Mulatte ist eine Bezeichnung für Menschen mit einem schwarzafrikanischen und einem weißen europäischen Elternteil und im weiteren Sinn für Menschen, die jeweils zu einem wesentlichen Anteil sowohl schwarze als auch weiße Vorfahren haben.
Der etymologische Ursprung von Mulatte ist nicht genau geklärt. Es wird erstmals in einem Dokument schriftlich erwähnt, das auf die Zeit zwischen 1549 -1603 datiert wird. Im gleichen Dokument wird ebenfalls die Bezeichnung Mestize erwähnt. Die Pluralform findet sich zum erstenmal 1560 in einem Dokument des Autors Francisco Cervantes de Salazar. In diesem Text ist ebenfalls von Mestizen die Rede.
Einer Theorie zufolge geht Mulatte auf das spanische und portugiesische Wort „mulo“ zurück . Die Real Academia Española gibt in ihrem Wörterbuch zwei Bedeutungen für mulo an: die erste Bedeutung ist „Maultier“. Die zweite Bedeutung ist die „einer Person, die sich durch Kraft und Vitalität auszeichnet.“
Andere Wissenschaftler (Eguilaz, Labrado) jedoch halten das arabische Wort muwallad für den Ursprung von Mulatte. Muwallad (Plural: ’’muwalladin’’) bezeichnet einen Mischling, also eine Person mit Eltern unterschiedlicher Herkunft. Beispielsweise nennt man heute in Südarabien die Nachfahren von arabischen Fernhändlern und Frauen aus Ostafrika oder Südostasien muwalladin. Im mittelalterlichen Spanien hießen die muslimischen Nachkommen von Einheimischen und Arabern muwalladin. Demnach wäre der Bezug zu muleto nur eine Volksetymologie. Unter anderem führt auch der Brockhaus Mulatte auf Muwallad zurück.
Zahlreiche Mulatten selbst wählen diesen Begriff sehr bewusst, da er der einzige Ausdruck ist, der ihre afrikanisch-europäische Mischidentität beschreibt.*
Von manchen wird der Begriff aufgrund des eventuell zu Maultier in Verbindung stehenden etymologischen Ursprungs abgelehnt, da sie eine Bezeichnung, deren etymologischer Ursprung möglicherweise aus dem Agrarbereich abgeleitet wurde, als negativ empfinden. Etymologischer Ursprung und tatsächliche Bedeutung sind jedoch nicht identisch. Wörter entwickeln sich unabhängig von ihrem etymologischen Ursprung weiter und nehmen oftmals völlig neue Bedeutungen an. Viele geläufige Wörter haben einen von manchen als 'negativ' angesehenen etymologischen Ursprung, der jedoch mit der tatsächlichen Bedeutung längst nichts mehr zu tun hat. Beispiele u.a. sind Slave (von lateinisch sclavus=Sklave), hysterisch (von griechisch hustera=Uterus; sexistischer Ursprung, da für allem in Bezug auf Frauen verwendet), Berber etc. Auch die Bezeichnung ’schwarz’ in Bezug auf Menschen wurde unter anderem von deutschen Missionaren in Afrika zunächst als äusserst abwertende und erniedrigende Bezeichnung verwendet. Das gleiche trifft auch auf Hapa, eine Bezeichnung, die von vielen asiatisch-europäischen Mischlingen gewählt wird, zu.
Die von manchen verwendeten, aus dem amerikanischen importierten Wortschöpfungen wie Afroamerikaner, Afrodeutsche etc. hingegen gehen von der Zugehörigkeit zu einer afrikanischen Diaspora aus, ein Konzept, mit dem sich viele Mulatten nicht identifizieren, da ihre Vorfahren nur zur Hälfte oder noch weniger aus Afrika kamen. Diese Begriffe sind ausserdem unpräzise, da sie nicht eindeutig Personen gemischter Herkunft, sondern z.B. auch in Deutschland lebende Afrikaner beschreiben.
In dem Teil der Welt, in dem die meisten Menschen mit gemischter afrikanisch-europäischer Abstammung leben, nämlich in Lateinamerika und der Karibik ist die Bezeichnung Mulatte sehr verbreitet und wird weitgehend wertneutral verwendet. Viele bezeichnen sich dort selbst als Mulatten. In diesen Ländern werden Begriffe wie afro-lateinamerikanisch ausschliesslich in Bezug auf kulturelle Phänomene und nicht auf Menschen verwendet. In der neuen Welt haben Mulatten manchmal auch einen (geringen) Anteil indianischer Vorfahren. Für die Mischung zwischen Indianern und Schwarzen wird jedoch in der Regel eine eigene Bezeichnung verwendet (z.B. Cafuso in Brasilien, etc.)
Mulatten machen in der Dominikanischen Republik mit 73% (1960, letztmalige Erhebung der Herkunft) und in Kuba mit 60% (2001) die Mehrheit der Bevölkerung aus. In weiteren Ländern stellen Mulatten einen hohen Anteil an der Landesbevölkerung wie in Puerto Rico, Suriname 30 %, in Kolumbien 14% in Venezuela 10%, in Jamaika 7% und in Haiti 5%. In Brasilien beträgt der Gesamtanteil der als Pardos bezeichneten gemischten Bevölkerung, 38%, zu dieser Gruppe gehören aber neben den Mulatten auch Caboclos(indianisch-europäische Mischlinge), sowie diverse andere Mischungen.
Auch in den USA war die Bezeichnung Mulatte bis zum Aufkommen der Eintropfenregel sehr verbreitet und etabliert. 1930 wurde von dem Eugeniker Walter Plecker die Eintropfenregel eingeführt. Laut der Eintropfenregel galt jeder mit einem schwarzen Vorfahren („einem Tropfen schwarzen Blutes“) als Schwarzer. Dieser auf eugenischen, rassistischen Theorien aufbauende Grundsatz ging in den 1930er Jahren in die Gesetzgebung ein und verbreitete sich im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung. Infolgedessen wurden Mulatten ab 1930 im Zensus nicht mehr aufgeführt. Ziel der Eintropfenregel war es einerseits, die weisse Gruppe 'reinzuhalten', indem jeder der auch nur einen Tropfen schwarzen Blutes hatte, der schwarzen Gruppe zugeordnet wurde, während gleichzeitig Mischehen gesetzlich verboten waren. Andererseits wurde beabsichtigt, die von den englischsprachigen weissen Amerikanern als Bedrohung und wirtschaftliche Konkurrenz angesehenen Gemeinschaften von Mulatten in Louisianna, Charleston und Florida zu zerstören. Vor allem in Louisianna und Florida hatten diese Gemeinschaften bereits seit Jahrhunderten existiert und eine eigene Kultur entwickelt. Seit den 1980er Jahren wendet sich die multiraciale Bewegung gegen den Rassismus der Eintropfenregel, die Schwarze als minderwertig ansieht und Mulatten ihrer Identität beraubte. Auch US-Amerikaner mit lateinamerikanischer Herkunft verstehen sich als Mulatten. Ein generelles Bewusstsein für eine gemischte Abstammung nimmt seit den 1990er Jahren zu.
In Afrika wird die Bezeichnung Mulatte neben anderen Bezeichnungen wie z.B. Kreolen (crioulo) oder Mischlinge (mestiço) vor allem im portugiesisch-, spanisch und französischsprachigen Afrika nach wie vor verwendet. Auf den Kapverden machen Kreolen 71 % der Bevölkerung aus, in São Tomé und Príncipe etwa 80%. In Angola stellen Mischlinge nur eine kleine Minderheit von weniger als 2% dar. In Moçambique und Guinea-Bissau liegt ihr Bevölkerungsanteil unter 1%. Im südlichen Afrika werden Menschen mit europäisch-afrikanischer Abstammung als Farbige (englisch: Coloureds, afrikaans: Kleurlinge) bezeichnet. Auch hier wird zunehmend versucht, die in Jahrhunderten gewachsene Identität afrikanisch - europäischer Mischlinge zu zerstören. Eine ebenfalls aus Mulatten bestehende Ethnie sind die Rehobother Baster in Namibia. In Kenia wird eine Person mit afrikanisch-europäischer Herkunft als Pointee bezeichnet. Das Wort ist eine Anspielung auf den jeweiligen Rassenanteil von 0.5 in englischer Dezimalschreibweise.
In den europäischen Stützpunkten an der afrikanischen Küste kam es zu Begegnungen von portugiesischen Seefahrern mit afrikanischen Frauen. Deren Nachkommen waren manchmal Mitglieder beider Gesellschaften und nahmen damit eine wichtige Rolle für den Handel zwischen Europäern und Afrikanern ein. Nicht selten wurden Kinder zwischen Afrikanerinnen und Europäern jedoch auch von beiden Seiten verstossen. In St.Louis, Senegal und anderswo bildeten Mulatten eigene Gemeinschaften, deren Mitglieder häufig bis heute untereinander heiraten.
Für die Vermischung mit zunehmend europäischen Anteilen war die Systematik sehr differenziert, nicht nur, da damit eine gesellschaftliche Position mit mehr Rechten und Freiheiten verbunden sein konnte. Bei zunehmend schwarzen Anteilen galt dies genauso wie im umgekehrten Fall.(sacatra, zambo, etc.)
In vielen Ländern nahmen Mulatten eine führende Rolle in Bezug auf die Abschaffung der Sklaverei ein. Ein Grossteil der Abolotionisten waren Mulatten. Beispiele sind unter anderem André Reboucas in Brasilien, Frederick Douglass in den USA, Antonio Maceo in Kuba, Vincent Ogé, Nicolas Suard, Jean-Baptiste Chavanne, Alexandre Pétion in Haiti, sowie Emiliano Zapato und Vicente Guerrero in Mexico.
Es wird oft fälschlicherweise behauptet, alle Mulatten in den amerikanischen Kolonien stammten von Sklavinnen ab, die von ihren Herren sexuell missbraucht wurden. Derartige Fälle kamen vor, es gab jedoch eine Bandbreite von unterschiedlichen Beziehungsformen, aus denen gemischte Nachkommen hervorgingen. In den Kolonien gab es auch freie Schwarze, die auf freigelassene bzw. freigekaufte Sklaven zurückgingen, sowie weisse Sklaven. In den spanischen, portugiesischen und französischen Kolonien waren Mischehen gesetzlich erlaubt und mit gewissen Einschränkungen gesellschaftlich akzeptiert. So vermischten sich die freien Schwarzen mit Teilen der europäischstämmigen Bevölkerung. Die meisten Mulatten waren also frei und nahmen eine Mittelstellung zwischen den schwarzen Sklaven und den zur Oberschicht gehörenden Weissen in. Daneben gab es auch mulattische Sklaven, aber auch freie Mulatten, die selbst Sklavenhalter waren.
Die Briten waren als einzige mit ihren Frauen in die neue Welt gekommen. In den britischen Kolonien und den USA waren die Gesetze und der gesellschaftliche Druck gegen gemischte Beziehungen stärker, sie konnten aber eine Vermischung dennoch nicht verhindern. In den Städten im Süden der USA entstanden im 19. Jahrhundert größere mulattische, nicht selten wohlhabende Gemeinden.
Auf der Insel Hispaniola gab es zwischen 1906 und 1920 einen mulattisch definierten Staat. Nachdem Schwarze und Mulatten gemeinsam für die Unabhängigkeit Haitis von Frankreich gekämpft hatten, führten die Vorbehalte der Schwarzen gegen die „halb-weißen“ Mulatten zur Teilung des Landes in eine „Mulattenrepublik“ im Süden und einen „schwarzen staat“ im Norden.
Nach der Dekolonisation Afrikas und der Karibik wanderten viele Schwarze und Personen gemischter Abstammung in die europäischen Mutterländer, besonders nach Großbritannien, Frankreich, Belgien und in die Niederlande ab, so dass auch in Europa größere gemischte Bevölkerungsgruppen entstanden. In Deutschland gab es vier sehr unterschiedliche Hauptwellen von Mulatten, nämlich die Kinder weisser deutscher Frauen und schwarzafrikanischer Soldaten der französischen Armee nach dem 1. Weltkrieg bzw. schwarzamerikanischer Soldaten nach dem 2. Weltkrieg, die Kinder weisser deutscher Partner(innen) und schwarzafrikanischer Studenten(innen) in Deutschland ab den 50iger und 60iger Jahren, sowie seit den achziger Jahren die Kinder weisser deutscher Partner(innen) und afrikanischer Migranten(innen).
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