezialstähle und Nähmaschinenkleinteile von seinem in Paris gebliebenen Bruder besorgen und schicken lassen musste - so wurde die erste Opelnähmaschine dann auch eine exakte Kopie der in Paris gefertigten Plaz und Rexroth Nr. 1. 1886 wurden dann die ersten Fahrräder, um die Jahrhundertwende die ersten Autos gebaut.
Georg Michael Pfaff war Blechinstrumentenbauer und kam 1862 über die Reparatur von Nähmaschinen zum Bau von eigenen Nähmaschinen anfangs nach dem System von Howe, später Singer. Pfaff ist die einzige deutsche Firma, die heute noch Nähmaschinen (Industrienähmaschinen) herstellt. (Inzwischen stimmt auch das nicht mehr).
1879 konstruierte Max Gritzner aus Karlsruhe den zweimal umlaufenden Greifer ohne Brille. Seine Maschine hatte außer diesem Greifer einen Spulenkapsellüfter, einen umlaufenden Fadengeber und eine gesteuerte Fadenspannung. Allerdings erging es Gritzner wie vielen Erfindern, seine Idee wurde erst viel später populär, als die Amerikaner seine Erfindung übernahmen.
1893 wurde in der Schweiz die erste Hohlsaummaschine bei den "Gebrüdern Gegauf" gebaut, Erfinder war Fritz Gegauf. Wenige Jahre später entstand dann die neue Nähmaschinenfabrik Fritz Gegauf AG, welche bis heute noch Nähmaschinen baut. Ab 1932 hießen diese Maschinen BERNINA. Ab 1946 bauten die Brüder Gegauf in Steckborn (Schweiz) die erste Zickzack-Freiarmnähmaschine der Welt. Ab 1986 wurden die Bernina Nähmaschinen elektronisch via Schrittmotoren angesteuert. Dadurch musste die Kundin die Nutz- oder Decor-Stiche nicht mehr von Hand einstellen. Die Nähmaschine wandelt sich zum Computer, die mit dem Modell Bernina artista 200 das Highlight der Nähbranche darstellt. Es ist eine Haushaltsnähmaschine mit einem ansteckbaren Stickmodul und integriertem Windows CE. Diese Maschine kann an den Computer und an das Internet angeschlossen werden. 2005 kam das Modell Bernina aurora mit der Weltneuheit, dem Bernina Stich Regulator auf den Markt. Diese Maschine reguliert die gleich bleibende Stichlänge beim Quilten.
Die Firma Tavaro S.A. in Genf baute 1940 die erste transportable elektrische Freiarmnähmaschine nach den Patenten von Casas, der bereits fünf Jahre zuvor die erste Vorserie hatte herstellen lassen. Nach vielen sehr erfolgreichen Modellen ist Elna-Tavaro inzwischen auch Vergangenheit.
Das "VERITAS" Nähmaschinenwerk in Wittenberge, errichtet im Jahre 1903 von der amerikanischen Singer Company N.Y., avancierte in den 1980er Jahren zur modernsten Nähmaschinenfabrik der Welt. Kein anderes Nähmaschinenwerk in Westeuropa produzierte auch nur annähernd so viel Haushaltsnähmaschinen wie das Werk in Wittenberge - jährlich über 400.000 Stück. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Betrieb liquidiert. Mit der Schließung des "VERITAS" Nähmaschinenwerkes in Wittenberge im Jahre 1991 ging ein 139 Jahre währender Industriezweig in Deutschland zu Ende - die Produktion von Haushaltsnähmaschinen.
So bleibt nur festzustellen, dass heute in Deutschland keine Haushaltsnähmaschinen mehr hergestellt werden. Industriemaschinen dagegen werden noch, in kleinen Stückzahlen, von der Dürkopp-Adler AG in Bielefeld und von der Firma PFAFF in Kaiserslautern hergestellt, beide Firmen befinden sich aber im ausländischen Besitz. Mehrere kleine Unternehmen haben sich auf nähtechnische Besonderheiten, sowie den dafür notwendigen Sondermaschinenbau (Nähautomaten, Roboternähen, CNC-Nähen etc.) spezialisiert. Der Maschinenantrieb erfolgt heute direkt, ohne Zahnriemen über sogenannte Servomotoren. Die schlanke Form repräsentiert ein neues Zeitalter für das Nähmaschinendesign.
Weiterhin ist die Parallelität der Entwicklung der Nähmaschine und des Fahrrades auffällig, obwohl beide Industrieprodukte zunächst nicht viel gemeinsam haben. Beide bedienten jedoch zur gleichen Zeit den gleichen Absatzmarkt und beide benötigten in gleichen Mengen präzise gefertigte Bauteile wie beispielsweise Lager und Gewindeteile. Aus diesem Grunde vertreiben auch heute noch viele Händler sowohl Fahrräder als auch Nähmaschinen. Die Konzentration der deutschen Nähmaschinenhersteller zusammen mit der Fahrradindustrie auf einige wenige Standorte wie beispielsweise Bielefeld ist ebenfalls auf diese Ursache zurückzuführen. Gleiches gilt für die Schreibmaschine. Nicht selten kamen alle 3 Produkte aus einem Haus.
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