| ICD-10-Code Morbus Hodgkin | ||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| C81.0 | Lymphozytenreiche Form |
| C81.1 | Nodulär-sklerosierende Form |
| C81.2 | Gemischtzellige Form |
| C81.3 | Lymphozytenarme Form |
| C81.7 | Sonstige Typen |
| C81.9 | nicht näher bezeichnet |
Der Morbus Hodgkin (syn.: Hodgkin-Lymphom oder Lymphogranulomatose, engl. Hodgkin's disease, abgekürzt HD) ist ein bösartiger Tumor des Lymphsystems. Die Erkrankung macht sich durch schmerzlose Schwellungen von Lymphknoten bemerkbar, begleitend können Nachtschweiß, Fieber und Gewichtsabnahme auftreten. Im mikroskopischen Gewebebild ist das Hogdkin-Lymphom durch das Vorkommen einer besonderen Zellart (Sternberg-Reed-Zellen) gekennzeichnet, wodurch es sich von den Non-Hodgkin-Lymphomen abgrenzt. Die Behandlung erfolgt mit standardisierten Therapieschemata durch eine Kombination aus Chemotherapie und Bestrahlung. Die Heilungsaussichten sind vor allem bei Kindern gut bis sehr gut. Die Krankheit wurde nach dem englischen Arzt Thomas Hodgkin benannt, der sie 1832 zum ersten Mal beschrieb.
Bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland tritt der Morbus Hodgkin mit einer Häufigkeit von 0,7 Fällen pro 100.000 Kindern und Jugendlichen im Alter bis 14 Jahren auf.Jahresbericht 2004 des Deutschen Kinderkrebsregisters (DKKR) der Universität Mainz * Im Vergleich hierzu liegt die entsprechende weltweite Rate bei 0,6 Fällen pro 100.000. Das Verhältnis Jungen zu Mädchen ist dabei analog zum Erwachsenenalter. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 12 Jahren und 6 Monaten, der Altersgipfel liegt in der Altersgruppe von 10-14 Jahren. Kinder unter 4 Jahren sind selten vom Morbus Hodgkin betroffen, dabei übersteigt die Anzahl der erkrankten Jungen in dieser Altersgruppe die der Mädchen um das Vielfache.
Störungen des Immunsystems kommen bei der Entstehung des Morbus Hodgkin eine bedeutende Rolle zu. Im Rahmen des zunehmenden Einsatzes immunsuppressiver (immunsystemunterdrückender) Therapien - beispielsweise nach Transplantationen von Organen, Knochenmark oder Blutstammzellen - wird ein vermehrtes Auftreten des Morbus Hodgkin berichtet.Zambelli A et al. Hodgkin's disease as unusual presentation of post-transplant lymphoproliferative disorder after autologous hematopoietic cell transplantation for malignant glioma. BMC Cancer. 2005 Aug 23;5:109. PMID 16117828Caillard S et al. Myeloma, Hodgkin disease, and lymphoid leukemia after renal transplantation: characteristics, risk factors and prognosis. Transplantation. 2006 Mar 27;81(6):888-95. PMID 16570013
Ende 2005 wurden in verschiedenen Arbeiten molekulare Mechanismen zur Pathogenese vorgeschlagen. Mathas et al. identifizierten eine Störung des Transkripitionsfaktors E2A als mögliche Ursache einer Fehldifferenzierung der B-Lymphozyten.Mathas S et al.: Intrinsic inhibition of transcription factor E2A by HLH proteins ABF-1 and Id2 mediates reprogramming of neoplastic B cells in Hodgkin lymphoma. Nature Immunol. (2006) 7(2):207-15 PMID 16369535 Eine andere Gruppe publizierte die Degradierung des Tumorsuppressorgens Rb durch das latente Antigen 3C des Epstein-Barr-Virus in verschiedenen Tumoren.Knight JS et al.: Epstein-Barr virus latent antigen 3C can mediate the degradation of the retinoblastoma protein through an SCF cellular ubiquitin ligase. PNAS (2005) 102(51):18562-6 PMID 16352731
| Hodgkin_lymphoma_(4)_CD30_immunostain.jpg | Hodgkin_lymphoma_(1)_mixed_cellulary_type.jpg |
| immunhistochemische Färbung (CD30) | HE-Färbung |
| histologische Schnitte eines befallenen Lymphknoten (gemischtzellige Form). Die prominenten Zellen mit mehreren, hellen Kernen mit deutlichen Nukleoli sind Sternberg-Reed-Zellen | |
Kennzeichnend für die histologische (feingewebliche) Diagnose eines Morbus Hodgkin sind die einkernigen Hodgkin-Zellen sowie die mehrkernigen Sternberg-Reed-Riesenzellen, oft auch als Hodgkin-Reed-Sternberg-(HRS-)Zellen bezeichnet. Diese stammen von den B-Lymphozyten (weißen Blutzellen) aus den Keimzentren der Lymphknoten ab.Cossman J et al.: Reed-Sternberg cell genome expression supports a B-cell lineage. Blood. (1999) 94(2):411-6 PMID 10397707 Sie sind die eigentlichen maligne (bösartig) wachsenden Zellen des Hodgkin-Lymphoms und vermehren sich monoklonal (von einer Zelle abstammend). Typisch für Sternberg-Reed-Zellen ist dabei die Größe der Zelle von über 20 µm mit mehreren hellen Kernen, die jeweils große, eosinophile Nucleoli enthalten. Sie machen jedoch nur etwa ein Prozent des Lymphoms aus, der Rest wird durch reaktive Zellbeteiligung von CD-4-positiven Lymphozyten, Monozyten, eosinophilen Granulozyten sowie Fibroblasten gebildet, wodurch sich ein „buntes“ zytologisches Bild ergibt.
Die WHO unterscheidet in ihrer Klassifikation vier histologische Typen des so genannten klassischen Hodgkin-Lymphoms von einer weiteren Form, dem lymphozytenprädominanten Lymphom. Die klassische Form ist durch die immunohistochemisch nachweisbaren Oberflächenmerkmale CD30 sowie teilweise CD15 gekennzeichnet. Die vier unterschiedlichen Typen sind im einzelnen:
Bei den heutigen Therapiemöglichkeiten unterscheiden sich die einzelnen Formen des klassischen Hodgkin-Lymphoms kaum in der Prognose.
Den klassischen Formen steht das lymphozytenprädominante Hodgkin-Lymphom gegenüber, typischerweise CD30- und CD15-negativ, dafür positiv für den B-Zell-Marker CD20. Die eigentlichen Tumorzellen dieses Typs sind lymphozytische und/oder histiozytische Zellen (L&H-Zellen), die große Ähnlichkeit mit den den Hodgkin- und Sternberg-Reed-Zellen des klassischen Hodgkin-Lymphoms aufweisen können. Eine Besonderheit sind Popcorn-Zellen, eine Variation der HRS-Zellen. Der klinische Verlauf ist bei einer nur geringen Tendenz zur Metastasierung so gut, dass in lokalisierten Stadien (IA, siehe unten) eine Strahlentherapie ohne eine zusätzliche Chemotherapie ausreichend ist.
Begleitend kommt es zu unspezifischen Allgemeinsymptomen, der so genannten B-Symptomatik. Darunter versteht man Fieber (gelegentlich als wellenförmiges sogenanntes Pel-Ebstein-Fieber), Nachtschweiß und eine Gewichtsabnahme von mehr als 10 % innerhalb von sechs Monaten. Leistungsminderung und Juckreiz können ebenfalls bestehen. Selten ist eine Schmerzhaftigkeit der geschwollenen Lymphknoten nach Alkoholgenuss. In manchen Fällen kann auch eine Leber- (Hepatomegalie) oder Milzvergrößerung (Splenomegalie) beobachtet werden.
In fortgeschrittenen Stadien mit Organbefall kann es zu Störungen des Nervensystems, des Hormonhaushaltes, des Urogenitaltraktes sowie zu Beschwerden bei Skelett- und Lungenbefall kommen. Eine Abschwächung des Immunsystems und infolge dessen gehäufte Infektionen, vor allem Tuberkulose, Pilz- und Virusinfektionen, sind möglich.
Hodgkin-Lymphome können auch durch paraneoplastische Syndrome in Erscheinung treten. Darunter versteht man Erkrankungen oder Symptomkomplexe, welche zumeist durch Autoimmunmechanismen verursacht werden, die wiederum auf einen bisweilen noch nicht diagnostizierten Morbus Hodgkin zurückzuführen sind. Mögliche paraneoplastische Syndrome sind Hauterkrankungen wie erworbene IchthyosisRizos E et al. Acquired icthyosis: a paraneoplastic skin manifestation of Hodgkin's disease. Lancet Oncol. 2002 Dec;3(12):727. PMID 12473513 und PemphigusTilakaratne W, Dissanayake M. Paraneoplastic pemphigus: a case report and review of literature. Oral Dis. 2005 Sep;11(5):326-329. PMID 16120122 oder Erkrankungen des Nervensystems wie autonome, motorische und sensorische Neuropathien (Nervenschäden)Oh BC et al. A case of Hodgkin's lymphoma associated with sensory neuropathy. J Korean Med Sci. 2004 Feb;19(1):130-133. PMID 14966355, Encephalitis (Gehirnentzündung)Kung S et al. Delirium resulting from paraneoplastic limbic encephalitis caused by Hodgkin's disease. Psychosomatics. 2002 Nov-Dec;43(6):498-501. PMID 12444235 oder das so genannte Ophelia-Syndrom, bestehend aus Hippocampus-Sklerose und DemenzShinohara T et al. Pathology of pure hippocampal sclerosis in a patient with dementia and Hodgkin's disease: the Ophelia syndrome. Neuropathology. 2005 Dec;25(4):353-360. PMID 16382785. Auch Autoimmunerkrankungen der Augen wie eine Entzündung der Lederhaut (Skleritis) kommen in diesem Zusammenhang vor.Thakker MM et al. Multifocal nodular episcleritis and scleritis with undiagnosed Hodgkin's lymphoma. Ophthalmology. 2003 May;110(5):1057-1060. PMID 12750114 Die paraneoplastischen Syndrome treten dabei oftmals vor der Ersterkrankung oder dem Rezidiv auf.
Gesichert wird die Diagnose durch die histologische Untersuchung von Biopsien oder vollständig entnommenen verdächtigen Lymphknoten.
Die Methode des pathologischen Stagings mit Laparotomie (offener Bauchoperation) und Splenektomie (Milzentfernung) ist heute verlassen und wird nicht mehr durchgeführt.
Auf der Basis der Befunde des klinischen Stagings, aber unabhängig vom histologischen Typ wird der Morbus Hodgkin nach der Ann-Arbor-KlassifikationGreene FL et al. AJCC Cancer Staging Handbook 6th Edition. Springer. New York, Berlin, Heidelberg. 2002 (mit Modifikationen durch die Cotswolds-Konferenz 1989)Lister T et al. Report of a committee convened to discuss the evaluation and staging of patients with Hodgkin's disease: Cotswolds meeting. J Clin Oncol 1989;7:1630 in vier Stadien eingeteilt:
| Stadium I | Befall einer einzigen Lymphknotenregion (IN) oder eines einzigen lokalisierten extranodalen Herdes (IE) |
| Stadium II | Befall von zwei oder mehr Lymphknotenregionen auf einer Seite des Zwerchfells (IIN) oder lokalisierte extranodale Herde und Befall einer oder mehrerer Lymphknotenregionen auf einer Seite des Zwerchfells (IIE) |
| Stadium III | Befall von zwei oder mehr Lymphknotenregionen auf beiden Seiten des Zwerchfells (IIIN) oder lokalisierte extranodale Herde auf beiden Seiten des Zwerchfells (IIIE) |
| Stadium IV | Verbreiteter (disseminierter) Befall eines oder mehrerer extralymphatischer Organe mit oder ohne Befall von Lymphknoten |
Zusätze:
A - ohne B-Symptome
B - mit B-Symptomen (Nachtschweiß, Fieber und Gewichtsabnahme)
E - extranodaler Befall (außerhalb von Lymphknoten)
S - Milzbefall (Spleen)
X - größere Tumor-Masse (Bulk oder bulky disease: Tumor >10 cm maximaler Durchmesser bei Erwachsenen)
Bei Kindern und Jugendlichen gilt ein Befall des Knochens mit Zerstörung der Substanz (Compacta) oder ein Befall des Knochenmarks immer als Stadium IV, unabhängig von der Größe oder Anzahl der befallenen Lymphknotenstationen.
| Gruppe | Stadium / Risikofaktoren | Standardtherapie |
|---|---|---|
| limitierte Stadien limited disease | Stadien I und II ohne Risikofaktoren | Chemotherapie: 2 x ABVD |
| intermediäre Stadien intermediate disease | Stadien I und II mit Risikofaktoren | Chemotherapie: 4 x ABVD |
| fortgeschrittene Stadien advanced disease | Stadien IIB mit Bulk-Tumor, III und IV | Chemotherapie: 8 x BEACOPP eskaliert |
Als Risikofaktoren gelten:
Bei Kindern und Jugendlichen wird in Deutschland die Diagnostik, Behandlung und Nachsorge (Nachbeobachtung) des Morbus Hodgkin durch die multizentrische Therapieoptimierungsstudie HD-2003 der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) und der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Leukämieforschung und -Behandlung bei Kindern (DAL) durchgeführt. Alle kinderonkologischen Zentren in Deutschland behandeln nach dieser Studie. Der Studie HD-2003 angeschlossen sind Therapieoptimierungsstudien zur Behandlung von Rezidiven des Morbus Hodgkin oder zur Behandlung des Morbus Hodgkin in bestimmten Risikogruppen (angeborene oder erworbene Immundefekte). Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Morbus Hodgkin in Therapieoptimierungsstudien erfolgt seit 1978 (DAL-HD 78 Studie).Schellong G. Cooperative therapy study HD 78 for Hodgkin's disease in children and adolescents. Monatsschr Kinderheilkd. 1979 Aug;127(8):487-489. PMID 470955 In anderen Staaten erfolgt die Behandlung ähnlich (USA: Therapieoptimierungsstudien durch die Children's Oncology Group – COG).
Bei Kindern sind Besonderheiten bei der Therapie zu berücksichtigen: Zum einen ist bei einem Großteil der Patienten das Wachstum nicht abgeschlossen. Dies führt zu besonderen Problemen vor allem in der Radiotherapie, insbesondere bei ausgedehntem Befall und somit ausgedehntem Bestrahlungsfeld. Zum anderen wirken bestimmte Zytostatika toxisch auf die Spermienbildung. Auch weitere, wachstumsbedingte negative Effekte auf innere Organe erfordern angepasste Therapiepläne. Als wesentliche Unterscheidung zu Erwachsenen wird der Behandlungsplan auch nach dem Geschlecht ausgerichtet.
| Gruppe | Stadium | Geschlecht | Chemotherapie | Radiotherapie |
|---|---|---|---|---|
| limitierte Stadien limited disease | IA, IB IIA | Mädchen | 2 x OPPA (Woche 1-8) | wenn keine Vollremission nach Chemotherapie: involved field Radiotherapie (IF-RT) |
| Jungen | 2 x OEPA (Woche 1-8) | wenn keine Vollremission nach Chemotherapie: involved field Radiotherapie (IF-RT) | ||
| intermediäre Stadien intermediate disease | IEA, IEB IIEA, IIB IIIA | Mädchen | 2 x OPPA (Woche 1-8) + 2 x COPDIC (Woche 9-16) oder + 2 x COPP (Woche 9-16) | involved field Radiotherapie (IF-RT) |
| Jungen | 2 x OEPA (Woche 1-8) + 2 x COPDIC (Woche 9-16) oder + 2 x COPP (Woche 9-16) | involved field Radiotherapie (IF-RT) | ||
| fortgeschrittene Stadien advanced disease | IIEB IIIEA, IIIEB, IIIB IV | Mädchen | 2 x OPPA (Woche 1-8) + 4 x COPDIC (Woche 9-25) oder + 4 x COPP (Woche 9-25) | involved field Radiotherapie (IF-RT) |
| Jungen | 2 x OEPA (Woche 1-8) + 4 x COPDIC (Woche 9-25) oder + 4 x COPP (Woche 9-25) | involved field Radiotherapie (IF-RT) |
Nach diesen Grundsätzen werden verschiedene Zytostatika kombiniert. In internationalen Therapieprotokollen werden die Zytostatika dabei in festgelegten Dosierungen und Zyklen verabreicht. Abhängig vom Fortschritt der Erkrankung werden dabei verschiedene Protokolle und verschiedene Anzahl von Zykluswiederholungen eingesetzt. Die Schemata der Wahl sind das ABVD-Protokoll und das BEACOPP-Protokoll.
In Deutschland wird gemäß den Therapieempfehlungen der Deutschen Hodgkin-Studiengruppe ABVD bei limitierten (zwei Zyklen) und intermediären Stadien (vier Zyklen), BEACOPP bei fortgeschrittenen Stadien mit acht Zyklen in erhöhter (eskalierter) Dosis angewandt. Der Grund dafür ist, dass bei BEACOPP die Rezidivwahrscheinlichkeit etwas geringer ist, wobei jedoch Spätfolgen gegenüber ABVD etwas vermehrt vorkommen. Im Gegensatz dazu ist in den Vereinigten Staaten ABVD die Standardtherapie für alle Stadien, BEACOPP wird jedoch als Alternative ebenfalls angewandt.
Die Chemotherapie bei Kindern und Jugendlichen entspricht in ihren Grundlagen der Chemotherapie bei Erwachsenen: auch bei Kindern wird eine block- oder zyklusweise Poly-Chemotherapie durchgeführt. In Deutschland werden nachfolgende Kombinationen im Rahmen der Primärbehandlung des Morbus Hodgkin verwendet:
| Bestrahlungsfelder bei involved-field-Bestrahlung des Hodgkin-Lymphoms | |
|---|---|
| Befall | Bestrahlungsfelder |
| Stadium II Befall der Halslymphknoten rechts und der Lymphknoten im oberen Mediastinum | |
| HD II RTX Scheme 01 - detail.png | HD II RTX Scheme 02 - detail.png |
| Stadium III wie oben, zusätzlich: Lymphknotenbefall der linken Halsseite und Lymphknotenbefall unter dem Zwerchfell | |
| HD III RTX Scheme 01 - detail.png | HD III RTX Scheme 02 - detail.png |
| Gelb: vom Hodgkin-Lymphom betroffene Areale Rot: BestrahlungsfelderBlau: Zwerchfell | |
Die Bestrahlung (Radiotherapie) erfolgt in der involved-field-Technik, worunter man eine Bestrahlung jedes klinisch manifesten Befalles unter Aussparung der angrenzenden Region versteht. Die empfohlene Gesamtdosis beträgt dabei 30 Gray (Gy), die in Einzeldosen von etwa 2 Gy pro Behandlungstag aufgeteilt wird.
Weiterhin kommt nach Chemotherapie die konsolidierende Bestrahlung von ausgesuchten Tumorlokalisationen - wie Bulk-Regionen oder Resttumoren - in Frage.
Bei Kindern und Jugendlichen findet die Strahlentherapie ebenfalls Anwendung. Grundsätzlich folgt sie dabei den gleichen Prinzipien wie die Strahlentherapie bei Erwachsenen. Bestrahlt werden alle Regionen, die zum Diagnosezeitpunkt befallen waren (für die Risikogruppen intermediär und hoch beziehungsweise intermediate disease und extended disease). Dies bedeutet, dass die anfänglich betroffene Region bestrahlt wird, auch wenn sich unter Chemotherapie der Befall vollständig zurückgebildet hat. Die Bestrahlung erfolgt ebenfalls in der involved-field-Technik: das befallene Areal wird mit einem Sicherheitsabstand von 2-3 cm bestrahlt. Die bei Kindern und Jugendlichen verwendete Gesamtdosis (Kumulativdosis) beträgt 20-30 Gy, die Aufteilung (Fraktionierung) wird mit Einzeldosen von 2 Gy pro Tag verabreicht.
Aufgrund des zumeist noch fortschreitenden Wachstums im Kindesalter ist die Bestrahlung grö0erer Regionen mit der involved-field-Technik bei ausgedehntem Befall (Stadium III oder IV nach Ann Arbor) nicht unproblematisch. Wenn oberhalb und unterhalb des Zwerchfells Lymphknotenregionen durch das Hodgkin-Lymphom betroffen sind, ergeben sich trotz der Begrenzung der Bestrahlungsfelder mittels der involved-field-Technik in der Summe große Bestrahlungsfelder. Diese enthalten oft Strukturen mit besonderer Bedeutung für das Wachstum, beispielsweise Wirbelsäule oder Schilddrüse.
Darüber hinaus ist der Zusammenhang zwischen Strahlentherapie des Morbus Hodgkin und der Entstehung von Sekundärmalignomen (Zweitkrebserkrankung) gut beschrieben und mittlerweile etabliert. Die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit, dass Zweitmalignome auftreten, hängt einerseits von der verwendeten Dosis und andererseits vom Bestrahlungsfeld und dessen Größe ab. Folgerichtig ist es Ziel von Therapieweiterentwicklungen, die Bestrahlung auf das unumgängliche Maß zu reduzieren. Eine Dosisabsenkung unter 20 Gy Gesamtdosis ist nicht sinnvoll, da bei einer solchen Dosis die Wirksamkeit der Bestrahlung gegen das Hodgkin-Lymphom eingeschränkt wird. Ein Ansatz verfolgt die Reduktion der Bestrahlungsfelder. Einerseits kann durch Intensivierung oder neue Chemotherapien die Notwendigkeit einer Bestrahlung vermindert werden. Zum anderen können unter Chemotherapie vollständig zurückgebildete befallene Regionen von der Bestrahlung ausgenommen werden. Um möglichst die therapeutischen Effektivität der Gesamtbehandlung nicht zu vermindern, werden zur Feststellung der Bestrahlungsnotwendigkeit Untersuchungsverfahren wie das PET eingesetzt.
Die Nachsorge besteht im Wesentlichen aus Sonografie des zuvor befallenen Bereiches sowie einer Blutuntersuchung. In längeren zeitlichen Abständen wird außerdem ein Röntgenbild des Thorax oder ein CT erstellt.
In Erprobung sind auch Immuntoxine gegen das CD30-Antigen der Lymphomzellen.
Die Behandlungsergebnisse bei einem Rückfall oder Wiederauftreten des Hodgkin-Lymphoms hängen im wesentlichen vom Zeitraum zwischen Abschluss der ersten Behandlung und Auftreten des Rückfalls ab. Wenn der Rückfall binnen 3 bis 12 Monate nach Ende der Erstbehandlung auftritt, ist die Prognose des Rückfalls mit nachfolgender Therapie schlechter als bei einem Rückfall, der mehr als 12 Monate nach Ende der Erstbehandlung auftritt. Neben dem Zeitpunkt des Rückfalls sind auch die Ausmasse und Begleiterscheinungen des Rückfalls selbst von prognostischer Bedeutung. Ungünstig sind ein Rückfall mit Ausdehnung entsprechend Stadium III oder IV nach Ann Arbor, ein Hämoglobin-Wert von weniger als 10,5 g/dL bei Frauen und weniger als 12,0 g/dL bei Männern. Diese 3 Kriterien oder Faktoren bestimmen nach Daten der Deutschen Hodgkin Studiengruppe (DHSG; Internistische Onkologie) wesentlich die Prognose. Patienten, welche keines der drei Kriterien erfüllen, weisen eine 4-Jahres rezidivfreie Überlebensrate von 48% auf. Patienten, welche alle 3 Kriterien erfüllen, weisen eine 4-Jahres rezidivfreie Überlebensrate von 17% auf. Kuppers R et al. Advances in biology, diagnostics, and treatment of Hodgkin's disease. Biol Blood Marrow Transplant. 2006 Jan;12(1 Suppl 1):66-76. PMID 16399588 Josting A et al. A new prognostic score based on treatment outcome of patients with relapsed Hodgkin lymphoma registered in the database of the German Hodgkin Lymphoma Study Group (GHSG). J Clin Oncol. 2002;20:221-230. PMID 11773173
Patienten, die
Bei Kindern und Jugendlichen ist durch die Anwendung von multimodalen Therapieoptimierungsstudien die Prognose in den entwickelten Ländern exzellent. In Deutschland haben zwischen 1994 und 2003 96 % aller 920 Fälle 5 Jahre überlebt, 10 Jahre nach Diagnosestellung lebten von den 920 Fällen noch 95 %.Jahresbericht 2004 des Deutschen Kinderkrebsregisters, Universität Mainz *
Die gute Prognose nach der Initialtherapie wird durch die Nebenwirkungen der Radio-/Chemotherapie etwas getrübt: Schädigung des Herzmuskels und der Lunge, Schilddrüsenfunktionsstörungen sowie Störungen der Fruchtbarkeit werden unter anderem beobachtet. Die wichtigste Spätkomplikation ist jedoch die sekundäre Entwicklung anderer Krebsformen, insbesondere eines Mammakarzinoms, Schilddrüsenkarzinoms oder einer akuten myeloischen Leukämie. Die Erkrankungsrate an solchen Zweitneoplasien liegt etwa bei 15-20 % in 20 Jahren. Dores GM et al.: Second malignant neoplasms among long-term survivors of Hodgkin's disease: a population-based evaluation over 25 years. J Clin Oncol. (2002) 20(16):3484-94 PMID 12177110
Marcellus Malpighi war einer der ersten, der 1666 in seiner Schrift „De viscerum structuru exercitatio anatomica“ wahrscheinlich ein Hodgkin-Lymphom beschrieb. Benannt wurde die Krankheit nach Thomas Hodgkin, der im Januar 1832 in seiner Arbeit „on the morbid appearances of the Adsorbent Glands and Spleen“ verschiedene Fälle einer Krankheit, die das lymphatische System betrifft, beschrieb.Hodgkin T.: On some morbid appearances of the absorbent glands and spleen. (1832) Medico-Chirurgical Transactions, London, 17:68-114 PMID 4630498 1872 und 1878 veröffentlichen Langhans und Greenfield erstmals Arbeiten zu histopathologischen Aspekten der Krankheit, die Sternberg-Reed-Zellen wurden jedoch erst 1898 von Carl SternbergSternberg C.: Über eine eigenartige unter dem Bilde der Pseudoleukämie verlaufende Tuberculose des lymphatischen Apparates. (1898) Zeitschrift für Heilkunde 19:21. und 1902 von Dorothy ReedReed DM.: On the pathological changes in Hodgkin's disease, with special reference to its relation to tuberculosis. (1902) Johns Hopkins Hosp Rep 10:133. unabhängig voneinander beschrieben.
Krumbhaar und Krumbhaar beobachteten 1919 erstmalig, dass eine Senfgas-Vergiftung mit einer Leukopenie einhergeht.P Calabresi, BA Chabner: Antineoplastic Agents. In: AG Gilman, TW Rall, AS Nies, P Taylor (editors): Goodman and Gilman's the pharmacological basis of therapeutics. 8th international edition. 1992. McGraw-Hill Health Professions Division. New York, St. Louis, San Francisco. ISBN 0-07-112621-X 1931 führten Adair und Mitarbeiter die ersten experimentellen Untersuchungen über den Einsatz von Senfgas (Dichloroethylsulfid) bei Krebserkrankungen durch.Adair CPJ, Bagg HJ. Experimental and clinical studies on the treatment of cancer by dichloroethylsulphide (mustard gas). Ann Surg 1931;93:190. Im Zweiten Weltkrieg beobachtete man bei alliierten Soldaten, die nach dem Untergang des Munitionstransporters SS John Harvey (Bari, 2. Dezember 1943) Senfgas-Derivaten der N-Lost-Gruppe ausgesetzt waren,*Janusz Piekałkiewicz: Die Schlacht von Monte Cassino. Zwanzig Völker ringen um einen Berg., Bechtermünz Verlag, Augsburg, ISBN 3-86047-909-1 S.66/67 eine Suppression von Knochenmark und Lymphsystem, was in den folgenden Jahren systematisch von verschiedenen Forschern wie Goodman (1946) untersucht wurde. Diese Beobachtungen und Untersuchungen mündeten in der Entwicklung von zunächst Mechlorethamin (Mustargen®), nachfolgend Cyclophosphamid (1959) und des darauf basierenden MOPP-Therapieschemas (1964), der ersten Kombinations-Polychemotherapie des Morbus Hodgkin.Goodman LS et al. Use of methyl-bis(beta-chloroethyl)amine hydrochloride for Hodgkin's disease, lymphosarcoma, leukemia. JAMA 1946;132:126. PMID 6368885DeVita VT Jr et al. Combination chemotherapy in the treatment of advanced Hodgkin's disease. Ann Intern Med 1970;73:881. PMID 5525541 Der erste publizierte Einsatz von Mechlorethamin in der Behandlung des Morbus Hodgkin bei Kindern erfolgte 1952.Medetti M. Nitrogen mustards in the treatment of children. Osp Maggiore. 1952 Jan;40(1):38-40. PMID 14941617 In den folgenden Jahrzehnten wurde intensiv zu den Kombinationschemata geforscht und es wurden immer neue Therapien entwickelt, wie beispielsweise MOPP, ABVD, COPP und BEACOPP.
Im April 1971 wurden bei der Konferenz in Ann Arbor, USA, wichtige Definitionen zur Diagnose und Klassifikation (Ann-Arbor-Klassifikation) festgelegt. Die Deutsche Hodgkin Studiengruppe (s. o.) erforscht seit 1978 die Effektivität verschiedener Therapien in großen, multizentrischen Studien und hat dadurch wesentlich zu den aktuellen Therapieempfehlungen und der damit verbundenen Prognoseverbesserung beigetragen.
1975 wurden von Milstein und Köhler erstmals therapeutische Antikörper entwickelt, was den Weg für eine monoklonale Antikörpertherapie von Tumoren ebnete und 1984 mit dem Nobelpreis für Medizin honoriert wurde. Auf dieser Basis wurde in den 1990er Jahren der Antikörper Rituximab für die Therapie der Non-Hodgkin-Lymphome eingeführt, 2002 wurde ein erfolgreicher Einsatz auch bei der lymphozyten-prädominanten Form des Morbus Hodgkin nachgewiesen. Eine Pilotstudie von Younes et al. zur Therapie beim klassischen Hodgkin-Lymphom läuft seit 2003.
Im Dezember 2005 veröffentlichen Mathas et al. und Knight, Robertson et al. verschiedene molekulare Mechanismen zur Entstehung der Krankheit, die vorher weitgehend unklar und lange Gegenstand intensiver Forschung gewesen waren (siehe Abschnitt Ursache).
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