| Muscheln | ||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| : | Bilateria |
| Stammgruppe: | Urmünder (Protostomia) |
| : | Lophotrochozoen (Lophotrochozoa) |
| : | Weichtiere (Mollusca) |
| : | Schalenweichtiere (Conchifera) |
| : | Muscheln |
Die Muscheln (Bivalvia) sind eine Klasse der Weichtiere (Mollusca). Merkmale der Klasse sind zwei Kalkschalen und ein weitgehend reduzierter Kopf. Sie leben weltweit in Salz- (zu 80%), Brack- und Süßwasser und sind meist zwischen 0 und 100 m, selten bis -11.000 m Wassertiefe zu finden. Muscheln leben im Meeresgrund, sind an ihm festgewachsen oder liegen frei auf ihm. Die meisten Muschelarten ernähren sich von Plankton, das sie mit ihren Kiemen aus dem Wasser filtern.
Der Mensch nutzt Muscheln als Nahrungsmittel, als Ausgangsmaterial für Schmuck z.B. als Perlenliefernat, Souvenir und früher auch als Muschelgeld.
Die Klasse enthält etwa 7.500 - 10.000 rezente und 20.000 fossile Arten die in 105 Familien eingeteilt werden.
Die rezenten Muscheln sind aus sedimentgrabenden Vorformen entstanden. Diese hatten als Anpassung an das Leben im Meeresboden den Kopf bis auf die Mundöffnung und die Mundlappen zurückgebildet. Modernere Formen stellten auf eine Ernährung durch Filtration um. Evolutiv haben sich aus einfachen Fiederkiemen zur Atmung die komplexeren Faden- und Blattkiemen zur Filtration entwickelt.
Während der Kreidezeit bildeten schnellwachsende Muscheln riffähnliche Strukturen die mit heutigen Korallenriffen vergleichbar sind. Diese Muscheln lebten teilweise in Symbiose mit Photosynthese treibenden Einzellern. Ihre Schalen besitzen lichtleitende Elemente.
In vielen Gesteinen zählen Muscheln zu den besonders häufigen Fossilien, da ihre Schale sich gut erhält. Sie dienen deswegen als Leitfossilien, werden von Laien aber oft mit den ähnlichen Armfüßern (Brachiopoda) verwechselt.
Die Evolutionsgeschwindigkeit der Muscheln ist sehr unterschiedlich, während Leitfossilien eine durchschnittliche Überlebensdauer der Art von 0,3 bis 1 Mio. Jahre besitzen, sind einzelne Gattungen langlebig. Die Gattungen Gryphaea ist seit dem unteren Jura (195 Mill. Jahre), die Gattung Spondylus seit dem Perm (285 Mio. Jahre) und Lima seit dem Oberen Karbon (320 Mio. Jahre) nachgewiesen.
Das ursprüngliche, taxodonte Schloß der Muscheln besitzt eine große Zahl kleiner, gleichförmiger Zähnchen, während hoch abgeleitete, heterodonte Formen aus wenigen Hauptzähnen und bis zu vier leistenförmige Seitenzähnen besteht oder gar keine Zähne besitzen.
Der Mantelrand besteht aus drei Falten, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen: Die äußerste Randfalte bildet Schale und Schalenhaut (Periostracum), die mittlere dient der Wahrnehmung sensorischer Aufgaben und die innere Falte reguliert den Wasserstrom in den Mantelraum.
Der Mantelrand ist bei den meisten Arten hell-dunkel-empfindlich. Bei schwimmenden Muscheln, wie Kamm- (Pecten) und Feilenmuscheln (Lima), die genauere Informationen über ihre Umgebung brauchen, ist der Mantelrand mit einfachen Ocellen (Punktaugen) besetzt. Bei der Gattung Arca können es über 200 Augen sein.
Ursprünglich verlaufen die Mantelränder getrennt und parallel zum Schalenrand (integripalliat). Abgeleitet sind bei den meisten Arten die aneinander liegenden Mantelränder mehr oder weniger miteinander verwachsen. Zum Teil bleiben nur drei Öffnungen bestehen: zwei Öffnungen am hinteren Ende der Muschel, durch die Atemwasser und Nahrung in den Mantelraum ein- und -durch die Kiemen gefiltert- wieder ausströmen, sowie einer Öffnung für den Fuß.
Der Mantelrand um Atemöffnungen des Mantels sind bei grabenden oder bohrenden Muschelarten oft schlauchförmig verlängert, so dass die Muschel auch im Substrat mit Atemwasser und Nahrung versorgt ist. Die schlauchförmigen Mantelfortsätze bezeichnet man als Siphonen, man unterscheidet einen zuführenden Sipho (Ingestionssipho) und einen ausführenden Sipho (Egestionssipho). Beide können zu einer einziehbaren Doppelröhre verwachsen sein, die im ausgestreckten Zustand länger sein kann, als die Muschel selbst.
Damit dieser Siphon bei Gefahr in die Schale zurückgezogen werden kann, musste die Ansatzlinie der Mantelrandmuskeln nach innen ausweichen. Diese zurückgewichene Ansatzlinie ist in der Schale anhand einer mehr oder weniger ausgeprägten Mantelbucht der Mantellinie zu erkennen (sinuspalliat).
Sandklaffmuscheln (Mya arenaria) leben so z.B. eingegraben im Substrat des Wattenmeers und versorgen sich über die Siphone mit Nahrung. Werden sie aus dem Substrat ausgespült, müssen sie sterben. Im Gegensatz dazu lebt die Gemeine Miesmuschel (Mytilus edulis) auf dem Substrat und besitzt daher keine Siphone. Wird sie vom Substrat bedeckt, muss sie ihrerseits sterben.
Im Mantelrand der Riesenmuscheln (Tridacna) leben symbiotische Algen (Zooxanthellen), die von der Muschel geschützt werden, die im Gegenzug dafür in den Genuss der Photosyntheseprodukte der Algen kommt.
Kiementypen:
Kalzit tritt auch abgeleitet in der mittleren Prismenschicht auf und zwar bei den Anisomyaria und den ausgestorbenen Hippurtoida. Die Kalzit- und Aragonitkristalle sind in der Prismenschicht in kleinen, eckigen Säulen (Prismen) angeordnet, die mehr oder weniger senkrecht nach außen zeigen.
Das äußere Periostracum besteht aus organischem Conchiolin und kann verschieden ausgeprägt sein. Am häufigsten wird eine dünne Haut ausgebildet, es kommen aber auch "Haare" (z.B. Bärtige Archenmuschel und lappige Vorhänge z.B. Solemya togata vor.
Es werden bis zu 9 verschiedene Schlosstypen unterschieden:
Die Mantellinie veränderte sich von einer einfachen gebogenen Linie, die die beiden Schließmuskelabdrücke verbindet, (integripalliat vgl. Foto Herzmuschel) hin zu einer eingebuchteten Form (sinupalliat vgl. Zeichnung).
Folgende Fortbewegungsarten sind bei Muscheln beobachtet worden:
Die im Süßwasser lebenden Muschelarten zeigen sehr unterschiedliche Fortpflanzungs- und Entwicklungsmethoden. Diese Muschelgruppen, ebenso wie die im Süßwasser und an Land lebenden Schneckengruppen, haben sich im Verlauf ihrer Entwicklung stark an die wechselhaften Lebensbedingungen, die das Süßwasser von den relativ konstanten Bedingungen im Meer unterscheiden, angepasst. Die Gruppe der Flussmuschelverwandten (Unionacea), zu denen die in Mitteleuropa heimischen Großmuscheln (Maler-, Bach-, Teich- und Flussperlmuscheln) gehören, entwickelt sich über ein parasitisches Larvenstadium, die so genannten Glochidien, die sich zur weiteren Entwicklung erfolgreich an einem vorbeischwimmenden Fisch festheften müssen.
Im Gegensatz dazu sind die meisten im Süßwasser lebenden Kleinmuscheln (Erbsenmuscheln (Pisidium) und Kugelmuscheln (Sphaerium) zwittrige Tiere, die lebende Larven gebären (Ovoviviparie). Die zu den Dreikantmuscheln gehörende Wandermuschel (Dreissena polymorpha) hingegen entwickelt sich, wie ihre meereslebenden Verwandten, über ein veligerähnliches planktontisches Larvenstadium.
Die Art Enigmonia aenigmatica (HOLTEN, 1803) (eine Anomiidae) lebt in der Gezeitgischt auf Mangrovenblättern im Indopazifik und entspricht am ehesten einer Lebensweise an Land.
Muscheln leben als erwachsene Tiere überwiegend sessil (festsitzend), teils an festen Oberflächen, beispielsweise Felsen oder Steinen, teils im Sand oder Schlick. Sie gehören also zum Benthos. Sie sind von der Gezeitenzone bis in die Tiefsee verbreitet.
Die urtümlichen Muscheln aus der Unterklasse Protobranchia sammeln mit verlängerten Mundlappen vom umgebenden Substrat essbare Partikel, wie Protozoen, Eier, Larven, und verdaulichen Detritus ein. Die Nahrung gelangt anschließend über eine Wimperrinne zur Mundöffnung.
Die meisten höher entwickelten Muscheln ernähren sich ausschließlich durch Filtration ihres Atemwassers. Im Mantelraum und auf den Kiemen gelegene Wimpern erzeugen einen gerichteten Wasserstrom, der durch eine Atemöffnung eintritt und durch die andere wieder austritt. Feste Teilchen im Atemwasser werden an den Kiemen aufgefangen und gelangen in einem Schleimpaket zur Mundöffnung. Die verwertbaren Partikel, meist Plankton werden verdaut, der Rest in Kotschnüren ausgeschieden. Aufgrund ihrer Ernährung durch Filtration kommen Muscheln mit sehr großen Wassermengen in Kontakt, was sie besonders empfänglich für im Wasser enthaltene Schadstoffe macht und als Bioindikatoren prädestiniert.
Die Bohrmuscheln (Teredinidae) verwerten mit speziellen Enzymen das Holz in dem sie bohren.
Einige wenige Arten der Anomalodesmata und Septibranchia sind Jäger die aktiv kleine Krebstiere einsaugen.
Die Riesenmuscheln (Tridacna) und Arten der Gattung Solemya leben mit symbiontischen, Photosynthese betreibenden Algen im Mantelrand und Tiefseearten an Black smokern halten sich Sulfidbakterien in speziellen Strukturen ihrer Kiemen.
Menschen aus vielen historischen und prähistorischen Kulturen haben in ihren Küchenabfällen Beweise hinterlassen, dass Muscheln regelmäßig konsumiert wurden. Heute dienen viele Arten von Muscheln auch in der westlichen Welt besonders Miesmuscheln, Austern, Venusmuscheln, Messermuscheln und Kammmuscheln als Nahrung für Menschen. Sie werden als Delikatessen gegessen. Allein in Europa werden jährlich um 100.000 t Miesmuscheln verzehrt. Die Zucht von Muscheln auf Muschelbänken ist heute (besonders Austern und Miesmuscheln, die auch natürlich solche Bänke bilden) ein wichtiges Gewerbe an nahezu allen Küsten der Welt.
Siehe auch: Austernzucht.
Oyster culture in Belon, France 03.jpg
Neben der Nutzung als Nahrungsmittel ist die Verwendung von Muschelteilen besonders Perlen und Perlmutt als Schmuck von Bedeutung. Auch diese hat eine lange Tradition. Beispielsweise wurden im Neolitikum in Europa Muschelschalen über weite Strecken als Handelsware transportiert wie Funde der Schalen von Spondylus in der Bandkeramischen und Tisza-Kultur zeigen. Spondylus princeps, die an der Küste von Ecuador vorkommen besaßen eine große Bedeutung für die Menschen der präkolumbischen Zeit. Zu den Funden der asiatischen Merhgarh Kultur des frühesten Neolithikums gehört ebenfalls Schmuck aus Meeres-Muscheln. Vertreter der Unionoida und Pteriidae sind seit jeher natürliche Quellen für Perlen und Perlmutt. Die hohe Wert von Perlen der Flussperlmuschel führte dazu sie in einigen Regionen der heutigen Bundesrepublik Deutschlands im Mittelalter unter Schutz gestellt und Wilderei massiv etwa durch das Abhacken der Hand bestraft wurde. Ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. wurden in China so genannte "Buddha-Perlen" in Süßwassermuscheln (wie z.B. Hyriopsis cumingii) gezüchtet, aber erst der Japaner Kokichi Mikimoto schaffte es, in den frühen 1920er Jahren die ersten vollrunden Zuchtperlen auf den Markt zu bringen und damit den die Grundlage der heutigen Perlenzucht und des Handels mit Perlen zu legen.
Auch negative Auswirkungen vom Muscheln auf den Menschen und seine Technik sind bekannt. Ein Beispiel für Bioerosion ist der Schiffsbohrwurm (Teredo navalis), der sich vom Holz von Schiffen, Stegen oder hölzernen Deichtoren ernährt und durch seine langen Gänge das Holz brüchig macht. Seine Einschleppung aus Amerika führte zu einer Revolution des Schiffsbaus, sein derzeitiges Vordringen in die Ostsee ist ein aktuelles Problem der Unterwasserarcheologie, da er dort historisch bedeutsame Holzschiffreste zerstört.
Vielen Kulturen, etwa die Ureinwohnern Nordamerikas, besaßen eine eigene Muschelwährung, da sie durch Seltenheit und Schmuckwert geschätzt wurden. Dadurch wurde etwa der englische Begriff "shell out" für „bezahlen" geprägt.
| Energiegehalt und Nährstoffe pro 100g in g, (unfrittiert) | (verzehrbaren Anteil für Frischware)
||||
|---|---|---|---|---|
| Art | kj | Protein | Fett | Kohlehyd. |
| Jacobsmuschel | 336 | 11,9 | 1 | 5,5 |
| Klaffmuschel | 288 | 11,1 | 1,4 | 2,6 |
| Miesmuschel | 292 | 10,2 | 1,5 | 3,4 |
| Venusmuschel | 340 | 11,1 | 1,1 | 6,4 |
Das Wappen von Guinea-Bissaus beinhaltet eine stilisierte Kammmuschel als Symbol für die Lage des Landes an der Küste Afrikas. Auch der Ölkonzern Shell verwendet eine stilisierte Kammmuschel im Firmenlogo - allerdings auf dem Kopf.
Im wesentlichen sind heute drei Systematiken in Gebrauch, die sich auch in den besseren Werken für Muschelsammler und wissenschaftlichen Publikationen wiederfinden. J. Thiele Handbuch der systematischen Weichtierkunde, 1935 ist etwas veraltet, A. Franc Classe de Bivalves, 1960 in Grassé: Trait de Zoologie 5/II baute seine Taxonomie (der rezenten Arten) auf der Gestaltung der Kiemen und N. D. Newell 1965 in: R.C. Moore: Treatise on Invertebrate Paleontologie, Teil N 1969 baute als * eine auf reinen Schalenmerkmalen, insbesondere dem Bau der Schlosszähne, beruhende Systematik auf. Moderne phyllogenetische Ansätze sind nur ansatzweise in der Literatur zu finden.
Einen detaillierten Überblick gibt der Artikel Systematik der Muscheln.
| Thiele 1935 | Franc 1960 (Haupteinteilung nach Kiemen) | Newell 1965 (Haupteinteilung nach Schlosszähnen) | Zeitliches Vorkommen | Schloß | Schließmuskel- Abdrücke | Kiemenform | |||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Taxodonta | Proto- branchia | Nuculidae Nuculanidae Malletiidae | Palaeo- taxodonta | Nuculoida | Ordovizium - rezent | taxodont, geknickt | 2 gleich große | Protobranchien | |
| Solemydidae | Cryptodonta | Solemyoida | Unt. Ordovizium - rezent | Zähne völlig reduziert | 2, vorne halb so groß | doppelfiedrige Protobranchien | |||
| Praecardioida | Ob. Kambr.? Ordovizium - Unterkarbon | zahnlos oder taxodont | abdr 3 | Protobranchien | |||||
| Fili- branchia | Taxodonta | Pteriomorphia | Arcaoida | Ordovizium - rezent | taxodont, gerade | 2 gleich große | Filibranchien | ||
| Anisomyaria | Anisomyaria | Mytiloida | Devon - rezent | dysodont (zahnlos) | 2 verschieden große, vorne z.T. deutlich kleiner | Filibranchien | |||
| Pterioida | Ordovizium - rezent | variabel (meist zahnlos selten heterodont) | meist nur 1 (selten 2 verschieden große) | Filibranchien | |||||
| E u l a m e l l i b r a n c h i a | Schitzodonta | E u l a m e l l i b r a n c h i a | Schitzodonta | Palaeo- heterodonta | Trigonioida | ?Mittl. Ordovizium Devon - Trias | schitzodont | 2 gleich große | Eulamellibranchien |
| Unionioida | Devon - rezent | zahnlos oder heterodont | 2 gleich große | Eulamellibranchien | |||||
| - | - | Modiomorpha | Mittl. Kambrium - Ob. Perm | zahnlos oder heterodont | 2 gleich große | Eulamellibranchien | |||
| - | Rudistes | Heterodonta | Hippurtoida | Mittl. Silur - Kreide | pachydont | 2 gleich große | Eulamellibranchien | ||
| Heterodonta | Heterodonta | Veneroida | Mittl. Ordovizium - rezent | heterodont | 2 gleich große | Eulamellibranchien | |||
| Adapedonta | Adapedonta | Myoida | Karbon - rezent | zurückgebildet mit einem Kardinalzahn | 2 gleich große | Eulamellibranchien | |||
| Anomalo- desmata | Anomalo- desmata | Anomalo- desmatacea | Pholadomyoida | ? Unt. Ordovizium; Mittl. Ordovizium - rezent | meist zahnlos | 2 gleich große | Eulamellibranchien | ||
| Septibranchia | meist zahnlos | 2 gleich große | Septibranchien | ||||||
siehe auch:
Muscheln | Fachbegriffe Weichtiere
Mlži | Muslinger | Bivalvia | Bivalvia | دوکفهایها | Simpukat | Bivalvia | צדפה | Školjkaši | Bivalvo | Samlokur | Bivalvia | 二枚貝 | Muschelen | Dvigeldžiai | Musseln | Tweekleppigen | Muslinger | Małże | Bivalvia | Lastúrniky | Шкољке | Musslor | 双壳纲 | Siang-khak-kong
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