Der Begriff Mythos wurde im Laufe der Zeit ausgeweitet und umfasst heute auch "moderne Mythen". So gibt es nationale oder wissenschaftliche Mythen. Der Begriff Mythos sagt dabei zunächst noch nichts über den Wahrheitsgehalt der jeweiligen Erzählung aus (vgl. auch: Legende und Sage). Vielmehr kann ein Mythos auch Bilder und historische Momente aufgreifen, um sie zu einer mehr oder weniger verzerrten Erzählung zu verdichten. In diesem Sinne ist ein Mythos ein Identifikationsangebot für eine individuelle Daseinsdeutung und kann sogar zur kollektiven Weltanschauung werden.
Außerdem wird der Begriff Mythos heute umgangssprachlich auch mit Lüge oder Unwahrheit gleichgesetzt.
Der Mythos ist eine bildhafte Weltauslegung und Lebensdeutung, versehen mit Symbolen, Visionen und fabulierenden Darstellungen, die jedoch eine allgemeine Wahrheit enthalten kann. Oft wird im Mythos das Handeln und Wirken von Göttern in Anlehnung an menschliche Verhältnisse (anthropomorph) dargestellt (Götterfamilien, Göttergeschlechter).
Mythen werden in den Mythologien der Völker systematisch zusammengefasst, überliefert bzw. tradiert; Jedoch wird auch die Erfassung und Deutung von Mythen, also die Mythenforschung als Mythologie bezeichnet.
Als Gegensatz zum Mythos wird oft der Logos begriffen, der dem rationalen Diskurs zugänglich ist.
Die ursprünglichen Formen des Mythos finden sich in den frühesten Überlieferungen der Menschheit, in denen die Welt nicht auf wissenschaftlichem Wege sondern durch deutende Erzählung erklärt wird. Es handelt sich um Überlieferungen der Götter-, Helden- Schöpfungs-, Vor- oder Frühgeschichte, die metaphorische und symbolische oder ins phantastische gehende Elemente enthalten.
Mythen bieten oft Erklärungen für Existenz, Entwicklungen oder Zusammenhänge wie beispielsweise die Entstehung der Welt (Kosmogonie), der Herkunft von Göttern (Theogonie), des Menschen oder eines Volkes. In Mythen kann auch ein endzeitliches oder sogar jenseitiges Geschehen beschrieben werden (s. Apokalypse und Eschatologie).
Es gibt auch moderne Mythen, die sich als kollektive, irrationale Vorstellung präsentieren, wie dies beispielsweise Roland Barthes in seinem Buch Mythen des Alltags darlegt.
In Form von kollektiven Irrtümern können Mythen sozialen Zusammenhalt erzeugen und Herrschaft sichern.
Lediglich im übertragenen Sinne spricht man von faszinierenden Personen, Dingen oder Ereignissen als einem Mythos, da die Faszination irrational begründet ist. Diese Auffassung ist nicht unumstritten; sie ist vor allem im angelsächsischen Raum zu beobachten, wenn dort etwa vom Mythos Rhein oder vom Mythos Marilyn Monroe die Rede ist.
Die moderne Werbewirtschaft macht sich die Mythologisierung von Produkten zunutze.
Im Sinne der o.a. Bedeutung des Mythos im engeren Sinne gewinnen moderne Mythen in dem Grad an beispielhafter Plausibilität für die Gegenwart, in dem sie dem mythologisierten Objekt ihrer Darstellung eine irrational-übernatürliche Aura verleihen bzw. dieses im übertragenen Sinne "vergöttern".
Eng verwandt mit (modernen) Mythen, diesen aber nicht gleichzusetzen, sind moderne Sagen (sog. "urban legends",), hoax sowie auch Verschwörungstheorien. Modernen Sagen fehlt in nahezu allen Fällen das einen Mythos konstituierende Element des Eingriffs einer supranaturalen, metaphysischen Macht in das irdisch-alltägliche Menschheitsgeschehen. Sie werden darüber hinaus meist zu einem bestimmten politischen, psychologischen oder sozialen Zweck konzipiert und tradiert. Während Legenden ursprünglich stets den (im Lauf der Erzähltradition modifizierten) Lebenlauf eines/einer Heiligen zum Kern haben, ist eine Sage "eine volksläufige, zunächst auf mündlicher Überlieferung beruhende kurze Erzählung objektiv unwahrer, oft ins Übersinnlich-Wunderbare greifender, phantastischer Ereignisse, die jedoch als Wahrheitsbericht gemeint sind und den Glauben der Zuhörer ernsthaft voraus setzen." (Gero von Wilpert)
Als Gegensatz zum Mythos kann der Logos gesetzt werden, der anders als ein nicht nachprüfbarer Mythos dem rationalen Diskurs zugänglich ist und darüber mit Fakten in Bezug gesetzt werden kann. Die mythologische Wirklichkeit hingegen kann mit dem erweiterten Denken des Bewußtseins erforscht werden. Literaturwissenschaftlich ist dem Logos die wissenschaftliche Geschichtsschreibung zuzuordnen, während dem Mythos religionswissenschaftlich die "Glaubenslehre" einschließlich der dazu gehörenden religiösen Tradition bzw. die Soziologie zugeordnet wird.
Mythen werden in den Mythologien der Völker systematisch zusammengefasst, überliefert bzw. tradiert und vor allem gedeutet. Die Genesis des Pentateuch der Bibel enthält in diesem Sinne mythische Erzählungen, neben der von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen etwa die vom Garten Eden als literaturwissenschaftliche Gattung; allerdings wird die Bibel selbst nicht als Darstellung einer Mythologie angesehen, da die zugehörige Religion noch existiert (anderenfalls wäre die dementsprechende "Theologie" als Mythologie aufzufassen).
Platon (Gorgias 527a) und Aristoteles billigen dem Mythos nur noch die Möglichkeit einer Annäherung an die Wahrheit zu (siehe hierzu im Vergleich Logos). Platon erzählt im Timaios einen selbst verfassten Mythos von der Entstehung der Welt (Kosmogonie), von dem wesentliche Aspekte bis ins Christentum überlebt haben (etwa die Unsterblichkeit der Seele).
Die Aufklärung verstand den Mythos als kindliche Vorstufe zum begrifflichen Denken und hielt ihn durch dieses für überwunden. Die Dichter der Romantik allerdings griffen wieder auf griechische sowie nordische, später auch auf indische Mythen zurück. Auch nach Nietzsche ist das Unbehagen in der Kultur der Moderne Ausdruck des Mythosverlusts: "Dem mythenlosen Menschen der Moderne fehlt die Kraft der Abbreviatur, der Horizontbegrenzung, die der Mythos leistet. Der Mythos ist die Matrix des Weltbildes – er stellt ein Bild von der Welt und umstellt die Welt mit Bildern" (Norbert Bolz, Eine kurze Geschichte des Scheins, 1991).
Zu bedeutenden Mythenniederschriften gehören:
In der heutigen Forschung wird der Mythos als rituelle Wiederholung von Urereignissen gedeutet, als erzählerische Aufarbeitung menschlicher Urängste und -hoffnungen. In dieser Funktion hat er nach dem Urteil von Psychologen und Philologen einen unaufholbaren Vorsprung gegenüber Begriffssystemen. Mythen können als bildhafte Weltauslegungen und Lebensdeutungen in Erzählform allgemeine Wahrheiten enthalten.
Kurt Hübner legt in seinem Buch "Die Wahrheit des Mythos" als analytischer Philosoph eine systematische und inhaltliche (nicht: funktionalistische oder strukturalistische) Deutung des Mythos vor. Weiter setzt er sich kritisch mit den klassischen und aktuellen Mythosdeutungen, sowie mit den Ansprüchen der Naturwissenschaften auseinander. In Abgrenzung zur naturwissenschaftlichen Ontologie versucht er die Frage nach der Rationalität und Wahrheit des Mythos zu klären.
Der amerikanische Mythologe Joseph Campbell, Schüler des Indologen Heinrich Zimmer, untersuchen den Mythos aus tiefenpsychologischer Sicht. Campbell gilt dabei als einer der Begründer der Vergleichenden Mythologie, die Gemeinsamkeiten in Mythen aus aller Welt herauszukristallisieren versucht. Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade hingegen betont die grundsätzliche Eigenständigkeit mythischer Erfahrungen gegenüber wissenschaftlichen Methoden.
Spezialuntersuchung innerhalb der einzelfallbezogenen Biografieforschung:
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