Doppelaxt_asb_2004_PICT3364.JPG | Rhythonträger.jpgträger, Teil des „Prozessions-Freskos“ aus Knossos, 1400 v. Chr.]] Nach dem mythologischen König Minos wird die antike Kultur Kretas der Bronzezeit als minoisch, kretisch-minoisch oder kretominoisch bezeichnet. Im Unterschied dazu heißt die etwa zeitgleiche Kultur des griechischen Festlandes helladisch. Die minoische ist die früheste Hochkultur Europas.
Der Begriff „minoisch“ wurde bereits 1883 von Arthur Milchhöfer verwendet und durch Sir Arthur Evans, der seit 1899 Grabungen auf Kreta durchführte, bekannt.
Die ältesten Besiedlungsspuren stammen aus dem Neolithikum dessen Beginn auf Kreta zwischen 7000 und 6000 v. Chr. liegen könnte. Die Erforschung Kretas steckt aber noch in den Kinderschuhen, so dass fundierte Aussagen nicht möglich sind. Ca. um 3000 v. Chr. beginnt die kretische Bronzezeit. In einigen Orten bildet sich die für Hochkulturen typische dominante Oberschicht. Ungefähr ein Jahrtausend später entstehen die so genannten Paläste, wie sie in Knossós, Mália, Phaistós, Galatas und Káto Zákros ausgegraben wurden. Um 1700 v. Chr. führt ein Erdbeben zur Zerstörung dieser Paläste und zu einem anschließenden partiellen Wiederaufbau. Nach einer weiteren tektonischen Erschütterung etwa 100 Jahre später werden die neusten Paläste noch prächtiger ausgestaltet. In der Phase spätminoisch SM I B, (s. u.) ist der Einfluss mykenischer Griechen auf der Insel festzustellen. Wahrscheinlich um 1430 v. Chr. kommt es zur Eroberung Kretas durch die Mykener und zur endgültigen Zerstörung der Paläste. Nur der Palast in Knossos wird wieder aufgebaut. Dort ist nun eine helladische Herrscherschicht feststellbar. Entweder um 1370 v. Chr. oder erst um 1200 v. Chr. wird auch der jüngste Palast von Knossos niedergebrannt.
Die Chronologie der minoischen Zeit wirft bis heute viele Probleme auf. Eine Gliederung der minoischen Epochen nahmen Sir Arthur Evans (Entdecker des Palastes von Knossos) und Nikolaos Platon (Entdecker des Palastes in Káto Zákros) vor. Evans unterteilte die minoische Geschichte, entsprechend der Keramikstile, in Frühminoisch, Mittelminoisch und Spätminoisch. Diese Phasen werden feiner in Abschnitte (I, II und III) unterteilt.
Die Klassifizierung nach N. Platon richtet sich nach den Bauphasen der minoischen Paläste. Dabei wird unterschieden zwischen der Vorpalastzeit, Altpalastzeit (Zeit der alten Paläste), Neupalastzeit (Zeit der neuen Paläste) und Nachpalastzeit (Zeit nach der endgültigen Zerstörung des Palastes von Knossos). Die absolute Datierung der Epochen ist ungesichert und wird weiter diskutiert. Wichtigste Anhaltspunkt für die zeitliche Einordnung sind kretische Importe in Ägypten und umgekehrt, sowie der Zeitpunkt des Ausbruches des Vulkans auf Thera, der erst jüngst gelang. Jedoch ist auch die Chronologie Ägyptens vom jeweils aktuellen Stand der Forschung abhängig. Sollte sich bestätigen, dass der Vulkanausbruch auf Thera tatsächlich um 1630 v. Chr. erfolgte, wie neue naturwissenschaftliche Analysen nahelegen, und nicht wie bisher aufgrund archäologischer Untersuchungen angenommen um 1530/00, verschieben sich einige Zeitstufen des minoischen Mittel- und Spätminoikums. Insbesondere der Beginn der Stufen SM I A und SM IB und das Ende von MM III wären mindestens ein Jahrhundert früher anzusetzen. Die Synchronisation mit der Ägyptischen Chronologie (s. o.) kommt nach Ansicht vieler Forscher mit den traditiotionellen Daten allerdings besser hin, die Diskussion ist also noch nicht abgeschlossen (vgl. dazu Fitton 2004, S.27-32).
| Evans | Platon | traditionelle Chronologie | lange Chronologie |
|---|---|---|---|
| Frühminoisch | Vorpalastzeit | ||
| FM I | 3100–2700 v. Chr. | ||
| FM II | 2700–2200 v. Chr. | ||
| FM III | 2200–2000 v. Chr. | ||
| Mittelminoisch | |||
| MM I A | 2000–1900 v. Chr. | ||
| MM I B | Altpalastzeit | 1900–1800 v. Chr. | |
| MM II | 1800–1700 v. Chr. | ||
| MM III A | Neupalastzeit | 1700–1600 v. Chr. | |
| MM III B | 1600–1550 v. Chr. | 1850–1740 v. Chr. | |
| Spätminoisch | |||
| SM I A | 1550–1520 v. Chr. | 1740–1660 v. Chr. | |
| SM I B | 1520–1430 v. Chr. | 1660–1612 v. Chr. | |
| SM II | Nachpalastzeit | 1430–1400 v. Chr. | 1612–1570 v. Chr. |
| SM III A | 1400–1330 v. Chr. | 1570–1460 v. Chr. | |
| SM III B | 1330–1200 v. Chr. | 1460–1410 v. Chr. | |
| SM III C | 1200–1100 v. Chr. | ab 1410 v. Chr. | |
| Subminoisch |
Mit der langen Chronologie verschiebt sich die Synchronisierung mit Ägypten wesentlich:
| Kreta | Zypern | Festland | Ägypten |
|---|---|---|---|
| MM IB, Frühe Palastzeit | MC IB | 12. Dynastie | |
| MM II, Frühe Palastzeit | MC II | 13. Dynastie | |
| MM III, späte Palastzeit | MCIII | MH (Schachtgräber) | Zweite Zwischenzeit, ab 1680 |
| SM IA, späte Palastzeit | LCIA | SH IA | Zweite Zwischenzeit |
| SM IB I | LC IB | SH IB | 18. Dynastie (ab 1550) |
| SM IB I | LC IB | SH IB | 18. Dynastie |
| SM IC I | LC IC | SH IC | 18. Dynastie |
Im 17. Jh. v. Chr werden die Paläste durch ein Erdbeben zerstört, aber schnell wieder aufgebaut.
Um 1430 v. Chr. sind überall auf Kreta Spuren von Bränden und Zerstörungen nachweisbar. Diese sind wohl auf die Eroberung Kretas durch mykenische Festlands-Griechen zurückzuführen. Die palatialen Zentren wurden zerstört. Lediglich Knossos bestand bis ca. 1375 v. Chr., offenbar als Sitz eines mykenischen Herrschers fort. Jedenfalls ist der Palast nach Ansicht eines Teils der Gelehrten zu dieser Zeit zerstört worden. Andere Forscher sind allerdings der Meinung, die Datierung der in Knossos gefundenen Schrifttafeln auf ca. 1375 sei falsch und gehe auf Fehler des ersten Ausgräbers Evans zurück: Dieser habe versehentlich Geschirr, das aus einem älteren Gebäude gestammt habe, in denselben Kontext wie die Tafeln eingeordnet. Diese Linear-B-Tafeln - und damit die Zerstörung des Palastes von Knossos - seien in Wahrheit auf ca. 1200 zu datieren. Die Anhänger dieser Position gehen daher davon aus, dass Kreta um 1400 unter mykenische Kontrolle geriet, dass aber zumindest Knossos unter den neuen Herren noch knapp 200 Jahre lang geblüht habe.
Diese berühmte Theorie gilt heute in aller Regel als widerlegt. Naturwissenschaftliche Untersuchungen in neuerer Zeit ergaben Hinweise, dass der Ausbruch über 100 Jahre früher als bisher angenommen, nämlich 1628 v. Chr. stattgefunden hat. Träfe dieses Datum zu, müsste man alle bisher um 1500 v.Chr. datierten minoischen Artefakte auch auf Kreta ins späte 17. Jh. datieren. Für die Frage, ob der Untergang der „minoischen“ Kultur durch die Eruptionen auf Santorin hervorgerufen wurde, spielt der Ausbruch demnach keine Rolle. Wichtig ist, dass es auf Kreta noch Keramikstufen gibt, die auf Thera (Santorini) nicht mehr vorkommen. Sie bezeugen, dass sich der Niedergang Kretas erst Generationen nach dem Ausbruch vollzog. Einige Zeit nach dem Ausbruch wurde die Insel sogar wieder von Minoern besiedelt, die jüngste auf Thera aufgefundene Keramik stammt aus der Phase SM I A. Das Ereignis ist deshalb heute hauptsächlich für die Datierung dieser Epoche von Interesse - falls man die Gleichzeitigkeit der Keramikstile auf Thera und Kreta annimmt.
Weiter stehen aber andere schwere Erdbeben, der Wegfall von Absatzmärkten für kretische Produkte oder innere Unruhen als Ursachen für den Niedergang der Minoer zur Diskussion. Sicher ist nur, dass schließlich achäische Herrscher den Palast in Knossós übernahmen. Dabei kommt nur eine militärische Eroberung in Betracht. Die Frage nach dem Untergang der minoischen , die eine nicht-indoeuropäische Kultur war, fand zu Beginn der Forschungen deshalb großes Interesse, weil die Minoer ohne Verbindung zur späteren Kultur Griechenlands verschwunden zu sein schienen. Die Entzifferung der Linearschrift B bewies aber die Anwesenheit einer griechisch sprechenden Herrscherschicht in der Nachpalastzeit ebenso wie die einer nichtgriechischen und damit auch nicht indoeuropäischen in der Linear A Phase. Die grundlegende Kontinuität in der Kultur Kretas über den Umbruch hinweg und der Beitrag der Minoer zur Entstehung des Griechentums werden seitdem immer deutlicher. Da sich auch mythologische Hinweise auf die Geburt des Zeus auf Kreta finden, sind die mit der Entstehung dieser Religion überlieferten Unruhen vielleicht ein Teil der geschichtlichen Wahrheit.
Viel zitiert ist Homers Beschreibung Kretas als Land mit 90 Städten und einem bunten Gemisch von Völkern und Sprachen (Odyssee, 19. Gesang, 173). Diese Verse beziehen sich zwar auf eine spätere Epoche, jedoch könnten bereits in minoischer Zeit verschiedene ethnische Gruppen im Zuge der Handelsverbindungen auf die Insel gelangt sein.
Die prominente Darstellung von Frauen, vermutlich Priesterinnen, in der minoischen Kunst - typischerweise mit unbedeckter Brust - hat zu Spekulationen über ein Matriarchat Anlass geboten. Unzweifelhaft hatten Frauen - etwa als Priesterinnen - gesellschaftlich wichtige Funktionen. Aber auch wenn die griechische Überlieferung für eine sehr einflussreiche Position minoischer Frauen spricht, muss die Frage nach der Stellung minoischer Frauen und des Verhältnisses der Geschlechter zueinander mangels wirklich aussagefähiger Quellen unbeantwortet bleiben.
Aus der minoischen Linearschrift A leitet sich die von den Mykenern verwendete altgriechische Linearschrift B ab. Die den zunächst hieroglyphisch und später in Linearschrift A abgefassten Textzeugnissen zugrundeliegende minoische Sprache (oder eventuell auch: Sprachen) ist zwar durch Vergleiche mit der griechischen Linearschrift B teilweise lesbar, konnte aber bisher nicht entschlüsselt oder auch nur einer bekannten Sprachfamilie sicher zugeordnet werden. Im Osten Kretas hat sie offenbar bis in historische Zeit überlebt. Es wurden hier einige in griechischen Schriftzeichen abgefasste Inschriften gefunden, deren Sprache als Eteokretisch bezeichnet wird.
Darstellungen, vor allem auf Siegeln und Ringen, lassen auf die für Ackerbaugesellschaften typische polytheistische Religion schließen. Möglicherweise war die kretische geschlechtsspezifischer als die spätere (griechische) Religion. Frauen werden meist mit weiblichen Gottheiten dargestellt, Männer mit männlichen.
In Heiligtümern wurden Votivgaben aus Ton, Bronze und Silber entdeckt, die Miniaturabbildungen von Tieren, Fabelwesen und menschlichen Gliedmaßen darstellen. Abbildungen eines Stieres können als symbolisches Opfer des dargestellten Tieres, ein Fuß als Gebet um Gesundheit des Körperteils interpretiert werden.
Die Bemalung eines in Agía Triáda gefundenen Sarkophags zeigt u.a. eine Opferszene: Mehrere im Profil dargestellte Priesterinnen bringen ein Stieropfer dar. Der Stier wird auf einem separaten Altar (Opfertisch) geschlachtet. Im Hintergrund ist ein Flötenspieler erkennbar. Am rechten Rand des Bildes sind ein Altar, ein mit einer Doppelaxt geschmückter Pfeiler, sowie eine Art Schrein mit Doppelhörnern und einem Baum zu erkennen. Dieser Elemente finden sich auch in der Levante und so hat die Geschichte mit der „Königstochter“ Europa wohl einen realeren Hintergrund.
Durch neuere archäologische Funde (1979) bei Anemospilia und Knossos sind auch auf Kreta die für vergleichbare Religionen typischen Menschenopfer belegt.
In jedem Fall aber belegen archäologische Funde ein Ausstrahlen der minoischen Kultur im östlichen Mittelmeer (bis Sizilien). Der auf den Kykladen und an den griechischen Küsten teilweise bis heute vorkommende Ortsname „Minoa“ verweist auf die Anwesenheit von Kretern. Unter kretischem Einfluss standen u.a. die Inseln Thera, Kythera, Rhodos (v. a. Ialysos) und Melos sowie das kleinasiatische Milet evtl. auch Zypern. Auch wenn Charakter und Ausmaß der politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit von Kreta unterschiedlich gewertet werden, werden diese Außenposten minoischer Kultur manchmal als kretische Handelsstationen bzw. Kolonien angesprochen. Ob Minos ein Name oder wie Pharao ein Titel war, ist allerdings offen.
Enge Beziehungen bestanden zu Ägypten. Bis um etwa 1400 v. Chr. finden sich in ägyptischen Gräbern immer wieder Darstellungen kretischer Gesandtschaften. Im ägyptischen Avaris (im Delta) wurde gar ein im minoischen Stil ausgestalteter Palastkomplex vom Beginn der 18. Dynastie freigelegt.
Inschriften in Mesopotamien belegen Kontakte auch in diese Region.
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