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Moliseslawisch
Gesprochen in: Italien (Australien, Deutschland, Schweiz und andere Auswandererländer)
Sprecher: 2500 (Italien), ca. 5000 (Welt)
Linguistische
Klassifikation:
Amtssprache:  selten offiziell und im Unterricht neben der Dachsprache Italienisch gebraucht
Sprachcodes
ISO 639-1: ---
ISO 639-2: --- msl (Vorschlag)
SIL: MSL (Vorschlag)

Moliseslawisch oder auch Molisekroatisch, eine südslawische Sprache, wird in drei Ortschaften im italienischen Molise, in der Provinz Campobasso gesprochen.

Sprachbezeichnungen


Die Bezeichnungen für diese Mikrosprache variieren, je nachdem wie stark die Zugehörigkeit zum Kroatischen betont wird. In der deutschen Fachliteratur ist durch den Einfluß des Sprachwissenschaftlers Milan Rešetar die Bezeichnung Moliseslawisch eingeführt (ebenso im Russischen молизско-славянский язык).

  • In der englischsprachigen Literatur wird die Bezeichnung Molise Croatian verwendet (auch Molise Slavic).
  • In der italienischsprachigen Literatur wird die Bezeichnung Croato molisano neben Slavo molisano verwendet.
  • In der kroatischsprachigen Literatur wird die Bezeichnung Moliški hrvatski dijalekt verwendet.

Die Sprecher selbst bezeichnen sich als Molisaner (die kroatische Regierung bezeichnet diese als "Moliški Hrvati" (dt. Molisekroaten)) und verwenden als Eigenbezeichnung naš jezik `unsere Sprache’ bzw. das Adverb na-našu ‘auf unsere Weise’; im Italienischen sind die Bezeichnungen slavisano, slavo molisano und croato molisano gebräuchlich.

Sprachgebiet und Besonderheiten


Mikrosprache

Die Sprache wird traditionell in einem sehr kleinen Gebiet gesprochen, heute nur noch in drei Dörfern: Acquaviva Collecroce (auf Moliseslawisch Kruč), San Felice del Molise (Filič, standardkroatisch auch Štifilić) und Montemitro (Mundimitar). Die Selbstbezeichnung für das eigene Dorf ist jeweils naš grad ‘unser Ort’. Die Gemeindegebiete grenzen aneinander und liegen etwa 30 km von der Adria entfernt im hügeligen Hinterland.

Das Moliseslawische hat Čakavisch-Štokavisch-Ikawische dialektale Besonderheiten, die man in südkroatischen Dialekten finden kann (z.B. silbenschließendes l > a in je nosija ‘habe getragen’ gegenüber kroatischem Standard nosio je), wahrscheinlich wanderten die Vorfahren der heutigen Sprecher vor etwa 500 Jahren aus dem Tal der Neretva in der heutigen Herzegovina aus und sprachen einen štokavisch-ikavischen Dialekt (što ‘was’, dvi ‘zwei’ gegenüber dvije im kroatischem Standard).

Fehlen von Turzismen

Für die angenommene Auswanderungszeit spricht auch das völlige Fehlen von Turzismen mit der osmanischen Expansion als Terminus ante quem. Als Terminus ante quem dient auch das Fehlen der Genitiv-Plural-Endung , die sich nicht vor dem 16./17. Jahrhundert in kroatisch entwickelt hat; cfr. REŠETAR (1997: 31f.).

Grammatik

Infolge des engen Kontakts mit dem Italienischen, siehe unten, gingen Vokativ und Lokativ in der Deklination verloren.

Der Aorist wurde vollständig durch das Perfekt ersetzt.

Sprachkontakt mit dem Italienischen

Das Moliseslawisch befindet sich heute in einer totalen Sprachkontaktsituation, d.h. alle Sprecher beherrschen auch mindestens eine Variante des Italienischen. Die kroatische Basis in der Grammatik des Dialekts ist zwar noch gut erkennbar, kontaktsprachliche Interferenzen zeigen sich aber auf allen Ebenen. Zwei Hauptperioden des romanischen Einflusses sind zu unterscheiden: der früher ausschließliche Kontakt mit dem italienisch-molisanischen Dialekt und – seit etwas mehr als hundert Jahren – der Kontakt mit der italienischen Standardsprache.

Die Gesamtzahl der Einwohner dieser Dörfer liegt heute unter 2.500, wobei nur ein Teil das Moliseslawische beherrscht. Insbesondere in dem zweitgrößten Ort San Felice ist es infolge starker italienischer Zuwanderung aus dem öffentlichen Bereich völlig geschwunden, und nur in wenigen Familien kommt es hier noch als Haussprache vor. In den beiden anderen Orten ist das Moliseslawische noch lebendige Umgangssprache. Es wird von bis zu 60% der Bevölkerung aktiv verwendet, die passive Kenntnis liegt bei 80%, allerdings sehr stark nach Generationen unterschieden, wobei Kinder und Jugendliche das Moliseslawische in der Öffentlichkeit nur eingeschränkt gebrauchen. Üblicherweise ist das Moliseslawisch nur mündlich gebraucht. Schriftliche Zeugnisse, normalerweise kleine Sammlungen von Gedichten wie diejenige von GLIOSCA (2004) sind sehr selten. Die einzige Dachsprache für diese Minderheitensprache ist Italienisch (fremdes Dach). Die genetisch nächstverwandte Sprache, Kroatisch, spielt in der Alltagskommunikation keine Rolle.

Dialektunterschiede


Die Dialektunterschiede sind ungeachtet einer Vielzahl gemeinsamer Entwicklungen nicht unerheblich, besonders in der Lexik und in der Phonologie. Beispielsweise gilt die phonologische Regel, dass auslautende unbetonte Kurzvokale als auszusprechen sind (Moliseslawisches Akanje), nur für Acquaviva und San Felice während Montemitro bei * auftreten. Im morphologischen Bereich zeigt Montemitro beispielsweise sekundäre Imperfektiva mit dem Suffix –lja-, die in Acquaviva fehlen, etwa riviljat vs. rivivat ‘ankommen’. An auffälligen Gemeinsamkeiten, die das MSL vom heutigen kroatisch Bereich unterscheiden, ist die Produktivität eines perfektiven Imperfekts zu nennen, etwa dojahu ‘ich pflegte zu kommen’, die Benutzung eines indikativischen Imperfekts als Irrealis analog zum Italienischen (si nosahu = se portavo ‘wenn ich getragen hätte'), die Existenz eines indefiniten Artikels und einer Opposition zwischen 2 Modalfuturen (mit WOLLEN bzw. HABEN gebildet) usw.

Aktuelle Situation


Zu einer allgemeinen Charakterisierung der heutigen Situation des Moliseslawisch vgl. BREU (1990), zu einer Darstellung wichtiger Sprachkontaktphänomene in der moliseslawischen Grammatik vgl. BREU (1998). In BREU/PICCOLI (2000), fertiggestellt im Dezember 1999, findet sich im Anhang zum Wörterbuch, das als Basis für eine erste Normierung gesehen werden kann, eine phonologische Beschreibung und eine Kurzgrammatik des Dialekts von Acquaviva. Auch für den Dialekt von Montemitro besteht jetzt ein Wörterbuch (PICCOLI/SAMMARTINO 2000) und eine Grammatik (Sammartino 2004). Die klassische Beschreibung der Situation und der Sprache der Slaven im Molise zu Anfang des 20. Jahrhunderts stammt von REŠETAR (1911/1997).

Angesichts seiner eigenständigen Entwicklung, die Jahrhunderte lang ohne Verbindung mit dem Kroatischen stattfand, kann das Moliseslawische als autonomes Sprachsystem verstanden werden. Hierdurch wird auch dem Faktum Rechnung getragen, dass diese Minderheitensprache in vielerlei Hinsicht den dominanten romanischen Idiomen viel näher steht als seinen „genetischen“ Verwandten, etwa dem Standardkroatischen.

Da das Moliseslawische in der Reihe der mittleren Vokale jeweils zwischen einem geschlossenen und einem offenen e und o unterscheidet, reicht das im Bosnischen und Kroatischen benutzte Alphabet zur schriftlichen Wiedergabe des Moliseslawischen nicht aus. Für das offene e bzw. o muss vielmehr eine Schreibung mit Gravis benutzt werden, vergleiche etwa folgende Minimalpaare: bòb ‘rundliche Person' vs. bob ‘Saubohne' und čèla ‘Geschlechtsorgan' vs. čela ‘Biene'.

Bibliographie


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  • Badurina, Teodoro (1950), Rotas Opera Tenet Arepo Sator (Roma, 1950)
  • Barone, Charles, La parlata croata di Acquaviva Collecroce. Studio fonetico e fonologico, Firenze, Leo S. Olschki Editore, MCMXCV, p. 206 (Accademia toscana di scienze e lettere »La Colombaria«. »Studi CXLVI)
  • W. Breu: Sprache und Sprachverhalten in den slavischen Dörfern des Molise (Süditalien). In: W. BREU (a cura di), Slavistische Linguistik 1989. München 1990, 35-65
  • W. Breu: Romanisches Adstrat im Moliseslavischen. In: Die Welt der Slaven 43, 1998, 339-354
  • W. Breu, G. Piccoli con la collaborazione di Snježana Marčec, Dizionario croato molisano di Acquaviva Collecroce. Dizionario plurilingue della lingua slava della minoranza di provenienza dalmata di Acquaviva Collecroce in Provincia di Campobasso. Dizionario, registri, grammatica, testi. Campobasso 2000
  • W. Breu: Bilingualism and linguistic interference in the Slavic-Romance contact area of Molise (Southern Italy). In: R. Eckardt et al. (a cura di), Words in Time. Diacronic Semantics from Different Points of View. Berlin/New York 2003a, 351-373
  • W. Breu (Hrsg.): L'influsso dell'italiano sulla grammatica delle lingue minoritarie. Università della Calabria 2005. Hierin: W. Breu, Il sistema degli articoli nello slavo molisano: eccezione a un universale tipologico, 111-139; A. Marra, Mutamenti e persistenze nelle forme di futuro dello slavo molisano, 141-166; G. Piccoli, L'influsso dell'italiano nella sintassi del periodo del croato (slavo) molisano, 167-175.
  • N. Gliosca: Poesie di un vecchio quaderno (a cura di G. Piscicelli). In: Komoštre/Kamastra. Rivista bilingue di cultura e attualità delle minoranze linguistiche degli Arbëreshë e Croati del Molise 8/3, 2004, 8-9
  • Heršak, Emil (1982), ''Hrvati u talijanskoj pokrajini Molise", Teme o iseljeništvu. br. 11, Zagreb: Centar za istraživanje migracija, 1982, 49 str. lit 16.
  • Hraste, Mate (1964), Govori jugozapadne Istre (Zagreb, 1964)
  • Muljačić, Žarko (1996), Charles Barone, La parlata croata di Acquaviva Collecroce (189-190), »Čakavska rič« XXIV (1996) • br. 1-2 • Split • siječanj - prosinac 1996.
  • A. Piccoli, A. Sammartino: Dizionario croato-molisano di Montemitro, Fondazione “Agostina Piccoli”, Montemitro – Matica hrvatska, Zagreb 2000
  • Reissmüller, Johann Georg (1969) Slavenske riječi u Apeninima (Frankfurter Allgemeine, n. 212 del 13.11.1969
  • M. Rešetar: Die serbokroatischen Kolonien Süditaliens. Wien 1911. (= Schriften der Balkankommission, Linguistische Abteilung / Kaiserliche Akademie der Wissenschaften ; Bd. 9 : 1, Südslawische Dialektstudien ; H. 5); aktualisiert und mit Bibliographie in der italienischen Version Le colonie serbocroate nell'Italia Meridionale. Campobasso 1997. Download: http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Sprachwiss/slavistik/acqua/versioni_eI.htm
  • A. Sammartino: Grammatica della lingua croatomolisana, Fondazione “Agostina Piccoli”, Montemitro – Profil international, Zagreb 2004
  • Žanić, Ivo, Nemojte zabit naš lipi jezik! , Nedjeljna Dalmacija, Split, 18. ožujka 1984. (18. marzo 1984)

Weblinks


Einzelsprache | Slawische Sprache

Molise Croatian dialect | Moliški hrvatski dijalekt | Croato molisano

 

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