Mikrokredit ist die Bezeichnung für Kleinstkredite von meist unter 1000 Euro an Kleingewerbetreibende überwiegend in Entwicklungsländern. Die Kredite werden in der Regel von darauf spezialisierten Finanzdienstleistern meist in entwicklungsfördernder Intention vergeben.
Die Vereinten Nationen sehen in der Mikrofinanzierung ein wichtiges Instrument zur Erreichung der Millenniumsziele zur Reduktion von Armut. Sie haben 2005 zum Jahr der Mikrokredite ausgerufen. Ziel ist es, 100 Millionen Menschen mit Mikrokrediten zu erreichen.
Durch Einhaltung dieser Regeln und wachsende Professionalisierung erzielen viele Mikrofinanzinstitute oft Rückzahlungsquoten von 95 bis 100 Prozent. Der effektive Jahreszins für solche Mikrokredite liegt deutlich über dem klassischer Kredite, häufig über 20 % p. a. Dies wird begründet mit den höheren Kosten, die Mikrokredite verursachen.
Problematisch ist, dass die Refinanzierung zumeist in US-Dollar oder EUR erfolgt und einige Mikrofinanz-Institute deshalb die Mikrokredite ebenfalls in US-Dollar bzw. EUR vergeben. Dabei trägt der Kreditnehmer das gesamte Währungsrisiko, was im Falle einer Abwertung der lokalen Währung seine Existenz bedrohen kann. Einige Refinanzierer, beispielsweise Oikocredit, bieten aufgrund solcher Erfahrungen auch Refinanzierungen in Landeswährung an, die sie über einen Währungsrisikofonds absichern.
Ob die Vergabe von Mikrokrediten zu einer Eindämmung globaler Armut führt, ist nach aktuellem Forschungsstand unklar. Grundannahmen vieler Evaluationen sind fragwürdig. Ergebnisse von wissenschaftlichen Untersuchungen hängen von Definitionen der Begriffe „Armut“ und „Entwicklung“ ab. Die Studie der Weltbank „voices of the poor“ belegt, dass die Freiheit zu selbstbestimmtem Leben wichtiger Bestandteil der Vorstellung der Armen von einem guten Leben und Wohlbefinden – dem Gegenteil von Armut – ist.
Mikrokredite werden heute in vielen Ländern der Erde im Rahmen von Mikrofinanzierungs-Programmen vergeben. Mikrofinanzierung ist ein in zunehmendem Maße wirtschaftliches Instrument der Entwicklungszusammenarbeit. Finanzdienstleistungen werden vor allem den Menschen zur Verfügung gestellt, die bisher keinen oder nur eingeschränkten Zugang zum Finanzmarkt hatten. Dahinter steht die Überzeugung Finanzmarktentwicklung, durch Zugang zu Finanzdienstleistungen für Menschen mit extrem geringem Einkommen, könne einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Bekämpfung und Eindämmung globaler Armut leisten. Einflussreiche Befürworter dieses Konzepts propagieren sowohl bestehende und zu erwartende Erfolge, als auch das Potential dieses Konzepts, einen Beitrag zur Erreichung der Millennium-Development-Goals zu leisten. Eine Entwicklung, die auf Fähigkeiten und Initiativen der Marginalisierten aufbaut soll als kostengünstige Strategie gleichzeitig zur Armutsbekämpfung, wirtschaftlichen Entwicklung und zum Wachstum der Finanzbranche beitragen. Mikrofinanzierung soll zu einem „empowerment“, einer Stärkung der Armen – insbesondere der Frauen, beitragen.
Akteure des Privaten Sektors der Privatwirtschaft unternehmen währenddessen Anstrengungen, in Mikrofinanzierung zu investieren und die enorme Nachfrage vor allem nach Mikrokrediten abzudecken. Ein profitabler neuer Markt erschließt sich, dessen Risiken Dank subventionierter Vorarbeit von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen zunehmend kalkulierbar werden.
Während der Forschungsstand unklar ist, sind Bedenken anzumelden, ob Mikrofinanzierung die propagierten Versprechen tatsächlich und zwangsläufig mit sich bringt. Ausgehend von einer Perspektive von unten scheint mehr als nur fraglich, ob Mikrofinanzierung dem empoverment der Armen förderlich ist. Evaluationen und Untersuchungen jeder Art, die mit Mikrofinanzierung in Berührung stehen, müssen auf Grundlage angenommener Basissätze und Grundannahmen, sowie Begrifflichkeiten hinterfragt werden. Auch sonstige Umstände ihrer Entstehung und Erstellung müssen ins Licht gerückt werden.
Heute besteht ein breiter Konsens, dass ein Armutsbegriff und Verständnis multidimensionalen Charakter annehmen muss. In vielen Evaluationen und Statistiken jedoch spielt diese Überzeugung keine Rolle. Ein ausdifferenzierter und multidimensionaler Armutsbegriff existiert in diesem Zusammenhang nicht. Es scheint fraglich, ob ein universaler Armutsbegriff der Wirklichkeit gerecht werden kann. Es ist möglich, dass „die Armen“ sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben was Armut ist und durch welche Entwicklung diese überwunden werden kann. Auf die fortschreitende Privatisierung und Kommerzialisierung des Mikrokreditgeschäftes bezogen, ist die Frage nach der Verantwortung zu stellen. Ist Mikrofinanzierung ein Entwicklungskonzept mit dem mehr oder weniger bestimmte Ziele verfolgt werden, so ist zu fragen, wer die Verantwortung für ein mögliches Fehlschlagen dieses wirtschaftlichen Entwicklungsinstruments übernimmt. Es stellt sich die Frage, ob und wie eine Privatwirtschaft von einem Mikrokreditgeschäft abzubringen sein wird, das zwar profitabel ist, jedoch keinerlei Vorteile für die von Armut betroffenen Menschen mit sich bringt. Es ist zumindest möglich, dass im Bereich Mikrofinanzierung die immer wieder geforderte Nachhaltigkeit von Instrumenten der Entwicklungszusammenarbeit zwar eingelöst wird, jedoch nicht ihre angenommene wohltuende Wirkung entfalteten wird. Mit der Vergabe von Mikrokrediten zusammen mit der Überzeugung die Armen seien selbst dazu in der Lage ihre Situation zu verbessern, wird implizit auch die Verantwortung für ihre Armut an sie transferiert. Insbesondere in dem Fall, in dem es ihnen nicht möglich ist, ihre Situation zu verbessern. Regierungen und NROs ziehen sich aus der Verantwortung zurück, wenn Mikrofinanzierung zunehmend von Akteuren des Privaten Sektors übernommen wird. Empowerment ist der Prozess der Erschließung von Möglichkeitsräumen und Erweiterung von Gestaltungsmacht. Darin liegt die Möglichkeit einer Neuaushandlung von Herrschaftsverhältnissen, Werten und sozialen Normen. In der Betrachtung muss unterschieden werden, ob das Beobachtete auf individuellen Präferenzen oder anderen Wirkungszusammenhängen beruht. Die Vergabe von Mikrokrediten an Frauen, die in SHGs organisiert sind, trägt nicht zwangsläufig zum Empowerment der Frauen bei. Die große Mehrzahl der Evaluationen berücksichtigen Empowerment in diesem Sinne nicht und bewerten Indikatoren, die im Bezug auf Empoverment nicht relevant sind. In der Regel existierte ein Frauenraum auch ohne SHGs und Vergabe von Krediten. Dieser Frauenraum wird, will man es negativ werten, instrumentalisiert. Ökonomische Aspekte rücken in den Fokus der Gemeinschaft von Frauen. Möglicherweise entsteht Konkurrenz zwischen einkommensschaffenden Projekten der Frauen, die zu einer Abwertung ihrer Arbeit führen kann. Erweiterung von Gestaltungsmacht und Handlungsmöglichkeiten, die selbstbestimmt genutzt werden können, wird im Rahmen von Mikrokreditprogrammen und Mikrofinanzierung nur sehr eingeschränkt geschaffen. Es entstehen unter Umständen gerade für Frauen neue Wirkungs- und Tätigkeitsbereiche, die eine Neuaushandlung von Werten und sozialen Normen mit sich bringen mag. Ob jedoch Herrschaftsverhältnisse und Makrostrukturen durch Mikrofinanzierung zum Vorteil der Marginalisierten neu ausgehandelt werden, sei hier in Frage gestellt. Gerade Frauen haben dabei nur äußerst eingeschränkte Möglichkeiten ihre Situation nach eigenen Kriterien zum Besseren zu verändern.
Allgemein können durch das Instrument Mikrofinanzierung nur sehr eingeschränkt kulturspezifische und individuelle Entwicklungsziele verfolgt werden. Die Fokussierung auf Kapital und Finanzmarkt entspricht unter Umständen nicht diesen Entwicklungszielen oder läuft diesen zu wieder. Insbesondere für Frauen, die eigentliche Zielgruppe der meisten Programme, sind zudem eine Vielzahl von Umständen denkbar und zum Teil gut dokumentiert, die eben diese Verbesserung der eigenen Situation nach eigenen Kriterien behindern dürften. An dieser Stelle ist die Frage zu stellen, wer die von Mikrofinanzierung, wie sie heute praktiziert wird, Begünstigten sind. Gewinnorientierte Kapitalgesellschaften dürften in diesen Zusammenhang nach den eigenen Kriterien, nämlich der Gewinnmaximierung, durchaus in der Lage sein ihre Situation zu verbessern. NROs dürften in der Lage sein ihren Mitarbeitern weiterhin Gehälter auszuzahlen und den Forderungen von Donororganisationen (Geber-Organisationen)genügen.
Ob die Vergabe von Mikrokrediten zu einer Bekämpfung und Eindämmung von Armut beiträgt bleibt unklar. Bestehende Evaluationen sollten auf der Basis von Begriffsdefinitionen und der Beachtung kulturspezifischer Vorstellungen und Perspektiven hinterfragt werden. In vielen Einzelfällen ist gut dokumentiert, dass Menschen (insbesondere Frauen) durch Zugang zu Mikrokrediten nicht in der Lage waren ihre Situation nach den Eigenen Kriterien zu verbessern. Die Freiheit zu selbstbestimmtem Leben als Kriterium eines guten Lebens und Wohlbefindens -also dem Gegenteil von Armut- wird durch Mikrokredite von den hier vorgestellten Blickrichtungen her nicht gefördert.
In Deutschland baut das Deutsche Mikrofinanz-Institut (DMI) seit 2005 in Kooperation mit regionalen Partnern ein Mikrofinanzangebot für Kleinstunternehmen und Gründer auf, gefördert von der GLS Gemeinschaftsbank, Bundesministerien und der EU.
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