Die Scheuermannsche Krankheit, auch Morbus Scheuermann (M. Scheuermann), Adoleszentenkyphose oder juvenile Kyphose, (med. Nomenklatur: Osteochondritis deformans juvenilis dorsi) ist eine Wachstumsstörung der jugendlichen Wirbelsäule, welche zu einer schmerzhaften Fehlhaltung führen kann. Es handelt sich um eine aseptische Osteochondrose (Knorpel-Knochenerkrankung ohne Beteiligung von Keimen). Männliche Jugendliche sind 4–5mal häufiger betroffen als weibliche. Der Übergang zur Haltungsschwäche und Normvariante ist fließend. Benannt nach dem Erstbeschreiber, dem dänischen Röntgenarzt Holger Werfel Scheuermann.
Mit Abschluss des Wachstums kommt die Erkrankung zum Stillstand, d. h., sie ist selbstlimitierend. Die eingetretenen Schäden an den Knorpeln und Wirbelkörpern bleiben für den Rest des Lebens bestehen. Die von M. Scheuermann vorgeschädigte Wirbelsäule kann auf Grund der Fehlstatik und der verringerten Wirbelkörperdistanz im Erwachsenenalter erhebliche Probleme und Schmerzen bereiten. Osteochondrose, weitere zu frühe Degeneration, Blockaden der Brustwirbelsäule und eine Verschlechterung des Cobb-Winkels der Brustwirbelsäulen-Kyphose (Zunahme des Buckels) können die Spätfolgen von M. Scheuermann im Erwachsenenalter sein. Man spricht dann nicht mehr von Morbus Scheuermann sondern vom „Zustand nach M. Scheuermann“ oder Post-Scheuermann-Syndrom.
Für eine sorgfältige Diagnose bei Scheuermannscher Krankheit ist eine sagittale (seitliche) Ganzwirbelsäulenaufnahme erforderlich, bei der der Kyphose- und Lordosewinkel nach COBB vermessen wird. Bei der über die Norm hinausgehenden Kyphose der Brustwirbelsäule kommt es kompensatorisch zu einer Hyperlordose der Lendenwirbelsäule, der klinische Befund zeigt hier eine Hohlkreuzposition. Auch die betroffenen Keilwirbel sollen benannt und in ihrem Keilwinkel vermessen werden. Wirbelkörper mit Normabweichungen sollten benannt und beschrieben werden (z. B. „Schmorlscher Knoten, 7 mm Durchmesser, in Deckplatte WK Th 5 Keilung 15°, ventrale Randeinbrüche“). Die Fixierung oder Restbeweglichkeit der Wirbelsäule ist durch eine Vermessung nach SCHOBER und OTT zu dokumentieren. Die Aufrichtung der Kyphose in Rutschhalte und tiefer Rutschhalte sind Anhaltswerte für die konservativ erreichbaren Therapieergebnisse. Ohne sorgfältige Diagnose und Dokumentation der Messwerte ist die Beobachtung und Prognostik der Progredienz (Verschlechterungstendenz) nicht möglich.
Bei Erwachsenen mit M. Scheuermann und Schmerzproblemen sollten differenzialdiagnostisch Morbus Bechterew und ähnliche Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises sowie Osteoporose ausgeschlossen werden.
Differentialdiagnostisch kann es zu Verwechselungen mit Chorda–Rückbildungsstörungen kommen. Diese klinisch harmlose Normvariante äußert sich in zentralen Deckplattenverformungen, die keinen Einfluss auf die Statik der Wirbelsäule und keinen Krankheitswert haben, auf dem Röntgenbild aber mit Schmorlschen Knötchen verwechselt werden können.
Eine geringe Überkorrektur zu erreichen ist sinnvoll, da nach Ablegen des Korsettes ein „Rückfedern“ der Wirbelsäule zu erwarten ist. Es hängt von der Tragedauer, der Intensität der Selbstaufrichtung und vom Trainingszustand der autochthonen Rückenmuskulatur ab, wie stark oder wie wenig der Patient nach Ablegen des Korsettes in die Kyphose-Fehlstatik zurücksinkt. Bei guter Compliance können gute Aufrichtungs- und Heilungserfolge erreicht werden. Dann ist die Prognose bei M. Scheuermann positiv.
Eine operative Aufrichtung der Wirbelsäule ist nur in extremen Ausnahmefällen über 70° Kyphosewinkel und bei starken, mit konservativen Methoden therapieresistenten Schmerzen angezeigt. Die Operation erfolgt durch ventrale Entfernung der verschlissenen Bandscheiben, Einfügen von Knochensegmenten aus dem Beckenkamm oder den Rippen statt der Bandscheiben, Aufrichtung durch Entfernung von dorsalen Knochenkeilen (Osteotomie) und Fixation durch Stabimplantate aus Titan oder Edelstahl, die mit Pedikelschrauben in den Wirbelkörpern verankert werden.
Auch ausgeprägte Befunde auf dem Röntgenbild können beschwerdefrei bleiben und schränken die Belastbarkeit nicht notwendigerweise ein. Dagegen kann es bei weniger ausgeprägten Befunden zu erheblichen Schmerzen und Haltungsproblemen kommen: Ein Zusammenhang zwischen Schmerz und Schweregrad des Befundes M. Scheuermann besteht also (ähnlich wie bei Skoliose) nicht.
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