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Mystik (vom lateinischen mysticus: unbeschreiblich, unaussprechlich, geheimnisvoll; bzw. dem griechischen Wort mystikos zu myein: (Augen und Lippen) schließen) bezeichnet die Suche nach und die Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer höchsten Wirklichkeit.

Von Mystik abgeleitet ist mystisch, ein Adjektiv, das manchmal im abwertenden Sinne gebraucht wird, um unverständliches, rätselhaftes und unsinniges Reden zu bezeichnen. Es kann auch nur geheimnisvoll bedeuten.

Merkmale und Vertreter von "Mystik"


"Mystik" kann Forschungsgegegenstand von Religions-, Kultur-, Geschichts-, Literaturwissenschaft und Theologie sein. Ein allgemeiner Konsens über die Begriffsverwendung herrscht nicht. "Mystik" findet zudem in der Allgemeinheit ihrer Erfahrungsdimension breites Interesse. Entsprechend vielfältig ist die auch populäre Literatur zum Thema, in welcher der Begriff "Mystik" in ganz unterschiedlichem Sinne verwendet wird. Gleichwohl lassen sich Merkmale und auch Vertreter benennen, die zumindest von vielen zur "Mystik" gezählt werden.

Religionsgeschichtliche Perspektive

Religionsgeschichtlich versteht man unter Mystik eine Sonderform religiöser Praxis, die mit einem bestimmten Frömmigkeitstypus verbunden ist.

Eine mystische Gotteserfahrung kennen u.a. Strömungen des Judentums, des Christentums und des Islams. Sie wird mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet: Feuer (Mose), Liebe (Johannesbriefe), göttliches Du, tiefstes Selbst (Augustinus, Gott als innerstes Innen), "sanftes, leises Säuseln" (1 Kön 19,12).

In den östlichen Religionen Buddhismus, Jainismus und teilweise im Daoismus werden mystische Erfahrungen einer letztendlichen Wirklichkeit ohne Bezug auf eine göttliche Wesenheit formuliert.

Christliche Mystik

Vertreter

In christlichen Kontexten werden meist als Mystiker angesehen:

  • Jesus von Nazareth ("Ich und der Vater sind eins.")
  • der Evangelist Johannes insbesondere wegen seiner Briefe
  • der Apostel Paulus seines Bekehrungserlebnisses wegen
  • der Kirchenlehrer Augustinus (Gott als innerstes Innen)
  • Franz von Assisi aufgrund seiner Kreuzesmystik und Stigmatisation
  • der Kirchenlehrer und Franziskanertheologe Johannes Bonaventura, der insbesondere aufgrund seines Buches "Pilgerreise der Seele zu Gott" als "Fürst aller Mystiker" gilt
  • der deutsche Theologe und Philosoph Meister Eckhart
  • der deutsche Mystiker Johannes Tauler (+1361), der zu Zeiten der Pest in Straßburg wirkte und einer stark nachgefragten privaten Frömmigkeit entgegenkam mit seiner Predigt von der Einheit des Menschen mit Gott (unio mystica), welche aktiv zu betreibende ethische Vervollkommnung erfordert.
  • der deutsche Mystiker Heinrich Seuse (1295-1366), von dem ein inneres Gnadenerlebnis, Esktasen und Askesen berichtet werden, welche wohl teils hagiographischen Ursprungs sind. Als Student am Studium Generale des Dominikanerordens ist er begeisterter Schüler Eckharts. Diesen verteidigt er gegen Kritiker und wettert selbst gegen die Brüder des freien Geistes, später gerät er wie Eckhart unter Häresieverdacht. Seine Schriften sind ihres poetischen Reichtums wegen bekannt und prägen ein noch immer verbreitetes Bild der "Deutschen Mystik". Sein "Büchlein der Wahrheit" war ein beliebtes Andachtsbuch im Mittelalter, seine geistliche Vita ist die erste in deutscher Sprache (wenngleich mit Einflüssen seiner geistlichen Tochter Elsbeth Stagel).
  • der unbekannte Autor des Werks »Gottesfreund im Oberland« (1346) gehört in den Zusammenhang der Laienfrömmigkeit einer nicht organisierten Gemeinschaft von Männer und Frauen, welche ethische Erneuerung und nicht klerikal gebundene Frömmigkeit suchten.
  • Nikolaus von der Flüe (Bruder Klaus) (1417-1487) zählt zu den letzten spätmittelalterlichen Mystikern. Wegen des päpstlichen Schismas waren weite Teile der Schweizer Eidgenossenschaft exkommuniziert, was Laienbewegungen Aufschwung brachte. Nikolaus wurde vom Mystikerkreis des Klosters Engelberg und den Straßburger Gottesfreunden beeinflusst. Von ihm werden asketisches Fasten und ein Turmerlebnis in Jugendjahren berichtet, sowie ein Lichterlebnis, das ihn zur Heimkehr aus der Einsiedelei bewegte. Er wirkte als politischer Berater, verband also Mystik und Politik. Neben Sprüchen und Reimgebeten sind eine nicht von ihm verfasste, aber seine oder verwandte Worte wiedergebende volkstümliche Erbauungsschrift überliefert.
  • die spanische Mystikerin Theresa von Avila (1515-1582) gründete Karmelitinnenklöster, darunter das erste Frauenkloster Spaniens, wirkte aktiv in der Seelsorge und verfasste geistliche Texte. Die "Innere Burg" beschreibt den Weg ins Innerste des Menschen. Sie ist bekannt für ihre Predigt der Freundschaft mit Gott.
  • der spanischen Mystiker Johannes vom Kreuz (1542-1591) wurde durch Theresa von Avila für Reformen des Karmelitenordens gewonnen, lebte streng asketisch und suchte eine leidenschaftliche Spiritualität. Seine ekstatischen Visionen schlugen sich in einer geistlichen Poesie nieder.

Auch moderne Autoren dem Christentum nahestehende Autoren schreiben erfahrungsbezogen über "Mystik". Dabei verschwimmen in populären Werken oft die Grenzen zur Esoterik (im alltagssprachlichen Sinn).

Nennenswert sind:

  • der Naturphilosoph Carl Friedrich von Weizsäcker
  • der Logiker und Philosoph Ludwig Wittgenstein, der durch den Schluss seines Tractatus logico-philosophicus berühmt wurde und in den privaten Einträgen seiner Tagebücher auch Thematiken reflektiert, die teils der "Mystik" zuzurechnen sind. Vielzitiert ist der Satz: "Es gibt allerdings auch Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische". Der Traktat schließt mit: "Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen"
  • die Autorin Rut Björkman
  • der Autor Rupert Lay

Merkmale
Wie diese Autoren mystische Erfahrung beschreiben divergiert extrem. Stärker sich auf christliche Traditionen beziehende Autoren beziehen sich auf einschlägige biblische Motive. Stellen wie „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8) aus den Seligpreisungen Jesu lassen sich dann auf eine Reinheit von Affekten, sinnlichen Wahrnehmungen und Handlungsmotiven beziehen, welche als Vorbedingung für oder identisch mit der Gottesnähe in mystischer Erfahrung beansprucht wird.

Hinduistische Mystik

Nach hinduistischen Lehren ist eine Einheitserfahrung mit dem göttlichen Brahman möglich. Diese Erfahrung ist in Worten kaum wiederzugeben, da Begriffe sie nicht fassen. Typische Beschreibungen bedienen sich Metaphern wie: das Bewusstsein weitet sich ins Unendliche, es ist ohne Grenzen, man erfährt sich aufgehoben in einer Wirklichkeit unaussprechlichen Lichts und unaussprechlicher Einheit (Brahman). Dieser Einheitserfahrung entspricht die Lehre der Einheit von Atman ("Seele") und göttlichem Brahman.

Dieses Einssein wird von verschiedenen Vertretern unterschiedlich aufgefasst:

  • pantheistisch: Wie ein Salzklumpen sich im Wasser auflöst, gehe der Atman im göttlichen Brahman auf.
  • panentheistisch: Die Seelen behalten einen Eigenstand, wenngleich mit dem Brahman unauflöslich verbunden.
  • monotheistisch: Einheit in Vielfalt. Qualitative Einheit und gleichzeitige individuelle Vielfalt, die der Seele eine ewige mystische Liebesverbindung mit Gott ermöglicht (Vishishta-Advaita).

Nach hinduistischer Lehre ist die alltägliche Wahrnehmung auf Vieles gerichtet, die mystische Erfahrung aber eine Einheitserfahrung. Das göttliche Eine ist in Allem gegenwärtig, jedoch nicht einfachhin erfahrbar. Es zu erfahren setzt voraus, die Wahrnehmungs-Art zu ändern. Dazu dienen Konzentrationstechniken des Yoga und die Askese (Enthaltung, Verzicht). Askese führt zur Freiheit gegenüber weltlichen Bedürfnissen. Dies kann Essen und Trinken, Sexualität oder Machtstreben einschränken.

Buddhistische Mystik

In der buddhistischen Mystik, die insbesondere in den Strömungen des Mahayana und Vajrayana verbreitet ist, geht es wie in allen buddhistischen Schulen nicht um direkte Erfahrung eines göttlichen Wesens. Die Natur des Geistes des Praktizierenden nämlich wird als jenseits von Dualität verstanden. Dies ist unbewusst, weil temporär verschleiert. Aus dieser Nichterkenntnis, auch grundlegende Unwissenheit genannt, entsteht die Vorstellung eines unabhängig von anderen Phänomenen existierenden Ichs. Damit geht das Auftreten der Geistesgifte Verwirrung/Dummheit, Hass, Gier, Neid und Stolz einher, die Ursachen allen Leidens. Ziel ist es, die Geistesgifte in ursprüngliche Weisheit umzuwandeln, die Ich-Vorstellung aufzulösen und die den unerleuchteten Wesen eigene Aufspaltung der Phänomene in Subjekt und Objekt zu überwinden. Die den fühlenden Wesen innewohnende, bis dahin verschleierte Buddhanatur wird als immer schon zugrundeliegend erkannt. Wer dies erreicht wird erleuchtet oder schlicht Buddha genannt. Praktiken wie Meditation, Gebet, Opferdarbringungen, verschiedene Yogas und spezielle tantrische Techniken sollen dies ermöglichen.

Islamische Mystik

Vertreter des Sufismus (islamische Mystiker) lehren, dass Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist. Dieser Funke wird durch die Liebe zu allem, was nicht Gott ist, verschleiert, etwa durch Wichtignehmen der (materiellen) Welt, sowie durch Achtlosigkeit und Vergesslichkeit (siehe Nafs). Nach dem Propheten Muhammad sagt Gott den Menschen: „Es gibt siebzigtausend Schleier zwischen euch und Mir, aber keinen zwischen Mir und euch.“

Die meisten Sufis praktizieren eine tägliche Übung namens Dhikr, was Gedenken (also Gedenken an Gott, bzw. Dhikrullah) bedeutet. Dabei rezitieren sie bestimmte Stellen aus dem Koran und wiederholen eine bestimmte Anzahl der neunundneunzig Attribute Gottes. Darüber hinaus kennen die meisten sufischen Orden (Tariqas) ein wöchentliches Zusammentreffen in sogenannten Tekkes, bei dem neben der Pflege der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Gebet ebenfalls ein Dhikr ausgeführt wird. Je nach Orden kann dieser Dhikr auch Musik, bestimmte Körperbewegungen und Atmungsübungen beinhalten.

Eine bekannte islamische Mystikerin ist Rabia al-Adawiyya al-Qaisidiyya .

Jüdische Mystik

Im Judentum hat die Mystik besonders in der Kabbala eine breite Tradition. Mehr auf rationale Durchhellung des Glaubens bedachte Denker haben diese Bewegung oft kritisiert.

Nennenswerte Vertreter und Quellen sind:

Religionsunabhängige Tendenzen

Spezielle Aspekte


Mystik und Lebenswelt

Weltabgewandtheit durch die Vermeidung von körperlichen Freuden durch Fasten, Askese und Zölibat oder durch den Rückzug in die Einsamkeit als Eremit hat in vielen Religionen eine lange Tradition. Oft wird beansprucht, eine solche Haltung sei Vorbedingung mystischer Erfahrung. Andere Traditionen betonen die Zusammengehörigkeit von Kontemplation und aktivem Leben. Die christliche Theologie spricht in diesem Zusammenhang von "vita activa" und "vita passiva". Beide Seiten gehören etwa für Meister Eckhart stets zusammen. Teilweise wird auch ein wesentlicher Zusammenhang von Mystik und Politik beansprucht, wie er sich etwa bei Nikolaus von Flüe und Meister Eckhart findet. Auch Traditionen des Zen betonen, dass Spiritualität und Alltag nicht entkoppelt werden dürfen. So beschreiben etwa die Verse "Der Ochse und sein Hirte" den Entwicklungsweg eines Zen-Schülers im alten Japan und enden mit der Rückkehr auf den Marktplatz. Auch der Zen-Meister Willigis Jäger betont: "Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg."

Erfahrung und Erfahrenes

In der mystischen Erfahrung lassen sich Erfahrung und Erfahrenes unterscheiden. Die christliche Mystik bezeichnet die Erfahrung als Mysterium oder Unio Mystica, im buddhistischen Kulturraum wird sie etwa als Satori oder Kensho benannt, im hinduistischen Raum als Nirvikalpa Samadhi. Sie bezieht sich immer auf das Erfahrene, die höchste Wirklichkeit, die im christlichen Kulturraum mit Gott, im buddhistischen Raum etwa mit Nirwana, im hinduistischen Raum mit Atman/Brahman bezeichnet wird. Diese höchste Wirklichkeit wird stets vor einem spezifischen Hintergrund (Religion, Kultur) erfahren. Aus phänomenologischer Sicht ist daher unentscheidbar, ob die in unterschiedlichen Strömungen beschriebene höchste Wirklichkeit identisch ist und gleich erlebt wird.

Abgrenzung zur Prophetie

Die von religiösen Strömungen im Judentum und Christentum beanspruchte mystische Erfahrung wird als Glaubenserfahrung verstanden, als intensive Form der Spiritualität. Dabei wird teilweise beansprucht, das Göttliche nicht mehr personal zu erfahren. Dieses Merkmal kann zur religionsphänomenologischen Abgrenzung von Prophetien dienen, da hier Gott stets als personales Gegenüber erfahren wird.

Mystik und Unsagbarkeit

Viele Berichte von mystischer Erfahrung betonen, dass kein Begriff und keine Aussage das Erfahrene auch nur annähernd beschreibt. Das Erfahrene ist, abhängig von soziokulturellen Bedingungen, vielfältig beschreibbar.

Vor theistischem Hintergrund liegt der Name Gott nahe. Atheisten sprechen etwa von der wahren Natur allen Seins oder der tiefen kosmischen Einheit aller Dinge. Gleichwohl heben viele Beschreibungen die Erfahrungsweise von weltlicher Objekterkenntnis ab. Beispielsweise, da hier kein Ich einem Höheren gegenüberstehe, sondern von diesem Höheren "umfasst" werde. Bei gleichzeitiger Nichtbenennbarkeit und dem Verlangen, von der Erfahrung dennoch nicht nur zu schweigen, bedient sich Mystik oft ungewöhnlicher Stilmittel.

  • Verschiedene biblische Texte sprechen von der Entzogenheit, Unsichtbarkeit, Nichtabbildbarkeit und Unnennbarkeit Gottes. (Beispielsweise 1 Tim 6,16: "Gott, der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat.")

  • Buddha hat das mystisch Erfahrene nicht als göttlich bezeichnet. Die höchste Wirklichkeit sei kein göttliches Wesen, das mit Verstand und Willen ausgestattet sei und handele, sondern alles überstrahlender Friede und Glückseligkeit. Die höchste Wirklichkeit bewahre Menschen auch nicht vor Unglück oder befreie auch nicht aus Lebensgefahren, wenn man sie in Gebeten inständig darum bäte, sondern in der Welt geschehe viel unabänderliches Leid, und dennoch sei alles in dieser höchsten Wirklichkeit geborgen. Die höchste Wirklichkeit erschaffe auch nicht die vielen Weltdinge wie die Quelle einen Bach hervorbringe oder wie ein Künstler sein Kunstwerk erschaffe. Über die Entstehung der Weltdingen sei nichts wissbar. Die höchste Wirklichkeit sei einfach da als souveräne, unantastbare, absolut erfüllende Wirklichkeit, die prinzipiell von Menschen wahrgenommen werden könne. Aus der mystischen Erfahrung heraus werden alle Phänomene auch als Leerheit (Nichts) beschrieben, in dem Sinne, dass sie leer von einem ihnen innewohnenden Sein sind. Das mystisch Erfahrene wird auch als Wirklichkeit beschrieben, in der es kein Leid, keinen Tod und keine Entwicklung mehr gibt, die eine absolute Erfüllung und Seligkeit bedeutet – ganz anders jeoch, als man sich Glückseligkeit vorstellen könnte und zu sagen wüsste.

  • Von Thomas von Aquin, dem wirkungsgeschichtlich bedeutenden mittelalterlichen Theologen, wird legendarisch berichtet, er habe nach einer mystischen Erfahrung seine Bücher verbrennen wollen, da er dadurch erkannt habe, dass alle Gott zuschreibbaren Begriffe mehr falsch als richtig sind. Tatsächlich reflektiert die thomanische Analogielehre die Beschreibbarkeit und Unbeschreibbarkeit Gottes.

  • In philosophisch-theologischen Traditionen reflektiert die "negative Theologie" auf diesen Widerspruch. Wichtige Vertreter sind (wobei die Zuordnungen teils umstritten sind) Nikolaus von Kues, Meister Eckhart.

Mystik und Rationalität

Häufig werden Mystik und Rationalität einander entgegengesetzt. Eine Beurteilung des Verhältnisses ist abhängig davon, wie beide Begriffe verstanden werden.

Viele mittelalterliche Autoren unterscheiden ratio (Verstand) und intellectus (Vernunft) in der Weise, dass die ratio als diskursives Vermögen verstanden wird, das Unterscheidungen trifft, während der Intellekt höheren Ranges ist, weil auf Einheit ausgerichtet. Dass mystische Erfahrung kein Fall diskursiven Erkennens sein kann, wird von keinem Mystiker bestritten. Eine solche Trennung der Hierarchien ermöglicht, den Anschein eines Gegensatzes aufzulösen. Oft wird für mystische Erfahrung eine höhere (nämlich absolute) Gewissheit gegenüber sonstigem für wahr gehaltenem reklamiert.

Bezieht man Rationalität auf die aristotelisch durchformte Wissenschaftskultur des Mittelalters, so stehen dieser viele Mystiker aus Kontexten mittelalterlicher Laienbewegungen fern. Auch viele Mystiker, welche sich philosophisch-theologisch artikulieren, suchen Denkformen, welche der aristotelischen Wissenschaftstheorie ferner stehen und stärker einem weisheitlichen Konzept des Wissens und höchsten Wissens nahestehen. Einige greifen dazu zurück auf die Konzeptionen von Augustinus, Boethius und der sogenannten "Schule" von Chartres.

In modernen Konteten unterscheidet sich ein Zugang zur höchsten Wahrheit durch unmittelbare individuelle Erfahrung von der Methodik neuzeitlicher Wissenschaft, da diese Verallgemeinerbarkeit und Reproduzierbarkeit beansprucht.

Spezifika mystischer Erfahrung

Mystische Erfahrung und andere Bewusstseinszustände

  • Sinnliche Wahrnehmung
Mystiker sprechen in der Regel von ihrer Erfahrung in Bildern ihres Kulturkreises. Dies haben sie mit jeder Erfahrung und jeder Versprachlichung von Erfahrung gemein. Viele Mystiker betonen zudem die Notwendigkeit, von allein Bildern zu lassen. Bekannt dafür ist in christlichen Kontexten Meister Eckhart. Der historische Buddha soll seine Schüler mit folgenden Worten motiviert haben, von den Erscheinungsbildern zur eigentlichen Erleuchtung weiterzugehen: ’’Wenn dir Buddha begegnet, töte ihn.’’

  • Halluzination
Halluzinationen sind Erlebnisse, welche die Psyche im Wachzustand produziert. Daher sind sie von mystischen Erlebnissen schwer unterscheidbar. Anhand einer Reihe von Merkmalen wie Inhalte der Erfahrung, Dauer, Kommunikationsfähigkeit, Ausdruck, Vokabular und Emotionalität versucht man Unterschiede zwischen mystischen und psychotischen Zuständen zu fassen. Als wesentlich für mystische Erfahrungen wird etwa die Umorganisation handlungsleitender Motive, Affekte, Welt- und Selbstbildvorstellungen beansprucht. Ob mystische Erfahrung nur eine Halluzination ist, lässt sich objektiv nicht klären.

Die mystische Erfahrung ist weder eine Erfahrung im schlafenden Zustand, noch eine im trancehaften Zustand oder der Hypnose. Diese Zustände zeichnen sich besonders durch eine auf bestimmte Bewusstseinsinhalte eingeschränkte Aufmerksamkeit aus. Das Erlebnis mystische Erfahrung wird dagegen oft als sehr wach und aufmerksam beschrieben. Physiologisch bestehen aber Ähnlichkeiten zwischen den Zuständen während Meditation und Schlaf.

Siehe auch


Literatur


Primärtexte

Siehe unter den Einträgen zu den entsprechenden Autoren.

Lesebücher

  • René Bütler: Mystik der Welt. Quellen und Zeugnisse aus vier Jahrtausenden. Ein Lesebuch der mystischen Wahrheiten aus Ost und West. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08757-7

Nachschlagewerke

  • Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Wörterbuch der Mystik. 2. Aufl. Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-45602-8

Einführende Literatur

  • Annemarie Schimmel: Wie universal ist die Mystik? Die Seelenreise in den großen Religionen der Welt. Herder, Freiburg im Breisgau u.a. 1996, ISBN 3-451-04484-6

Spezielle Literatur

  • Karl Albert: Einführung in die philosophische Mystik. WBG, Darmstadt 1996, ISBN 3-534-12948-2
  • Peter Widmer: Mystikforschung zwischen Materialismus und Metaphysik. Eine Einführung. Herder, Freiburg i.Br. u.a. 2004, ISBN 3-451-28322-0

Islam (Sufismus)

  • Annemarie Schimmel: Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. 2. Aufl. Beck, München 2003, ISBN 3-406-46028-3
  • Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. Insel, Frankfurt a.M. u.a. 1995, ISBN 3-458-33415-7

Christentum
= Fachliteratur
=
  • Peter Dinzelbacher: Christliche Mystik im Abendland. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Schöningh, Paderborn u.a. 1994, ISBN 3-506-72016-3
  • Kurt Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik. 5 Bde. Beck, München 1990-1999.
  • Dietmar Mieth: Die Einheit von vita activa und vita contemplativa in den deutschen Predigten und Traktaten Meister Eckharts und bei Johannes Tauler, 1969.
= Populäre Literatur
=
  • Peter Reiter: Geh den Weg der Mystiker. Via Nova, Petersberg, 2. Auflage 2003 (1. Auflage 2001 im Hermann Bauer Verlag), ISBN 3-936486-37-9
  • Jim Marion: Der Weg zum Christusbewusstsein. Eine Landkarte für spirituelles Wachstum in die Tiefe der Seele. Via Nova, Petersberg, 1. Auflage 2003, ISBN 3-936486-27-1

Judentum (Kabbala)

  • Daniel C. Matt (Hrsg.): Das Herz der Kabbala. Jüdische Mystik aus zwei Jahrtausenden. Barth, Bern u.a. 1996, ISBN 3-502-65450-6
  • Gershom Scholem: Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Studien zu Grundbegriffen der Kabbala. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1977, ISBN 3-518-07809-7

Buddhismus

  • Daisetz T. Suzuki: Der westliche und der östliche Weg. Über christliche und buddhistische Mystik. Neuaufl. Ullstein, Frankfurt am Main u.a. 1995.

Populäre und sonstige Literatur

  • Timothy Freke, Peter Gandy: Die Welt der Mystik. Die mystischen Traditionen von Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum, Schamanismus. Goldmann, München 2001, ISBN 3-442-21540-4
  • Georg Schmid: Die Mystik der Weltreligionen. Eine Einführung. 4. Aufl. Kreuz, Stuttgart 2000, ISBN 3-7831-1016-5
  • Götz, Thomas Josef, Gerold, Thomas (Hrg.), Die Mystik im Buddhismus und im Christentum. Und Aspekte des interreligiösen Dialogs. ISBN 3-8306-7232-2, EOS-Verlag St. Ottilien.
  • Monika Renz:Grenzerfahrung Gott: Spirituelle Erfahrungen in Leid und Krankheit. 3. Aufl. Herder, Freiburg i.Br. 2006, ISBN 3-451-05341-1 (Resultat eines Forschungsprojekts am Kantonsspital St. Gallen, Schweiz. Spirituelle und mystische Erfahrung bei 135 schwerkranken oder sterbenden Patienten)
  • Michael Utsch: Religiöse Fragen in der Psychotherapie. Psychologische Zugänge zu Religiosität und Spiritualität. Stuttgart: Kohlhammer 2005, ISBN 3-17-017524-6

Weblinks


Überblicke

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