Die Mittelniederdeutsche Sprache ist ein Entwicklungsstadium des Niederdeutschen und hat sich aus der Altniederdeutschen Sprache im Mittelalter entwickelt und ist seit etwa dem Jahre 1225/34 schriftlich belegt: Sachsenspiegel. Sie ist zu dieser Zeit räumlich weit verbreitet und verwandt mit der südlichen Nachbarsprache: Mittelhochdeutsch.
Begriff "Mittelniederdeutsch"
Unter dem Begriff
Mittelniederdeutsch wurden in der Frühzeit der Germanistik teilweise sowohl
Mittelniederfränkisch als auch
Mittelniedersächsisch (Mittelniederdeutsch im heutigen Sinne) zusammengefasst. Der Begriff Mittelniedersächsisch bezieht sich nicht auf das Bundesland
Niedersachsen, sondern auf die germanischen Stämme der
Sachsen, die im Gebiet zwischen
Zuiderzee (heute
IJsselmeer) und
Pommern zuhause waren sowie auf das
Reich der sächsischen Herzöge.
Der Begriff Mittelniederdeutsch ist zweideutig.
Das Mittelniederdeutsche im weiteren Sinne umfasst Norddeutschland und den gesamten niederländischen Sprachraum.
Das Mittelniederdeutsche im engeren Sinne umfasst Norddeutschland und (nur) den Nordosten der heutigen Niederlande, östlich der IJssel.
Die größeren Darstellungen des Mittelniederdeutschen (etwa Lübben und Lasch) behandeln das Mittelniederdeutsche ausschließlich im engeren Sinne. [Jan Goossens, Niederdeutsche Sprache - Versuch einer Definition; in: Niederdeutsch - Sprache und Literatur, hrsg. von Jan Goossens, Band 1 - Sprache, Neumünster 1973, S. 9-27]
Verbreitung
Die mittelniederdeutsche Sprache war in der
Hansezeit von etwa 1300 bis ca. 1600 n. Chr. die führende Schriftsprache im Norden Mitteleuropas und diente als
Lingua franca in der Nordhälfte Europas. Sie wurde parallel zum
Latein auch für Zwecke der
Diplomatie und für
Urkunden verwendet. So wurden der größte Teil des Schriftverkehrs der Hanse in Mittel- und Nordeuropa auf Mittelniederdeutsch durchgeführt. Mittelniederdeutsche Urkunden gibt es von
London im Westen bis
Nowgorod im Osten und
Bergen im Norden bis
Westfalen im Süden. Auch in
Visby auf Gotland,
Riga,
Reval und
Dorpat wurde mittelniederdeutsch kommuniziert. Insbesondere aus dieser Zeit resultiert ein erheblicher Einfluss des Niederdeutschen auf die skandinavischen Sprachen
Norwegisch,
Dänisch und
Schwedisch, der durch zahlreiche Lehnworte gekennzeichnet ist. Manche Skandinavisten meinen, rund die Hälfte oder noch mehr des schwedischen Wortschatzes gehe auf Niederdeutsch zurück. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, daß es sich weniger um die häufigsten Wörter (Pronomina, Konjunktionen, Präpositionen etc.) als vielmehr um teilweise seltener Substantive handelt (Berufsbezeichnungen etc.).
Ursprünglich entwickelte sich die niederdeutsche Schriftsprache im ostfälischen Bildungszentrum Braunschweig, wo sie zweifelsfrei auch erheblichen hochdeutschen Einflüssen ausgesetzt war. Später verlagerte sich der Schwerpunkt der Sprache nordwärts in die Hansestädte, wo sie als Gebrauchs- und Verkehrssprache zum Verständigungsmittel innerhalb des Hansebundes sowie in dessen gesamtem Hinterland wurde.
Sprachdenkmäler
Neben den mittelniederdeutschen Urkunden stellen insbesondere folgende Werke wichtige Sprachdenkmäler der mittelniederdeutschen Sprache dar:
- Der Sachsenspiegel, eine Sammlung sächsischen Rechts um 1225, das bis in das 19. Jahrhundert die Rechtsprechung in Europa maßgeblich beeinflusste,
- die niederdeutsche Bibel, Inkunabel gedruckt von Steffen Arndes in Lübeck, 1494,
- Reynke de Voss, gedruckt in der Mohnkopfoffizin von Hans van Ghetelen in Lübeck, 1498, eine Tierfabel, die in viele Sprachen übersetzt und auch als Reineke Fuchs von Johann Wolfgang von Goethe verarbeitet wurde.
Spätere Sprachen
Aus dem Mittelniederdeutschen ist das moderne
Plattdeutsch hervorgegangen. Dazu gehören:
Wörterbücher
Der Wortschatz des Mittelniederdeutschen wird beschrieben im
Mittelniederdeutschen Handwörterbuch.
Literatur
Quellen
Weblinks
- http://andpuzik.narod.ru/Mnd.htm Mittelniederdeutsch
- http://www.rrz.uni-hamburg.de/hamburgisches_ub/ Das Virtuelle Hamburgische Urkundenbuch
- http://www.plattmaster.de/medeloller.htm Mittelniederdeutsche Schriftsprache im Vergleich mit modernem Plattdeutsch
- http://www.bis.uni-oldenburg.de/~havekost/needer/rey1-1.htm Reynke de Voss
Deutscher Dialekt
Middle Saxon