Michel Rocard (* 23. August 1930 in Courbevoie) ist ein französischer sozialistischer Politiker.
Rocard ist Sohn von Yves Rocard, einem Forscher und Professor, entstammt einer protestantischen Familie aus dem vornehmen 7. Pariser Arrondissement, besitzt Diplome als Doktor der Philosophie, von Sciences Po Paris (Institut für Politische Studien) und der ENA. Von 1983 bis 1985 war er Landwirtschaftsminister und von 1988 bis 1991 Premierminister. Vom April 1993 bis zum Juni 1994 war er Vorsitzender der Sozialisten. Seit 1994 ist er Abgeordneter im Europäischen Parlament und Mitglied der parlamentarischen Arbeitsgruppe der Fraktion der europäischen Sozialisten. Im September 1995 wurde er Senator.
Eintritt in die Sozialistische Partei
Michel Rocard ist von
1953 bis 1955 Verantwortlicher der studentischen Vereinigung der
SFIO. 1958 ist Rocard Mitbegründer des
Parti socialiste autonome (PSA). Als der
Algerienkrieg ausbricht, schließt er sich mit den
Kommunisten zusammen, die sich
Stalin widersetzen, und den Sozialisten, die mit der Tradition von
Guy Mollet brechen, um eine linksgerichtete christliche Vereinigung zu formen. Aus dieser Strömung entwickelt sich der
Parti Socialiste Unifié (PSU), dessen Gründung sich
1960 vollzieht und dem der erklärte Gegner des Algerienkriegs
Pierre Mendès-France 1961 beitritt. Außerdem bildet sich 1964 die Gewerkschaft
Confédération française démocratique du travail (CFDT).
Politische Karriere
1958 wird Michel Rocard zum
Finanzinspektor ernannt, daran anschließend im Jahre
1965 zunächst Referent für Wirtschaftsplanung im Amt für Planungsrechnung, später Generalsekretär der Kommission für wirtschaftliche Bilanzen und Budget der Nation. Nachdem er auf dem Kongress von
Grenoble 1966 von sich reden macht, wird er im Folgejahr Generalsekretär des PSU (bis 1973). Die Positionen der rechten Mitte teilend, macht sich Rocard durch Schriften unter dem Pseudonym
Georges Servet einen Namen und bemüht sich in der Krise im Mai
1968 um eine politische Lösung: er gewinnt damit die Unterstützung des UNEF, der bedeutendsten Studentengewerkschaft zu dieser Epoche.
Bei den Präsidentschaftswahlen von 1969 steckt er seine erste Niederlage ein, als er nur 3,61% der Stimmen auf sich vereinigen kann. Es folgt im gleichen Jahr eine Kandidatur für das Département Yvelines um einen Sitz im Parlament. So kommt es, dass er bis 1988 ohne Unterbrechung der Nationalversammlung angehört. 1974 unterstützt er die Kampagne François Mitterrands um die Präsidentschaft, was seinen Ausschluss aus dem PSU, aber gleichzeitig die Aufnahme in die Sozialistische Partei zur Folge hat. Die meisten Mitglieder des PSU, aber auch der Gewerkschaft CFDT folgen ihm. In ihren Reihen steigt er im Februar 1975 zum Mitglied des Exekutivausschusses auf.
Die Politik Rocards
Das Ende der
1970er Jahre wird vom Aufkommen des
Rocardisme (der Politik Rocards) geprägt, einer populären Strömung, des
Courant Rocard innerhalb der Sozialistischen Partei, trotz einer musterhaften Karriere seines Rivalen François Mitterrand. So wird Rocard zu einer unumgänglichen Figur der Intellektuellenlandschaft Frankreichs. Charakteristisch für seine Politik ist die strikte Ablehnung des
Kommunismus und exemplarisch für das Streben einer Generation von Sozialisten, die sich im Hinblick auf die Zeit nach Mitterrand mit dem Erbe Pierre Mendès-France befasst.
Berufung in die Regierung
Als Bürgermeister von
Conflans-Sainte-Honorine in den Jahren
1977 bis
1993, wird er
1981 Staatsminister für Raumplanung und -ordnung innerhalb der Regierung
Pierre Mauroys, anschließend
1983 Minister für Landwirtschaft. Er bleibt auch unter
Laurent Fabius in dieser Funktion, tritt aber 1985 aus Protest über die Einführung des
Verhältniswahlrechts für die Parlamentswahlen von seinem Amt zurück.
Zu Beginn der zweiten Präsidentschaft seines Intimfeindes François Mitterrands am 12. Mai 1988, wird er zum Premierminister ernannt. Die Ergebnisse der Parlamentswahlen im gleichen Jahr haben am 26. Juni 1988 die Bildung einer zweiten Regierung unter Rocard zur Folge. Noch am gleichen Tag drängt Rocard auf die Unterzeichnung des Abkommens von Matignon, welches die Autonomie Neu-Kaledoniens besiegelt und den gewalttätigen Ausschreitungen auf der Insel ein Ende setzt. Ihm ist auch die Einführung des Revenu Minimum d’Insertion (= Mindestlohn, RMI) am 12. Oktober 1988 zu verdanken, einer der überaus seltenen Gesetzesvorlagen, die ohne Gegenstimme verabschiedet wurden.
1990 bemüht sich Rocard um eine saubere Regelung der Parteienfinanzierung, die mit einer Amnestie für vorangegangene Mannöver verbunden sein soll. Dies scheitert an einem öffentlichen Aufschrei der Empörung, als der sozialistische Justizminister das Ermittlungsverfahren gegen die wichtigste Geldwaschanlage seiner Partei niederschlagen lässt. Aufgrund der schlechten Konjunkturlage und Unstimmigkeiten mit François Mitterrand sieht sich Rocard 1991 zum Rücktritt von seiner Funktion als Premierminister genötigt. Manche Stimmen interpretieren die Ernennung Rocards zum Premier als Maßnahme Mitterrands, um von dessen Popularität zu profitieren. Im Gegensatz zum Präsidenten, dessen Beliebtheit im Volk sinkt, kann Rocard seine Popularität beibehalten, so dass diese personalpolitische Verdrängung sich bei den Ergebnissen der folgenden Parlamentswahlen 1993 bemerkbar macht.
1993 steigt er innerhalb der Sozialistischen Partei zum Ersten Sekretär (= Parteivorsitzender) auf und nimmt eine tiefgreifende Reform ihrer inneren Führungsorgane in Angriff.
Sein Wirken für Europa
1994 wird er in das Europäische Parlament gewählt, um beide Posten im Folgejahr aufzugeben und den Posten eines Senators einzunehmen.
Von diesem Amt tritt er
1997 mit der Aussicht auf eine mögliche Rückkehr in das Europäische Parlament zurück, in dem er seit
1999 wieder vertreten ist. In diesem Rahmen profiliert er sich durch seinen Einsatz zugunsten der
Entwicklungsländer und seit
2003 durch seine Ablehnung der Einführung eines
Softwarepatentes auf europäischer Ebene.
Anfang
2005 begibt sich eine europäische Delegation von
Wahlbeobachtern unter seiner Führung in die
Palästinensischen Autonomiegebiete, um den ordnungsgemäßen Verlauf der Präsidentschaftswahlen sicherzustellen.
Werke
- Die Wahrheit sprechen, politische Texte (1966 – 1979)
- Ein Staat, wie der unsre, politische Texte (1986 – 1989)
- Mit dem Herzen am Werk (1990)
- Die Nation, Europa, die Welt (mit Aline Archimbaud und Félix Damiette) (1995)
- Ethik und Demokratie (1996)
- Die Kunst des Friedens - Das Edikt von Nantes (mit Janine Garrison) (1997)
- Die Mittel, sich durchzuschlagen (1998)
- Solidarität und Gemeinschaftsrecht(1999)
- Für ein anderes Afrika (2001)
Auszeichnungen
- Verdienstkreuz der Ehrenlegion der Nation
- Ehrenkommandant für Landwirtschaft
- Ehrenkommandant der Griechischen Legion
Zitate
Auf die Frage eines Journalisten, ob er es bereue, niemals Präsident gewesen zu sein, antwortet Rocard: „
Ich meine ein akzeptabler Premier gewesen zu sein, weiss aber nicht, ob ich einen guten Präsidenten gegeben hätte.“
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