Astarte.jpg, Relief aus Ugarit, ca. 2000 v.Chr.]]
Der Mutterarchetyp (auch: "Große Mutter", "Urmutter") ist einer der wichtigsten Archetypen in Carl Gustav Jungs Analytischer Psychologie.
Charakteristik
Er steht für die insbesondere im männlichen
Unbewussten verankerte Vorstellung einer gebärenden, Schutz gewährenden Frau, hat aber auch
ambivalente und
negative („nefaste“) Aspekte, so etwa in der Form der zerstörenden, verschlingenden Mutter. Kennzeichnend für „das Mütterliche“ sind „das Gütige, Hegende, Tragende, das Wachstum, Fruchtbarkeit und Nahrung spendende“, „die Weisheit und die geistige Höhe jenseits des Verstandes“, „die magische Autorität des Weiblichen“. Der Archetyp steht für eine „Stätte der magischen Verwandlung, der Wiedergeburt“, für „den hilfreichen Impuls, das Geheime, Verborgene, das Finstere, den Abgrund, die Totenwelt“, aber auch das „Verschlingende, Verführende, Vergiftende, das Angsterregende und Unentrinnbare“.
Bei Jungen steht der Mutterarchetyp in enger Verbindung zur Anima, einem weiteren wichtigen Archetyp, der die weiblichen Züge in der Psyche des Mannes verkörpert. Die Herauslösung der Anima aus dem Mutterarchetyp stellt einen wichtigen Schritt im männlichen Entwicklungsprozess dar.
Erscheinungsformen
Als Erscheinungsformen auf einer alltäglichen Ebene nennt Jung neben der persönlichen Mutter
Stief- und
Schwiegermutter,
Amme und
Kinderfrau; dazu kommen die
Ahnfrau, die
Weiße Frau der Volksmythen. Auf einer höheren Ebene schlägt sich der mütterliche Anima-Archetyp in allen Formen weiblicher
Gottheiten nieder, angefangen von
Isis,
Kybele,
Astarte,
Parvati,
Mitra und
Al-Lat
über
Gaia und
Demeter,
Hera und
Aphrodite bis hin zur christlichen
Mutter Gottes (vgl. auch
Liste der weiblichen Gottheiten).
Aber auch Abstrakta wie Kirche ("Heilige Mutter Kirche") und Universität ("Alma mater"), das (eigene) Land (bzw. Stadt) werden genannt, weiter Himmel und Erde, Wald, Meer und stehende Gewässer, die Materie, die Unterwelt und der Mond. Dazu kommen als "Geburts- und Zeugungsstätten" Acker, Garten, Fels, Höhle, Baum, Quelle, tiefe Brunnen sowie das christliche Taufbecken. Weitere Ausprägungen der Mutter-Archetyps sind nach Jung "hilfreiche" Tiere wie Kuh und Hase, aber auch viele Blumen, insbesondere wenn sie als "Gefäß" auftreten (Rose, Lotos) oder in Mandalas aufgegriffen werden, sowie überhaupt jede - an die Gebärmutter erinnernde Hohlform wie Topf, Backofen oder auch die (Schrauben)mutter
Ambivalente Mutter-Archetypen sind insbesondere die in vielen Kulturen anzutreffenden Schicksalsgötinnen wie Parzen, Nornen oder Graien. Als Nefaste Mutter-Archetypen werden alle verschlingenden bzw. umschlingenden Tiere wie Drachen, Schlangen und große Fische (vgl. Jonas und der Wal) betrachtet, weiter das Grab, der Sarkophag, wie Wassertiefe, der Tod, Hexen und Nachtmahre sowie alle Arten von „Kinderschreck“.
Wirkungen
Der Mutter-Archetyp entfaltet Wirkung zum einen in
Träumen, dort insbesondere auch in seiner nefasten Ausprägung, etwa als den Träumer verschlingendes Meer. Aber auch die
Mythen,
Sagen und
Märchen aller Völker sind voll von
Göttinnen, weisen Frauen,
Hexen,
Drachen, von verwunschenen
Wäldern und
Gärten, von geheimnisvollen
Höhlen,
Brunnen und dergleichen. Eine besondere, in gewisser Weise redundante Ausprägung erfährt der Mutter-Archetyp in der Gestalt der
Wasserfrau, vgl. auch
Nixe und
Meerjungfrau. Die - erfolgreiche - Herauslösung der Anima aus dem Mutterarchetyp wird insbesondere in den verbreiteten
Märchen und
Sagen thematisiert, in denen ein Ritter einen
Drachen (=Mutterarchetyp) töten muss, um die Hand einer Prinzessin (=
Anima) etc. zu gewinnen.
In der neueren Belletristik wird die Große Mutter, der Mutterarchetyp insbesondere in Hermann Hesses Roman Demian thematisiert, wo er als "Frau Eva" auftritt.
Pathologische Folgen
Nach Jung
projiziert das Kind häufig den im
kollektiven Unbewussten der Menschheit angelegten Mutter-Archetyp auf seine persönliche Mutter bzw. deren Vertreterin und schreibt ihr dadurch Eigenschaften zu, die ihr selbst gar nicht anhaften. Dies kann zur Entwicklung kindlicher
Neurosen führen und insbesondere die Entstehung eines
Mutterkomplexes begünstigen. Ähnliche Wirkungen sind zu erwarten, wenn die entwicklungspsychologisch erforderliche Herauslösung der Anima aus dem Mutterarchetyp nicht gelingt.
Der so entstandene Mutterkomplex wiederum kann gemäß der jungianischen Theorie bei Jungen u.a. zu Homosexualität, Donjuanismus und Impotenz führen, bei Mädchen zu einer Hypertrophie des Mütterlichen („Bemutterung“ der eigenen Kinder), zu einer Übersteigerung des Eros, zu einer übertrieben engen Bindung an die eigene Mutter, aber auch zu deren völliger Ablehnung.
Literatur
- Carl Gustav Jung, Die psychologischen Aspekte des Mutter-Archetyps (1938), abgedruckt in: C.G.Jung, Archetypen, München 1990, ISBN 342335125X, S. 75ff.
- Erich Neumann, Die große Mutter, ISBN 3530608629
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